The Square (2017): Kritik – Zwischen Kunstbetrieb und Menschlichkeit

Die Kunstszene im Fadenkreuz

Seit ich zum ersten Mal mitbekam, dass der Regisseur von „Force Majeur“ (dt. „Höhere Gewalt“) an einem neuen Film arbeitete, war ich gespannt darauf, zu sehen, ob Ruben Östlund es ein zweites Mal schaffen würde, mich zu überzeugen. Und um ein kurzes Fazit vorwegzunehmen: Ja, er hat.

In seinem neuen, 2017 erschienenen und bereits auf dem Filmfestival Cannes mit der Goldenen Palme prämierten Film namens „The Square“ steht die Koppenhager Kunstszene im Mittelpunkt des Geschehens und damit vor allem Protagonist Christian, der Kurator eines Museums für zeitgenössische Kunst ist.

Dieses Museum befindet gerade in der Vorbereitung für eine neue Ausstellung, welche auch die für den Film namensgebende Installation „The Square“ als prominentes Vorzeigekunstwerk beinhaltet. Eine Werbeagentur wird beauftragt, eine marktadäquate Kampagne zu entwerfen, doch statt sich um die Planung von dieser zu kümmern, wird Christian von weit weltlicheren Problemen abgelenkt, welche seine Reaktion auf diese im Kontrast zu seiner nach außen hin vertretenen Haltung zu der von ihm beworbenen Kunst und ihrer Aussagen in ein interessantes und nachdenklich machendes Licht rücken.

Genre-Ambiguität

„The Square“ ist ein Film, dessen Genre meiner Ansicht nach gar nicht so einfach zu benennen ist. Schnell fällt der leicht fremdschämige aber oft unangenehm authentische Unterton auf, der beim Austausch zwischen Charakteren und ihrem sonstigem Verhalten omnipräsent ist und schon bei „Force Majeur“ eine greifbare Stimmung zwischen ertapptem Lachen und geniertem auf-dem-Boden-scharren erzeugte. Hier irgendwo ist auch „The Square“ oftmals einzuordnen. Als stellenweise bitterböse, permanent satirisch und rabenschwarz könnte man den Humor von Östlunds Neuwerk bezeichnen, jedoch bleibt einem dabei auch oftmals wenige Momente später das Lachen im Halse stecken und die zeitweise Belustigung, beispielsweise über die Eigenheiten unseres Protagonisten, weicht einem akuten Anfall von Abscheu und Schock.

The Square (2017): Kritik
Anne (Elisabeth Moss) im ernsten Gespräch mit Protagonist Christian (Claes Bang). © Magnolia Pictures

Abscheu, über die präsentierte Unmenschlichkeit, Abscheu über die Verrohung, Abscheu über die Entlarvung und Demaskierung des Kunstmarktes, Abscheu über das gezeichnete Bild der Gesellschaft. Bis einem allerdings die Erkenntnis kommt, dass es sich nicht um eine fiktive, dystopische Überzeichnung handelt, sondern uns Östlund im Gegenteil ein aktuelles, sehr treffendes und vor allem vielschichtiges Bild unserer aktuellen Welt präsentiert.

Ein thematisches Grübel-Füllhorn

Wenn es etwas gibt, für das ich „The Square“ den Palm d’Or auf jeden Fall gönne, dann sind es jene Themenvielfalt sowie Multiplizität der Deutungsebenen, die in den 142 Minuten langen Spielfilm zu finden sind. Die zwei offenkundigen Erzählebenen die wir erleben sind zum einen die Geschehnisse rund um das Museum und die Ausstellungsvorbereitungen und zum anderen die Darstellung von Christian, der von seinem eigenen Schicksal auf die Probe gestellt wird und exemplarisch für die Fadenscheinigkeit der Aussagekraft der Themen steht, bei der es in der Installation „The Square“ geht. Christian selbst beschreibt das Kunstwerk im Film mehrfach „als einen ‚Zufluchtsort‘, an dem Vertrauen und Fürsorge herrschen. Hier haben alle die gleichen Rechte und Pflichten.“

Eben diesen Rechten und Pflichten nachzukommen und damit genau jenes proklamierte gegenseitige Vertrauen sowie soziale Fürsorge vorzuleben und nicht nur als Kollektivschuld im bequemen Umfeld eines Kunstbetriebs mit dem Effekt der Selbstprofilierung auszustellen, kann als eine der Kernaussagen des extrem reichhaltigen Films gesehen werden.

The Square (2017): Kritik
Eine Szene, die im Kopf bleibt. Terry Notary stiehlt bei dieser Abendveranstaltung jedem die Show. © Magnolia Pictures

Ein unangenehmer Trip

Auch audiovisuell ist „The Square“ eine Freude, angefangen beim originellen, herausstechenden Soundtrack bis hin zum generellen Tempo des Films, welcher sich viel Zeit lässt um die Obskurität und stellenweise Peinlichkeit einzelner Szenen herauszuarbeiten.

Auch wenn ich gegen Ende das Gefühl hatte, dass „The Square“ eine leicht kürzere Spielzeit noch besser getan hätte, kann ich zusammenfassend nur eine absolute Empfehlung aussprechen. Abseits der von mir angerissenen Themen gibt es noch so viele weitere intelligente Beobachtungen im Film zu finden, die teilweise nur für einen kurzen Moment in den Raum gestellt werden, kurz hallo sagen und wieder verschwinden, aber gerade durch diese Beiläufigkeit entscheidend zum Filmerlebnis beitragen.

Besonders hervorzuheben ist abschließend zudem die Schauspielerische Leistung von Bewegungschoreograph und Affen-Imitator Terry Notary, der in einer Szene gegen Ende des Films diesem völlig die Show stiehlt und plötzlich zum Protagonisten einer Situation wird, über deren Interpretation man wiederrum einen Artikel von dieser Länge schreiben könnte.

Ich hoffe, die dem Text zugrundeliegende Nachricht ist bei euch angekommen: Geht in „The Square“! Und versucht die Welt zu einem besseren Ort zu machen, als den im Film skizzierten.

© Magnolia Pictures

Ein Kommentar

  1. Die Affen-Performance gehört definitiv zu meinen persönlichen WTF-Momenten und auch den besten schauspielerischen Leistungen des Jahres. Es passiert echt selten, dass ich mit offenem Mund im Kino sitze, aber Terry Notary hat es geschafft.

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