The Beginner’s Guide – Kritik: Ein Spiel, das eigentlich keins ist

Ich bin verwirrt. Ich habe gerade circa eineinhalb Stunden ein Spiel gespielt. Moment mal. Hab ich das überhaupt? Ihr merkt schon, ein Videospiel, dass solche absurden Zweifel in einem auslöst, muss entweder etwas verdammt richtig, oder verdammt falsch machen. Oder einfach ein Erlebnis bieten, dass man in dieser Art und Weise bisher selten bis gar nicht gesehen hat. Das neue Machwerk von „Stanley Parable“-Schöpfer Davey Wreden mit dem Titel „The Beginner’s Guide“ fällt definitiv in letztere Kategorie und lebt den Geist seiner Andersartigkeit so intensiv aus, dass man als Konsument vor dem Bildschirm beinahe schon das Medium Games selbst zu überdenken beginnt. Ähnlich wie mit dem 2013 erschienenen Hit „Stanley Parable“ beweist Wreden auch mit seinem neuesten Streich, mit einem beinahe schon Kinnhaken-artigen Effekt, was Spiele alles sein können. Und doch ist in „The Beginner’s Guide“ so ziemlich ALLES anders…

Durch die Spiele mit…


Eine Gemeinsamkeit gibt es allerdings doch: Genau wie in „Stanley Parable“ werdet ihr stets durch die Spielwelt geführt und begleitet von den elaborierten Off-Texten eines Sprechers. Und diesmal ist besagter Sprecher kein geringerer, als der Spielentwickler selbst. Ganz richtig ist die Beschreibung allerdings nicht; In „The Beginner’s Guide“ durchlauft ihr nicht eine Spielwelt, sondern mehrere. Oder um noch genauer zu sein: Mehrere „Spiele“. Eigentlich möchte ich so wenig konkrete Details wie möglich über den Inhalt preisgeben, da ihr euch am Besten selbst ein Bild vom knapp zweistündigen und bei Steam erhältlichen Spiel machen solltet. Lasst mich allerdings versuchen, das Ganze dennoch in einem Satz kurz zu erklären: Davey führt euch im Laufe des Abenteuers durch mehrere Source-basierte Spiele, die seinen Angaben nach von einem ihm bekannten Entwickler namen Coda kreiert wurden. Durch die Art der Spiele und die Anekdoten, die Davey Wreden zu erzählen beginnt, kommen im Laufe der Geschichte mehr und mehr Informationen zum Mythos der Person Coda ans Licht und beeinflussen dabei beinahe minütlich die eigene Wahrnehmung zur Beziehung und dem Wesen der beiden Figuren.

„The Beginner’s Guide“ ist eigentlich gar kein Spiel. Das war das erste, an das ich denken musste, als der Abspann bei mir über den Bildschirm flackerte. Zum einen, da die Interaktionen auf ein Minimum beschränkt sind. Und zum Anderen, da sich das Spiel streckenweise viel mehr wie ein Dokumentarfilm anfühlt. Oder besser gesagt, ein Dokumentarspiel. Auch wenn die Frage, was fiktiv und was real ist stets im Raum steht, ist der dokumentarische Stil unverkennbar. Und das Beste ist: In beiden Fällen (real oder fiktiv) ist der Gewinner am Ende immer Davey Wreden. Der kreative Ideenreichtum der vielzähligen Spielwelten ist trotz des Minimalismus atemberaubend, frisch, unverbraucht, und einfach… anders. Anders als all das was der Begriff Videospiele 30 Jahre lang bedeutet hat. Anders als die Spielmechanismen die sich über die Zeit etabliert haben. Kreativität und die Entstehung von Ideen sind ein zentrales Element in „The Beginner’s Guide“ und mit gleichem trumpft auch selbiges Spiel. Über einzelne Abschnitte des relativ kurzen Abenteuers könnte man bereits Seiten füllen und ausführliche Interpretationen mit ausgeklügelten Erklärungsversuchen anfertigen. Aber in der Kombination und mit der Magie der über alles stehenden Off-Texte von Wreden, wird die aus kurzen Spielabschnitten bestehende Geschichte zu etwas einzigartigem.

Ein kreatives Feuerwerk

Als nachdenkender Spieler fühlt man sich stellenweise sogar fast schon überfordert. Nicht weil die inhaltliche Komplexität ständig am Maximum ist, sondern einfach aufgrund der puren Masse an kreativen Überlegungen und geschickten Verwendungen des Mediums, denen sich „The Beginner’s Guide“ beim Erzählen seiner Geschichte bedient. Was Wreden hier (ähnlich wie bei „Stanley Parable“) gelingt, ist Gefühle und Erfahrungen in die Videospielwelt zu bringen, die man als Spieler sonst selten empfindet. Der Überraschungseffekt zum Beispiel. Nicht das Gefühl zu haben, vom Entwicklerstudio für dumm verkauft zu werden. Anspruch. Ein Mythos, den es zu Entschlüsseln gibt und der mir von einer Person nahe gebracht wird, die mir ständig einen Schritt voraus zu sein scheint. Ja, auch Wreden und sein Handeln selbst ist Teil der Faszination, den wer würde heutzutage sonst sein neuestes Spiel gerade einmal zwei Tage vor Release ankündigen? Ohne Erklärung, Anleitung und inhaltliches an-der-Hand-führen?

Ihr seht, „The Beginner’s Guide“ hat mich absolut fasziniert und lässt mich auch jetzt noch über seine Aussagen und Inhalte philosophieren, seinen fantastischen, von Ryan Roth eingespielten Soundtrack in Dauerschleife hören und in mir den inneren Wunsch erblühen, jedem von der frohen Kunde zu berichten. Wenn euch das Medium Videospiel am Herzen liegen, tut mir und euch bitte den Gefallen, und spielt „The Beginner’s Guide“. Alles was ihr dachtet über Videospiele zu wissen, wird mit diesem ganz besonderem Abenteuer auf den Kopf gestellt werden. Das verspreche ich euch.

Eigentlich widerstrebt es mir, hier eine Wertung zu vergeben, aber um die Kaufempfehlung hier noch einmal zu unterstreichen:

10/10

Ein Kommentar

  1. Das mit dem "Dokumentarstil" stimmt! So habe ich nicht darüber nachgedacht, aber das passt wirklich sehr gut. Wirklich ein untypisches Spiel^^ Da stellt sich die Frage, was man noch alles mit dem Medium machen kann.

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