Newsletter-Archiv

Newsletter-Archiv (Beiträge von Substack 2022–2026)

Mediengrübelkiste

47 Beiträge: 9 Artikel und 38 Newsletter-Ausgaben





Inhaltsverzeichnis

  1. Geschichte der Kneipe, Philosophie des Drecks, Spoiler-Phobie und 7 vs. WildThe Surprising Philosophy of Dirt · Über die Geschichte der Kneipe – auch als politischer Schutzraum · Spoiler-Phobie. Die kurze Geschichte eines neuen Phänomens
  2. Steinzeit-Mythen, Literatur der Inuit, Erbschaftssteuer und Ranking of KingsWar die Steinzeit viel weiter entwickelt? · Literatur der Inuit – Hart am Rand · Erbschaftsteuer: Wie von Oligarchen bestellt
  3. Gewerkschaften und Activision Blizzard, Kollektive in der Kulturbranche, bell hooks und NFTs in GamesThe Video Game Industry Needs Unions · Egotrip war gestern! Kunst im Kollektiv · bell hooks und die Revolution des Afrofeminismus
  4. Panafrikanische Zukunftsvisionen, polyglotte Gedankenexperimente, Neujahrs-Zynismus mit Gramsci und die Misanthropie von Don’t Look UpFelwine Sarr – Gehört Afrika die Zukunft? · Alle Sprachen verstehen? Was dann? · Antonio Gramsci: »Ich hasse Neujahr«
  5. Drachen in der Kulturgeschichte, das Erhabene bei Caspar David Friedrich, politische Interventionen gegen Kryptowährungen und Gedanken zum Thema ZeitgefühlThe Painter Who Revolutionized Landscapes · Dragons! (with Scott G. Bruce) · Besetzt die Blockchain!
  6. Steuern und Demokratie, spirituelle Sinnsuche, Mark Fischer und Studieren in Zeiten des InternetsSteuern, Ungleichheit und Demokratie – Gabriel Zucman im Gespräch · Zauber, Hexen, Heilsversprechen – Deutschland auf Sinnsuche · Our Debt to Mark Fisher
  7. NFT-Kritik in Überlänge, Memes und kollektive Identitäten, Goldstandard und die Activision-Blizzard AkquisitionThe Problem With NFTs · Von Memes und Menschen – In den Tiefen von 4chan · The Gold Standard
  8. Politische Muskeln, Gewalt gegen Chatbots, Wordle-Analysen und A Taxi Driver (2017)Sind Muskeln politisch? · Gewalt gegen Chatbots: Alles nur ein Spiel? · I Figured Out Wordle’s Secret
  9. Repolitisierung des Geldes, libertäre Privatstädte, Uploadfilter-News und der Plattformgedanke auf TwitchPrivate Städte – exklusiv und antidemokratisch · Gibt’s jetzt Uploadfilter, oder nicht? · Geld für die sozial-ökologische Wende drucken? Warum nicht!
  10. Horrende Energiepreise, Stuart Hall, der digitale Euro und beschleunigter MedienkonsumTeure Energie – und kaum Hilfe der Regierung · Stuart Hall · Floppt der digitale Euro der EZB?
  11. Industrienormen und Machtpolitik, Rückkehr zum Mond, Russland und der Faschismus und Drive My CarDer neue Wettlauf zum Mond – NASA Artemis erklärt · »In Russland droht ein faschistisches Regime« · Wie China versucht, eigene technische Normen durchzusetzen
  12. Krise der Demokratie, Landraub in Deutschland, digitaler Kolonialismus und YellowjacketsDemokratien weltweit unter Druck? · Landraub in Deutschland · Globale Arbeitsketten der westlichen KI
  13. Die Zukunft Europas, Demokratie im Losverfahren, Disney trifft LARP und der Auftakt von Obi-Wan KenobiKonferenz zur Zukunft Europas: Die Bilanz · Antikes Athen: Ist Losen demokratisch? · LARPing Goes to Disney World
  14. Politik der Geldschöpfung, Generalisierungen, Sticker als subversiver Protest und Beyond the Infinite Two MinutesGeneralisieren · Kann Geld aus dem Nichts entstehen? · Speaking in Stickers
  15. Russisch-chinesische Beziehungen, Sri Lankas Wirtschaft, der Supreme Court und die Zukunft der US-Demokratie und Kuration im NetzRussland und China: Keine Partnerschaft auf Augenhöhe · Who Really Killed Sri Lanka’s Economy? · Demokratie unter dem Hammer
  16. Deglobalisierung, Europa und die NATO, TikTok und der Algorithmus und PreyDie wirtschaftliche Entflechtung hat einen Preis · Neue Nato, alte Rezepte · TikTok: Life on the Algorithm
  17. Mary Shelleys Frankenstein, Chinas kränkelnder Finanzsektor, Sanktionspolitik und House of the DragonDie Erfinderin des „Frankenstein" – Wer war Mary Shelley? · Protests In China: The Story Behind the Bank Scandals · Putins großer Bluff
  18. Iran und die Medien, Wasserknappheit, Nachruf auf Bruno Latour und Die AltenrepublikWieso wird so wenig über die Iran-Proteste berichtet? · Nehmen Tesla, BASF & Co. uns das Wasser weg?
  19. Konstruktiver Journalismus im Selbstexperiment, Chinas Haltung zu Russland und die Geschichte der ErbschaftssteuerDas passiert mit deinem Gehirn, ohne schlechte Nachrichten! · Autocrats' pact · Die Besteuerung des Reichtums. Die Erbschaftsteuer in Geschichte und Gegenwart
  20. Die deutsche Linke und Russland, Videospiel-Remakes und die Encyclopédie der AufklärungDer Verlust der politischen Heimat · SCHNEIDEN statt STRECKEN: Sollten Remakes KÜRZER werden? · Die Wikipedia der Aufklärung
  21. Über ethischen Spielekonsum und kulturelle EmanzipationArtikel
  22. Erdogan und das Oppositionsbündnis, Thesencheck zum Krieg in der Ukraine, Japans Zukunft und VergangenheitAbstimmung über die Zukunft des Landes und ihres Präsidenten · Thesencheck: Diese 8 Behauptungen über den Krieg in der Ukraine sind falsch · Japan was the future but it's stuck in the past
  23. Die Krise der Streaming-Anbieter, Queersein in Afrika, Sklaverei und die britische IndustrialisierungPeak TV Is Over. Welcome to Trough TV. · Queere Menschen in Afrika – Gefahr durch neue Gesetze · Slavery and the industrial revolution
  24. Flow, Ekstase, Selbsterkenntnis – Die Phänomenologie von Rhythm-GamesArtikel
  25. Ukrainistik-Forscher im Gespräch, die Krisenfestigkeit des EU-Bankensystems und popkulturelle Japanophilie in FrankreichUkrainistik-Professor Roman Dubasevych über den Krieg & die Geschichte · Neue Bankenpleiten: Wie krisenfest sind Europas Banken? · Manga-nifique! How France became obsessed with Japanese anime
  26. Progressive Kämpfe und das Patriarchat, afrikanische Philosophie und die deutsche SchuldenangstThe Witch Trials of J.K. Rowling · Was zeichnet Philosophie aus Afrika aus, Frau Graneß? · The New Germany: German Schuldenangst
  27. Ausschluss aus der Wissensgesellschaft – Kritik zu Miranda Frickers „Epistemische Ungerechtigkeit“Artikel
  28. Plädoyer für staatliche Leistungen, anachronistische Tugenden und Pioniere der SexualwissenschaftFree Stuff is Good, Actually · Gibt es unzeitgemäße Ideale und Gefühle? · Pionier der Sexualwissenschaft: Als die Nazis das Institut von Magnus Hirschfeld zerstörten
  29. Überblick zur Sozialwahl, über erfundene Sprachen, Kulturgeschichte des CharismasErfolgsmodell zur Selbstverwaltung in der Krise · The Weird History of Invented Languages · The Secret History And Strange Future Of Charisma
  30. Arbeitswelt im Wandel – Gedanken zu vier transformativen Entwicklungen unserer ZeitArtikel
  31. Attackierte Wettermoderatoren, zur Philosophie des Störenfrieds und transatlantische DatenschutzabkommenKlimafakten unerwünscht: Warum Wettermoderatoren attackiert werden · Soziopod #064: Puer Robustus – Eine Philosophie des Störenfrieds von Dieter Thomä · Data Privacy. Von „Sicheren Häfen“, Schutzschilden und Rahmenwerken
  32. Mythen der Hexenverfolgung, globale Protestbewegungen der 2010er und libertärer Radikalismus im argentinischen WahlkampfDebunking the Pervasive Myths About Medieval Witch Hunts · The mass protest decade: why did the street movements of the 2010s fail? · Ep. 218: Der Aufstieg des Javier Milei – wieso Argentinien einen Anarchokapitalisten wählt
  33. Über Utopien und die Gestaltbarkeit von ZukunftArtikel
  34. Murder Mystery-Trend in China, drohende Deregulierung im Supreme Court und die Probleme von ObdachlosigkeitThe Murder Game Revolution That Has Gripped China · Why a Supreme Court decision on fishing boats could change everything · Leben auf der Straße – So blicken Obdachlose auf die Gesellschaft
  35. Einflussnahme bei der Oscar-Vergabe …Why Are The Oscars Like That? · Poland’s democratic rehabilitation · Linkskonservatismus – Rolle rückwärts in die Zukunft?
  36. Alltag und Vernichtung – Kritik zu Jonathan Glazers The Zone of InterestArtikel
  37. Politische Jugend in Taiwan, kommunistische Wahlerfolge in Österreich und der literarische Widerstand im Ghetto Theresienstadt von Petr GinzTaiwans Jugend kämpft um Unabhängigkeit · Die KPÖ ist das wirksamste Rezept gegen Rechtsextreme · Schreiben im Untergrund – Das Jugendmagazin "Vedem" in Theresienstadt
  38. Die „Feminist to Far-Right“-Pipeline, Bullys in Führungspositionen und der antidemokratische Bund Königin Luise der Weimarer RepublikThe Feminist to Far-Right Pipeline · From the playground to politics, it’s the bullies who rule. But it doesn’t have to be this way · Der Bund Königin Luise – Frauen für den Führer
  39. Drohnenkrieg aus der ersten Person – FPV-Drohnen, Gaming-Kultur und der Wandel der Kriegsführung im 21. JahrhundertArtikel
  40. Großbritanniens Weg zur Armut, Lebensmittelinflation in Folge der Klimakrise und Rassismus in der PhantastikHow Britain Became a Poor Country · Climate change is pushing up food prices — and worrying central banks · Rassismus in Fantasy und Science Fiction
  41. Kindheit und Erziehung der Gen Alpha, hinter den Kulissen von Project 2025 und die Rolle nachhaltiger Banken für die sozial-ökologische TransformationAre we creating a generation of self-absorbed bullies? · The Man Behind Project 2025’s Most Radical Plans · Geldinstitute – Gute Bank, schlechte Bank – zwei Geldgeschichten von 1974
  42. Creeped out but not afraid – „Weirdness“, Normalität und der US-amerikanische WahlkampfArtikel
  43. Die nordkoreanische Unterhaltungsindustrie, Profite in Zeiten des Desaster-Kapitalismus, Resonanztheorie des StrafensEntertainment Made By North Korea · Strafe neu denken: Jenseits von Schuld und Sühne · Disaster Capitalism Revisited
  44. Protest und Propaganda in Russland, Ideengeschichte des Generationen-Begriffs und die chinesische FilmindustrieRussia: War, Truth And Protest In A Pool of Noise (a Russian’s perspective) · Letzte Generation. Die Rückkehr des “Problems der Generationen” · Folge 43: Die chinesische Filmindustrie
  45. Prekäre Zukunft, entzauberter Fortschritt: Wie die (Spät-)Moderne mit ihren Verlusten umgehtArtikel
  46. Leben und Sterben der Postmoderne, die Spätphase der römischen / amerikanischen Republik und fehlendes Wissen über SuperreichePostmodernism is DEAD. This is Who Killed It. · Die Spätphase der amerikanischen Republik · Faire Gesellschaft – Warum wir mehr über reiche Menschen wissen sollten
  47. Über die Figur des Doppelgängers, Zerstörung und Vertreibung in Gaza und zelluläre LandwirtschaftWhat’s So Scary About Doppelgängers? · Gaza – Techniken des Genozids · Fleisch essen ohne Tierleid: Zellkultur auf dem Bauernhof

Geschichte der Kneipe, Philosophie des Drecks, Spoiler-Phobie und 7 vs. Wild

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Die Kulturgeschichte der Kneipe als politischer Raum, philosophische Betrachtungen von Dreck und Sauberheit, Gründe für die aktuelle Spoiler-Phobie und 100 Wörter (oder so) zum YouTube-Hype 7 vs. Wild.


The Surprising Philosophy of Dirt | Then & Now

Um was geht es?

Was ist Dreck? Etwas, das seine Schmutzigkeit inhärent in sich trägt? Oder eine menschengemachte Markierung von Ordnung und Unordnung? Dieses gedankenflussartige Video-Essay geht dem Begriff auf die Spur und bietet viele diskussionswürdige Anhaltspunkte, über die es sich nachzudenken lohnt.

Was hängen blieb:

Besonders interessant fand ich die gedankliche Verbindung von Reinheit und Utopien (die von Kontradiktionen und allem Unerwünschten befreit sein sollen), da sich hier mit am besten die Frage diskutieren lässt, inwiefern das Verlangen nach „reinen“ Zuständen nicht zwangsläufig zentrale Eigenschaften unseres diversifizierten und nicht als Einheit zu begreifenden Lebens unterschlägt.

Über die Geschichte der Kneipe – auch als politischer Schutzraum | DLF

Um was geht es?

Die urige Dorfkneipe als ein in sich geschlossener gesellschaftlicher Rückzugort existiert heute kaum noch. Schon längst wurde sie abgelöst von innenstädtischen Begegnungsorten der ständigen Transparenz und Offenheit. Das war aber nicht immer so, wie in diesem kurzen Beitrag des Deutschlandfunks kulturhistorisch aufgearbeitet wird. Gerade in der Zeit zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert, als die sogenannten Sozialistengesetze zur Eingrenzung sozialdemokratischer Organisation erlassen wurden, dienten Kneipen als politischer Ersatzraum für Arbeiter, um ihre politischen Interessen zu artikulieren.

Was hängen blieb:

Als Nicht-Historiker faszinierten mich an diesem Beitrag besonders die Hintergründe zur Recherchearbeit. Da nur wenige Schriften zu den tatsächlichen Gesprächen und Vorkommnissen innerhalb der Kneipen existieren, dienen als eine der zentralen Quellen Archive der damaligen polizeilichen Geheimarbeit, die von Spitzeln zusammengetragen wurden, die sich als Arbeiter ausgaben um Organisationsbestrebungen zu protokollieren.

Auch die Überlegungen zur Rolle der Frau im historischen Kontext der Kneipen, die sich durch die Quellenarbeit scheinbar weitaus schwieriger rekonstruieren lässt als bei den Männern, macht diese Folge hörenswert.

Spoiler-Phobie. Die kurze Geschichte eines neuen Phänomens | Geschichte der Gegenwart

Um was geht es?

Die heutige Spoiler-Phobie ist nicht rein zufällig in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten als massenmediales Phänomen in Erscheinung getreten, sondern weist eine enge Verknüpfung mit den Entwicklungen der Produktions- und Distributionsweisen von Film und TV im digitalen Zeitalter auf, wie sich in diesem Artikel vom Portal Geschichte der Gegenwart nachlesen lässt. Eine schöne Herleitung, die treffend aufzeigt, wie das Grübeln über Elemente des Worldbuilding und des Plots, und die zunehmende Instabilität ehemals gewohnter Erzählweisen allmählich den Rätselcharakter von Filme und Serien immer stärker befeuerten.

Was hängen blieb:

Sehr zutreffend erscheint mir vor allem die Analyse zum ewigen Fortsetzungsdrang im Marvel-Franchise, das durchwoben ist von narrativen Elementen, die den Effekt der Spoiler-Manie mit einkalkulieren. Nur mit längst nicht mehr glaubwürdigen Finten und Umdeutungen bisheriger Ereignisse – die nicht mal Halt davor machen, die Zerstörung des halben Universums als erzählerischen Schocker zu nutzen, der mit einem bloßen Fingerschnippen wieder zurückgesetzt werden kann – lässt sich der Stoff ins Unendliche ausdehnen, indem er zu einem bloßen inhaltsleeren Spiel der Zeichen verkommt.

100 Wörter (oder so) über: 7 vs. Wild

Eigentlich gibt es wenige Dinge, die ich so ätzend finde, wie Survival-Content. Die Vorstellung, menschliches Dasein entkoppelt von unseren sozialen Errungenschaften zu begreifen und im selbstgeflochtenen Lendenschurz im dichten Wald einsam ein Feuer zu machen, erscheint mir gerade als Soziologiestudent absurd. Die aktuell laufende YouTube-Serie 7 vs. Wild hat mich aber doch gewonnen. Es ist faszinierend, mit anzusehen, dass in einer Zeit der globalen Isolation gerade ein Format, in dem der Einzelne auf Selbstversorgung angewiesen ist, einen solchen Hype erlebt. Mit dabei ist natürlich immer die Kamera, die Isolation ist also nur eine einseitige; die isolierten Blicke sind zahlreich, sie ruhen auf den Teilnehmern. Unterhaltung – das Verkaufen der eigenen Kompetenzen und Leistungen – und Überleben lassen ihre gemeinsame Grenze verschwimmen.

Steinzeit-Mythen, Literatur der Inuit, Erbschaftssteuer und Ranking of Kings

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Mythen zur Steinzeit, Literatur der Inuit, verfassungsfeindliche Erbschaftssteuern und 100 Wörter (oder so) zum Anime Ranking of Kings.


War die Steinzeit viel weiter entwickelt? | ARTE

Um was geht es?

Dass sich Wissenschaft immer mit der Unbestimmtheit und möglichen Unvollständigkeit der eigenen Erkenntnisse abfinden muss, trifft nicht nur auf die Erforschung der Gegenwart zu, sondern auch auf Funde der Vergangenheit, die dank erneuter Betrachtung in einem anderen Licht erscheinen als zuvor. In dieser Doku über archäologische Funde des Gravettien, einem Kulturabschnitt des Jungpaläolithikums, geht es um solche Neuinterpretationen am Beispiel von Bestattungsritualen und von hartnäckigen Mythen zu den Geschlechterrollen, die vor gut 25.000 Jahren herrschten.

Was hängen blieb:

Der Beitrag steigt mit folgendem Beispiel ein: Gefunden wurde das Skelett einer Person, ausgestattet mit Kopfschmuck und einem kräftigen Körperbau. Anscheinend ein Mann, der eine besondere Stellung genoss. Gut 100 Jahre nach dem ursprünglichen Fund stellt sich durch eine Neubetrachtung heraus; das Skelett stammt in Wahrheit von einer Frau. Daran zeigt sich: Werden gesellschaftliche Zustände der Gegenwart unkritisch in die Vergangenheit projiziert, reproduziert sich hierdurch nur die gegenwärtige Ideologie, die ihre Gültigkeit als geradezu naturgegeben zu verklären versucht.

Ähnliches wird im Beitrag auch in Bezug auf Wohlstand und Hierarchien veranschaulicht; zwei prunkvoll ausgestattete Skelette von Kindern stehen hier sinnbildlich für den wissenschaftlichen Konflikt, ob dieser Fund als frühes Zeichen von vererbter Macht dienen soll, oder ob andere (kulturelle, rituelle) Gründe als Erklärung für die Grabstätte herhalten können. Das Aufbrechen solcher Mythen ist ein unheimlich spannendes Thema, wie diese Doku eindrucksvoll vermittelt, und umso mehr freue ich mich jetzt darauf, in Bälde David Graebers letztes Buch Anfänge zu lesen, in dem es um moderne Narrative und Erkenntnisse zu frühen Zivilisationen geht. 

Literatur der Inuit – Hart am Rand | BR radioWissen

Um was geht es?

Die Geschichte der Literatur der Inuit lässt sich ohne eine Geschichte des Kolonialismus nicht erzählen. Die indigenen Bewohner aus den arktischen Regionen Kanadas, Grönlands und Alaskas treten in niedergeschriebener Form erst allmählich durch kirchliche Missionare in Erscheinung. Als Teil der rassistischen „Völkerschauen“ des 19. und 20. Jahrhundert wurden Inuit einem weißen Publikum als entmenschlichtes Ausstellungsstück präsentiert, gleichzeitig wurden viele Kinder in Internate geschickt, die ihnen ihre Kultur austreiben sollten. Das Leid dieser Kolonialgeschichte zieht sich bis zu den heutigen Nachfahren, die meist überdurchschnittlich schlechten Lebensverhältnissen ausgesetzt sind. Anknüpfend an diese Hintergründe gibt der Beitrag einen Einblick in postkoloniale Literaturansätze, Erzählweisen der Inuit-Kultur und moderne Interpretationen traditioneller Mythen wie dem Kinderbuch Die Fuchs Frau von Beatrice Deer.

Was hängen blieb:

Besonders interessant fand ich den Einblick in die überlieferten vorschriftlichen Erzähltechniken; mündlich vorgetragene Geschichten wurden dabei nicht nur mit Gesang und Tanz, sondern auch mit komplexen Zeichnungen im Schnee kombiniert (das sogenannte storyknifing). Darüber hätte ich gerne noch mehr erfahren. Auch die überraschend explizite, teilweise grenzwertige Bildsprache vieler Werke, von der Experte Hartmut Lutz spricht, böte wohl durchaus interessanten Stoff, würde man sich damit tiefergehend auseinandersetzen (beispielsweise die Frage, ob sich Grenzüberschreitungen des “guten Geschmacks” als Stilmittel von postkolonialer Literatur auch in anderen Kontexten wiederfindet).  

Erbschaftsteuer: Wie von Oligarchen bestellt | Blätter für deutsche und internationale Politik

Um was geht es?

Das aktuelle System unserer Erbschafts- und Schenkungssteuer ist erwiesenermaßen verfassungswidrig, bringt Brüche gegen die Gewaltenteilung mit sich, und hält sich lediglich dank wirksamem politischen Lobbyismus und Manipulation der öffentlichen Meinung. Dieser Meinung muss man zwangsläufig sein, nachdem man diesen Text von Gerhard Schick gelesen hat, der detailreich die Entwicklung des Erbens in Deutschland ausgehend vom späten 19. Jahrhundert bis zur letzten Bundesregierung skizziert. Dabei lässt sich ziemlich genau ablesen, wie beispielsweise der Mythos der gefährdeten Arbeitsplätze durch Versteuerung von Betriebsvermögen in den frühen 90ern seinen Anfang nahm, was immer größere steuerliche Erlasse und Begünstigungen zur Folge hatte. Ein System, das im Umkehrschluss immense steuerliche Ungleichheit hervorbringt, die mit dem Grundgesetz nicht mehr vereinbar sind und politisch dringend angegangen werden müssten. 

Was hängen blieb:

Ein Text voller erdrückender Fakten und in Worte gefasster Ausdrücke von Ungerechtigkeiten. Ein kleines Beispiel: Im Jahr 2019 wurden die 127 größten Schenkungen mit weniger als einem Prozent besteuert, während auf private Erbschaften, je nach Verwandtschaftsgrad, Steuersätze von bis zu 50 Prozent entfallen können. Oder ein anderes Beispiel: Während die überwiegende Mehrheit im Lande kaum oder gar nicht erbt, haben die 100 reichsten Familiendynastien über mehrere Generationen ein Gesamtvolumen von über einer Billion Euro angehäuft. Damit gehört ihnen jeder zehnte Euro in Deutschland. Oder noch ein schöner Fakt unseren Bundeskanzler in spe betreffend: Nachdem der Bundesfinanzhof 2017 entschied, dass Regelungen zur Erbschaftssteuer, die besagten, dass Immobilien ab einem Bestand von 300 Wohnungen pauschal als Betriebsvermögen einzuordnen wären, als verfassungsfeindlich galten, reagierte das Bundesfinanzministerium und damit Scholz mit einem Nichtanwendungserlass, der den Finanzämter ermöglichte, das Urteil zu ignorieren. Wenn ihr jetzt nicht das Gefühl habt, dass mit Reichtum politische und öffentliche Einflussnahme machbar ist, weiß ich auch nicht weiter…

© Wit Studios

100 Wörter (oder so) über: Ranking of Kings

Seit des Ikarus-artigen Höhenflugs und Absturzes von Wonder Egg Priority bin ich ein gebranntes Kind was voreiliges Hochloben von Anime angeht. Ranking of Kings, das gerade bei Wakanim zu sehen ist, strahlt allerdings dank Manga-Vorlage in den bisher erschienenen neun Folgen eine ganz andere Selbstsicherheit in Bezug auf Plot- und Figurenentwicklung aus. Der kleingewachsene, schmächtige und gehörlose Prinzensohn Boji soll neuer Herrscher über das Königreich des kürzlich verstorbenen Riesen Bosse werden, zur Missgunst einiger Beteiligter am Hofe. Es entspinnt sich ein verwobener Machtkampf an mehreren Fronten, der hochgradig Emotionales bietet, aber auch überraschend unkonventionelle Haken in der Erzählweise schlägt. Reinschauen wird dringend empfohlen, mit der Warnung, dass Boji (wie bei mir geschehen) der Shonen-Held sein könnte, an dem ihr sowohl euer Herz als auch eure Tränendrüse verliert. 

Gewerkschaften und Activision Blizzard, Kollektive in der Kulturbranche, bell hooks und NFTs in Games

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Einschätzungen zu den Missbrauchsklagen und Gewerkschaftsvorhaben im Fall Activision Blizzard, Künstler:innenkollektive als Abkehr vom Bild des Individualgenies, eine kurze Einführung in das Denken der kürzlich verstorbenen Literaturwissenschaftlerin bell hooks und 100 Wörter (oder so) zu den aktuellen NFT-Vorhaben großer Videospielunternehmen.


The Video Game Industry Needs Unions | Tech Won’t Save Us

Um was geht es?

Die AAA-Videospielbranche ist krisengebeutelt, und das nicht erst seit gestern. Berichte über toxische Arbeitskulturen, dauerhafte Mehrarbeit und die dadurch entstehenden Verluste von Talenten und Wissen innerhalb der Firmen machen seit einigen Jahren die Runde. Je stärker diese Probleme der Branche in die Öffentlichkeit gerieten, desto lauter wurden auch die Stimmen, die beispielsweise zu Gewerkschafts- und Betriebsratsbildungen im Spielebereich aufriefen. In dieser Ausgabe von Tech Won’t Save Us spricht Moderator Paris Marx mit Journalistin Gita Jackson, die den Status Quo dieses neuen Arbeitskampfes in den USA zusammenfasst und insbesondere über die aktuellen Missbrauchsvorwürfe und Proteste im Fall Activision Blizzard berichtet.

Was hängen blieb:

In erster Linie empfehlenswert, da es sich um eine sehr gute Zusammenfassung der aktuellen Situation und den Fall rund um Activision Blizzard handelt. Es wird auch deutlich darauf eingegangen, dass die Tragweite dieses Falls, (der auch den tragischen Tod einer Mitarbeiterin miteinschließt, die unter den internen Firmenproblemen litt) sowie die Standfestigkeit und breite Unterstützerfront der protestierenden Mitarbeiter:innen einen tatsächlichen Wandel im Gewerkschaftskampf um bessere Arbeitsverhältnisse in der Spielebranche herbeiführen könnte.

Egotrip war gestern! Kunst im Kollektiv | TWIST/ARTE

Um was geht es?

Das Bild des isolierten Künstlergenies, das im stillen Kämmerlein schaffend tätig ist, war zwar historisch prägend, scheint aber nicht mehr den gegenwärtigen Entwicklungen zu entsprechen. Zu diesem Schluss kommt zumindest diese Ausgabe des Magazins TWIST, in der es um verschiedene Kollektive in der Welt der Kunst und Kultur geht. 

Was hängen blieb:

Neben den Vorstellungen der einzelnen Künstler:innenkollektive gibt vor allem das kurze Interview mit der Chefredakteurin des Magazins monopol einige interessante Denkanstöße. Lässt sich durch die Arbeit im Kollektiv auch „bessere“ Kunst produzieren, oder sind die Gewinne hauptsächlich in der Eröffnung neuer Gemeinschaften und im Pragmatismus der aktivistisch angesiedelten Projekte zu finden? Auch lässt sich mit diesem Beitrag gut darüber nachdenken, inwiefern Machtstrukturen im Kulturmarkt durch die flachen Hierarchien der Kollektive aufgelockert, und neue Möglichkeiten der Organisation fernab von etablierten kulturellen Institutionen realisiert werden können.

Anschließen könnte man daran natürlich auch endlose Debatten über den Auteur-Begriff, der seit seiner Genese in der französischen Nouvelle Vague der 1950er auch breit diskutiert wurde, sei es in der poststrukturalistischen Auseinandersetzung von Autoren wie Foucault und Barthes, oder in der Anwendung auf modernere Symptome, in denen ein anerkannter Name als vereinendes Element von künstlerischer Vision und Marketing fungiert (man denke zum Beispiel an Denis Villeneuve, der mittlerweile sinnbildlich für eine ganz gewisse Science-Fiction Ästhetik steht).

bell hooks und die Revolution des Afrofeminismus | Philosophie Magazin

Um was geht es?

Vor wenigen Tagen verstarb die Schwarze Feministin und Literaturwissenschaftlerin bell hooks im Alter von 69 Jahren. Einige der Schlüsselbegriffe, die ihre Schriften auszeichneten (namentlich „Intersektionalität“, „Schwarzer Feminismus“, „Schwesternschaft“ und „Ethik der Liebe“), werden in diesem Beitrag des Philosophie Magazins kurz erklärt.

Was hängen blieb:

Zugegebenermaßen kannte ich bell hooks nur von zwei eher kurzen Texten, denen ich studienbedingt begegnet bin. Diese Zusammenfassung einzelner Kernthemen ihres Denkens bietet daher auch für mich gute Anlaufstellen, um sich weiterführend mit ihren Schriften zu beschäftigen. Interessant scheint mir vor allem, dass ihre Kritiken scheinbar nicht (wie beispielsweise bei marxistisch geprägten kritischen Theoretiker:innen) auf der Systemanalyse von gesellschaftlichen Gesamtzusammenhängen aufbauen, sondern eher durch eine Ethik des konstruktiven Miteinanders und der empathischen Liebe gestützt sind. Dies scheint mir ein sehr pragmatischer Ansatz zu sein, der in seiner Anwendung von Situation zu Situation gerade für den alltäglichen Aktivismus wirkungsfähiger sein könnte als die abstrakte Fundamentalkritik von (Re-)Produktionszusammenhängen.

© Ubisoft

100 Wörter (oder so) über: NFTs in Spielen

Dass die Videospielbranche ihre Probleme hat, kam bereits in diesem Newsletter vor. Auch Ubisoft gehört zu den milliardenschweren Firmen, die in den letzten Jahren mit massiven internen Problemen zu kämpfen hatten. Festhalten lässt sich: Die Branche der hochpreisigen AAA-Games stand noch nie so sehr in Kritik wie aktuell. Dass nun NFTs – also einzigartige Blockchain-Bescheinigungen von digitalen Besitztümern – als Innovationsoffensive herhalten sollen, zeigt die entlarvende Ideenlosigkeit auf, mit der der hochkapitalisierte und aktionärsgetriebene Teil der Videospielbranche auf die Probleme der Zeit reagiert. Anstelle von nachhaltigen Firmenrestrukturierungen, die der immer stärker entfremdeten Arbeit an den mittlerweile gigantomanischen Spieleprojekten entgegenwirken, wird sich dem Hype der digitalen Vollprivatisierung hingegeben. Nach der zugenommenen Ökonomisierung von Progressionssystemen in Spielen würde die zu Ende gedachte NFT-Vision nun auch den spielerischen Austausch selbst auf reine Handelsbeziehungen reduzieren. 

Panafrikanische Zukunftsvisionen, polyglotte Gedankenexperimente, Neujahrs-Zynismus mit Gramsci und die Misanthropie von Don’t Look Up

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Felwine Sarr über Visionen der afrikanischen Emanzipation, Gedankenexperimente zur Frage, ob technische Übersetzungen eines Tages das Sprachenlernen abschaffen werden, ein kurzer pointierter Text von Antonio Gramsci über das Phänomen des Jahreswechsels und 100 Wörter (oder etwas mehr als sonst) über das Menschenbild im Film Don’t Look Up.


Felwine Sarr – Gehört Afrika die Zukunft? | Sternstunde Philosophie/SRF Kultur

Um was geht es?

Der afrikanische Kontinent braucht Zukunftsvisionen, die sich vom Westen emanzipieren, unter anderem auf wirtschaftlicher, kultureller und wissenschaftlicher Ebene. Über solche panafrikanischen und kontextorientierten Transformationsideen für den Kontinent spricht in dieser Ausgabe von Sternstunde Philosophie der Ökonom und Philosoph Felwine Sarr, der mit Afrotopia vor einigen Jahren ein Plädoyer für die Entkopplung von europäisch geprägten vorgeschriebenen Entwicklungsmodellen veröffentlicht hat.

Was hängen blieb:

Das Buch, auf das sich hier bezogen wird, habe ich schon zu Beginn der Pandemie sehr gerne gelesen, nachdem 2019 erstmals die deutsche Fassung erschien. Was mich am Text von Sarr (und damit auch an seiner Argumentationsweise im Interview) sehr fasziniert, ist zum einen seine Fähigkeit, die beschriebenen Visionen sowohl im Großen als auch im Kleinen differenziert darzulegen, und zum anderen sein vielschichtiger Blick auf die gegenseitigen Einflüsse alternativ gedachter Gesellschaftssysteme (bspw. Kunst, soziale Beziehungen, vorkoloniale Denktraditionen…) und ihr jeweiliges Potential für Emanzipation und stärker regionalistisch fokussierte Lösungsansätze für aktuelle Probleme. Die Denkbewegungen, die Sarr skizziert, in denen es unter anderem auch um das produktive dialektische Verhältnis zwischen „Individuum“ und „Kollektiv“ geht, sowie um die Verbesserungen von Wohlstand jenseits aussageschwacher Indikatoren wie dem BIP, könnten auch für zukunftsträge Staaten wie Deutschland ein Vorbild sein.

Alle Sprachen verstehen? Was dann? | mal angenommen/ARD

Um was geht es?

Was wäre, wenn technische Anwendungen für simultane Übersetzungen eines Tages auf einem derart ausgereiften Stand wären, dass ein entsprechendes Device im Ohr genügen würde, um flüssige Unterhaltungen in fremden Sprachen zu führen? Diese Ausgabe von Mal angenommen nimmt sich der Frage an und erläutert die Fallstricke, die mit einer solchen Vision verknüpft sind.

Was hängen blieb:

Zugegebenermaßen bin ich trotz der häufig spannenden Prämissen nicht der größte Fan dieses Formats, da schlussfolgernd oft eine nicht immer glaubwürdige Position der goldenen Mitte suggeriert wird, aber diese Episode fand ich tatsächlich sehr spannend. Die Probleme dieses Zukunftsbilds werden kritisiert, gleichzeitig werden aber auch tatsächliche absehbare Verwendungsmöglichkeiten von technisch gestützten Übersetzungen aufgezeigt. Stark hervorgehoben werden außerdem kontextuelle und kulturelle Eigenheiten von Sprache, die bei einer rein auf technischen Übersetzungen beschränkten Form der Kommunikation dazu führen, dass zentrale Merkmale der Sprachnutzung außen vorgelassen werden (z.B. Wissen über lexikalische Einzigartigkeiten oder zu jeweiligen sprachlichen Gepflogenheiten im Austausch miteinander).  

Antonio Gramsci: »Ich hasse Neujahr« | Jacobin Magazin

Um was geht es?

„Deshalb hasse ich Neujahr. Ich möchte, dass jeder Morgen für mich ein Neujahr ist. Jeden Tag will ich mit mir selbst abrechnen, und jeden Tag mich erneuern. Keinen für die Ruhe eingeplanten Tag. Die Pausen wähle ich mir selbst, wenn ich mich betrunken fühle vom intensiven Leben und eintauchen will in die Tierhaftigkeit, um daraus neue Kraft zu schöpfen.“

Was hängen blieb:

Ich bin zwar auch kein Fan vom Jahreswechsel, aber eine Abrechnung, die so sehr vor leidenschaftlicher Genervtheit strotzt wie diese hier vom italienischen Kommunisten Antonio Gramsci, hätte ich wohl trotzdem nicht zustande bekommen. Eine Kritik, unter anderem, der vermeintlich vorgezeichneten Kontinuitäten unserer kollektiven Geschichte, die ebenso argumentativ nachvollziehbar wie auch unfreiwillig witzig ist.

Quelle: Pexels

100 Wörter (oder dieses Mal eher so 300) über: Don’t Look Up – Misanthropie hilft nie

Kurz vor Neujahr sah ich noch einen Film bei Netflix, der in mir viele Fragen hervorrief; wahrscheinlich jedoch andere als die, die er ursprünglich beabsichtigte. In Don’t Look Up rast ein Mount Everest großer Asteroid auf die Erde zu. Zwei Wissenschaftler:innen wollen die Regierung und die Öffentlichkeit informieren, prallen aber an Wänden der Machtpolitik, der geistigen Zerstreuung und der Manipulierbarkeit der Masse ab. Nicht nach oben sehen, dann existiert das Problem schon nicht, lautet bald die Devise.

Die Klimametapher ist unübersehbar, der veranschaulichte Konflikt zwischen Wissenschaft, Bevölkerung und Politik aber dermaßen plump und eindimensional, dass er ermüdet. Ein paar halbgare Gags, vom Galgen hinabgerufen, bleiben am Ende übrig, alle jenseits des satirischen Potentials, das eine tatsächliche Aufrüttelung bewirken könnte.

Der Film präsentiert in seiner Plumpheit ein Menschenbild, das binärer nicht sein könnte. Auf der einen Seite die messianische Wissenschaft, bei der das Zuhören und Nachvollziehen bereits als politischer Akt verkannt wird, auf der anderen Seite die dumme Masse, die abseits von blinder Zerstörungswut kein rebellierendes Potential mehr entfalten kann. Dies wird einer Realität nicht gerecht, in der die lautstarken Stimmen zivilgesellschaftlicher Bewegungen zentrale Rollen in den Entwicklungen der Klimapolitik der letzten Jahre gespielt haben.

Schaut man sich die Reaktionen im Netz an, bekommt man das Gefühl, dass der Film vor allem bei jenen anklingt, die es sich im kulturpessimistischen Sumpf des Social-Media tauglichen Trübsal blasens gemütlich gemacht haben. Der Netflix-Aktivismus von Don’t Look Up antizipiert damit bereits ein zutiefst misanthropes Gesellschaftsbild, das seine Zuschauer:innen im Strudel der permanenten Selbstbestätigung verharren lässt. Die tatsächliche Beziehung von Gesellschaft und Krise ist vielschichtiger, die Probleme komplexer, die Menschheit insgesamt besser, als sie dieser Film darstellen will. Zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden Filme wie Don’t Look Up nur dann, wenn wir das Kollektiv Menschheit selbst bereits aufgegeben haben.

Drachen in der Kulturgeschichte, das Erhabene bei Caspar David Friedrich, politische Interventionen gegen Kryptowährungen und Gedanken zum Thema Zeitgefühl

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Kulturhistorische Analysen von Drachen, Aufrufe zum Stopp klimaschädlicher Blockchain-Technik, das Erhabene in der Kunst von Casper David Friedrich und 100 Wörter (oder so) über Zeitgefühl.


The Painter Who Revolutionized Landscapes | Nerdwriter1

Um was geht es?

Die melancholischen Landschaften des frühromantischen Künstlers Caspar David Friedrich stehen in vielerlei Hinsicht nicht nur sinnbildlich für die triste winterliche Jahreszeit, sondern auch für die erschlagende Allmacht der Natur, die in Zeiten von Pandemie und Klimawandel eine neue Form der Ehrfurcht von uns abverlangt.

Was hängen blieb:

Da ich diesen Newsletter auch dafür nutze, um mich selbst mit neuen Themen zu beschäftigen und euch daran teilhaben zu lassen (quasi als prozesshafter, sich ständig selbst reflektierender Bildungsprozess in Newsletter-Form), war dieses Video für mich als Kunstunerfahrener ideal. Das Thema des Erhabenen (engl.: sublime) als ästhetische Erfahrung von Unendlichkeit und als Ersatzbegriff für das Göttliche in Folge der Aufklärung war für mich der spannendste Aspekt des Essays.

Dragons! (with Scott G. Bruce) | The History of Literature

Um was geht es?

Drachen sind nicht erst seit Game of Thrones eines der populärsten Fantasiegeschöpfe der Fiktion; schon in der Antike gab es Erzählungen über die meist schlangenartigen Monstergestalten, deren Bezwingung der Zurschaustellung von Heldentum galt. In diesem Podcast gibt der Autor des Buches The Penguin Book of Dragons Auskunft über die kulturhistorischen Ursprünge und Bedeutungswandlung von Drachen.

Was hängen blieb:

Interessant fand ich vor allem den Kulturvergleich zwischen westlichen und fernöstlichen Überlieferungen zum mythologischen Drachen. Während im Westen, vor allem im Zuge der Christianisierung, der Drache als entmenschlichte Verkörperung sozialer Ängste diente, traten in asiatischen Traditionen schon sehr früh vermenschlichte Drachen hervor, die sprechen konnten und mit Menschen zusammenarbeiteten. Ein weiterer spannender Einblick war für mich die Schlussfolgerung, dass in der antiken westlichen Tradition der Akt der Drachenbezwingung stellvertretend als imaginierte imperialistische Eroberung des Fremden gelesen werden kann, da die erzählerische Ausgestaltung der Drachen eng mit Geschichten über unbekannte Gebiete zusammenhing.

Besetzt die Blockchain! | Netzpolitik

Um was geht es?

Über die krassen Spekulationsgeschäfte und klimaschädlichen Auswirkungen von Kryptowährungen wurde in den letzten Jahren viel gesprochen, sodass das Thema nun immer stärker in das Blickfeld politischer Entscheidungsfindungen rückt. Dieser Kommentar von Netzpolitik fasst einige der bisherigen Zusammenstöße von nationalen Regierungen und Krypto zusammen und plädiert für einen Stopp von eindeutig Klima- und Infrastrukturschädigender Technologie.

Was hängen blieb:

Der Artikel schafft einen guten Überblick zur aktuellen globalen Lage und den bisherigen politischen Eindämmungsversuchen im Bereich Kryptowährungen. Besonders gut gefällt mir aber der titelgebende Slogan „Ende Kryptogelände“ sowie der Aufruf „Besetzt die Blockchain!“. Mir fehlt das technische Knowhow und die nötige Kreativität, um einzuschätzen, wie digitaler Klimaaktivismus gegen Bitcoin und Co. aussehen könnte (Stecker ziehen bei der Mining-Farm?), aber es wäre definitiv interessant, zu sehen, ob und wie Formen der Blockade und des zivilen Ungehorsams auch gegen die Kryptowährungen eingesetzt werden könnten.     

Quelle: Pexels

100 Wörter (oder so) über: Zeitgefühl

 What year is it? Zeitgefühl ist schon etwas Seltsames. 2022 ausgeschrieben zu sehen fühlt sich irgendwie surreal an. Im Zustand pandemischer Ungewissheiten treten alternative Zeitrechnungen ans Tageslicht. Zum Beispiel führt einem die Erkenntnis, wie viele Folgen vom persönlichen Lieblingspodcast bereits seit Pandemiebeginn veröffentlicht wurden, auf ganz neue Weise vor Augen, wie lange sich das Thema Virus bereits in unser tägliches Sprechen und Denken eingeschrieben hat. So wie politische Eindämmungsversuche ständig ein Update erfuhren, wurde auch unser eigener Zeithorizont kontinuierlich um weitere Vertröstungen auf die Zukunft erweitert. Vielleicht tröpfelt dieser lethargische Zustand noch ein Weilchen vor sich hin. Vielleicht erleben wir den Wandel hin zur postpandemischen Zeitrechnung aber auch als überraschend ruckartigen Bruch ohne Ankündigung, oder, ganz unspektakulär – nur in der Retrospektive. Wir werden sehen.

Steuern und Demokratie, spirituelle Sinnsuche, Mark Fischer und Studieren in Zeiten des Internets

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Gabriel Zucman über Steuerungerechtigkeit, alternative Sinnsuche in der Pandemie, ein Rückblick auf das Werk von Mark Fisher und 100 Wörter (oder so) über Studieren in Zeiten des Internets.


Steuern, Ungleichheit und Demokratie – Gabriel Zucman im Gespräch | Essay und Diskurs/Deutschlandfunk

Um was geht es?

Die Art und Weise wie Einkommen und Vermögen besteuert werden, hängt zentral mit der Frage nach Ungleichheit und der demokratischen Verfasstheit eines Landes zusammen. Über die neoliberale Wirtschafts- und Steuerpolitik im Zuge der Globalisierung, und wie durch gerechtere Besteuerungen wieder mehr Gleichheit hergestellt werden könnte, spricht der Ökonom Gabriel Zucman im Interview mit Essay und Diskurs.

Was hängen blieb:

Besonders interessant fand ich hierbei die historische Dimension, die noch mal vor Augen führt, wie radikal beispielsweise die Steuersätze zur Zeit von Roosevelt in den USA waren, und wie weit weg wir heutzutage davon sind, in einem ähnlichen Maße für Steuergerechtigkeit zu sorgen. Eine Debatte, die umso stärker in den Mainstream gehört, nachdem die Ampel-Regierung, abseits von geplanten Superabschreibungen, keinerlei Steuerpläne im Koalitionsvertrag festgeschrieben hat, um der wachsenden Schere zwischen Vermögenden und Vermögenslosen entgegenzuwirken.

Zauber, Hexen, Heilsversprechen – Deutschland auf Sinnsuche | ZDFinfo

Um was geht es?

Im Zuge rückläufiger Kirchenbeitritte treten eklizistische Formen der Spiritualität immer häufiger in Erscheinung. Dieser kurze Beitrag gibt einen Überblick in einige der abstruseren Erscheinungsformen dieser neuen Bewegungen und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Was hängen blieb:

Weiter weg könnte ein Thema von meinem persönlichen Interessen wohl nicht sein, dennoch habe ich diesen Beitrag mit aufgenommen, und zwar aus mehreren Gründen: Zum einen, da im letzten Drittel des Videos mit Blick auf die Corona-Proteste ein wichtiger Bogen zwischen alternativer Spiritualität, Wissenschaftsfeindlichkeit und Verschwörungsanfälligkeit gespannt wird, der die Gefahr des politischen Missbrauchs von diesen „Sinnsuchenden“ in Krisenzeiten aufzeigt; zum zweiten, da ich bereits vor einiger Zeit erstaunt von Berichten war, in denen die Nähe der heutigen Jugend zur Astrologie als ähnliche Form alternativer Sinnsuche beschrieben wurde; und zum dritten, weil dieser ganze Themenkomplex der „post-religiösen“ Entwicklungen in meinen Augen in den nächsten Jahren an Relevanz eher noch zunehmen wird. Wie lässt sich ein Bewusstsein für die Verlässlichkeit von Wissenschaft in der Gesellschaft verankern und mit dem zwangsläufigen metaphysischen Gehalt der Unbestimmtheiten des Lebens vereinen, ohne dabei entweder szientistischen Technokratismus oder schwurbelnde Wissenschaftsverleumdung zu fördern? Wer diese Frage beantworten kann, hat in meinen Augen einen Nobelpreis verdient.

Our Debt to Mark Fisher | Tribune

Um was geht es?

Ein Beitrag zum fünften Todestag von Mark Fisher, der sowohl analytische als auch biografische Einblicke in das Werk des populären linken Kulturwissenschaftlers gibt.

Was hängen blieb:

“Mark’s foregrounding of pop culture didn’t participate in the ironic postmodern reversals so prevalent at the end of the last century. Mark believed in mass culture’s power with every facet of his intellectual being, and this is one of many things that set him apart from his philosophical predecessors and coevals, Žižek and Jameson especially.”

Ich habe noch nie etwas von Mark Fisher gelesen, aber diese Aussage macht mich jetzt doch sehr neugierig. Die Verbindung von Kapitalismusanalysen und Mental Health-Themen, die im Text erwähnt wird, klingt ebenfalls nach einem interessanten Konzept. Nachdem ich den Text gelesen habe, scheint es mir so, als sei ein Verständnis von Fisher und seinem Hauptwerk Capitalist Realism zentral, um gerade die digital verankerte junge neue Linke besser einordnen zu können.

Quelle: Pixabay

100 Worte (oder so) über: Studieren in Zeiten des Internets

Das Internet ist schon immer noch eine ziemlich fantastische Erfindung. Ja, soziale Plattformen haben ein krasses Regulierungsproblem, und digitale Quasi-Monopole wie Amazon und Facebook bewegen sich immer weiter in Richtung des  Punkts, an dem eigentlich zerschlagen oder verstaatlicht werden müssten. Gleichzeitig ist das Potential der verfügbaren Information immer noch beeindruckend und ein unheimlicher Segen für die eigenen Recherchen. Das fällt mir auch immer wieder mit Blick aufs Studium auf; wie zur Hölle haben Menschen ohne das Internet studiert?! Ein alberner Gedanke, da ja Unis schon so viel länger existieren als das Internet, aber einer, der mich regelmäßig nicht loslässt. Seien es die in den Untiefen des Netzes verborgenen nischigen Papers, oder einfach nur die zahlreichen und augenblicklich zugänglichen didaktischen Hilfestellungen zu beinahe jedweden Themen, ganz gleich ihrer akademischen Komplexität – die digitalen Stützen und Recherchemöglichkeiten sind ein unheimlicher Segen. Studieren mit Hilfe des Internets hat sich in so kurzer Zeit zur Selbstverständlichkeit entwickelt, dass es schwerfällt, sich den Prozess des Selbststudiums in einer weniger datenschweren Umgebung vorzustellen. Vielleicht war es in der digitalen Vorzeit aber auch gerade umgekehrt, also durch die geringere Informationslast einfacher, sich aufs Wesentliche dessen zu konzentrieren, was unmittelbar vor einem lag. Vielleicht liegt die Wahrheit aber auch, wie nicht selten, irgendwo dazwischen.  

NFT-Kritik in Überlänge, Memes und kollektive Identitäten, Goldstandard und die Activision-Blizzard Akquisition

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Eine Zweieinhalbstundenkritik von NFTs und Blockchain-Libertären vom Kanal Folding Ideas, Memes, Anonymität und kollektive Identitäten auf 4chan, wirtschaftshistorische Betrachtungen zum Goldstandard und 100 Wörter (oder so) zu Microsofts Akquisition von Activision-Blizzard.


The Problem With NFTs | Folding Ideas

Um was geht es?

Ein fast zweieinhalbstündiges Video vom Kanal Folding Ideas, das in epischer Länge nicht nur das Problem von NFTs behandelt, sondern insgesamt die Krypto-Ökonomie und ihre Heilsversprechen von Autonomie und dezentraler Teilhabe kritisch reflektiert.

Was hängen blieb:

Die Detailtiefe dieses Videos ist an manchen Stellen unheimlich erschlagend und es hilft auch nicht, dass thematisch viel gesprungen wird und die roten Fäden des Skripts in den Erklärbär-Segmenten gelegentlich verloren gehen. Dennoch halte ich das Video für sehr sehenswert, da es sich die komplizierte Aufgabe macht, die technischen und ökonomischen Praktiken ausgiebig zu beleuchten und mit gesellschaftsanalytischen Schlüssen zu versehen, die, zumindest mir, viele neue Denkanstöße geboten haben. Vor allem die Abschnitte, die sich auf den Ausspruch „Code is law“ von Lawrence Lessig beziehen, die Probleme der Festschreibung und Veränderung von, sowie Verständigung über Aussagen auf der Blockchain behandeln, haben mich nachdenklich gemacht.   

Von Memes und Menschen – In den Tiefen von 4chan | 54 Books

Um was geht es?

Über die Entstehung von Memes wurden bereits einige interessante Texte geschrieben, darunter das empfehlenswerte Buch Kill All Normies von Angela Nagle. Dieser Text von Titus Blome nähert sich dem Phänomen allerdings auf zweierlei Weise; zum einen versucht er, die Entstehungsprozesse von Memes zu systematisieren, zum anderen wagt er den interessanten Versuch, die Genese von Memes auf einer Plattform wie 4chan mit einer spezifischen kollektiven Identität zu erklären.

Was hängen blieb:

Die bereits oben erwähnte Verknüpfung von Meme-Entstehung und kollektiver Identität in einem Raum wie 4chan, der Identität und Historisierung eigentlich nicht erlaubt, hat mir am Text am meisten gefallen. Aus dieser Perspektive heraus lässt sich sehr gut darüber nachdenken, wie Eingriffe in diese kollektive Identität, die befürchtete Unterwanderung durch „Normies“, eine Gefahr für das Selbstbild der 4chan-Anhänger darstellt, die ihre radikalen kommunikativen Prozesse von Exklusion und Inklusion über das zirkulierende Wissen zur eigenen Meme-Kultur steuern.

The Gold Standard | In Our Time/BBC

Um was geht es?

Der Goldstandard entsprang dem späten 19. Jahrhundert und hatte die Aufgabe, herkömmliche nationale Währungen an einen vermeintlich „realeren“ Wert zu binden und für fixe Wechselkurse zu sorgen. Bis zum Ende des Bretton-Woods System der USA in den 1970er Jahren gab es immer wieder solche Währungsregime mit internationaler Bedeutung, die auf irgendeine Art auf eine Golddeckung zurückging. In dieser Episode von In Our Time wird die historische Relevanz und Verklärung des Goldstandards kritisch reflektiert.  

Was hängen blieb:

Grundsätzlich finde ich solche makroökonomischen Themen extrem spannend, auch wenn ich mir oft nicht sicher bin, ob ich zum einen alles richtig verstehe und zum anderen, inwiefern spezifische ideologische Hintergründe womöglich die dargestellten ökonomischen Fakten verzerren. Dennoch fand ich diese Folge durchaus interessant, da heutige Befürworter des Goldstandards im Endeffekt nicht weit von Kryptoanhängern entfernt sind. Gold soll eine Währungsstabilität erzeugen, die unabhängig von einem Gesellschaftsvertrag, unabhängig vom Vertrauen in organisierte Politik und heutige Zentralbanken funktioniert, da Politik und Zentralbanken damit an eine Externalität gekoppelt werden, die sich nicht beliebig beeinflussen können. „Der Staat überstrapaziert seine fiskalischen Mittel“ und „Zentralbanken kurbeln rücksichtslos den Anstieg der Geldmasse an“ sind zwei der Vorwürfe, die man auch heute noch hört, und die auch zur Zeit des Goldstandards für finanzpolitische Disziplinierung und Selbsteinschränkung sorgen sollte. Man kann froh sein, dass wir heute keinen Goldstandard mehr haben. Die dringend benötigten Investitionen in die Zukunft, die uns bevorstehen, sind abhängig von unserem Vorschussvertrauen in die Umsetzungsfähigkeit unserer politisch vereinbarten wirtschaftlichen Ziele, und nicht vom unwillkürlichen Diktat des verfügbaren Goldangebots. Und das ist auch gut so.

© Activision-Blizzard

100 Wörter (oder so) über: Die Activision-Blizzard Akquisition

Microsoft ist nun also nach der (voraussichtlichen) Übernahme von Activision-Blizzard um ca. 70 Milliarden US-Dollar ärmer, die Spielebranche dafür um einige Fragezeichen zur Zukunft ihres Mediums reicher. Der Game Pass, das in Videospielform gegossene Angebot, das man nicht ablehnen kann, rüstet weiter auf und steht nun womöglich bald an dem Punkt, an dem Netflix stand, als der Boom der Film- und Serien-Abos so richtig losging. Wenn die Tendenz zur Monopolbildung im Plattformkapitalismus, die wir in anderen digitalen Märkten bereits sehen konnten, auch weiter die Videospielbranche ergreifen sollte, könnte die US-Kartellbehörde – die erst kürzlich ankündigte, ihre Fusionsgenehmigungsverfahren zu überarbeiten –auch eines Tages Microsoft ins Visier nehmen. Vielleicht sehen wir auch schon jetzt eine Reaktion auf den Deal mit Activision-Blizzard, der erst im kommenden Jahr abgeschlossen sein wird. Es wäre wünschenswert, denn wer nicht in Betracht zieht, dass diese Form der Akkumulation auf lange Sicht darauf abzielt, in möglichst unregulierten digitalen Märkten in der Funktion des Plattformschleusers Zugänge zu exklusive Inhalten zu kontrollieren, ist höchstwahrscheinlich naiv.  

Politische Muskeln, Gewalt gegen Chatbots, Wordle-Analysen und A Taxi Driver (2017)

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Die politische Relevanz von Körperkultur, ein interessantes Interview zum Umgang mit vermenschlichten künstlichen Intelligenzen, eine scharfsinnige Analyse des Wordle-Phänomens von Ian Bogost und 100 Wörter (oder so) zum Film A Taxi Driver (2017).


Sind Muskeln politisch? | Muskel-Wahn (8/10) | ARTE

Um was geht es?

Wie Körperkult mit politischer Zielsetzung zusammenhängen kann, und was den Nationalsozialismus in Bezug auf Muskeldarstellungen mit dem Sowjetkommunismus einte, das erklärt dieser Teil der Doku-Reihe Muskel-Wahn von Arte.

Was hängen blieb:

Interessant, wie viel Denkanstöße man doch in viereinhalb Minuten Video packen kann. Spannend fand ich die aufgemachte historische Kontinuität vom Ersten Weltkrieg (als Demütigung männlicher Körperkraft Angesichts der maschinellen Zerstörungskraft) hin zum Nationalsozialismus (als Machtbeweis gegen die „Kränkung“ des Ersten Weltkriegs, als Stählung des völkisch aufgeladenen Körpers als Subjekt der kriegerischen Selbstermächtigung). Dass sowohl im Populismus des Sowjetkommunismus als auch im Dritten Reich Darstellungen von Männerkörpern die muskuläre Potenz des einfachen Mannes in besonderer Weise betonten, verdeutlicht zudem den ideologieübergreifenden Einfluss von gendernormierten Idealisierungen.

Gewalt gegen Chatbots: Alles nur ein Spiel? | Breitband/Deutschlandfunk Kultur

Um was geht es?

Kürzlich machte eine kuriose Nachricht die Runde: Nutzer der Chatbot-App Replika sprachen auf Reddit darüber, wie sie die Repräsentationen digitaler Freundinnen, die durch künstliche Intelligenz zur niedrigschwelligen Konversation fähig ist, niedermachten und abfällig beleidigten. Ein Shitstorm brach los, der sich mit der Frage beschäftigte, inwiefern menschliche Verrohung anhand des Umgangs mit Gegenständen, in diesem Fall simulierten Menschen, eintrainiert werde. Breitband spricht über das Thema mit dem Chatbot-Experten und Informatik-Ethiker Oliver Bendel.

Was hängen blieb:

Anders als die etwas geistlosen Kommentare der Moderation bietet das Interview mit Professor Bendel einige interessante Gedanken zum Themenkomplex „Übergriffigkeit gegen Simulationen“. Da manche Chatbots wie Replika anscheinend auch zur Befriedigung sexueller Vorlieben genutzt wird, lässt sich die Frage stellen, ob ein grober Umgang mit künstlichen Intelligenzen auch dann zu verurteilen ist, wenn es um das Ausleben von Fantasien geht, die klare Grenzen zum sonst üblichen zwischenmenschlichen Kontakt aufweisen. Wichtig scheint jedoch in jedem Fall zu sein, ob nicht gewisse, in der Programmierung bereits angelegte Charakterzüge (beispielsweise derogativ-stereotype Frauenbilder) im besonderen Maße negativ-konnotierte Interaktionen fördern könnten. Schwierig zu beantworten, bleibt auch die Frage nach einer konkreten kausalen Übertragbarkeit vom virtuellen Handeln ins reale Leben. Doch auch wenn hierzu (noch) keine verlässliche Datenlage vorliegt, wäre das kein Grund, nicht schon jetzt mit Voraussicht auf zukünftige Probleme künstliche Intelligenzen zu entwickeln.

I Figured Out Wordle’s Secret | The Atlantic

Um was geht es?

Wordle ist ein Internet-Phänomen, das sich jetzt schon länger hält, als ich es für möglich gehalten hätte. Die Game Studies-Koryphäe Ian Bogost nimmt sich für The Atlantic dem Spiel an und analysiert sowohl auf mechanischer als auch auf sozialer Ebene die Erfolgsformel hinter dem Kästchenraten.

Was hängen blieb:

Der mit Abstand beste und ausführlichste Text, den ich bisher zu Wordle gelesen habe. Schön sind vor allem die Ausführungen zum Verhältnis von Originalität und Gewohntheit, sowie die beschriebene Möglichkeit zur Empfindung von Selbstwirksamkeit, die Wordle zu einem Spiel seiner Zeit macht. Achtung, schamlose Eigenwerbung: Für meinen Blog schrieb ich ebenfalls einen kurzen Text zum Wordle-Phänomen.

© Koch Films

100 Wörter (oder so) über: A Taxi Driver (2017)

Als der in Geldnot geratene Seouler Taxifahrer Kim Man-seob zufällig mitbekommt, dass ein deutscher Reporter bereit ist, 100.000 Won für eine Fahrt ins entfernte Gwangju zu zahlen, möchte er eigentlich nur ein schnelles Geschäft machen, um rasch wieder bei seiner Tochter sein zu können. Doch es ist das Jahr 1980 und in Gwangju herrscht Chaos: Die zu diesem Zeitpunkt stattfindenden Demokratiedemonstrationen werden mit aller Waffengewalt von der Militärdiktatur bekämpft, die das Kriegsrecht ausgerufen hat.

Das Historiendrama mit gelegentlichen Neigungen zum Actionfilm profitiert vor allem durch seine Hauptfigur (gespielt von Parasite-Darsteller Song Kang-ho), die erst in stoisch-gleichgültiger und später in empathisch-involvierter Manier dem zugrundeliegenden Thema des Kampfes gegen die Unterdrückung einen spannenden Anstrich verpasst. Die Sippenhaft autoritärer Politik, die willkürliche Ausübung von exekutiver Ungerechtigkeit und der zivile Ungehorsam als einziger Ausweg werden durch Kim, der die Provinzler im Einklang mit der Staatspropaganda erst als Unruhestifter abzuhandeln versucht, in aller Deutlichkeit anhand seiner eigenen Figurenentwicklung vermittelt.

2017 erschien A Taxi Driver, erst Ende 2021 kam er jedoch nach Deutschland. Die zeithistorisch bedeutsamen Aufnahmen des 2016 verstorbenen Reporters Jürgen Hinzpeter gingen damals um die Welt. Es wäre diesem Film zu wünschen, dass seine bemerkenswerte Geschichte von deutsch-südkoreanischer Zusammenarbeit, von Freundschaft und vom Mut zum Idealismus auch hierzulande eine größere Bekanntheit erführe.

Repolitisierung des Geldes, libertäre Privatstädte, Uploadfilter-News und der Plattformgedanke auf Twitch

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Kritik und Repolitisierung der Geldordnung mit Aaron Sahr, Überblickswissen zu libertären Privatstadt-Projekten in Honduras und São Tomé und Príncipe, Neuigkeiten zur Umsetzung von Uploadfiltern in Folge der Urheberrechtsreform und 100 Wörter (oder so) zum Plattformgedanken auf Twitch.


Private Städte – exklusiv und antidemokratisch | Frankfurter Rundschau

Um was geht es?

Rechtslibertäre Privatstädte sind in gewisser Weise das radikalisierte Endprodukt des entkoppelten globalisierten Kapitalismus. Der Soziologie Andreas Kemper recherchiert schon seit Jahren über die Akteure und Netzwerke, die sich hinter den demokratie- und wohlfahrtsfeindlichen Projekten verbergen. Dieser Artikel aus der Frankfurter Rundschau bietet einen Überblick zu den Verfahrensweisen der Landnahme und den Problemen, die für die Einwohner:innen der meist politisch instabilen Staaten entstehen, die zum Ziel der libertären Projekte werden.

Was hängen blieb:

Am Beispiel von Honduras zeigt sich gut, wie die Planung von Privatstädten bereits jetzt Konflikte zwischen „Investoren“ und der Zivilgesellschaft schüren. Während die neu gewählte linke Regierung versucht, die Verfassungsänderungen rückgängig zu machen, die den Privatstadt-Jüngern Tür und Tor öffnen sollte, drohen nun internationale und undemokratische Schiedsgerichte, die wirtschaftlichen Interessen einzelner vor denen der Staatsbürger:innen zu stellen. Diese Projekte mögen in ihrer Megalomanie absurd und in letzter Instanz unrealistisch sein, doch schon jetzt lässt sich an ihnen gut die demokratiefeindliche Grundhaltung ablesen, mit denen ihre Durchsetzung vorangetrieben wird. Diese „Radikalisierung des Neoliberalismus“, wie sie im Text bezeichnet wird, zielt auf das Ende der Demokratie, der Wohlfahrt und des Wahlrechts. Mehr Berichterstattung über dieses Thema wäre daher wünschenswert.

Gibt’s jetzt Uploadfilter, oder nicht? | Ultralativ

Um was geht es?

Uploadfilter. Da war doch was? Nachdem August 2021 die Urheberrechtsreform und damit der umstrittene Artikel 17 in Deutschland in Kraft trat, wurde es erstaunlich ruhig um die ominösen Filter-Software und bis heute ist nicht vollständig klar, wie die reale Umsetzung des Urheberschutzes aussehen soll. Der Kanal Ultralativ nimmt sich dem Thema an und bietet ein aktuelles Bild der Lage.

Was hängen blieb:

Am meisten erstaunt hat mich, dass YouTube in Folge von Artikel 17 erstmals Daten zu ihrem Content ID-System veröffentlichte. Mein Eindruck nach dem Video ist, dass wir noch lange ein Tauziehen um die technischen und rechtlichen Rahmenbedingungen der Uploadfilter erleben werden: Auf der einen Seite stehen Verbände, die gerichtlich gegen Fälle von Overblocking vorgehen werden, auf der anderen Seite politische Akteure, die die Kompetenzen von Uploadfiltern womöglich weiter ausdehnen wollen.

Geld für die sozial-ökologische Wende drucken? Warum nicht! | Dissens

Um was geht es?

Wenn man seinem eigenen Buch den Untertitel Kritik der finanziellen Vernunft verleiht, dann stellt man sich in eine philosophische Tradition, die große Erwartungshaltungen schürt. Ähnlich wie die kopernikanische Wende der Denkart, die Kant mit seiner Kritik der reinen Vernunft unterstellt wird, versucht auch Aaron Sahr eine neue Sicht auf einen Gegenstand zu etablieren: Und zwar auf die Geldschöpfung und ihre politischen Konsequenzen.

Was hängen blieb:

Ein ziemlich faszinierendes Gespräch, das auf ein sicherlich sehr lesenswertes Buch hindeutet. Da der ganze Apparat von Geldschöpfung, Zentralbankarbeit und Staatsschulden auf sehr kontraintuitiven Annahmen beruht, ist es umso wichtiger, das Wissen zu diesen elementaren Institutionen unserer Gesellschaft in die Welt zu tragen und im Sinne Sahrs zu „repolitisieren“. Der zweite Teil des Interviews beinhaltet zudem eine sehr sachliche und ungewöhnlich durchdachte Kritik der Modern Monetary Theory.

© Amazon

100 Wörter (oder so) über: Plattform-Potentiale auf Twitch

2020 war das Jahr, in dem ich zum ersten Mal in Twitch versackte. Das ursprünglich 2018 erschienene Deduktionsspiel Among Us erlebte seinen verspäteten Hype und lockte damit viele Neulinge wie mich auf die Streaming-Plattform, die sich als idealer Multiplikator für die Vermittlung der Faszination hinter dem Titel herausstellte. Wo ich zuvor nur vereinzelte Streaming-Projekte wahrgenommen hatte, offenbarten sich durch die soziale Bündelung einzelner Streamer in koordinierten Projekten wie Among Us-Sessions oder gemeinsamen Rust-Servern die Qualitäten, die im Plattformgedanken von Twitch steckten. So scheint mir, dass, anders als bei YouTube, viele prosoziale Interaktionsmöglichkeiten im Vordergrund stehen: Die Raidfunktion beispielsweise ermöglicht die Übertragung der eigenen Zuschauerschaft auf andere, womöglich kleinere Kanäle und die Clip-Funktion ermöglicht eine Kondensierung der oft stundenlangen Inhalte und schafft durch die Reaction-Ökonomie eine ganz neue Kommunikationsebene zwischen den Streamern. Auch scheinen viele Communities durch gute Live-Moderation und Wachsamkeit der Zuschauer:innen im Chat stärker als Safe Space wahrgenommen zu werden, als viele andere digitale Plattformen. Vielleicht werde ich über den Plattformgedanken von Twitch und seinen Einfluss auf das Sozialgefüge in der „Creator-Economy“ noch mal an andere Stelle etwas schreiben, denn das Thema scheint mir noch nicht erschöpft.

Horrende Energiepreise, Stuart Hall, der digitale Euro und beschleunigter Medienkonsum

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Ein Beitrag über die massiven Preisanstiege im Bereich Energie und Gas und die fehlenden staatlichen Interventionen, ein ausführlicher Theoriepodcast zum Kulturwissenschaftler Stuart Hall, ein skeptischer Ausblick auf die Pläne der EZB für einen digitalen Euro und 100 Wörter (oder so) darüber, wieso ich 2022 anfing, manche Medieninhalte in 1,5-facher Geschwindigkeit zu konsumieren.


Teure Energie – und kaum Hilfe der Regierung | MONITOR

Um was geht es?

Ein Beitrag von Monitor über die steigenden Energiepreise, die nach wie vor die Inflation in die Höhe treiben. Leidtragende sind vor allem ärmere Gas- und Stromempfänger, deren Verträge nun massenhaft zwangsgekündigt wurden, und die nun in vielfach teureren Grundversorgungsverträgen feststecken.

Was hängen blieb:

Es ist bezeichnend, wie wenig in Deutschland aktuell unternommen wird, um gerade Menschen mit niedrigen Einkommen bei der Strom- und Gasrechnung zu entlasten. Dass zudem der Präsident des Kartellamts bereits mitteilte, dass es sich hier um „missbräuchlich überhöhte Mondpreise“ handele, die sich mit der Preisentwicklung auf dem Weltmarkt allein nicht erklären ließe, ist ein Aspekt, der mir in dieser ganzen Debatte ebenfalls zu kurz kommt. Besonders mit Blick auf die Lage zwischen der Ukraine und Russland kann man nur hoffen, dass die Bundesregierung den Bedarf zur Preisentlastung endlich anerkennt.

Stuart Hall | tl;dr

Um was geht es?

Für die anglophone Kulturwissenschaft ist Stuart Hall eine der zentralen Bezugspersonen, seine Analysen zu den Repräsentationssystemen von Ideologien ein wertvoller Beitrag für eine medienwissenschaftliche und antirassistische Kritik unserer Alltagskultur. Der Podcast tl;dr der Rosa-Luxemburg-Stiftung gibt einen biographischen und theoretischen Überblick.

Was hängen blieb:

Ich habe zwar studienbedingt ein, zwei kürzere Texte von Stuart Hall gelesen, mich aber bisher nicht wirklich mit ihm und seiner theoretischen Positionierung beschäftigt. Interessant fand ich daher die Erkenntnis, dass Halls Ansatz der „Cultural Studies“ einen guten Spagat zwischen “Basis und Überbau” zu bieten scheinen, da er die Dominanz von Ideologien durch ein Geflecht aus sozialen Praktiken begründet, die linguistisch kodifiziert und dekodifiziert werden, aber dennoch von materiellen Herrschaftsverhältnisse genährt werden und die gleichsam kreislaufartig auf diese einwirken. Sehr aktuell schien mir auch – vor allem für den deutschsprachigen Raum – die bereits von Hall angestoßene Diskussion um den Begriff „race“ und die Frage, inwiefern der Begriff trotz seiner biologistischen Konnotationen wichtig für eine antirassistische Kritik der Gegenwart ist.

Floppt der digitale Euro der EZB? | Finanzwende

Um was geht es?

Ökonom Peter Bofinger wirft für die Plattform Finanzwende einen Blick auf die (scheinbar noch unausgereiften) Pläne der EZB für einen digitalen Euro, also die Idee, Privatkunden mit einem krisensicheren Konto direkt bei der Zentralbank für den digitalen Zahlungsverkehr auszustatten.

Was hängen blieb:

Die EZB plant nun also, private Zahlungsplattformen wie Mastercard und Visa oder PayPal aufmischen, bis wir etwas vom digitalen Euro sehen werden, wird es aber noch einige Jahre dauern. Der Beitrag gibt einen guten Überblick zu den Zielsetzungen der EZB und den Problemen, die in der Umsetzung drohen könnten.

© Rosa-Luxemburg-Stiftung

100 Wörter (oder so) über: 1,5-facher Medienkonsum

2022 ist das Jahr, in dem ich angefangen habe, einzelne Podcasts und Videos in 1,5-facher Geschwindigkeit zu konsumieren, und ich schäme mich ein wenig dafür. Ein paar phänomenologische Eindrücke: Es ist zum einen erstaunlich, wie schnell sich die eigene Wahrnehmung an die veränderte Geschwindigkeit gewöhnt, aber fast noch faszinierender ist es, nach dem Zurückschalten zur Normalgeschwindigkeit festzustellen, wie langsam einem auf einmal alles vorkommt. Das Hirn ist schon ein seltsamer Apparat. Zu klären bleibt noch die Frage nach dem Warum: Ich habe noch keine zufriedenstellende Antwort gefunden. War es der Wunsch, schnell an grundlegende Informationen zu kommen, ohne sich langwierigen “Lückenfüllern” hingeben zu müssen? Oder handelt es sich um die finale Kapitulation gegenüber der Informationsinflation des Internets und eine mangelhafte Prioritätsabwägung und Wertschätzung meiner eigenen Zeit? Ist die erhöhte Geschwindigkeit ein legitimes Tool der Informationsfilterung im Digitalen oder ein weiteres Symptom von Entfremdung, hervorgerufen durch technosoziale Beschleunigungsprozesse? Die Vorstellung, ganze Filme oder Serien in beschleunigter Geschwindigkeit zu schauen, klingt für mich allerdings immer noch hochgradig absurd. Ich hoffe, dies bleibt auch in Zukunft so.

Industrienormen und Machtpolitik, Rückkehr zum Mond, Russland und der Faschismus und Drive My Car

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Internationale Machtpolitik in der Standardisierungsbranche, das Artemis-Projekt und die Rückkehr zum Mond, Faschismus in Russland und 100 Wörter (oder so) über den Film Drive My Car.


Der neue Wettlauf zum Mond – NASA Artemis erklärt | Terra X Lesch & Co

Um was geht es?

Lange hat sich in der bemannten Raumfahrt verhältnismäßig wenig getan, doch das wird sich voraussichtlich sehr bald ändern. Nachdem 50 Jahre lang keine Mondmission mit Astronaut:innen mehr stattfand, sollen sich nun schon in wenigen Jahren mit dem Artemis-Programm wieder Menschen auf den Weg zum erdnahen Himmelskörper machen. Suzanna Randall spricht über die technischen Details, die geostrategischen Hintergründe und die langfristigen Ziele des Projekts.

Was hängen blieb:

Der neue Aufschwung in der Raumfahrt ist ein faszinierendes und vielschichtiges Thema mit allerlei Facetten, sei es das Weltraumrecht, die teils obskuren internationalen Allianzen mit Blick auf den geplanten Bergbau im All, oder die langfristigen Ziele einer Mondbasis und dauerhaften Station im Orbit. Das Video gibt einen guten Überblick zum Status Quo und zum technischen Ablauf der Artemis-Mission. Zusätzlicher Hörtipp: Die Artemis-Folge des sehr guten Podcast WeltraumWagner.

»In Russland droht ein faschistisches Regime« | analyse & kritik

Um was geht es?

Die repressiven Maßnahmen gegen die Zivilgesellschaft und die Aufrüstung der Propagandamaschine im Zuge des Ukraine-Krieges führen unweigerlich zur Überlegung, ob ein innenpolitischer Wandel im totalitär erscheinenden russischen Staat überhaupt noch möglich ist. Die Omnipräsenz politischer Symbolik, die Krieg und gesellschaftliche Unterstützung zu verbinden versucht, eröffnet zudem die Frage, ob Parallelen zum faschistischen System legitim sind. Der Moskauer Soziologe Greg Yudin nimmt im Interview mit analyse & kritik zu diesen Fragen Stellung.

Was hängen blieb:

Interessant am Interview ist zum einen die Verbindung einer historischen Analyse der kleptokratischen Staatsordnung mit einem psychologisch-strategischen Einblick in Putins Regierungsvorhaben, und zum anderen die Beschreibung einiger zunehmend faschistischer Elemente, beispielsweise in der Sprache und dem Framing der Ukrainer, der Zunahme polizeilicher Gewalt, oder in den Einschüchterungsversuche gegen Oppositionelle. Streitbar ist dagegen die Schlussfolgerung, die ein Übergreifen des Konflikts auf andere angrenzende Länder in Aussicht stellt. In Anbetracht ausbleibender militärischer Erfolge der russischen Truppen in der Ukraine und der Vehemenz, mit der im Inland das Wort “Krieg” unter Strafe gestellt wird, erscheint eine, für einen Krieg an mehreren Fronten sicherlich notwendige, landesweite Mobilisierungskampagne einigermaßen fragwürdig.   

Wie China versucht, eigene technische Normen durchzusetzen | Deutschlandfunk

Um was geht es?

Gibt es Themen, die trockener anmuten als Normierungsverfahren? Möglicherweise. Viele werden es jedoch nicht sein. Dass es aber auch hier in Wahrheit um politische Machtkämpfe über internationale Standards und industrielle Vorteile geht, beweist dieser Bericht über die wachsende Einflussnahme Chinas im Normierungsbusiness.

Was hängen blieb:

Dieser Beitrag steckt eigentlich voller interessanter Details über Dinge, von denen man wahrscheinlich selten bis nie etwas gehört hat. Wer von euch wusste zum Beispiel, dass die EU in ihrer aktuellen Standardisierungsstrategie darauf pocht, die Macht außereuropäischer Organisationen (womit in erster Linie Huawei adressiert wird) bei der Ausarbeitung von Normen im Telekommunikationsbereich einzuschränken? Oder dass China im Zuge ihrer Seidenstraßen-Initiative zunehmend eigene Standards durchzusetzen versucht, beispielsweise im Fall von Eisenbahnprojekten in Afrika aber auch zwischen EU-Land Ungarn und Serbien? Oder dass Anfang der 2000er versucht wurde, einen alternativen WLAN-Standard zu etablieren, der sich aber unter anderem aufgrund von Sicherheitsbedenken nicht durchsetzen konnte? Da soll noch einer sagen, das Thema sei zu trocken…

© Rapid Eye Movies

100 Wörter (oder so) über: Drive My Car

„Das Leben ist eines der Härtesten“, so ließe sich das existenzialistische Drama Drive My Car von Ryūsuke Hamaguchi womöglich flapsig zusammenfassen. Yūsuke Kafuku, Theaterregisseur und Hinterbliebener, wird beauftragt, das Stück Onkel Wanja für ein Festival in Hiroshima aufzuführen. Der kürzliche Tod seiner Frau, die als Inspiration für ihre Filmdrehbücher häufig mit anderen Männern schlief, und die für Kafuku immer etwas Mysteriöses, Unerklärliches verkörperte, ist noch immer sein ständiger Begleiter, hört er doch ihre aufgezeichnete Stimme bei jeder Autofahrt besagtes Theaterstück rezitieren. Als ihm in Hiroshima die junge Chauffeurin Misaki an die Seite gestellt wird, dienen die beiden sich fortan gegenseitig als Katalysator für die Aufarbeitung ihrer jeweiligen Schicksale. Es geht um den seelischen Schmerz, der die Aussichtslosigkeit der Wahrheitssuche beschreibt, die uns vor Augen kommt, wenn wir versuchen, unser Gegenüber zu ergründen, die Leerstellen zu füllen, die uns stets ratlos zurücklassen, vor allem dann, wenn besagte Personen aus dem Leben geschieden sind und unsere fragenden Gedanken im Nichts verhallen. Drive My Car bietet keine Erlösung von diesen Fragen, sondern präsentiert sie als unvermeidlichen Teil der Existenz derjenigen, die zurückbleiben, denen nichts anders übrigbleibt, als auf Vertrauen ins Leben zu setzen und sich dem Strom der Zeit weiter entgegenzustellen, ohne dabei von der Vergangenheit verschüttet oder der eigenen Zukunft beraubt zu werden: „Man muss nun mal leben, auch wenn man‘s gar nicht will. Die Tage ableben, einen nach dem anderen, arbeiten und alt werden, sterben.“

Krise der Demokratie, Landraub in Deutschland, digitaler Kolonialismus und Yellowjackets

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Ein Video zum Status Quo der Demokratien auf globaler Ebene, ein Podcast zum Einfluss von Investoren und Spekulation auf die Landwirtschaft und Bodenpreise, ein Artikel zum Thema digitaler Ausbeutung im Bereich Crowdworking und 100 Wörter (oder so) zur Serie Yellowjackets.


Demokratien weltweit unter Druck? | Mit offenen Karten/ARTE

Um was geht es?

Eine der wichtigsten Lehren für die westliche Welt des 21. Jahrhunderts lautet: Demokratien sind keine Selbstverständlichkeit. Wenn wir uns nicht um ihren Erhalt kümmern, entgleiten sie uns und drohen, durch totalitäre Strukturen ersetzt zu werden. Dies zeigt sich auch in empirischen Untersuchungen, die nahelegen, dass der Anteil der weltweiten Demokratien tatsächlich abnimmt. Mit offenen Karten widmet sich der globalen Perspektive und gibt einen Überblick zu den Gefahren, die den pluralen Demokratie drohen.    

Was hängen blieb:

Ich glaube, der größte Mehrwert des Videos liegt darin, dass es die globale Spaltung in Sachen Demokratisierung konkret und unter Bezugnahme von Statistiken vor Augen führt. Einen beunruhigenden Anhaltspunkt bot kürzlich die UN-Resolution zur Verurteilung des russischen Angriffskriegs. Diese wurde zwar mehrheitlich von Staaten befürwortet, jedoch zeigte sich gerade mit Blick auf die Bevölkerungsverhältnisse, dass in jenen Staaten, die sich enthielten oder gegen die Verurteilung aussprachen, gut die Hälfte der Weltbevölkerung lebt. Mit Blick auf die Vielzahl der im Video angesprochenen hybriden Staaten (mit politischen Ordnungen, die sowohl autokratische als auch demokratische Züge enthalten), wird sich in den kommenden Jahren zeigen, ob es Demokratien gelingt, ihre selbstzerstörerischen Momente einzufangen und damit den aktuellen globalen Trend wieder umzukehren.

Landraub in Deutschland | radioFeature/ARD

Um was geht es?

Laut Marx begann der Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen, mit der ursprünglichen Akkumulation, der gewaltsamen oder zumindest juristisch zweifelhaften Aneignung von Grund und Boden am dem Ende der Feudalzeit. Heute, einige Jahrhunderte später, treiben die durch Spekulation angeheizten Bodenpreise vor allem den Wohnungsmarkt in immer steilere Höhen. Aber auch vor landwirtschaftlich genutzten Ackerflächen macht der Ausverkauf durch überregionale und ausländische Investoren nicht Halt. Das ARD radiofeature berichtet über die Flucht des Kapitals in das Agrargeschäft und die sich daraus ergebenden Folgen für die Industrie.

Was hängen blieb:

Der Beitrag beschreibt eindrücklich, wie vor allem ostdeutsches Ackerland in Folge der Verwaltung durch die Treuhandanstalt und ihre Nachfolger zum begehrten Investitionsobjekt wurde. Dabei wieselte man sich mitunter geschickt um die Kontrolle des Staates: Family Offices, die das Vermögen reicher Privatpersonen verwalten und vervielfachen, erwerben durch sogenannte ‚Share Deals‘ Betriebe mit zugehörigen Landflächen, die dadurch ebenfalls in den Investorenbesitz wandern. Somit lassen sich steuerliche Vorteile rausschlagen und die Genehmigungsverfahren durch Behörden umgehen, die normalerweise beim Kauf von Landwirtschaftsflächen anfallen. Als Gegenbeispiel zu solchen Methoden nennen die Journalist:innen das Vorzeigemodell Frankreich, wo durch stärkere staatliche Regulierung regionalen und jungen Bauer:innen der Erwerb erschwinglicher Flächen möglich gemacht wird. Eine ganz aktuelle Brisanz erhält der Beitrag durch die Ukraine-Krise, die die Gefahr birgt, die Kosten (vor allem für kleinere Betriebe), sowie die Spekulation auf unbestimmte Zeit weiter in die Höhe zu treiben.

Globale Arbeitsketten der westlichen KI | Netzpolitik.org

Um was geht es?

In diesem Beitrag von Netzpolitik.org aus einer Reihe zum Thema ‚Digitaler Kolonialismus‘ geht es um die verschiedenen Crowdworking-Tätigkeiten, die vielerorts an den globalen Süden ausgelagert werden. Der Preis für diese häufig stark monotone und entfremdete Arbeit ist hier oft einem unfreiwilligen ‚race to the bottom‘ zwischen Regionen mit niedrigen Medianeinkommen und hoher Armut ausgeliefert, von dem vor allem westliche IT-Unternehmen profitieren.

Was hängen blieb:

Empfohlen sei hier vor allem die Artikelreihe insgesamt, und gelobt die Idee, den Sammelbegriff „Digitaler Kolonialismus“ zu nutzen, um die Vielzahl an heterogenen Praktiken des Outsourcings und der privatwirtschaftlichen Einflussnahme durch die neuen digitalen Industrien in strukturschwachen Regionen zusammenzufassen. Der empfohlene Beitrag erläutert sehr einprägsam die persönlichen Zwickmühlen, in denen sich die beteiligten Arbeiter:innen befinden und den preislichen Unterbietungswettbewerb, der dazu führt, dass strengere Arbeitsgesetze mitunter abgelehnt werden, weil eine digitale Verlagerung zum nächstbesten Niedriglohnland befürchtet wird.

© Showtime

100 Wörter (oder so) über: Yellowjackets

Mein Serienkonsum befand sich bis zuletzt irgendwo zwischen Übersättigung und Entzugserscheinungen. Der letzte Plot, dessen Entwicklung ich mit wahrhaftigem Interesse verfolgt habe und nicht nur zur Berieselung über mich erdulden ließ, war wahrscheinlich der der letzten Staffel von The Expanse (was auch schon wieder eine Weile zurückliegt). Daher war ich umso glücklicher, als ich kürzlich auf die Serie Yellowjackets stieß. In einer Zeit, in der sich Streaming-Serien auf eine für mich nicht ganz greifbare Art oftmals sehr gleich anfühlen, strahlt Yellowjackets den sympathischen Charme der goldenen TV-Ära von einer Zeit vor Netflix aus. Vielleicht auch nur eine subjektive Empfindung, denn der Plot weist mitunter starke Anleihen zur damaligen Erfolgsserie Lost auf: In Yellowjackets stürzt nicht nur ein Highschool-Frauenfußballteam über Kanada ab und strandet in der Wildnis – auch findet die Geschichte auf zwei unterschiedlichen Narrationsebenen statt (eine erzählt die Ereignisse vor und unmittelbar nach dem Crash, die andere setzt 25 Jahre später an). Dass in der Wildnis sehr seltsame Dinge geschehen sein müssen, die einen nachhaltigen Einfluss auf das Team ausüben, und dass die Serie zudem nicht zimperlich ist, was punktuelle explizite Darstellungen angeht, wird einem schnell klar. Auch wenn ich erst zwei der insgesamt zehn Folgen der ersten Staffel gesehen habe, hat mich das exzellente Schauspiel, die einfühlsam-mysteriöse Charakterisierung der Figuren und die rätselhafte Grundstimmung bereits jetzt gepackt. Ein Manko hat Yellowjackets dennoch: Jedes Mal, wenn ich eine Folge starten möchte, muss ich mich am Titelbild vorbeiquälen, auf dem eine Wespe abgebildet ist, die auf der Backe einer Frau sitzt. Ekelhaft. Ich hasse Wespen.

Die Zukunft Europas, Demokratie im Losverfahren, Disney trifft LARP und der Auftakt von Obi-Wan Kenobi

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Ein Rückblick auf die wenig beachtete Konferenz zur Zukunft Europas, ein Podcast zur Frage, ob das Verlosen von politischen Ämtern demokratisch ist, ein ausführlicher Text über LARP und Disneys Interesse daran für ihre Themenparks und 100 Wörter (oder so) über die neue Star Wars-Serie Obi-Wan Kenobi.


Konferenz zur Zukunft Europas: Die Bilanz | ARTE

Um was geht es?

Die Konferenz zur Zukunft Europas, die in diesem Monat offiziell zu Ende ging, war ein ungewohnt bürger:innennahes Projekt, das erstaunlich wenig mediale Aufmerksamkeit bekam. Bürger:innen aus allen EU-Ländern trafen sich über ein Jahr regelmäßig und erarbeiteten in Bürger:innenforen sowie in Plenardiskussionen gemeinsam mit EU-Politiker:innen konkrete Politikvorschläge, denen sich die EU nun widmen soll. Dieser Beitrag von ARTE gibt einen Überblick zum Projekt und zeigt auf, wie es nun, nach der Konferenz, weiter geht.

Was hängen blieb:

Das mangelnde öffentliche Interesse zur Konferenz ist vor allem deswegen erstaunlich, da einige der nun beschlossenen Vorschläge nur mit einem Verfassungskonvent und damit durch Änderung der bestehenden EU-Verträge durchsetzbar sind. Die Einberufung dieses Konvents steht nun als nächstes an. Teil dieser kritischen Änderungsvorschläge ist beispielsweise die Einschränkung des Veto-Rechts und des Fokus auf Einstimmigkeit. Dies würde dazu führen, dass einzelne Staaten (wie zum Beispiel Ungarn aktuell in Bezug auf das diskutierte Öl-Embargo gegen Russland) nicht mehr die Macht hätten, die Einigungsprozesse in der EU zu blockieren. Ob es tatsächlich zu derlei tiefgreifenden Änderungen kommen wird, bleibt abzuwarten. Doch allein aus demokratietheoretischer Perspektive ist es entscheidend, dass der Bürger:innenwillen, der sich in Form des Abschlussberichtes der einjährigen Konferenz konstituiert hat, nicht von der EU-Politik ignoriert wird, sondern zu einem spürbaren Wandel führt. Um die Umsetzung dieses Willens adäquat kontrollieren zu können, wird jedoch auch ein gesteigertes mediales Interesse von Nöten sein.  

Antikes Athen: Ist Losen demokratisch? | ZEIT/Wie war das noch mal?

Um was geht es?

Ist Losen demokratisch? Diese Frage beschäftigt die Politikwissenschaften mit Blick auf die Wiege unserer Gesellschaftsform zunehmend, denn in der attischen Polis wurden politische und juristische Ämter tatsächlich zum Teil per Losverfahren besetzt. Der ZEIT-Podcast Wie war das noch mal? schaut zurück auf die Gründe für dieses ungewohnte Politikverfahren und stellt sich der Frage, ob unsere heutige Politik von einer Amtsvergabe per Zufall profitieren würde.

Was hängen blieb:

Liberale repräsentative Demokratien stecken in einer Krise, das klang schon im letzten Newsletter an. Die Idee der Losverfahren (die beispielsweise auch von der Politikwissenschaftlerin Hélène Landemore stark gemacht wird) birgt womöglich das Potential, starr gewordene demokratische Prozesse zu revitalisieren und das Gefühl gemeinschaftlicher Verantwortung und Beteiligung zu stärken. Der Podcast bietet eine prägnante Analyse dazu, wieso das Los womöglich fairer ist als der gewohnte politische Wettlauf an die Spitze.   

LARPing Goes to Disney World | The New Yorker

Um was geht es?

Themenpark trifft LARP: Im Walt Disney World Resort in Orlando, Florida eröffnete in diesem Monat (zumindest für alle Fans mit dem nötigen Kleingeld) Star Wars: Galactic Starcruiser: Eine zweitägige, immersive und verdächtig an die Serie Westworld erinnernde Rollenspielerfahrung, in der ein eigens hergerichtetes Hotel kurzerhand zum simulierten Raumschiff wird. Über die Details dieser Erfahrung, aber vor allem auch über die Hintergründe, die Disney und LARP zusammengeführt haben, berichtet Neima Jahromi für den New Yorker.

Was hängen blieb:

Ein sehr ausführlicher Artikel, der vor allem einen faszinierenden Blick auf die (nordeuropäische) LARP-Szene wirft, sowie den gesellschaftlichen Stellenwert des Live-Rollenspiels anschaulich macht. So wird beispielsweise die (mitunter staatliche) finanzielle Unterstützung von LARP-Projekten in Schweden als Förderung des zivilgesellschaftlichen Engagements verstanden. Auch beinhaltet der Text von Jahromi kluge und lesenswerte Gedanken über Eskapismus, über die Dynamiken zwischen echten und gespielten Rollen, sowie über den Einfluss von kommerziellen „Blockbuster“-Projekten wie jenem von Disney auf das gemeinschaftsgetriebene „Indie“-LARPing.

© Disney+ / Lucasfilm

100 Wörter (oder so) über: Den Auftakt von Obi-Wan Kenobi

Es wäre gelogen, wenn ich mein Interesse für Obi-Wan Kenobi mit etwas anderem als meiner Nostalgie zum Star Wars-Universum erklären würde. Die ungeliebten Prequels, die nun nach der wenig populären Disney-Trilogie allmählich ins Fahrwasser der Rehabilitierung geraten, nehmen in meinem Herzen bis heute einen besonderen Platz ein. Dass die kürzlich gestartete Serie rund um die namensgebende, von Ewan McGregor gespielte Figur die Kontinuität zu eben jener Reihe klarmachen möchte, wird schon in den ersten Minuten in ungeschönter Weise deutlich. In gleicher Manier wird in den ersten Folgen spürbar, dass mit Obi-Wan Kenobi eine Figur im Zentrum steht, die das Potential bietet, Diskurse zu vertiefen, die schon in Rian Johnsons Film The Last Jedi anklangen: Wie umgehen mit dem Erbe eines Kultes, der seine Geltung und Macht verloren hat, dessen Mitgliedern nur das Exil und die Abkehr von der eigenen Tradition bleibt? Noch dazu ein Kult, der sich mit einer Tugendethik und Unantastbarkeit brüstete, die in Zeiten einer zerfallenden Gesellschaft zunehmend an Legitimation zu verlieren scheint? „Everybody bleeds“ merkt Kenobi trocken in Folge zwei an – eine Aussage, die sich nicht nur auf seine äußerliche Verwundbarkeit, sondern auch auf seine inneren Konflikte übertragen lässt. Es bleibt spannend, zu verfolgen, inwiefern es Obi-Wan Kenobi gelingen wird, mehr als nur Nostalgiebefriedigung zu bieten, und die unbearbeiteten Leerstellen im Star Wars-Universum dafür zu nutzen, eine tiefergehende Figurenerzählung zu präsentieren.  

Politik der Geldschöpfung, Generalisierungen, Sticker als subversiver Protest und Beyond the Infinite Two Minutes

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Eine Doku über das Privileg und die Verantwortung der Geldschöpfung, ein Podcast über Generalisierungen in den Wissenschaften, ein Text über Sticker als subversive Protestform in China und 100 Wörter (oder so) über den Film Beyond the Infinite Two Minutes.


Generalisieren | Mittelweg 36

Um was geht es?

Generalisierungen und Modellfälle sind ein zweischneidiges Schwert. Im besten Fall helfen sie uns, Strukturen aufzudecken, die bis dato im Verborgenen lagen. Im schlimmsten Fall bringen sie uns dazu, Verallgemeinerungen anzuwenden, die bei genauerer Betrachtung wie ein wackeliges Kartenhaus in sich zusammenfallen. Im Podcast von Mittelweg 36 wird sich dem Thema anhand einer von Monika Krause veröffentlichten Studie mit dem Titel Model Cases. On Canonical Research Objects and Sites erörtert.

Was hängen blieb

Eine hochgradig abstrakt geführte Debatte über eine wissenschaftstheoretische Grundlagenfrage zu Archetypen und analytischen Ab- und Verkürzungen. Interessant waren für mich vor allem die Gedanken dazu, welche Relevanz diese Fragestellung für die Literaturwissenschaften besitzt, also eine Disziplin, die sich abseits von stärker empirisch geleiteten Untersuchungen in den Sozial- oder Naturwissenschaften zum Beispiel mit Fragen zu Kanons, literarischen Epochen oder Gesamtwerken von Autor:innen auseinandersetzt. 

Kann Geld aus dem Nichts entstehen? | ARTE/42 – Die Antwort auf fast alles

Um was geht es?

Woher kommt unser Geld und wohin geht es? Über die grundlegenden Fragen zu unserem monetären System wird im öffentlichen Diskurs nur sehr selten gesprochen. Was ist der Unterschied zwischen Zentral- und Privatbanken? Welche Rolle spielen beide für das Wirtschaftswachstum, warum hat die lockere Geldpolitik der letzten Jahre nicht so funktioniert, wie man es sich erhofft hat? Und warum sollte uns das überhaupt interessieren? Dieser Beitrag von ARTE geht mit sehr anschaulichen Beispielen auf all diese komplexen Fragen ein und bietet Lösungsperspektiven für die Geldprobleme unserer Zeit.

Was hängen blieb:

Der Beitrag bläst in ein ähnliches Horn wie das Interview mit Aaron Sahr, das ich vor einigen Ausgaben schon mal empfohlen hatte, daher ist es auch kein Zufall, dass besagter Soziologe auch in dieser ARTE-Reportage einer der Erklärbärprotagonisten ist. Die implizite These des Videos lautet: Geldschöpfung muss wieder politisch werden. Geschäftsbanken entscheiden durch ihr von der Gesellschaft erstattetes Privileg der Krediterzeugung in welche Richtung sich unsere Wirtschaft entwickelt. Von einem gesellschaftlich legitimierten Privileg wie diesem muss aber auch immer die Gesellschaft als Ganzes profitieren können. Wenn Kreditschöpfung nicht in der Realwirtschaft ankommt, Löhne stagnieren, dafür aber die Ausweitung der Geldmenge genutzt wird, um mit ausgefeilten Finanzobjekten zu spekulieren, muss man sich als Gesellschaft das Recht vorbehalten, das exklusive Privileg der ungehinderten Geldschöpfung auch wieder stärker zu regulieren oder im Notfall entziehen zu können. Eine wichtige Erkenntnis, die für eine progressive Geldpolitik, die allen zugutekommen soll, zum gesellschaftlichen Konsens werden sollte.

Speaking in Stickers | Real Life Magazine

Um was geht es?

Das Internet in China ist nicht nur durch eine Firewall vor Inhalten abgeschirmt, die der KP ein Dorn im Auge ist, auch die in China genutzten digitalen Plattformen wie WeChat oder Weibo unterliegen einer harschen Medienzensur, die bei jeglichem aufkeimenden Dissens abseits der Parteilinie löschend eingreift. In diesem Klima, in dem sich die explizit geäußerte Kritik einem Panoptikum der staatlichen Beobachtung ausgesetzt sieht, hat sich eine alternative Sprache des Impliziten entwickelt, die sich in Form von subversiven Stickern den Zensoren entgegenstellt.

Was hängen blieb:

Einblicke in den sozialen Alltag Chinas und den Umgang mit der totalitären Staatsführung der Kommunistischen Partei sind für mich immer hochgradig spannend. Dass Plattformen wie WeChat oder Weibo mittlerweile immer häufiger zum Schauplatz einer Katz-und-Maus-Jagd zwischen Zensoren und den Kritik übenden Chines:innen wird, hat sich kürzlich auch in der Reaktion im Netz auf die brutalen Lockdowns in Shanghai gezeigt. Es bleibt spannend, zu verfolgen, in welche Richtung sich diese Dynamik noch entwickeln wird.

© Busch Media Group GmbH & Co. KG

100 Wörter (oder so) über: Beyond the Infinite Two Minutes

Zeitreisefilme sind ein kultureller Dauerbrenner und reichen von unterhaltsamen Blockbustern wie der Zurück in die Zukunft-Reihe bis hin zu hyperkomplexen Knobelstücken wie Primer. Das Zeitreise-Thema steht allerdings auch für Altbekanntes, für Ermüdung angesichts absehbarer Motive und für den Vorwurf des Prätentiösen und Verkopften. Dem experimentellen japanischen Low-Budget-Film Beyond the Infinite Two Minutes gelingt mit seiner temporeichen Erzählung im Planmontagen-Stil die gekonnte Symbiose aus trickreichen Zeitreise-Spielereien und einem unterhaltsamen, lockeren Grundton.

Der Plot ist schnell erzählt: Als Café-Besitzer Kato eines Abends in seine Wohnung geht, sieht er auf seinem Monitor plötzlich sich selbst im Café sitzen und zu ihm sprechen – und zwar aus der zwei Minuten entfernten Zukunft. Bald schon hat sich ein experimentierfreudiges Ensemble aus Freunden um die ungewöhnliche Zeitmaschine gescharrt, die die Grenzen des Mechanismus ausloten und dabei auf unerwartete Hürden stoßen. Beyond the Infinite Two Minutes ist ein unheimlich sympathischer kleiner Film, dessen vertrackte aber immer nachvollziehbare Zeitreiseerzählung nicht nur auf ein minutiös geplantes Storyboard, sondern auch auf eine starke Liebe zur Kunst des Filmemachens hindeutet.

Russisch-chinesische Beziehungen, Sri Lankas Wirtschaft, der Supreme Court und die Zukunft der US-Demokratie und Kuration im Netz

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Ein Bericht über Asymmetrien in der Beziehung zwischen China und Russland, ein Einblick in die komplexen makroökonomischen Probleme von Sri Lanka, ein Text über die Ambitionen von US-Konservativen, zentrale demokratische Institutionen zu unterwandern und 100 Wörter (oder so) über Kuration im Internet.


Russland und China: Keine Partnerschaft auf Augenhöhe | Deutschlandfunk

Um was geht es?

China und Russland eint auf den ersten Blick mehr als sie trennt: Eine anti-westliche Außenpolitik, eine autoritäre Innenpolitik und – in Folge der russischen Ukraine-Invasion – eine zumindest augenscheinlich intensivierte Zusammenarbeit. Doch die Vorstellung zweier ebenbürtiger Partner im Kampf gegen den Westen ist trügerisch, sind doch die Einflussmöglichkeiten der chinesischen Volkswirtschaft auf dem asiatischen Kontinent um einiges umfangreicher als die Russlands, wie dieser Deutschlandfunk-Hintergrundbericht eindrücklich darstellt.      

Was hängen blieb:

Es ist wichtig, sich diese Perspektive auf die russisch-chinesischen Beziehungen vor Augen zu führen, da in vielen aktuellen Debatten gerne mal die Tatsache untergeht, dass Russland für China kein gleichrangiger Bündnispartner gegen den Westen ist, sondern ein mehr oder weniger nützlicher Idiot, der zum einen als eurasische Knautschzone fungiert, und sich zum anderen immer stärker ökonomisch abhängig macht von chinesischen Preisvorgaben. Gleichzeitig zeigt sich beispielsweise an der chinesischen Belt and Road Initiative, die auch durch die Ukraine verläuft, an der Einhaltung westlicher Sanktionsvorgaben und am Versuch, ökonomischen Einfluss in postsowjetischen Ländern Zentralasiens zu gewinnen, das asynchrone Machtverhältnis zwischen China und Russland, sowie die unterschiedlichen Ziele der beiden Staaten.

Who Really Killed Sri Lanka’s Economy? | Money & Macro

Um was geht es?

Der Inselstaat Sri Lanka steckt in einer tiefen ökonomischen und politischen Krise. Auch nach den Massendemonstrationen der letzten Wochen, die im Rücktritt von Präsident Gotabaya Rajapaksa mündeten, herrscht immer noch Unzufriedenheit und Chaos. Was genau ist der Grund für Sri Lankas Misere und wer trägt die Schuld? Davon handelt dieses Video von Money & Macro, in dem die wirtschaftlichen Abhängigkeiten und politischen Fehlentscheidungen des Landes besprochen werden.

Was hängen blieb:

Über die komplexen makroökonomischen Netze der Globalisierung und ihre Schattenseiten wird im medialen Diskurs oft nur in stark verkürzter Form gesprochen. Der Fall Sri Lanka lässt sich somit nicht einfach als Folge schlechten Wirtschaftens oder globaler Schocks erklären; auch die hohe Verschuldung in Fremdwährung, die starke Importabhängigkeit, und die Erhöhung der Leitzinsen der US-amerikanischen Zentralbank sind essenzielle Gründe, die berücksichtigt werden müssen. Zwischen privaten westlichen Investitionen, die in Sri Lanka dem schnellen Profit im Immobilienmarkt hinterherjagten, und schlecht geplanten staatlichen chinesischen Krediten, die die Korruption im Land verstärkten, stellt sich zudem die Frage, ob eine größere monetäre Unabhängigkeit Sri Lankas nicht eine der Problemlösungen sein könnte.

Demokratie unter dem Hammer | Republik

Um was geht es?

Die Entscheidung des Supreme Courts, das Grundsatzurteil Roe v. Wade zu kippen und damit das Recht auf Abtreibung effektiv auf die Kompetenzen der einzelnen Bundesstaaten zurückzuführen, entfachte hitzige Debatten über die demokratische Verfasstheit der Vereinigten Staaten. Das Narrativ der gestohlenen Wahl und die zunehmende Nichtanerkennung gemeinsamer demokratischer Grundpfeiler des US-Föderalismus durch eine rechte Politik und Justiz verfolgen mehr und mehr das Ziel, die Legitimität des Volkswillens zu untergraben. Annika Brockschmidt wagt eine Prognose über anstehende Entscheidungen des Obersten Gerichts und ihre möglichen Auswirkungen.

Was hängen blieb:

Der Text beschäftigt sich zentral mit der sogenannten ‘Independent State Legislature Theory’; eine radikal konservative Idee, die darauf abzielt, Wahlgesetze und die Entsendung von Stimmberechtigten für die Wahl des US-Präsidenten der Entscheidungsgewalt der Legislativen der einzelnen US-Staaten zu überlassen. Dank Trumps Ernennung mehrerer konservativer Richter:innen und dem spürbaren Rechtsdrall der Konservativen im Land bergen derartige Abspaltungsversuche und Umgehungen der Mehrheitsmeinungen der Bevölkerung die immer größer werdende Gefahr, Opfer einer Elitenpolitik zu werden, an deren Spitze der Machterhalt einer weißen, wohlhabenden, männlichen und religiös radikalisierten Bevölkerungsschicht steht.

Quelle: Pexels

100 Wörter (oder so) über: Produktion und Kuration im Internet

Das Internet ist ein bisweilen zwiespältiger Ort: Zum einen schweißt es die Weltgemeinschaft in nie dagewesener Form zusammen, stellt beeindruckende Horte des Wissens zur Verfügung und fungiert als Sammelbecken für Ideen und soziale Bewegungen, die international Fuß fassen. Die radikale Parallelität jeglicher Inhalte und Emotionen, der ununterbrochene und gefühlt endlose Modus des Erlebens, zu dem ‘Content-Plattformen’ verleiten, führt auf der anderen Seite allerdings auch zu psychischer Überforderung und Unwohlsein am laufenden Band.

‘Content’, das ist für Medienhistorikerin Kate Eichhorn genau dieser ununterscheidbare Fluss an Inhalten, der irgendwann zum Selbstzweck wird, in dem die distinguierbaren Eigenschaften einzelner Content-Einheiten zunehmend verschwinden. Das Internet ist in vielerlei Hinsicht heute zur idealen Content-Maschine geworden, doch schuld daran ist nicht nur eine Gleichförmigkeit von Ideen, sondern auch die fehlende Übersicht. Content-Plattformen wie Streaming-Anbieter oder YouTube scheitern entweder an einer nachvollziehbaren Aufarbeitung und Evaluierung ihrer verfügbaren Inhalte, oder schicken ihre Nutzer:innen mit Hilfe undurchsichtiger Algorithmen durch abstruse rabbit holes, die nicht selten ins rechte Schwurblerparadies führen.

Der aus der Gleichförmigkeit geborene Warencharakter von Content führt zudem zu seiner exponentiellen Ausbreitung und tut sein Übriges, um weiter zur Produktion von Überforderung beizutragen. Die einzige nützliche Waffe gegen diese Phänomene der Überproduktion und Unübersichtlichkeit ist mehr Kuration und die Schaffung von Orten, die sich dem Wust der Ununterscheidbarkeit und radikalen Parallelität entgegenstellen. Kurationen, die nicht selbst wieder zur Content-Klickstrecke werden, sondern als vollkommene Inhalte, die über bloße algorithmische Zusammenstellungen hinausgehen, aus einer menschlich-empathischen Perspektive heraus sammeln, kontextualisieren und bewerten. Gerade im Kontext zunehmender Falschmeldungen mit politischer Sprengkraft und einer fehlenden Medienliteralität scheint die Nachfrage nach Einordnung und Übersichtlichkeit umso dringlicher.

Deglobalisierung, Europa und die NATO, TikTok und der Algorithmus und Prey

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Debatten über Deglobalisierung, eine umfangreiche Analyse von TikTok für Unerfahrene, ein Text zur Zukunft der NATO und 100 Wörter (oder so) über den Film Prey:


Die wirtschaftliche Entflechtung hat einen Preis | Deutschlandfunk Kultur

Um was geht es?

Lieferketten-Schocks in Folge von Corona-Lockdowns, die Folgen einseitiger Energieabhängigkeiten von Autokraten: Die Ereignisse der letzten Jahre haben gezeigt, dass Globalisierung als sture Jagd nach den günstigsten Absatzmärkten und preiswertesten Auslagerungsstätten von Arbeitskraft zum gefährlichen Bumerang werden kann. Rufe nach Deglobalisierung sind daher so laut wie lange nicht mehr. In dieser Diskussionsrunde von Deutschlandfunk Kultur wird die Frage debattiert, wie eine solche Entflechtung in der Praxis aussehen sollte.  

Was hängen blieb:

Rein ideologiekritisch betrachtet, ist die Debatte interessant, da sich die Haltungen der Gesprächsteilnehmer:innen grob in zwei Lager einteilen lassen: Zum einen wird auf die ökologischen und arbeitsrechtlichen Effekte der bisherigen Globalisierung geblickt und eine stärkere Lokalisierung sowie Autonomie gefordert; zum anderen werden altbackene Frames bedient, die die Abhängigkeit des Fortschritts in ‚Entwicklungsländern‘ von westlichen Exporte hervorheben und die globalisierte Welt als den Kampf um (durch Deglobalisierung gefährdeten) Einfluss beschreiben. Fakt ist, dass der nachhaltigen Diversifizierung unserer Lieferketten bisher die Gier auf die billigsten Handelspartner im Weg stand. Dies zeigt beispielsweise das Versagen beim Bau einer Gaspipeline nach Südeuropa oder der schleichende Aufbau einer einseitigen Abhängigkeit von seltenen Rohstoffen aus China, die für die Verarbeitung von Zukunftstechnologien wie Solar- und Windkraftwerken notwendig sind. Hier zeigt sich, dass Kosten-Nutzen-Rechnungen, die die sozialen und ökologischen Externalitäten ausklammern, nicht den Leitwert des global organisierten Handels bilden können. Vielmehr bedarf es der Abwesenheit von einseitigen Abhängigkeiten und einer möglichst abgesicherten Verfügbarkeit von gesellschaftlich ausgehandelten, zentralen Ressourcen.

Neue Nato, alte Rezepte | Blätter

Um was geht es?

Im Lichte der Trump-Präsidentschaft attestierte der französische Präsident Macron der NATO im Jahr 2019, kurz vor dem Hirntod zu stehen. Doch Putins Angriff auf die Ukraine und die erfolgreiche Selbstverteidigung derselben, sowie der Wahlsieg der US-Demokraten scheint das angestaubte transatlantische Projekt zumindest kurzfristig revitalisiert zu haben. Welche Rolle wird (oder sollte) die NATO in Zukunft spielen? Adam Tooze analysiert in diesem auf Deutsch übersetzten Beitrag für die Blätter die strategische Relevanz des Bündnisses im Kontext der aktuellen globalen geopolitischen Lage.

Was hängen blieb:

Die geopolitischen Einordnungen von Adam Tooze sind immer ihre Lesezeit wert (besonders empfohlen sei hier sein beängstigend regelmäßiger Newsletter). Der Beitrag bietet einen guten Überblick zum komplexen Netzwerk aus russischen, europäischen, chinesischen und US-amerikanischen Interessen. Gerade in Bezug auf die Haltung zu China stellt sich die Frage, welchen Einfluss der jeweils US-amerikanische und europäische Weg auf die transatlantische Beziehung haben wird. Erwähnenswert sind auch Toozes Gedanken zur Rolle einer modernen europäischen Sicherheitspolitik, die sich aus der Demut vor den Erfahrungen des Kontinents speisen sollte, um abseits vom blinden Militarismus eine umfangreiche Strategie der Souveränität zu entwickeln.

TikTok: Life on the Algorithm | Errant Signal

Um was geht es?

Es ist wohl keine Übertreibung, zu behaupten, dass TikTok eine der wichtigsten Plattformen der modernen Netzkultur ist. Doch trotz ihrer Verbreitung, vor allem in jüngeren Generationen, ist die App für viele Leute noch immer ein Buch mit sieben Siegeln. Zusätzlich fiel Entwickler ByteDance schon des Öfteren durch Skandalmeldungen auf, beispielsweise wegen der lange unbemerkten diskriminierenden Moderationspraxis auf der Plattform. Der YouTube-Kanal Errant Signal macht sich in diesem Video zur Aufgabe, die Funktionsweisen und Dynamiken der Plattform in einer kritischen, aber nicht verurteilenden Art und Weise zu beleuchten.  

Was hängen blieb:

Das Video funktioniert wahrscheinlich am besten, wenn man (so wie ich) noch keine wirklich intensive praktische Erfahrung mit TikTok als Plattform hatte, aber auch sonst halte ich die Analysen, die im Video vorkommen, für durchaus sehenswert. Es wird detailliert auf die Entstehung der algorithmischen Blasen eingegangen, durch die TikTok seine Benutzer:innen (mal mehr, mal weniger erfolgreich) hindurch lotst. Die besonderen Qualitäten der Plattform für die Bildung einer einzigartigen kreativen Remix-Kultur werden ebenso beschrieben wie die technisch unterstützten Tendenzen zur gegenseitigen Aufstachelung und Entstehung ästhetisierter Mobbing-Kampagnen. Am Ende bleibt für mich ein ambivalentes Gefühl: Auf der einen Seite frage ich mich, wie viel Internet-Zeitgeist mir durch meine Abwesenheit auf der Plattform verloren geht, auf der anderen Seite ist da der unangenehme Beigeschmack eines vollständig maschinellen Content-Apparats, dem ich mich, mehr als auf den meisten anderen Plattform, unterwerfen muss. Am treffendsten beschreibt es der Videomacher an einer Stelle selbst: „Creators no longer create audiences and audiences no longer control what they see”.

© Disney

100 Wörter (oder so) über: Prey

Ein Geständnis: Ich habe, bis auf einzelne Ausschnitte, noch nie einen Predator-Film gesehen. Ich habe keine Ahnung, mit was für einer Erwartungshaltung man an diese Filme herangehen sollte. Doch Prey interessierte mich irgendwie. Da ist zum einen die weibliche Hauptrolle im Kontrast zum anödenden Machoismus, den ich mit der Reihe sonst verbinde, und natürlich das ausgefallene Setting, das der hochtechnisierten Jägerkultur der Prädatoren eine vermeintlich stark unterlegene entgegenstellt, die im frühen 18. Jahrhundert im Norden Amerikas ihren ganz eigenen Ritualen der Reifeprüfung und Selbstbehauptung anhängt. Prey versucht nicht, mehr zu sein als der Zweikampf, der den Konflikt über genau diese Selbstbehauptung austrägt. Im blinden Wahn der Zerstörung der jeweils größeren Bedrohung geraten alle anderen Motive in den Hintergrund und alle Bedürfnisse des Kollektivs aus dem zum Tunnelblick gewandelten Sichtfeld. Freiheit und Sicherheit, so ließe sich aus Prey nüchtern schlussfolgern, kann es in dieser Welt nur geben, solange man selbst stets als das größte Raubtier von allen hervorgeht.

Mary Shelleys Frankenstein, Chinas kränkelnder Finanzsektor, Sanktionspolitik und House of the Dragon

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Eine moderne Betrachtung von Mary Shelleys Frankenstein zwischen Proto-Science Fiction und Medizinethik, ein Beitrag über die komplexen Probleme im chinesischen Finanzsektor, eine Einordnung der Effektivität der Sanktionspolitik gegen Russland und ein Ersteindruck zur Serie House of the Dragon.


Die Erfinderin des „Frankenstein“ – Wer war Mary Shelley? | SWR Forum

Um was geht es?

Mary Shelley ist eine der faszinierendsten Schriftstellerinnen der englischen Schauerliteratur. Als Tochter der Feministin Mary Wollstonecraft und des Proto-Anarchisten William Godwin schuf sie mit Frankenstein einen Roman, der als Science-Fiction-Grundstein gleichermaßen wie als literarische Verhandlung medizinethischer Fragestellungen gelesen werden kann. Der SWR Forum-Podcast widmet sich dem Buch und unterzieht es eines kritischen Realitätsabgleichs mit unserer Zeit.   

Was hängen blieb:

Diskutiert werden vielseitige Zugangsweisen zu Shelley und ihrem Werk; biografische, genreästhetische, zeithistorische, wissenschaftliche, sowie ethisch-moralische. Die interessanteste Debatte war für mich die über den Gegensatz des Natürlichen und des Künstlichen im Roman. Das Monster als künstliche Schöpfung wird verstoßen und scheitert an der Welt, die das Natürliche normiert und romantisiert. Moderne Vergleiche werden hier gezogen zum „Retortenbaby“, das sinnbildlich für die Kontrollausübung steht, die jenen Bereich festlegt, was als wünschenswerte Schöpfung anerkannt wird. Aufzugehen in der Welt der Moderne, als ein Teil von ihr, erfordert somit nicht nur eine Debatte über das Verhältnis und die Bewertung von Künstlichem und Natürlichem, sondern – vielleicht war dies der anarchistische Geist in Shelley selbst – auch den Impuls einer Freiheit, die abseits einer klar abgesteckten Kontrolle von außen Neues und Außerplanmäßiges hervorbringt.

Protests In China: The Story Behind the Bank Scandals | Patrick Boyle

Um was geht es?

Vielleicht habt ihr in den letzten Monaten/Jahren von den vielzähligen Problemen mitbekommen, die sich aktuell im chinesischen Finanz- und Immobiliensektor abspielen: Da wären zum einen die eingefrorenen Konten von Kunden einiger Regionalbanken, die mit hohen Einlagezinsen angelockt wurden und deren Guthaben durch illegale Geschäfte veruntreut wurden. Zudem boomt die Immobilienbranche als spekulativer Investitionsmarkt im Land und bringt Gefahren mit sich, dass Kredite entweder nicht mehr bedient werden können, oder Menschen sich weigern, für Hypotheken zu bezahlen, die sich auch nach Monaten nicht im Bau realer Gebäude widergespiegelt haben. Der YouTuber Patrick Boyle versucht für Entwirrung zu sorgen und fasst die Probleme und politischen Herausforderungen Chinas in diesem Video zusammen.

Was hängen blieb:

Kein einfaches Thema, das möglicherweise mehrfaches Anschauen des Videos abverlangt, das aber einen guten Überblick zur Komplexität der chinesischen Finanzprobleme gibt, die sich zwischen den privaten Verbrauchern und Anlegern auf der einen Seite, und den politischen Liberalisierungen und Regulierungen der Regierung auf der anderen Seite hochgeschaukelt haben. Erschreckend sind vor allem Infos am Rande, beispielsweise, dass die Covid-App Chinas im Zuge der anschwellenden Proteste gegen die eingefrorenen Bankeinlagen von Lokalregierungen dazu missbraucht wurde, Menschen die Reise zu geplanten Ansammlungen zu verwehren. Das Fazit des Finanzchaos scheint wiederum zu sein, dass ein realer, spekulativ entstandener Schaden nicht aufzuhalten ist; die Frage ist nur, wer diesen letztendlich einsteckt. Wie Isabella Weber in ihrem Buch zu Chinas wirtschaftlichem Aufschwung nachgezeichnet hat, war das prägendste Merkmal der chinesischen Regierung in wirtschaftlichen Fragen in den letzten Jahrzehnten ein gewisser Pragmatismus, der gleichsam für Sicherheit und Aufstieg sorgte. Es bleibt abzuwarten, ob Xi diese Versprechen auch in Zukunft noch einlösen können wird.

Putins großer Bluff | Blätter

Um was geht es?

In Folge der gestiegenen Energiepreise hört man des Öfteren das Argument, die Sanktionspolitik gegen Russlands Angriffskrieg sei nicht effektiv: Der Krieg laufe weiter, uns fehle das Gas und Russland könne seine Ausfälle durch andere Wirtschaftsströme wieder wett machen. Dass diese These einer tatsächlichen wirtschaftlichen Analyse nicht standhalten kann, veranschaulicht Michael R. Krätke in diesem Beitrag der Blätter.

Was hängen blieb:

Zentrale Erkenntnisse aus diesem Text waren für mich zwei Dinge: Zum einen, dass Russlands Abhängigkeit vom Welthandel viel größer war als umgekehrt und dass der wirtschaftliche Schaden, den die Menschen im Land erleiden werden, signifikant sein wird. Zum anderen bleibt jedoch leider auch festzuhalten, dass die grundlegendsten Dinge für diesen Krieg – Ernährung, Munition, „Menschenmaterial“ – wohl nicht so schnell ausgehen wird. Damit wird Russlands Kriegsführung wohl oder übel zu einer Frage der politischen Durchhaltekraft des Putin-Systems, sowie des zivilgesellschaftlichen Potentials, sich diesem aktiv entgegenzustellen.

© HBO

100 Wörter (oder so) über: House of the Dragon

Fantasy-Serien sind in der Mitte des Kapitalismus – Pardon – der Gesellschaft angekommen. Millionenschwere TV-Adaptionen der Werke von beliebten Autoren mit Doppelkonsonanten im Namen repräsentieren die mediendefinierenden Leuchtturmprojekte unserer Zeit. „What a time to be alive“, denkt man sich da, zumindest für einen Moment. Doch dann kommen die mühsam verdrängten Erinnerungen wieder hoch: Daran, wie man den Patienten Game of Thrones noch Jahre nach seinem Lebenszenit auf dem Leidensweg begleitet hat, oder daran, wie es Peter Jackson geschafft hat, ein Kinderbuch von ein paar Hundert Seiten als knapp neunstündiges Epos zu verfilmen, das eher einer nicht enden wollenden Bewältigungstherapie für Jackson ähnelt, um endlich vom Stoff loszulassen, statt einer sinnvollen Ergänzung der Ur-Trilogie. Wider besseres Wissen habe ich es dennoch gewagt und zumindest in die Game of Thrones-Nachfolgeserie House of the Dragon reingeschaut. Fazit nach drei Folgen: Kann man gucken.

Ein zentrales Thema dieser Staffel ist die Frage, welche Rolle eigentlich die Frauen im Ränkespiel der Männer Westeros zu spielen haben und welche Formen der Handlungsfreiheit sich ihnen eröffnen in einem Kosmos, in dem Stammlinien altehrwürdiger Häuser wie Rosengattungen mit möglichst hohen Gewinnabsichten gekreuzt werden, ohne dabei Rücksicht zu nehmen auf den Willen derjenigen, die hier zum bloßen Spielball von Machtinteressen und dem Beharren auf Tradition werden. Leider fehlt House of the Dragon trotz teilweise kompetenter Inszenierung und interessanter Figurenmomente das letzte bisschen Raffinesse, das vor allem die frühen Game of Thrones-Staffeln auszeichnete. Manche Figuren wirken weniger ambivalent, vielen Dialogen fehlt die Pfiffigkeit, und die erzählerischen Rahmen, die bisher aufgespannt wurden, vermissen die Komplexität und Verschachtelung, die A Song of Ice and Fire zu einem Klassiker der modernen Fantasy werden ließ. Dennoch hat mich House of the Dragon zumindest genug angefixt, um erstmal dranzubleiben. Denn als zeitlich gestauchte, fiktive Fantasy-Chronik zerfallender royaler Stammlinien ist das Spin-Off-Experiment allemal interessant.

Iran und die Medien, Wasserknappheit, Nachruf auf Bruno Latour und Die Altenrepublik

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Ein Interview mit der ehemaligen Leiterin des ARD-Studios in Teheran zu den Protesten im Iran, eine Recherche zu den Hintergründen der Wasserknappheit im Zuge des Klimawandels, ein Nachruf auf Bruno Latour und eine Besprechung des Buches “Die Altenrepublik” von Stefan Schulz


Wieso wird so wenig über die Iran-Proteste berichtet? | Übermedien

Um was geht es?

Die Journalistin Natalie Amiri hat nicht nur selbst iranische Wurzeln, sondern war von 2015 bis 2020 auch Leiterin des ARD-Studios in Teheran. Sie weiß daher bestens über die seit drei Wochen andauernden landesweiten Demonstrationen und die Brutalität, mit der das Regime diesen begegnet Bescheid. Im Interview mit Holger Klein spricht sie über die Probleme der journalistischen Arbeit im Inland, aber auch über das scheinbare mediale Desinteresse im Ausland, sowie die schleppende Solidarisierung und politische Zahnlosigkeit.

Was hängen blieb:

Normale journalistische Arbeit ist im Iran aufgrund der strikten Vorgaben des Landes beinahe unmöglich, was jedoch nicht den Mangel an Reflektionen zur Situation im Iran in den hiesigen Medien entschuldigt, so Amiri. Der Modus des Ausnahmezustands oder der Krise in der vorhandenen Berichterstattung schade zudem der Bewegung, die eigentlich im Lichte eines möglichen positiven Neuanfangs dargestellt gehöre. Doch muss man aus dem Gespräch auch schlussfolgern, dass die Langfristigkeit dieser Rebellion am seidenen Faden hängt: Wer rüstet diese aus, wenn sich das Regime des Ajatollahs Chamenei nicht gewaltlos geschlagen gibt? Welchen Einfluss hätte ein Misserfolg auf den Aufbruchswillen der jungen Bevölkerung?

Nehmen Tesla, BASF & Co. uns das Wasser weg? | VOLLBILD

Um was geht es?

Durch den Klimawandel wird Wasser zum unkalkulierbaren und damit knappen Gut. Darunter leiden Landwirtschaft, unsere Wälder, aber auch zunehmend regionale Privathaushalte, die in dürren Phasen bereits zum Wassersparen angemahnt werden. Gleichzeitig profitieren wasserhungrige Privatunternehmen wie BASF von Verträgen, die ihnen das günstige Abpumpen natürlicher Wasserquellen erlauben. Wie reagiert die Politik auf dieses Problem? Der Recherche-Kanal VOLLBILD nimmt sich dem Thema an.  

Was hängen blieb:

Wasserknappheit rückt wie der Klimawandel nicht nur näher, sondern ist bereits unangenehme Realität, wie uns der diesjährige Sommer erneut schmerzhaft vor Augen führte. Der Beitrag bietet eine Reise durch die Problemstellen im Land, vom Landwirt bis zum Waldschützer, hin zu den bereits betroffenen Privathaushalten und engagierten Journalisten, die zu den teils schwierig einsehbaren Wasserverbrauchen von Firmen wie BASF recherchieren. Eine zentrale Erkenntnis: Wasser wird falsch bepreist. Dass Haushalte bereits Einsparungsvorgaben bekommen, Privatunternehmen aber noch ungestört und staatlich rabattiert das Mangelprobleme vergrößern dürfen, ist sozial ungerecht und ein Problem, das dringend politisch angegangen werden müsste.    

Der Paradigmenwechsler | ZEIT

Um was geht es?

Der französische Soziologe und Wissenschaftsphilosoph Bruno Latour ist im Alter von 75 Jahren gestorben. Welchen Eindruck hat er in der Wissenschaftswelt hinterlassen, wie sieht sein Vermächtnis aus und wie hilft uns das Denken, das er hinterließ, in der aktuellen Krise der Wissenschaftskommunikation? Ein Nachruf von Tobias Haberkorn.

Was hängen blieb:

Bruno Latour ist ein Name, der mir im Studium immer mal wieder am Rande begegnete, mit dem ich mich aber nie tiefergehend befasst habe. Die Akteur-Netzwerk-Theorie (als Beschreibung des Zusammenspiels von menschlichen und nichtmenschlichen Handlungsträgern) war mir ein Begriff, seine Erweiterung einer Erkenntnistheorie des Konstruktivismus, die über den linguistic turn hinausgeht und die Interaktion mit der nichtmenschlichen Umwelt miteinschließt, vage bekannt. Dieser exzellente Nachruf allerdings hat in mir ein großes Interesse geweckt, mal den ein oder andern Text von Latour selbst in die Hand zu nehmen. Denn mit seinem Verständnis einer Wissenschaft, die nicht nur als diskursive Einbahnstraße kommuniziert, sondern auch performativ und transparent handelt, die Erkenntnis und Politik als sich gegenseitig bedingende Bestandteile eines Experimentierfelds begreift, scheint er ein für unsere Zeit überaus fruchtvolles Gedankengebäude hinterlassen zu haben.  

100 Wörter (oder so) über: „Die Altenrepublik“ von Stefan Schulz

Liest man ein Buch, das im Titel verspricht, sich mit den Belangen der Ältesten im Land auseinanderzusetzen, gibt es eine Reihe von Themen, die man intuitiv erwarten würde: Darunter Rente, Pflege, Einsamkeit, sowie der Umgang mit dem Abschiednehmen. Viele dieser intuitiv erwartbaren Themen tauchen in „Die Altenrepublik“ zentral auf, doch ist die Protagonistin des Buches nicht die Politik des Altwerdens selbst, sondern die Demographie als eigene Akteurin, die uns zwingt, auf die von ihr geschaffenen Probleme zu reagieren; was jahrzehntelang versäumt wurde, wie hier überdeutlich festgehalten wird. Somit geht es im Buch von Stefan Schulz um vieles mehr: Die Familie im 21. Jahrhundert, die Ökonomie hinter dem Kinderwunsch, ideale Fertilitätsraten, mangelnde Geselligkeit, demokratietheoretische Problemstellungen im Zeitalter zunehmender Überalterung – und immer wieder auch um die Frage, welche Rolle eine sozial (und nicht nur leistungs-) gerechte Umverteilungspolitik bei diesen Probleme spielen müsste. Das Buch strotzt vor Statistiken und ist daher oft ein wenig sprunghaft in der Kapitelführung, und ein wenig zu kurz kommt zudem die Verdichtung der Lösungsvorschläge. Die breite Perspektive von „Die Altenrepublik“, die von neurowissenschaftlichen Erkenntnissen über die Smartphone-Sozialität bis hin zum empirischen Aufdröseln unserer Familienpolitik reicht, macht das Buch allerdings unter dem Strich – und vor allem generationenübergreifend – sehr lesenswert und liefert einige Denkanstöße über Versäumnisse und Chancen unserer demographischen Vergangenheit und Zukunft.    

Konstruktiver Journalismus im Selbstexperiment, Chinas Haltung zu Russland und die Geschichte der Erbschaftssteuer

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Eine Ankündigung in eigener Sache! Dieser Newsletter wird nun nicht nur (hoffentlich) wieder regelmäßig erscheinen, sondern auch in etwas anderer Form: Jeden zweiten Mittwoch gibt es eine reguläre Ausgabe mit drei kuratierten Empfehlungen (ein Podcast, ein Video, ein Text). Mindestens einmal pro Monat gibt es zudem einen ausgelagerten monothematischen Artikel – entweder eine etwas ausführlichere Besprechung eines Films, Buchs, Spiels oder Ähnlichem, oder ein essayistisch aufbereitetes gesellschaftskritisches Thema mit geistes- und sozialwissenschaftlichem Anspruch. So, das wars schon, und jetzt ab zu den folgenden Themen, und zwar: Einem künstlerisch anspruchsvollem Selbstexperiment zum Thema konstruktiver Journalismus, eine Auseinandersetzung mit der aktuellen chinesischen außenpolitischen Position zu Russland und ein Text über die Geschichte der Erbschaftssteuer. Viel Spaß beim Lesen, Hören und Schauen!  


Das passiert mit deinem Gehirn, ohne schlechte Nachrichten! | Selbstexperiment | DeChangeman

Um was geht es?

Sich dem täglichen Nachrichtenstrom in Zeitungen oder den sozialen Medien auszusetzen, kostet oftmals eine enorme Kraft. Die Flut von augenblicklich veröffentlichten, authentischen Live-Berichten über noch so entfernte Unglücke auf der Welt füllen schnell den eigenen Feed und wecken den Eindruck, dass unsere Welt vollständig vom Schlechten beherrscht wird. Dabei neigt der Modus der negativen Berichterstattung dazu, existierende positive Entwicklungen auszublenden oder verkürzt darzustellen. Welchen Effekt eine Mediendiät auf die Psyche hat, die sich auf konstruktiven Journalismus statt auf Negativbeschreibungen fokussiert, zeigt der YouTuber DeChangeman im Selbstexperiment. 

Was hängen blieb:

Die Videos von DeChangeman sind künstlerisch aufbereitet, klug strukturiert, angenehm gedankenanregend und inspirierend. Gestützt von wissenschaftlichen Einordnungen zeigt das dargestellte Experiment schön auf, wie die eigene Weltwahrnehmung und das Gefühl von Selbstwirksamkeit mit der Art und Weise zusammenhängen können, wie einem die Welt, ihre Probleme und deren Lösungsansätze präsentiert werden.

Autocrats‘ pact | Drum Tower

Um was geht es?

Die diplomatischen Beziehungen zwischen Russland und China sind bisweilen aus einer europäischen Perspektive schwer zu entziffern. Der Beginn der Ukraine-Invasion traf die chinesische Regierung unvorbereitet, die im Zuge ihres Seidenstraßenprojekts auch Gelder in die Ukraine investierte hatte. Nach anfänglicher politischer Unklarheit ließ sich allerdings schnell erkennen, dass eine Verurteilung des russischen Angriffskriegs aus Peking nicht zu erwarten war. Der Podcast Drum Tower von The Economist nimmt sich dem Thema an, offenbart im Interview mit chinesischen Experten so manche Widersprüchlichkeiten und erklärt, wie die KP ihre wichtigsten außenpolitische Ziele definiert.

Was hängen blieb:

Interessant waren für mich hier zwei Dinge: Zum einen, wie das Thema Ukraine-Krieg auf den digitalen chinesischen Plattformen dargestellt wurde (die Politisierung durch nationalistische putin-freundliche Propaganda und die zunehmende Zensur von pro-ukrainischen Positionen) sowie die Interview-Ausschnitte aus dem Gespräch mit dem Uni-Professor Wang Yiwei, dessen Aussagen teilweise eine kritischere Sichtweise auf das russische Handeln und die chinesisch-russische Beziehung offenbarten, gleichzeitig aber die anti-westliche Grundhaltung und die daraus teilweise entstehenden Paradoxien deutlich aufzeigt. 

Die Besteuerung des Reichtums. Die Erbschaftsteuer in Geschichte und Gegenwart | Geschichte der Gegenwart

Um was geht es?

Das deutsche Steuersystem ist immer wieder Gegenstand polarisierender Debatten: Die einen beklagen sich (meist mit Blick auf die Einkommenssteuer) über vermeintliche überdurchschnittlich hohe Steuersätze, andere diskutieren die Ungleichbehandlung und Vorzüge, die vor allem hochvermögende Steuerzahler:innen genießen sowie die demokratietheoretischen Probleme, die sich daraus ergeben. Zu letzteren zählt auch der Autor folgenden Textes, der die Entwicklung der Erbschaftssteuer in Deutschland nachzeichnet und mit anderen historischen Beispielen westlicher Demokratien vergleicht.

Was hängen blieb:

Da die Debatte um das deutsche Steuersystem oftmals sehr populistisch geführt wird und häufig der Gedanke entsteht, die heimischen Sätze seien gerade im internationalen Vergleich besonders hoch, lohnt es sich sehr, diesen Text zu lesen, da er gekonnt aufzeigt, dass diese Vorstellung zumindest im Fall von besessenem und vererbtem Vermögen nicht zutrifft. Der Blick in die Geschichte offenbart, wie Deutschland erbschaftssteuertechnisch nicht nur häufig historisches Schlusslicht war, sondern dass die Alliierten den vergleichsweise niedrigen Erbschaftssteuersatz nach dem Krieg erst anhoben, ehe dieser kurz drauf von der BRD wieder dramatisch gesenkt wurde. Eindrucksvoll wird auch nochmal aufgezeigt, wie die neoliberale Wende seit den 1980ern zunehmend auf internationaler Ebene Vermögende entlastete, während Arbeit und Konsum eine immer stärkere Steuerbelastung erfuhren.

Die deutsche Linke und Russland, Videospiel-Remakes und die Encyclopédie der Aufklärung

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Ein Artikel über unkritische anti-westliche Dispositionen in Teilen der Linken, sowie deren problematische Beziehungen zu Russland; ein Video über die Frage, ob Videospiel-Remakes stärker strukturelle Design-Änderungen und -Kürzungen durchführen sollten; und ein Podcast über die ‘Wikipedia der Aufklärung’ und deren subversive Kritik an den Mächten ihrer Zeit. In den nächsten Tagen folgt zudem (sofern alles klappt) ein kleiner Artikel zum Thema moralischer Konsum und Kultur als eigenständige Sphäre am Beispiel von Hogwarts Legacy und Atomic Heart. Viel Spaß nun aber erstmal mit der neuen Newsletter-Ausgabe!


Der Verlust der politischen Heimat | taz

Um was geht es?

Während die gesellschaftlichen und globalen Probleme unserer Zeit, allen voran die Klimakatastrophe und die wachsende Ungleichheit, von einer starken linken Stimme in der Politik profitieren würden, ist vor allem die hiesige Linke mit internen Lagerkämpfen beschäftigt. Nicht nur der Zwiespalt zwischen vermeintlichen ökonomischen und ‚Kulturlinken‘ steht dabei im Zentrum, auch die seit jeher problematische Nähe zu Russland und die historische Verklärung sowjetischer Unterdrückung sind im Kontext der Ukraine-Invasion in den Fokus gerückt. Für die taz schrieb Anastasia Tikhomirova über die unkritische anti-westliche Gesinnung und den daraus resultierenden blinden Fleck einiger Linken für autoritäre Unterdrückung.

Was hängen blieb:

Der Text bringt überzeugend auf den Punkt, wie eine linke Politik, deren Identität aus einer nicht mehr entwirrbaren Melange aus anti-westlichen und anti-kapitalistischen Grundhaltungen besteht, das dynamische (Neu-)Denken von realen Unterdrückungsverhältnissen zu Gunsten von in der Zeit eingefrorenen Freund-Feind- und Ost-West-Unterscheidungen aufzugeben droht. Dabei zeigt sich, gerade auch mit Blick auf die eigentlich hochgehaltenen historischen Figuren der linken Denktradition, wie eine eigentlich kritische und nicht rückwärts gerichtete Auseinandersetzung mit Ungerechtigkeit, Freiheit und Unterdrückung aussehen könnte.  

SCHNEIDEN statt STRECKEN: Sollten Remakes KÜRZER werden? | Hooked

Um was geht es?

Remakes und Remasters gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Der ‚Retro‘-Begriff ist dabei zum dominanten kulturellen Referenzpunkt geworden: Das Gestern ins Heute bringen, den Geist einer Vergangenheit neu (oder gar zum ersten Mal) erleben, eine authentische, in Raum und Zeit eingeschriebene Erfahrung verdinglichen und für die Nachwelt festhalten. Dass die Auseinandersetzung mit der Urfassung im Entwicklungsprozess eines Remakes allerdings aus mehr bestehen kann, als einer akkuraten, um ein paar Schmankerl erweiterten Nachbildung, darüber spricht Thomas Goik vom Kanal Hooked in diesem Video.

Was hängen blieb:

Das Video bietet einen interessanten Denkanstoß zu einem Thema, über das zumindest ich mir bis dato wenig Gedanken gemacht habe. Ausgangspunkt ist eine Debatte, die wir in anderen Kulturbereichen auch gelegentlich sehen (dort oft aus ganz anderen Gründen), und zwar der Frage nach der ‚Unantastbarkeit‘ eines Klassikers im Umgang mit seinen Neuauflagen. Statt um sprachliche Anpassungen geht es hier allerdings vor allem um Gameplay-Design und spielerische Längen: Sollten neu aufgelegte Spiele ‚gestrafft‘ und von ihren Unannehmlichkeiten befreit werden? Oder ermöglichen vielleicht gerade diese vermeintlichen Schwächen einen interessanten historischen Vergleich zur Veränderung von spielerischem Design? Fragen, die sich nicht final lösen lassen, die aber interessanten Stoff zum Nachdenken und Vertiefen bieten. Vielleicht werde ich darauf irgendwann noch mal zurückkommen…

Die Wikipedia der Aufklärung | Besser Wissen

Um was geht es?

Die Wikipedia ist die wahrscheinlich beeindruckendste Wissenssammlung der Menschheit und ein Leuchtturmprojekt für die Demokratisierung von Bildungszugängen und die Ideale der Aufklärung. Dabei hatte eben jene Epoche bereits ihre ganz eigene Encyclopédie: Das 1752 gestartete 35-bändige Mammutprojekt von Denis Diderot und Jean Le Rond d’Alembert wurde von den regierenden Mächten der Zeit ebenso gefürchtet wie geschätzt und vereinte in sich umfangreiches Wissen und subversive Gesellschaftskritik. Im Gespräch mit einer der Herausgeber:innen der deutschsprachigen Ausgaben, Anette Selg, geht der Golem-Podcast Besser Wissen der Geschichte des Projektes auf den Grund.  

Was hängen blieb:

Die editorischen und geschichtlichen Einblicke von Herausgeberin Selg bieten eine interessante Perspektive auf das Selbstverständnis und die Intentionen hinter der Encyclopédie, sowie ihre Rezeption zur damaligen Zeit. Hervorzuheben war hier für mich vor allem die Doppelrolle des Werkes als eines, das den Zensoren der religiösen und staatlichen Mächte ein Dorn im Auge war, aber gleichzeitig im Privaten bisweilen als Prestigeobjekt ins eigene Regal gestellt wurde. Spannend waren auch Selgs Kommentare zur Systematisierung des Wissens in der Encyclopédie, das in einer Baum-Form dargestellt wurde, da von dieser ‚botanischen‘ Herangehensweise an die Strukturierung des Philosophierens auch später noch des Öfteren Gebrauch gemacht wurde.

Über ethischen Spielekonsum und kulturelle Emanzipation

Entgegen der Vorstellung, dass Videospiele die letzte Bastion der unpolitischen Unterhaltung darstellen, haben viele kulturelle und journalistische Debatten der letzten Jahre immer wieder erfolgreich die gesellschaftliche Position und Verantwortung der Branche hervorgehoben: Sei es die Aufarbeitung von Bewegungen wie GamerGate und deren Verbindungen zum neurechten Kulturkampf, seien es Reportagen über schlechte Arbeitsbedingungen, Übergriffigkeit und Machtmissbrauch in namenhaften Entwicklungsstudios, oder ideologiekritische Anmerkungen zu Spielen wie Anno 1800 oder Kingdom Come: Deliverance – Videospiele sind ebenso vom Politischen durchzogen wie alle andere Kulturgüter und Kultur im Allgemeinen. Trotz dieser Menge an größtenteils aufklärerisch ausgerichteten Ansätzen der letzten Jahre, hat es ein Videospieldiskurs aus jüngster Zeit geschafft, die kulturkritische Auseinandersetzung mit Spielen auf eine bis dato unbekannte Ebene zu hieven: Geboren war der (mehr oder weniger) erste medienwirksame konsumethische Boykott eines Videospiels.

Die Rede ist natürlich von Hogwarts Legacy, dem lang erwarteten AAA-Prequel aus dem Harry Potter-Universum. Dessen geistige Schöpferin Joanne K. Rowling hat sich in den letzten Jahren immer wieder transfeindlich geäußert und dabei unmissverständlich klar gemacht, dass sie Menschen, die sich nicht mit dem zu ihrer Geburt zugeteilten Geschlecht identifizieren, entweder als Gefahr für cis Frauen betrachtet, oder als geistig verwirrte Teenager, die vor sich selbst geschützt werden müssten. In Kombination mit ihrem freundschaftlichen Verkehr mit weiteren Gestalten der sogenannten ‚genderkritischen‘ Bewegung, die bisweilen enge Verbindungen zu rechten und konservativen, fundamentalreligiösen Organisationen aufweisen, lässt sich festhalten, dass die reichweitenstarke Erschafferin des Harry Potter-Franchise im ‚günstigsten‘ Fall hochgradig naiv ist und sich bereitwillig ideologisieren lässt; im schlimmsten Fall aber genau weiß, was sie da tut, wofür sie ihr Sprachrohr nutzt und welches Leid sie damit mitunterstütz und befeuert.

Als sich Hogwarts Legacy also allmählich dem Release näherte, wurden die Stimmen derjenigen immer lauter, die sich zur Aufgabe machten, eben jene Probleme rund um JKR in die Welt zu tragen, und die unauflösbaren Verbindungen des bald erscheinenden Spiels zur Schöpferin aufzuzeigen. Drei Argumente entwickelten sich hierbei zum Kernrepertoire der Ablehnung gegen das Spiel – im privaten Konsum als auch in Form von publiziertem Video-Content:

  1. Die finanzielle Verbindung. Auch wenn JKR bereits als mehrfache Milliardärin angesehen werden muss, ist jede Summe, die ihr aus Lizenz- und Royalty-Verträgen zukommt, ein potenzieller Beitrag für ihre Unterstützung von anti-trans Initiativen.

  2. Die ungehemmte Aufmerksamkeit. Eine weitere, unreflektierte Sichtbarmachung des Harry Potter-Franchise sei damit nur eine Aufrechterhaltung der öffentlichen Position Rowlings, die weiterhin medial ‚Thema‘ bleibt, und deren Politik und Perspektive damit Relevanz behält.

  3. Die Solidarisierung mit trans Menschen. Dieses Argument bezog sich darauf, dass viele Menschen den Boykott (finanziell als auch medial) als diejenige Aktion verstanden, die mit vergleichsweise geringen ‚Eigenkosten‘ ein sichtbares Zeichen setzen könne, das ‚allyship‘ und Verbundenheit ausdrückt.

Zwei weitere Argumente, die des Öfteren Thema waren, möchte ich kurz noch einwerfen, aber direkt etwas entkräften: Zum einen wurde (zurecht) wiederholt auf die antisemitischen Darstellungen der Kobolde in der Urvorlage hingewiesen, und mit Blick auf die zentrale Rolle Selbiger im kommenden Spiel ähnlich Stereotypes erwartet. Auch wenn das Design der Kreaturen im Spiel im Kontext der Vorwürfe weiterhin fragwürdig erscheinen mag, so wurden die meiste Kritik hierbei nur anhand von Trailer-Material vorgebracht, währenddes das finale Spiel auf der Plot-Ebene scheinbar keine so eindeutige stereotyp-diskriminierende Darstellung aufweist und auch sonst ein eher progressives Bild zeichnet. Ein zweites Argument, das gelegentlich vorgebracht wurde, war eine angebliche Aussage Rowlings, die sich darum drehe, dass sie jegliche Unterstützung ihres Franchise als Unterstützung ihrer politischen Weltsicht auffasse (hierbei handelte es sich um eine sehr freie Interpretation dieses Tweets).

Extrapoliert man diese These auf den Menschen als Konsumwesen, wie er durch den Alltag navigiert, würde das jedoch bedeuten, dass jegliche Weltanschauungen von Produzenten von Konsumgütern, für die ich bezahlt habe, die meinen notwendigerweise widerspiegeln müssten. Hierbei wird nicht sauber differenziert zwischen der Wirkung, die mit einer Konsumhandlung einhergeht und einer implizierten zwangsläufigen ideologischen Verbundenheit, die zwischen Käufer:in und Verkäufer:in dieser Logik nach besteht. In den meisten Fällen stellt sich diese Annahme schon allein deswegen als falsch heraus, da ich keine Ahnung habe, welche Menschen mit welchen Ansichten hinter den Produkten stecken, die ich konsumiere. Ich muss nicht die vollumfänglich identische Meinung eines Sachbuchautoren zur Welt teilen, um seinen Text als interessanten Meinungsbeitrag betrachten zu können, der mich bereichert. Es kann mir auch egal sein, welche Meinung ein Produzent von Jogurts im Privaten zum Thema Erbschaftssteuern hat, auch wenn meine eigene Haltung dazu gänzlich anders ausfällt. Ein seltsames Argument also, das unfreiwillig verschleierte, um was es im Kern bei der Hogwarts Legacy-Debatte tatsächlich ging: Nämlich darum, realen Schaden zu verhindern, der Unterstützung von öffentlicher Agitation gegen Minderheiten durch die Verweigerung von Geld und Reichweite zu entsagen und Solidarität mit einer gesellschaftlichen Minderheit auszudrücken.

Auch wenn diese ‚aktivistische Handlungsempfehlung‘ im öffentlichen Diskurs als Boykott bezeichnet wurde, ist es interessant zu sehen, wie schwierig diese Einordnung im Fall Hogwarts Legacy bei genauerem Blick eigentlich fällt. So findet sich beispielsweise im Wikipedia-Artikel zum Thema ‘Boycott’ folgender Satz: “The purpose of a boycott is to inflict some economic loss on the target, or to indicate a moral outrage, to try to compel the target to alter an objectionable behavior”. Während der “moral outrage” als Verurteilung der transfeindlichen Aussagen Rowlings gegeben ist, fällt es bereits viel schwerer, JKR als das Ziel der Debatte zu betrachten, von dem sich ein Wandel erwünscht wird. Auch die Zieldefinition im Artikel zum Thema ‘Consumer activism’ scheint nur in Teilen zu passen: „Consumer activism seeks to change how goods or services are produced in order to make the production process safer, more ethical, more environmentally friendly, and to make the products themselves safer and of better quality, or more available to consumers”. Die Forderung eines konkreten Verhaltenswandel auf Seiten der Produktion war nie wirklich Teil der Debatte rund um Hogwarts Legacy; das Entwicklungsstudio war zwar bisweilen selbst Gegenstand der Diskussion, dies aber nur recht kursorisch. Ebenso lässt sich, wie oben erwähnt, festhalten, dass der Boykott des Harry Potter-Franchises nie als Methode verargumentiert wurde, um JKR zur Einsicht zur bringen. Nochmal die Definition aus dem Wikipedia-Artikel: “Consumer activism challenges corporate practices in order to effect a change in production, or attempts to modify the behavior of consumers themselves“.  Wenn das Abrücken von einer Handlungspraxis einer Firma hier nicht das Ziel ist, dann bleibt also nur noch die Konsumentscheidung des Subjekts selbst als Gradmesser für den Erfolg oder Misserfolg eines ethischen Boykotts wie dem um Hogwarts Legacy.

Denn der Kampf gegen die Popularität des Harry Potter-Universums war von Anbeginn ein Kampf gegen Windmühlen, zumindest wenn das eigens gesteckte Ziel der finanzielle Schaden des Studios (und damit indirekt von JKR) war, sowie die Eindämmung von medialer Aufmerksamkeit für das Franchise und damit dessen Schöpferin. Nach den ‚klassischen Kriterien‘ des Boykotts wäre dies also von Anbeginn ein zum Scheitern verurteilter Ansatz gewesen. So bleiben in meinen Augen zwei Hauptgründe, die für die Debatte sprechen, wie sie sich letztendlich abgespielt hat: Zum einen besteht im kollektiven Gedanke einer geeinten Tat, in dem Fall des Boykotts, tatsächlich ein symbolisches solidarisches Element. Wenn Teile der trans Community dies als empathische Identifikation mit ihrer gesellschaftlichen Position verstehen, dann lässt sich das schwer in Abrede stellen, auch wenn Abseits vom Symbolismus wenig davon verfangen mag. Der zweite Punkt, der für mich den entscheidenderen darstellt, ist der, dass gerade durch die Aufmerksamkeit und Popularität rund um Harry Potter eine enorme Masse an Menschen erreichbar schienen, die bisher weder von JKRs politischen Gender-Ansichten Bescheid wussten, noch von der Situation von trans Menschen allgemein.

Die Art und Weise, wie die Diskussion hierbei geführt wurde, hatte jedoch Licht- und Schattenseiten: Zwar war es richtig, auf die Politik Rowlings und auf die möglichen unterstützenden Effekte eines weiteren Geldflusses in ihre Richtung hinzuweisen, aber die starke Gleichsetzung des kommerziellen Franchise mit dem historisch gewachsenen Harry Potter-Fantum war argumentativ womöglich fatal und hat für Gräben gesorgt, die es nicht hätte geben müssen. Hier geht es für mich um mehr als eine simple, semiologisch fixierte Trennung von Autorin und Werk; ja, ein Werk lässt rein immanent Schlüsse zu, die über die Äußerungen einer realen Autorin hinausgehen, aber dies befreit einen auch nicht von der Verantwortung, die mit dem in die Welt gesetzten Wort einher geht. Dennoch würde ich dafür plädieren, dass es eine soziale Sphäre der Kultur gibt, die über die durch Rechtefragen abgesicherten Besitzverhältnisse hinausgeht.

Besonders im Fall von Harry Potter, einem Franchise, das eine Größe angenommen hat, bei der sich die Fankultur verselbstständigte und zunehmend von einer Heiligenverehrung der Schöpferin emanzipierte, lassen sich gute Gründe finden, nicht einfach so zu tun, als handele es sich bei der kulturellen Teilhabe daran um etwas prinzipiell Verdammenswertes. Im Gegenteil, das Gute, das durch das Fantasy-Universum in die Welt gebracht wurde, die lebensbejahende Erzählung, die schönen Erinnerungen und sozialen Verknüpfungen könnten einen potenziellen Schutzschild gegen all das Schlechte bilden, das JKR durch ihre Agitation der letzten Jahre verbreitet hat, und im Geiste dieses Gedankens gibt es bereits das ein oder andere Projekt aus der Community. Auch lässt sich zumindest darüber nachdenken, ob ausgerechnet im Bereich Kultur eine solch enge Sicht auf ‚legitime Besitzverhältnisse‘ und Copyright-Ansprüche einzelner Personen und Firmen (übrigens auch aus postkolonialer und anti-eurozentristischer Perspektive) nicht bereits im Kern als kritisierbar gesehen werden darf – ein Bereich, der so sehr von Adaption, Weiterentwicklung, und der Atmosphäre des Intersubjektiven Austauschs lebt. Eine stark emanzipierte Fan-Sphäre, die eine Aneignung des Harry Potter-Universums abseits von JKRs Einfluss anpeilt, könnte einen interessanten Präzedenzfall für ein solches Gedankenexperiment darstellen.

Hiermit könnte der Artikel eigentlich enden, wäre nicht unmittelbar nach der Debatte um Hogwarts Legacy ein ganz ähnliches Thema entbrannt, dessen mediale Verarbeitung jedoch auch Unterschiede aufwies. Atomic Heart von Studio Mundfish, das Büros in Russland bezieht und auch weitere Verbindungen zu russischen Geldgebern und Staatskonzernen aufweist, geriet nach jahrelanger Entwicklungszeit ins Fadenkreuz der Kritik und wurde letztendlich sogar Ziel eines Boykottaufrufs des ukrainischen Digitalministers. Eigentlich war die Situation hier eine ganz Ähnliche:

  1. Es gab eine direkte (diesmal hauptsächlich finanzielle) Verbindung vom Spieletitel zu einem Akteur (in diesem Fall russische Staat), der hochgradig kritisch betrachtet wird und seine Mittel für Schädliches einsetzt

  2. Es gab einen Boykottaufruf einer Lobby, die unter den schädlichen Taten leidet (die Ukraine, beziehungsweise der Digitalminister des Landes)   

  3. Es kam die Frage auf, ob besagtes Spiel problemlos gespielt werden könne, ohne einen Schaden anzurichten oder unsolidarisch zu sein

Vielleicht lag es daran, dass die Hogwarts Legacy-Debatte bereits in erschöpfender Länge ausgewalzt wurde und viele Diskutanten müde waren; vielleicht lag es an der Unbekanntheit von Atomic Heart im Vergleich zur epischen Popularität von Harry Potter; auf jeden Fall schien das Thema nicht im gleichen Maße eine Debatte loszutreten und die Gemüter zu erhitzen, wie noch im Fall Rowling. Trotz medialer Aufarbeitungen der Situation fielen die thematischen Sondersendungen auf Twitch zum Thema Atomic Heart größtenteils aus. Ohne in die Whataboutism-Falle tappen zu wollen, lässt sich hierbei zumindest aufzeigen, wie unterschiedlich die Bewertung von gesellschaftlicher Relevanz und der daran angepasste Eifer für die Diskursteilnahme sein kann, abhängig von eigenen peer-groups und den jeweiligen Bündnissen im Netz. Während die Probleme von trans Menschen bei vielen sozialaktivistischen Gruppen auf Twitter oder Twitch ein zentrales Thema darstellen, ist die Beschäftigung mit geopolitischen Konflikten wie dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine ein Thema, das hier eher seltener eine breite Diskussion erfährt – dies soll auf keinen Fall eine wertende, sondern eine rein analytisch-beobachtende Aussage sein.

Was lässt sich aus den vorangegangenen zwei Debatten mitnehmen? Zum einen scheint es weiterhin wichtig zu sein, Videospiele in all ihren kulturellen und gesellschaftlichen Kontexten zu beleuchten und ein Schlaglicht auf Problemfelder wie toxische Arbeitskultur oder minderheitendiskriminierende Aussagen zu werfen und die Akteure hinter solchen Problemen klar zu benennen. Außerdem lässt sich in der teils unterschiedlichen Rezeption im Fall von Hogwarts Legacy und Atomic Heart und mit Blick auf deren rein inhaltlich einigermaßen deckungsgleichen Beweggründe festhalten, dass die mediale Intensität, in der eine Debatte geführt wird, nicht zwangsläufig ein Indikator für die Einzigartigkeit des diskutierten Problems ist. Im Sinne eines sozialen Fortschrittsgedankens scheint mir zudem wichtig zu sein, Taktiken abseits von einem reinen Symbolismus zu bemühen, der sich darauf beschränkt, die eigene in-group besser von der zu meidenden out-group unterscheiden zu können, und die moralische Erhebung als oberste argumentative Maxime etabliert. Dies bedeutet im Fall Harry Potter, dass eine Perspektive, die verkennt, welche Rolle die Buchreihe für viele Menschen ganz unabhängig von ihrer Schöpferin spielt, auch verkennt, woher die Emotionalität in vielen Auseinandersetzungen stammt. Es verkennt die zumindest kulturelle Irrelevanz einer einzelnen Schöpferfigur in der Tradierung eines Werks über Jahrzehnte und unterschätzt die sozialen Aneignungsfähigkeiten sozialer Gruppen von Kultur. Genau hier hätte sich diskursiv die Chance eröffnet für ein argumentatives Kombi-Angebot aus Aufklärung zu Rowling, Bitte um finanzielle Nicht-Unterstützung und Anerkennung einer emanzipierten Weiterführung des Harry Potter-Erbes. Trotz dieses nüchternen Fazits bin ich mir jedoch sicher, dass die Debatte dennoch einiges erreicht hat und das Wissen über die Probleme rund um Rowling in Ecken der Bevölkerung brachte, die diese bisher nicht auf dem Schirm hatten. Wir werden dann spätestens bis zum Release von Hogwarts Legacy 2 sehen, als wie langfristig sich diese Aufklärung herausstellt; denn allzu schnell wird dieses Franchise nicht von der Bildfläche verschwinden.

Erdogan und das Oppositionsbündnis, Thesencheck zum Krieg in der Ukraine, Japans Zukunft und Vergangenheit

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Ein Hintergrundbericht in Podcast-Form über die Nachwehen des Erdbebens in Syrien und der Türkei, über die anstehenden türkischen Parlamentswahlen und die Probleme des Oppositionsbündnisses; ein ausführliches Video über gängige verkürzte und falsche Darstellung zum Krieg in der Ukraine und den historischen Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland; und ein Text über Japans demographische, ökonomische und politische Zukunft (und die Gefahr des Ausbleibens dieser). Viel Spaß beim Lesen!


Abstimmung über die Zukunft des Landes und ihres Präsidenten | Deutschlandfunk

Um was geht es?

Auch Wochen nach den verheerenden Erdbeben in Syrien und der Türkei sind weiterhin hunderttausende Menschen obdachlos. Während die Parlamentswahl in der Türkei allmählich näher rückt, werden die Stimmen lauter, die Pfusch am Bau und Korruption im Baugewerbe als Gründe für das Ausmaß der Zerstörung benennen. Ein Oppositionsbündnis aus sechs Parteien hat sich nun zum Ziel gesetzt, Erdogan von seiner Machtposition zu verdrängen und das 2017 durchgesetzte Präsidialsystem wieder durch eine parlamentarische Demokratie zu ersetzen. Gunnar Köhne berichtet über die Lage im Land und die Chancen und Probleme der Opposition gegen Erdogan.

Was hängen blieb:

Der Beitrag ruft unangenehme Erinnerungen an andere Autokraten wach, die in den letzten Jahren ein nur widerwilliges Interesse daran zeigten, ihre Macht nach verlorener Wahl abzugeben. So wird unmissverständlich klar, dass sich auch trotz der statistischen Möglichkeiten auf eine Abwahl große Probleme identifizieren lassen, darunter die Beteiligung einer zugkräftigen nationalistischen Partei im Oppositionsbündnis, die Möglichkeit von Wahlbetrug, die enge Kontrolle Erdogans von Medien, Militär und Polizei, sowie im Beitrag erwähnte drohende Korruptionsklagen gegen Erdogan, sollte er den Präsidentensitz räumen müssen. Die Aussichten auf einen friedlichen Machtwechsel scheinen damit gefährdet zu sein.  

Thesencheck: Diese 8 Behauptungen über den Krieg in der Ukraine sind falsch | Eberhard Karls Universität Tübingen

Um was geht es?

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine zieht seine Spuren nicht nur über das physische Schlachtfeld, sondern ist zugleich auch ein Medienkrieg, sowie ein diskursiver Konflikt über die Frage der ‚richtigen‘ Reaktion und Mitverantwortung der westlichen Staaten. Im Wissen, bei großen Teilen der Bevölkerung an unkritische, pro-russische Dispositionen gegen die Staaten der NATO anknüpfen zu können, ergreifen Figuren wie Sarah Wagenknecht und Alice Schwarzer die Gunst der Stunde und agitieren mit unzutreffenden oder verkürzten Darstellungen der Lage gegen die Legitimität der ukrainischen Selbstverteidigung. Der Professor für Osteuropäische Geschichte Klaus Gestwa von der Universität Tübingen hat sich acht solcher inakkuraten Thesen zum Krieg und zum ukrainisch-russischen Verhältnis genauer angesehen, ausführlich analysiert und widerlegt.

Was hängen blieb:

Videos dieser Art würde ich mir viel häufiger wünschen als die knappen und wenig ins Detail gehenden Fakten-Checks/Hintergrundberichte, die man sonst oftmals findet. Gestwa bietet einen guten geschichtlichen Überblick zur nationalen Entwicklung der Ukraine, über die historischen Zugehörigkeiten von Krim und Ostukraine, über Putins strukturell imperialistische Politik und die vertraglich festgehaltenen Verhältnisse zwischen NATO und Russland in den Jahrzehnten vor Invasionsbeginn. Die üppige Quellenliste macht das Video zudem zu einem Dokument mit Überzeugungskraft, das seine Wirkung womöglich auch bei den ein oder anderen ‚Both-Sides-Skeptikern‘ im Familien- oder Freundeskreis entfalten könnte.

Japan was the future but it’s stuck in the past | BBC

Um was geht es?

Obwohl Japan weiterhin ein Mekka für Nerdkultur ist (trotz Konkurrenz durch den popkulturellen soft power-Riesen Südkorea), sieht die allgemeine Zukunft des Landes weniger rosig aus; die demographische Entwicklung zeichnet eine massive Überalterung und nur geringe Geburtenraten ab, während die wirtschaftliche Lage mit Deflationssorgen und stagnierenden Löhnen kränkelt. Japan braucht dringend einen Wandel, dessen ist sich Rupert Wingfield-Hayes, Autor dieses nicht mehr ganz taufrischen, aber dennoch lesenswerten Artikels sicher.

Was hängen blieb:

In vielerlei Hinsicht lässt sich Japan als Spiegelbild zu Entwicklungen begreifen, die auch hierzulande eine immer dringlichere Präsenz einnehmen. Besonders aufschlussreich sind dabei Wingfield-Hayes Beobachtungen zu Japans Einwanderungspolitik und die Feststellung, dass das Land im Balanceakt zwischen kultureller Tradition und technologischer Moderne droht, das Klammern an der Stasis einer sozialen Homogenität als höchstes Ideal zu definieren. Eine zentrale Rolle spielt dabei auch die jahrzehntelange Kontrolle der LDP (Liberal Democratic Party), deren zunehmend rechte Politik von Wingfield-Hayes als Fortführung einer Elitenmacht interpretiert wird, die sich bis in die Zeit der Meiji-Restauration zurückführen lässt.

Die Krise der Streaming-Anbieter, Queersein in Afrika, Sklaverei und die britische Industrialisierung

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der (katastrophal verspäteten) Grübelkiste: Ein Artikel über die These, dass ‘Peak TV’ seine Talfahrt begonnen hat; ein Videobericht über den langen Schatten des Kolonialismus und anti-queere Gesetze in Afrika; und ein Podcast über zwei Ökonomen, die in einer Studie untersucht haben, inwiefern die britische Industrialisierung vom System der Sklaverei profitiert hat.


Peak TV Is Over. Welcome to Trough TV. | SLATE

Um was geht es?

Als vor einigen Jahren das Zeitalter der Streaming-Anbieter eingeläutet wurde, waren die Erwartungen groß: Während das Gefühl augenblicklicher Verfügbarkeit berauschend war, erhoffte man sich die Emanzipation von den Spielregeln traditioneller TV-Sender, die eine ungeahnte Kreativität lostreten sollte, einen Fokus auf Qualitätsformate und querfinanzierte Nischen für Liebhaber. Mittlerweile sieht das Bild weniger rosig aus. Während der Markt immer unübersichtlicher wird, regieren Kostenkalküle und algorithmische Optimierung immer stärker das Programmgeschehen. Sam Adams stellt sich für SLATE die Frage: Befindet sich die goldene Ära des Streamings im Niedergang?

Was hängen blieb:

Besonders eindrucksvoll war für mich die gesammelte Auflistung einzelner Shows, die in den letzten Jahren eingestellt, trotz fortgeschrittenem Entwicklungsstand gar nicht erst veröffentlicht, oder sogar gänzlich ins digitale Nirvana verbannt wurden. Die Spielregeln des klassischen Fernsehens wurden nicht verworfen, sondern sind nun mehr am Werk denn je: Erfolg wird immer weniger an Qualität oder der Existenz einer interessierten Zuschauerschaft gemessen, sondern an Schaulängen, Abo-Zuwächsen und der individuellen Marktpositionierung.

Queere Menschen in Afrika – Gefahr durch neue Gesetze | Weltspiegel

Um was geht es?

Von den 69 Ländern, in denen gleichgeschlechtliche Beziehungen kriminalisiert sind, befinden sich 33 in Afrika. Die Gründe dafür sind unter anderem in Gesetzen zu finden, bis in die britische Kolonialzeit zurückreichen, wie beispielsweise im Fall von Kenia, Tansania oder Uganda. Letzteres Land fiel vor kurzem dadurch auf, dass es ein Gesetz verabschiedete, das Homosexualität und „Mitwisserschaft“  von queeren Menschen unter drakonische Strafen stellt. Weltspiegel hat mit Betroffenen im Land gesprochen und die Rolle von populistischer Politik und religiösem Fanatismus herausgearbeitet.

Was hängen blieb:

Während nachweislich rechte religiöse Gruppen seit Jahren in die Verbreitung ihres Fundamentalismus innerhalb Afrikas investieren, lässt sich, wenn man das Video gesehen hat, nicht abstreiten, dass man es hier mit einem Paradebeispiel für den langen Schatten des Kolonialismus zu tun hat. Besonders tückisch ist dabei ein Populismus, der berechtigte Kritik am Schaden, den die Kolonialstaaten anrichteten, sowie an neokolonialen Ansätzen, als Ausrede dafür verwendet, die vermeintlich importierten Lebensvorstellungen des Westens abzulehnen. Verletzter Nationalstolz wird hier zusammen mit religiöser Früherziehung zu einem gefährlichen ideologischen Cocktail, der Minderheiten abseits geschlechtlicher Normen in große Gefahr bringt.   

Slavery and the industrial revolution | VoxEU Talk/CEPR

Um was geht es?

Der atlantische Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und den Amerikas war über Jahrhunderte ein zentrales Modell im organisierten Sklavenhandel. Während die ausgebeuteten Einwohner des afrikanischen Kontinents und die entstandene afrikanische Diaspora bis heute Leidtragende der rassistischen Ideologie sind, die den Menschenhandel erst möglich machte, ist in der Forschungsliteratur umstritten, inwiefern der nationale Wohlstand der ausbeutenden Länder tatsächlich durch die Sklaverei anstieg. Eine Studie von Stephan Heblich und Hans-Joachim Voth liefert nun eine komplexe Datenanalyse für den Fall Großbritannien und kommt zu dem Ergebnis, dass die heimische Industrialisierung eindeutig vom Sklavenhandel und seinen Auswirkungen profitierte. Im Interview mit VoxEU Talk erzählen die Autoren über ihre Forschung.

Was hängen blieb:

Während man eine tatsächliche, flächendeckende Bereicherung Europas und der USA intuitiv annehmen würde, ist es interessant, sich die spezifische Erklärung der Autoren für ihre Ergebnisse anzuhören. So war Großbritannien als Land, dessen Kapital tief im Sklavenhandel involviert war, das aber selbst keine nennenswerte heimische Sklavenhaltung betrieb (sondern diese sowie ihre ‘negativen Externalitäten’ beispielsweise in die Karibik ‚auslagerte‘) prädestiniert dazu, soziale und ökonomische Entwicklung in der Heimat voranzutreiben. Ein gegenteiliges Bild ergäbe sich den Autoren zufolge in der Forschungsliteratur im Falle der USA; die negativen Effekte auf die institutionelle Entwicklung, und die Probleme der Sklavenarbeit für die nachhaltige industrielle Entwicklung des heimischen Arbeitsmarktes führten hier zu einem gesamtökonomisch weniger eindeutigen Bild, was den durch Sklavenarbeit erworbenen Wohlstand für das Land betrifft.

Flow, Ekstase, Selbsterkenntnis – Die Phänomenologie von Rhythm-Games

Vor ungefähr einem halben Jahr geschah etwas, das mein Verhältnis zu Videospielen nachhaltig verändern sollte. Damit man versteht, was ich meine, muss ich allerdings ein wenig ausholen: Ich hatte nie wirklich diesen einen Titel. Dieses eine Spiel, das über Monate oder sogar Jahre zum festen Begleiter der eigenen Freizeit wird. Das dauerhaft fordert, dauerhaft Spaß macht, in das ich mich reinknie, das mir auch nach hunderten Spielstunden noch Befriedigung verschafft und in dem ich stets von neuem einen Horizont erblicke, der meine ludischen Lebensgeister vitalisiert. All dies hatte ich nicht – bis ich eines sonderbaren Tages zufällig über den Steam-Titel Quaver stolperte.

Zur Einordnung: Quaver ist ein Rhythm-Game. Ein Rhythm-Game im Stile von Beatmania, um genau zu sein. Hierbei bewegen sich Noten von einer Bildschirmseite auf die andere und müssen im Rhythmus des Songs ‚angeschlagen‘ werden, der dabei jeweils im Hintergrund spielt. Rhythm-Games im Allgemeinen und das Beatmania-Prinzip im Speziellen erlauben ihren Genre-Vertretern dabei eine schier endlose Varianz: Noten können horizontal oder vertikal durchs Bild fliegen, es kann über Tastatureingaben oder mit spezieller Peripherie gespielt werden, es gibt unterschiedliche Modi, die sich an der Tastenanzahl orientieren, mit der man einen Song bestreiten möchte, und, und, und.      

Vor allem aber sind Rhythm-Games dafür bekannt, schwer zu sein. Nicht „Dark Souls schwer“, sondern so richtig schwer. Ich meins ernst; schaut euch mal dieses, dieses, oder dieses Video an, und ich versichere euch, ihr werdet euch im Anschluss fragen, wie ein Mensch, der sich mit euch das gleiche Raum-Zeit-Kontinuum teilt, zu solchen punktgenauen Stakkato-Eingaben im Stande sein kann. So ging es mir zumindest, als ich Videos dieser Art zum ersten Mal sah (und ehrlich gesagt, geht es mir auch jetzt noch so).

Ich selbst hatte lange gar keine Erfahrungen mit Rhythm-Games. Mein einziges Erlebnis mit ihnen, abseits von sporadischen Mini-Games in größeren Titel, die nach einem ähnlichen Prinzip funktionierten, war ein Erlebnis auf der Popkulturmesse Animagic, als ich zum ersten Mal auf einer Tanzmatte stand und in einem mir völlig unbekannten Rhythmusspiel gegen meine Freundin antrat. Hier hatte ich schon Blut geleckt und mehr Spaß am Spiel gefunden, als ich im Vorfeld geahnt hätte, doch dauerte es noch einige Zeit, bis mich irgendein ominöser Zufall wieder zu Rhythm-Games führen sollte.

Dieser Zufall hieß schließlich Quaver und war für mich der Eintritt in eine ganz neue Welt des Spielens. Ich probierte mich am 4K-Modus aus, also der Beschränkung auf lediglich vier unterschiedliche Tasten an Stelle von sieben, wie es Quaver alternativ erlaubt. Eine erste Hürde war für mich, einen Zugang in die musikalische Welt des Genres zu finden. Quaver, sowie Osu! (das vermutlich populärste zeitgenössische Rhythm-Game), sowie wie viele andere Spiele dieser Art basieren auf einem stark community-getriebenen System, in dem Spieler:innen Maps erstellen und damit die Langlebigkeit der Titel selbst vorantreiben. Erwartungsgemäß bestanden die Songs hierbei zum großen Teil aus Anime-Tracks, fernöstlichem Pop, aber auch Titel, die ich in Ermangelung an musikalischem Verständnis nur als „absurden Hardcore-Kram mit mehr Bass und Anschlägen pro Sekunde, als meine Augen und Ohren erfassen können“ bezeichnen kann.

Nichtsdestotrotz stürzte ich mich ins Geschehen, tastete mich vorsichtig an die einfachsten Titel, die ich finden konnte und machte schon bald Fortschritte. Während ich mir in den ersten Wochen und Monaten die Zähne an Titeln ausbiss, die Quaver mit einem Schwierigkeitsgrad von 1-10 definierte, spiele ich aktuell Titel zwischen den Graden 15 und 20. Die Skala des Spiels geht bis in die hohen 30er und beinhaltet dabei Karten, von denen ich mir aktuell nicht im Traum vorstellen kann, sie eines Tages je spielen zu können. Doch – und das ist eine der ersten faszinierenden Erfahrungen, die ich mit Rhythm-Games machen durfte – so ging es mir auch in meiner Anfangszeit mit Songs, an denen ich gnadenlos scheiterte, und die jetzt (wenn auch gerade so) im Rahmen meiner Fähigkeiten liegen.

Das Progressionsgefühl von Rhythm-Games ist berauschend. Das Hochgefühl, nach wochenlangen Wiederholungen einen Song allmählich zu durchdringen, dem Durchspielen immer näher zu kommen, sich dem vorgegebenen Takt immer mehr ergeben zu können, ist enorm. Nie war ich so sehr im Flow, so sehr gebannt von meinem Kampf gegen die Maschine, gegen die Zeit selbst, als in diesem Spiel. Als Mensch mit geringfügiger Instrumentenerfahrung merkte ich zudem gerade bei jenen Songs, die sich besonders in mein Herz schlossen, wie stark ich selbst zu einem Teil der Musikerfahrung wurde, der ich gerade beiwohnte.

In der Phänomenologie des französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty definiert die eigene Körperlichkeit den Ausgangspunkt für unsere Wahrnehmungen der Welt. Das zwischen Außenwelt und Wahrnehmung vermittelnde ‚Körperschema‘ beschränkt sich dabei nicht zwangsläufig auf unseren natürlichen Körper; Gegenstände, die wir in einer gewohnten Regelmäßigkeit „zwischen Körper und Welt“ platzieren, können unser Körperschema verändern. Der eigentlich objektive Gegenstand verlängert damit den ‚natürlichen‘ Umfang unserer Weltwahrnehmung, wird ein Teil von uns. Merleau-Ponty veranschaulicht dies am Beispiel eines Blindenstockes, der für die Person, die ihn führt, zum elementaren Bestandteil des eigenen Körperschemas wird.

Diese Sichtweise (einer Verlängerung der eigenen Körperlichkeit, der eigenen Weltwahrnehmung, durch Prozesse der Habitualisierung) auf die Phänomenologie von Videospielen und ihre Flow-Zustände zu übertragen, fällt nicht sonderlich schwer. Unser Eingabegerät wird hier zur Verlängerung unserer digital dargestellten Wahrnehmung; wir unterscheiden nicht mehr zwischen uns und dem Controller oder der Tastatur; wir drücken uns selbst aus in der Welt, von der wir denken, gerade Teil zu sein, durch das Körperschema, dass das Videospiel uns in seiner Bedienung eröffnet. Ähnliches lässt sich auch fürs Musizieren bemerken: Wir spielen die Gitarre, oder den Bass, indem wir diese Geräte zunehmend ‚inkorporieren‘ und nicht mehr als Fremdkörper in unseren Händen wahrnehmen. Rhythm-Games vereinen hierbei beide Phänomene: Den Wandel der eigenen Tastatur zum unorthodoxen Musikinstrument und den Flow-Zustand, den die audiovisuell berauschende Interaktion – trotz ihrer eigentlich unspektakulären digitalen Darstellung – bietet.

Noch faszinierender als die Flow-Erfahrung war für mich allerdings ein anderer Aspekt: So stellte sich das kontinuierliche Spielen allmählich nicht nur als ein Gradmesser meiner allmählich wachsenden Leistungen heraus, sondern auch als Indikator für meine jeweilige Tagesform. Täglich in Quaver reinzuspielen (mit teils sehr wechselhaftem Erfolg), wurde zu einer Art ‚benchmark test‘ meiner eigenen Verfassung, wodurch ich ein ganz neues Bewusstsein für meine mentalen und körperlichen Zustände lernte. Während ich sonst oftmals unzufrieden war, wenn ein Tag nicht so lief, wie ich es mir vorgestellt hatte, meine Energie an einem Tiefpunkt war, den ich selbst nicht wahrhaben wollte, lehrte mich Quaver eine entscheidende Botschaft: Anzuerkennen, dass es Tage gibt, an denen man besser und schlechter in Form ist, an denen man bessere oder schlechtere Leistung vollbringen kann, und dass man auf diese Tagesformen oft wenig Einfluss hat, sie zu einem gewissen Grad hinnehmen muss. Dass andere, bessere Tage kommen werden.

Meine Erfahrung mit Rhythm-Games eröffnete mir somit nicht nur eine bis dato unbekannten Freude am spielerischen Ehrgeiz und an steilen Lernkurven, die mir in anderen kompetitiven Titeln sonst oft fehlte, sondern stellte sich gleichsam als meditative Reise zu einer gesteigerten Selbsterkenntnis heraus. Der Fähigkeit, besser in den eigenen Körper ‚hineinzuhören‘ – eine Anweisung, die in Achtsamkeitsübungen oft von zentraler Bedeutung ist – bin ich durch Quaver damit unerwarteterweise ein Stückchen nähergekommen. Nachsicht und Verständnis für die Unberechenbarkeit der eigenen Tagesform zu entwickeln mag für den ein oder anderen wie eine Lappalie klingen; für mich brauchte es erst das regelmäßige, hochfrequente Hämmern auf sich allmählich abblätternde Tasten, um dieser Erkenntnis näher zu kommen.

Und hier zum Abschluss noch zwei kleine, selbst aufgenommene Beispielvideos aus Quaver:

Ukrainistik-Forscher im Gespräch, die Krisenfestigkeit des EU-Bankensystems und popkulturelle Japanophilie in Frankreich

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Ein Interview mit Roman Dubasevych, einem Ukrainistik-Forscher, der faszinierende Gedanken zur ukrainischen Geschichte und Kultur, sowie über historische Verflechtung mit Russland beisteuert, und Überlegungen für die Möglichkeiten zur Überwindungen des Krieges und seiner inhärenten Konflikte aufstellt; ein Podcast über die kürzlichen Bankenkrisen in den USA und der Schweiz, über den Ausbau von Regulierungsystemen seit 2007 und die Krisenfestigkeit der EU-Banken; und ein Artikel über die Geschichte der französischen Affinität zur japanischen Popkultur.


Ukrainistik-Professor Roman Dubasevych über den Krieg & die Geschichte | Jung & Naiv

Um was geht es?

Das Zeitalter der Krise, in dem wir uns seit einigen Jahren befinden, nährt das Verlangen nach Expertenwissen. Dieses Verlangen kann aufklärerische Prozesse voranbringen; man denke an den Erfolg des Corona-Podcasts mit Christian Drosten des NDR. Die Verunsicherung der Menschen, die dieses Verlangen nach klaren Wahrheiten antreibt, kann aber auch dazu führen, dass Gruppenzugehörigkeiten und festgefahrene Denkmuster einer rationalen Auseinandersetzung vorgezogen werden, wie sich mit Blick auf aktuelle verschwörungsideologische Dynamiken beobachten lässt. Auch in Bezug auf den Krieg in der Ukraine spielt das Prestige des Expertenwissens immer wieder eine große Rolle: Militärexperten, die eine schnelle Niederlage der Ukraine prophezeiten, mussten schnell ihre Einschätzungen korrigieren, währenddes die aktuellen Debatten von stark polarisierenden Überlegungen zu Waffenlieferungen und Verhandlungsoptionen durchzogen sind, die häufig Eindeutigkeit versprechen, wo eigentlich nur graue Unberechenbarkeit herrscht. Der jüngste Gast im Interview-Format des Kanals Jung & Naiv ist zwar auch ein Experte, aber in vielen Belangen ein außergewöhnlicher, wie ich mit dieser Empfehlung festhalten möchte. In knapp vier Stunden spricht der Ukrainistik-Forscher Roman Dubasevych über kulturelle Wurzeln und Verflechtungen der Ukraine, über die Hoffnungen der Menschen des osteuropäischen Staates, über historische Schattenseiten und über den Traum eines Auswegs aus der aktuellen Katastrophe.

Was hängen blieb:

Faszinierend an diesem Gespräch war für mich zum einen die überlegte Ausdrucksweise von Dubasevych, sowie der ihm ansehbare Schmerz, den scheinbar auch die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Krieg, der russisch-ukrainischen Vorgeschichte und den Möglichkeiten eines menschenwürdigen Endes des Konflikts mit sich bringt. Zum anderen – und um damit einen Bogen zum oben angerissenen Exkurs zum Thema Expertenwissen zu schlagen – war für mich der Debattenbeitrag, der mit diesem Gespräch geliefert wurde, ein inspirierender und zutiefst nachdenklich machender. Zwischen einseitigen militaristischen Lösungsansätzen, die in die Wirkmacht des Heroismus vertrauen, und den propagandistischen Aberkennungen des Selbstverteidigungsrechts der Ukraine von Leuten wie Wagenknecht, eröffnet das Denken von Dubasevych einen humanistischen dritten Weg, der den Menschen und die Hoffnung auf eine friedliche Entwicklung der ukrainischen gesellschaftlichen Institutionen in den Mittelpunkt stellt.

Neue Bankenpleiten: Wie krisenfest sind Europas Banken? | EU to go / Jacques Delors Centre

Um was geht es?

Die kürzlichen Bankenkrisen der US-amerikanischen SVB und der Schweizer Credit Suisse haben erste Zweifel gesät, ob es sich hierbei nicht nur um Beispiele einzelner Fehlentscheidungen und Unglücksfälle handelte, sondern um eine sich anbahnende systemische Krise, die die Folgen des Krieges, der Inflation und der Zinserhöhungen westlicher Zentralbanken im Gepäck hat. Gerade nach der Finanzkrise 2007 lautet die drängendste Frage: Ist unser europäisches und internationales Bankensystem gut genug gesichert? Welcher Änderungen bedarf es immer noch? Thu Nguyen und Sebastian Mack vom Podcast EU to go widmen sich den aktuellen Entwicklungen zum Thema.

Was hängen blieb:

Für einen ökonomisch ungebildeten aber (vor allem aus sozialwissenschaftlicher Perspektive) interessierten Beobachter der Wirtschaft wie mich bietet der Podcast einen überschaubaren, aber prägnanten Überblick zu den Entwicklungen internationaler Richtlinien seit der Finanzkrise 2007, sowie zu den aktuellen Plänen einer EU-Bankenunion. Interessant sind hier im Detail vor allem scheinbar stattfindende Debatten zur Frage, wie entstehende Schäden unter Einlegern und Bankenbetreibern verteilt werden sollen. Während für die Abwicklung von Bankenpleiten diese zwar selbst stärker in Haft genommen werden sollen, steht weiterhin in Frage, ob und in welchem Umfang eine europäische Einlagensicherung Gestalt annehmen und damit systemische Unsicherheiten mildern könnte.  

Manga-nifique! How France became obsessed with Japanese anime | The Guardian

Um was geht es?

Japanische Popkultur ist für viele Menschen im Westen ein kultureller Dauerbrenner, ein Einblick in einen ästhetischen und erzählerischen Exotismus, der übliche Sehgewohnheiten über Bord wirft und neu herausfordert. Als größter Importeur von japanischen Manga und (Co-)Produzent von eigenen Animationsfilmen nimmt Frankreich hierbei eine besondere Rolle ein. Für den Guardian wirft Phil Hoad einen Blick auf die Geschichte und Gegenwart der französischen Japanophilie.

Was hängen blieb:

Ein kurzweiliger Artikel, der einige interessante Anekdoten enthält (beispielsweise, wie kulturkonservativer Protest zu einer Art vorauseilender Selbstzensur von Anime im französischen TV sorgte), aber auch die Schwierigkeit für ausländische Produzenten aufzeigt, einem Land wie Japan, das als „kultureller Selbstversorger“ agiert, Stoffe des eigenen Mediums schmackhaft zu machen.

Progressive Kämpfe und das Patriarchat, afrikanische Philosophie und die deutsche Schuldenangst

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Ein langes Videoessay über die perfiden Diskurstaktiken von J.K. Rowling, über den progressiven Kampf um die Ausdehnung des egalitären common sense und das Wirken patriarchaler Kräfte; ein Interview über afrikanische Philosophie und die Erweiterung des Kanons der Philosophiegeschichte; und ein Podcast über deutsche Fiskalregeln und die Schuldenbremse.


The Witch Trials of J.K. Rowling | ContraPoints

Um was geht es?

Vor zwei Monaten schrieb ich hier bereits über die Transfeindlichkeit von J.K. Rowling und die Kontroverse, die sich rund um die Frage entwickelt hatte, ob es noch legitim sei, den neu erschienenen Titel Hogwarts Legacy zu spielen. Einen der besten Diskursbeiträge zu Rowlings Fanatismus allgemein lieferte 2020 die YouTuberin ContraPoints in Form eines Videos, in dem Versuch unternommen wurde, die Geisteshaltung der Harry Potter-Autorin nachzuvollziehen und eine Erklärung für ihre politische Radikalisierung zu finden. Nun meldet sich ContraPoints mit einem weiteren Video über Rowling zurück, in dem ein neuer Podcast mit dem nichts Gutes verheißenden Titel „The Witch Trials of J.K. Rowling“ als Ausgangspunkt dient, um neurechte Argumentationsweisen zu dekonstruieren und ein Verständnis für die Funktionsweise von Kämpfen für gesellschaftlichen Fortschritt zu schaffen.

Was hängen blieb:

Indem sie Rowlings Transfeindlichkeit mit der Figur Anita Bryant kontrastiert, einer US-amerikanischen, kulturkonservativen Gegnerin der Gleichberechtigung von Homosexuellen aus den 70er-Jahren, bietet ContraPoints einen faszinierenden Blick auf die formale Deckungsgleichheit der Argumentationsschemata der kulturellen (und religiösen) Rechten von damals und heute. Hierzu zählt vor allem die Selbstinszenierung als ein nach Gleichberechtigung strebendes Mitglied der Gesellschaft, das dem Kampf für soziale Anerkennung von Minderheiten unter dem Vorwand einer „berechtigen Kritik“ aber letztendlich die Legitimität abzusprechen versucht, da die spezifisch vorliegende Minderheitendiskriminierung in Wahrheit bereits konzeptuell nicht anerkannt wird. Im Zuge ihres fast zwei Stunden langen Videos stellt ContraPoints nachvollziehbar dar, dass er progressive Kampf über unseren geteilten „common sense“ immer schon durchzogen war von aktivistischen Momenten des Tabubruchs und der Transgression; von all dem, was bürgerliche Kritiken, zu denen man die Äußerungen von Rowling und Konsorten zu einem gewissen Grad zählen kann, häufig als „illiberal“ abstempeln. Über ihre Verbindung von ideologiekritischer Analyse und empathischer Nachempfindung der Emotionswelt der kritisierten Personen gelingt es ContraPoints zudem, eine mögliche Erklärung dafür anzubieten, wieso immer wieder (vorgeblich feministische) Frauen in den rechtskonservativen bis faschistoiden Strudel der (im Kern patriarchalen) Kulturkämpfe geraten.     

Was zeichnet Philosophie aus Afrika aus, Frau Graneß? | Philosophie Magazin

Um was geht es?

Wer an einer deutschsprachigen Universität einen Kurs zur Einführung in die Philosophie und ihre Geschichte besucht, der wird einem im Kern häufig ähnlichen Curriculum begegnen: Europäisch orientiert, mit Startpunkt irgendwo in der antiken griechischen Vorsokratik, mit zentralen Figuren wie Hegel oder Kant und deren systematisch aufgebauten Gedankengebäuden. Häufig außen vor bleiben hier nicht-europäische philosophische Einflüsse und Traditionen, beispielsweise aus Japan, China, Indien, oder Afrika. Im Gespräch mit dem Philosophie Magazin erläutert Anke Graneß, Herausgeberin des jüngst erschienenen Suhrkamp-Bands Philosophie in Afrika in welchem Verhältnis besagter Kontinent sowie andere aus dem Kanon ausgeschlossenen Traditionen zur Philosophiegeschichte und zum philosophischen Denken stehen.  

Was hängen blieb:

Ein spannendes Interview, das einen Blick auf die historische Herausbildung des akademischen Kanons wirft und diese Entwicklung nachvollziehbar in Beziehung setzt zum ethnisch-kulturellen Überlegenheitsdenken, das dem Rassismus als Ideologie den Weg ebnete. Spannend ist hierbei, dass Graneß zufolge Philosophiegeschichten vor Beginn des 19. Jahrhunderts noch stärker „diversifiziert“ waren (und Bezug nahmen auf hebräische, ägyptische, äthiopische oder chinesische Traditionen) und erst der stärkere Einfluss der Naturwissenschaften, des Logik- und Rationalitätsbegriffs, sowie der individualisierten Zuschreibung von Autorenschaft zu einem historischen Bruch führte, infolgedessen ein linear orientiertes Entwicklungsmodell des Geistes etabliert wurde. Mit Blick auf afrikanische Traditionen wünscht sich Graneß, dass auch ältere Schrifttraditionen sowie orale Überlieferungen ohne eindeutig identifizierbare Autorenschaft kritisch und intersektional in die Forschung aufgenommen werden.   

The New Germany: German Schuldenangst | History & Politics Podcast/Körber-Stiftung

Um was geht es?

Drei Jahre lang setzte die Bundesregierung im Zuge der Corona-Pandemie und des Krieges in der Ukraine die Schuldenbremse aus und stellte in Form von Sondervermögen abseits vom üblichen Staatshaushalt zusätzliche Gelder zur Bewältigung der Krisen bereit. Damit soll, wenn es nach Finanzminister Christian Lindner geht, nun Schluss sein – die wachsende Zinslast sei zunehmend untragbar, fiskalische Verantwortung müsse wieder hergestellt werden, die Schuldenbremse solle wieder eingehalten werden. Schuldenangst und fiskalische Zurückhaltung, das sind in der deutschen Politik tief verwurzelte Allgemeinplätze. Der Podcast History & Politics der Körber-Stiftung widmet sich zusammen mit Expertin Philippa Sigl-Glöckner den Hintergründen zur deutschen Fiskalpolitik und stellt Überlegungen dazu auf, wie ein tragbares und zukunftstaugliches Modell zum Schuldenmachen aussehen könnte.    

Was hängen blieb:

Philippa Sigl-Glöckler ist für mich eine der interessantesten Stimmen zu den Problemen der deutschen Schuldenregeln, und auch in diesem Interview lassen sich einige spannende Gedanken zur aktuellen Debatte ableiten. So erwähnt sie beispielsweise die Gefahren für die angewandten Ausnahmeregelungen der Schuldenbremse, die durch ein bevorstehendes Urteil des Bundesverfassungsgerichts drohen könnten, sowie das „schizophrene“ Auseinanderklaffen zwischen außergewöhnlich hohen krisenbedingt bereitgemachten Summen und der strukturellen Unterfinanzierung für langfristige Investitionen. Trotz aller Probleme der deutschen Schuldenbremse sieht Sigl-Glöckler in der Auflösung der Regelung akut keine Lösung, sondern empfiehlt stattdessen eine Neuberechnung der Grundlagen, die für die Bewertung von Neuverschuldungen bisher herangezogen werden.    

Ausschluss aus der Wissensgesellschaft – Kritik zu Miranda Frickers „Epistemische Ungerechtigkeit“

Sprechen wir heutzutage von Ungerechtigkeit oder Ungleichheit, so adressieren wir oft altbekannte Kategorien, die in Form von -ismen Gestalt annehmen: Wir kennen die ökonomische Ungerechtigkeit, die sich im Klassismus ausdrückt; geschlechtliche Ungerechtigkeit, die den Sexismus hervorbringt und vom Feminismus bekämpft wird; ethnische Ungerechtigkeit, die sich im Rassismus zeigt; sowie Benachteiligungen, die sich aus Behinderungen (Ableismus) oder dem Alter ergeben (Ageism). Wir können Ungerechtigkeit in lokalen Situationen benennen, wo sie sich aus dem unrechtmäßigen Handeln einzelner Akteure ergibt, wir können aber auch einen großen Maßstab anlegen und globale Ungerechtigkeiten adressieren, beispielsweise wenn wir darüber reden, dass es eine Geburtenlotterie gibt, oder anmerken, dass oft diejenigen Gebiete am stärksten von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind, die am wenigsten zu diesem beitragen.


Worüber in Bezug auf Ungleichheit allerdings weniger (oder gar nicht) geredet wird, ist die Idee, dass auch das erkenntnistheoretische Verhältnis zu unserer sozialen Umwelt von Ungerechtigkeiten durchzogen ist. Mit dem Begriff der „epistemischen Ungerechtigkeit“ versucht die Philosophin Miranda Fricker, dieser Leerstelle etwas entgegenzusetzen und handelt damit ganz im Sinne der von ihr selbst aufgestellten Theorie – dazu aber später mehr. Unter dem Titel Epistemische Ungerechtigkeit. Macht und die Ethik des Wissens erschien im April 2023 nun die deutsche Fassung ihres 2007 erstmals veröffentlichten Buches Epistemic Injustice. Power and the Ethics of Knowing.

Ihre Kernthese lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Unser kognitiver Umgang mit Wissen ist seit Anbeginn begleitet von Vorurteilen und Stereotypen, die Einfluss haben auf die Glaubwürdigkeit, die wir den Äußerungen unserer Mitmenschen entgegenbringen, sowie auf die eigenen Möglichkeiten zur verständlichen Mitteilung der eigenen Erfahrungen. Hierbei geht es ihr zentral um jene Fälle von Vorurteilen, die auf Identitätsmerkmalen basieren, die auch auf anderen sozialen Ebenen häufig Grundlage für strukturelle Benachteiligung sind. Diesen verzerrten Bewertung unsererseits steht eine „Tugend-Epistemologie“ entgegen, die eben jene Fragen zum Unrecht von vorurteilsbelasteten Glaubwürdigkeitsurteilen und zu deren möglicher Neutralisierung adressiert. Fricker bedient sich hierbei immer wieder bei zwei konkreten Beispielen: Der unrechtmäßigen Verurteilung des Afroamerikaners Tom Robinson aus dem Roman Wer die Nachtigall stört und der Unrechtbehandlung der Figur Marge durch Herbert Greenleaf in Der talentierte Mr. Ripley. Während ersteres Beispiel einen Fall ethnischer Unterdrückung und dessen Auswirkungen auf die epistemische Unrechtssituation skizziert, behandelt zweiteres eine Situation, die sich auf geschlechtliche Unterdrückung bezieht. Anhand dieser beiden Beispiele beschreibt Fricker den ersten der zwei Fälle von epistemischer Ungerechtigkeit in ihrer Theorie; die Zeugnisungerechtigkeit.

Hierbei geht es primär um den oben bereits erwähnten Begriff der Glaubwürdigkeit und die Verknüpfung dessen mit sozialer Macht, beziehungsweise Identitätsmacht. Auf Basis der kollektiv geteilten Vorstellungen von Begriffen und Bedeutungen im sozialen Gefüge wirkt diese entweder individuell auf Akteursebene oder strukturell (in dem sie etwa das Selbstverständnis von Menschen negativ prägt; Fricker spricht hier beispielhaft von Gruppen, die Wahlen fernbleiben, weil sie sich gemäß dem diskursiv vermittelnden Bild von „Ihresgleichen“ unpolitisch verhalten). Konkret lässt sich die individuell ausgeübte Identitätsmacht am Beispiel von Herberg Greenleaf zeigen: Da er als Mann in einer gesellschaftlichen Atmosphäre lebt (New York der 50er Jahre), die stark männlich dominiert ist und die gewisse Attribute wie rational-deduktives Denken als stark männlich assoziiert, während Eigenschaften wie Emotionalität, Irrationalität und Hysterie als weiblich konnotiert angesehen werden, ignoriert Greenleaf die nützlichen Hinweise von Marge zum unaufgeklärten Mord seines eigenen Sohnes mit den abweisenden Worten: „Marge, es gibt weibliche Intuition, und es gibt Fakten“.

Wichtig ist Fricker, dabei festzuhalten, dass die stereotypen Bilder, die wir kollektiv teilen und die unsere Wahrnehmung anderer verzerren, nicht gleichzusetzen sind mit unseren Überzeugungen. Tatsächlich ist es für sie genau dieses Spannungsfeld zwischen etablierten Überzeugungen und der prä-reflexiven Wahrnehmung von Mitmenschen, das uns ermöglicht, korrigierend in unsere Glaubwürdigkeitsurteile einzugreifen. So können wir beispielsweise überzeugte Feministin sein, aber in unserer Wahrnehmung die Wirkmacht antifeministischer stereotyper Bilder feststellen (und korrigieren), oder wir können trotz wirkmächtiger Vorurteile (hervorgerufen etwa durch eine rassistische Sozialisierung) in Situationen geraten, in denen eine unvoreingenommene Wahrnehmung des Gegenübers bei uns einsetzt, die wiederum unsere Überzeugungen in ein neues selbstkritisches Licht rückt.

Interessant ist hierbei, dass Fricker epistemische Ungerechtigkeit auch in Hinblick auf eine historische Dimension bewertet und dadurch zu einem überraschenden Ergebnis kommt: Die Schuldhaftigkeit, die sich aus der ethischen Komponente der verursachten Zeugnisungerechtigkeit ergibt, ist nicht immer eindeutig zuschreibbar. Dies erklärt sich durch die historische Färbung der sozial geteilten Bilder über Identitäten und Stereotypen und deren Wirkmacht in gewissen raum-zeitlichen Atmosphären.

Dass Herbert Greenleaf (in seiner Wahrheitssuche nach dem echten Mörder) die Äußerungen von Marge abwertet und als emotional abstempelt, ist für Fricker ein Fall von „historischem Pech“; Greenleaf handelt in einer Weise, die „routinemäßig“ den Diskursen seiner Zeit gerecht wird und ist dadurch nicht schuldig. Gleichwohl ergeben sich in jeder gegebenen Zeit auch sogenannte „außergewöhnliche“ diskursive Züge, die es selbst einem Greenleaf der 1950er Jahre erlaubt hätten, zu einem vorurteilsfreieren Urteil zu kommen. Für Fricker handelt es sich daher um Urteile, die zwar Formen einer gerechtfertigten moralischen Enttäuschung darstellen können, aber keine direkte Schuldzuweisung zulassen. Anders sieht es im Fall von Tom Robinsons unrechtmäßiger Verurteilung in Wer die Nachtigall stört aus: Die Geschworenen sind zwar in ihrer spontanen Wahrnehmung sowie in der reflexiven Auseinandersetzung mit ihren Vorurteilen ebenfalls einem historischen Bias ausgesetzt, jedoch ist ihr Urteil den vorliegenden entlastenden Beweisen und Zeugenaussagen von sowohl weißen als auch nicht-weißen Beteiligten nicht gerecht geworden, wodurch ihnen eine schwerwiegende Schuld auf mehreren Ebenen anzulasten ist (moralisch, epistemisch, juristisch).

Wie sich vielleicht bereits erahnen lässt, widmet sich ein Großteil des Buches der Bestimmung der Tugend, die für Zeugnisungerechtigkeit, beziehungsweise Zeugnisgerechtigkeit (als korrigierend eingreifendes Moment) verantwortlich ist. Dabei bestimmt Fricker die Zeugnisgerechtigkeit als sowohl intellektuell als auch moralisch motivierte Tugend, die bereits im hypothetischen Naturzustand neben der Aufrichtigkeit und Genauigkeit als dritte notwendige Tugend für eine Gesellschaft, die auf Wissenszusammentragung angewiesen ist, zum Vorschein kommt. Diese Tugend beschreibt sie als erlernte und prozesshaft ausbaubare spontane Sensibilität für die Dissonanzen und Widersprüche, die sich zwischen unseren Wahrnehmungen und Überzeugungen einstellen, und die von unserem reflexiven Bewusstsein ergänzt werden. Da wir alle durch unsere spezifische Sozialisierung mit unterschiedlichen Anfälligkeiten und Resistenzen gegenüber bestimmten prägenden Diskursen und Vorurteilen ausgestattet sind, ist gerade der Austausch zwischen unterschiedlichen Erfahrungswelten ein relevanter Impuls für die Reflexion eigener Denk- und Wahrnehmungsmuster.

Neben der Zeugnisungerechtigkeit, die einen Großteil des Buches einnimmt, beschreibt Fricker noch eine zweite Form von epistemischer Ungerechtigkeit: Die hermeneutische Ungerechtigkeit. Während erstere vor allem bei den Hörenden und deren korrigierendem Handeln zu verorten ist, verweist letztere auf einen asymmetrischen Mangel an Ressourcen auf Seiten der Sprechenden, der dazu führt, dass Erfahrungen nicht akkurat vermittelt werden können. Anders als beim individuellen schuldhaften Handeln der Zeugnisungerechtigkeit wirkt die hermeneutische Ungerechtigkeit rein systemisch und verweist auf die Marginalisierung der weniger Mächtigen im sozialen Raum (Fricker verwendet für eine solche hermeneutische Leerstelle das Bild des Ozonlochs; wer unter diesem lebe, erleide Verbrennungen, die anderswo nicht im gleichen Maße erlebt wird).

Ein Beispiel, das die Autorin nennt, ist die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, die von den Ausübenden diskursiv als „harmloses Flirten“ rechtfertigt wird, während es Opfern, aufgrund der Identitätsvorurteile, die ihnen entgegengebracht werden, häufig an einer eigenen Sprache und den notwendigen Interpretationsmustern mangelt, um die Unrechtmäßigkeit der eigenen Erfahrung treffend zu beschreiben. Hier erklärt sich auch die Anmerkung, die ich im ersten Abschnitt zu Frickers Projekt gemacht habe; der Versuch, auf eine „Leerstelle der Leerstellen“ im sozialen Kollektivbewusstsein aufmerksam zu machen, könnte ironischerweise selbst schon als eine Praxis der hermeneutischen „Korrektur“ gedeutet werden.

Ähnlich wie bei der Zeugnisungerechtigkeit, die in der Zeugnisgerechtigkeit eine korrigierende Tugend findet, ist auch die hermeneutische Ungerechtigkeit von einem tugendhaften Gegenstück begleitet: Ein reflexives Bewusstsein für die objektive Schwierigkeit des hermeneutisch marginalisierten (und durch strukturelle Identitätsvorurteile markierten) Gesprächspartners, sich nachvollziehbar zu artikulieren, soll hierbei dem eigenen verzerrten Glaubwürdigkeitsurteil entgegenwirken.

Nun mag man sich nach all diesen komplexen Ausführungen berechtigterweise folgende Frage stellen: Warum das Ganze? Wofür braucht es eine solche Theorie und Praxis, zusätzlich zu unseren bestehenden Kategorien der sozialen Ungleichheit? Um diese Frage zu adressieren, lohnt es sich abschließend noch einen Blick auf den Schaden zu werfen, der durch epistemische Ungerechtigkeit bei den Opfern erzeugt wird. Fricker unterscheidet dabei zwischen primären und sekundären Schäden. Der primäre Schaden der Zeugnisungerechtigkeit besteht in erster Linie aus einer zutiefst grundlegenden Verletzung und Entehrung des Subjekts in dessen Rolle als Teil der Wissensgesellschaft – weiter oben habe ich bereits angedeutet, wie entscheidend es sowohl für das Selbstverständnis als auch für die soziale Teilhabe ist, als vollwertiges, vernunftbegabtes Mitglied einer Gesellschaft angesehen zu werden, die auf Wissenssammlung angewiesen ist. Der strukturelle Ausschluss aus dieser, aufgrund von stereotypen Identitätsmerkmalen, führt im schlimmsten Fall zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung, indem sich Menschen ihren eigenen Stereotypen gemäß anpassen, und ihnen der Mut und die Selbstüberzeugung fehlt, sich diesen vorgeformten Bildern entgegenzustellen (ein interessantes Beispiel wären hierfür Studien, die ermittelt haben, dass Frauen beim Lösen von Rätseln zum räumlichen Denken schlechter abschneiden, wenn man sie zu Beginn an ihr Frausein erinnert; ab Minute 25:55). Dieser Effekt beschreibt bereits einen sekundären Schaden; ein Subjekt, dass sich selbst als wissend verstehen muss, um als vollständig zu gelten, verliert irgendwann tatsächlich das eigene Wissen, wenn die Ressourcen zur intellektuellen Selbstbemächtigung fehlen oder extrinsische Auswirkungen dazu führen, dass bestimmte Rollen im gesellschaftlichen Leben aufgrund der Wirkmacht von existierenden Identitätsvorurteilen nachhaltig unerreichbar bleiben.

Die Verselbstständigung dieser Tendenzen findet schließlich Einzug in das, was Fricker als „präemptive Zeugnisungerechtigkeit“ bezeichnet: Soziale Gruppen, die unter Identitätsvorurteilen leiden, sind hierbei ganz und gar aus dem Kreis derjenigen ausgeschlossen, deren Gedanken, Urteile und Meinungen man allgemein einholen würde; die Subjekthaftigkeit wird ihnen und ihren potentiellen Bekundungen damit nachhaltig aberkannt. Analog dazu beschreibt Frick, wie hermeneutische Ungerechtigkeit den Glauben an die Welt und ihre sinnvolle Deutung erschüttert und daraus Folgeschäden entstehen können, die ebenfalls langfristig der eigenen Entwicklung im Weg stehen. Die autoritativen, beziehungsweise vorgeschriebenen Deutungsmuster der eigenen Erfahrung (Fricker spricht hier beispielhaft über die Selbstwahrnehmung von Homosexualität in einem queerfeindlichen Umfeld) geraten in eine schmerzhafte Dissonanz mit dem eigenen Empfinden – ein Weg zur Rebellion liegt hier ganz stark im Austausch mit anderen, die ähnliche Dissonanzen durchlebt haben, sowie im konkreten politischen Handeln und der Herbeiführung gesellschaftlichen Wandels.

Frickers Buch ist mitunter, trotz der anschaulichen Beispiele, harte Kost und erfordert ein gewisses Eindenken in ein zugegebenermaßen „unsichtbares“ Problemfeld der sozialen Ungleichheit. Nichtsdestotrotz empfand ich das Buch als eine sehr lohnende Lektüre; die Bemerkungen über die Reflexivität der eigenen Identitätsmacht öffnet beispielsweise Türen zu anderen kritischen reflektiven Theorien wie der „Critical Whiteness“-Forschung, während die Anerkennung zum Stellenwert des Austausches über erlebte Dissonanzen von Menschen, die unterschiedlichsten Vorurteilen und Unterdrückungsverhältnissen ausgesetzt sind, immer wieder starke Anknüpfbarkeiten zur intersektionalen Praxis aufzeigt. Eine Frage, die sich mir abschließend stellte, betraf die oben erwähnte Schuldlosigkeit durch die historisch gefärbten kollektiven Bilder und Stereotype, die „routinemäßiges“ diskursives Handeln begünstigten und „außergewöhnliches“ Handeln als bewundernswerte Ausnahme klassifizieren:

Auch wenn Frickers Begründung intuitiv nachvollziehbar ist, bleibt für mich offen, inwiefern historischer und gesellschaftlicher Wandel hierbei zu verorten ist; gibt es keinen Imperativ, der in gewisser Weise zum außergewöhnlichen Urteilen verpflichtet? Lassen sich die historischen Verfehlungen nicht auch in Schuld- und Verantwortungskategorien denken, oder ist man dazu verdammt, auf „außergewöhnliche“ Subjekte zu warten, auf deren Schultern die Bürde des sozialen Wandels, hin zu einer gerechteren epistemischen Welt lastet? Das sind interessante Fragen, wie sie nur ein interessantes Buch mit einem unkonventionellen Denkansatz aufwerfen kann. Gerade in einer Zeit, in der die Suche nach einer neuen sensiblen Sprache und die Attestierung von Unvoreingenommenheit in Bezug auf Opferaussagen eine zunehmend wichtige Rolle im Kampf gegen Unterdrückung spielen, erscheint Frickers Buch relevanter und lesenswerter denn je.

Plädoyer für staatliche Leistungen, anachronistische Tugenden und Pioniere der Sexualwissenschaft

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Ein langes Videoessay über die positiven Externalitäten von sozialen Leistungen und Sicherungsystemen; ein Podcast über die Frage, inwiefern “altbackene”, anachronistische Tugenden und Lebensweisen anknüpfbar sind für die heutige Zeit; und ein Text über das Institut für Sexualwissenschaft, das im Berlin der 1920er Jahre Pionierarbeit leistete und zu den Opfern der nationalsozialistischen Bücherverbrennung zählte.


Free Stuff is Good, Actually | Unlearning Economics

Um was geht es?

Gegen Sozialsysteme zu hetzen, gehört zum “guten Ton” des (wirtschafts-)konservativen bis rechtsgerichteten Populismus. Dabei dienen vor allem gesäte Zweifel zur Finanzierbarkeit und geschürte Ängste über den Wegfall von Arbeitsanreizen als Grundlage dafür, dem Volk Sparzwang und Austerität unterzujubeln, und die Privatisierung von gesellschaftlichen Institutionen voranzutreiben. Obwohl der Diskurs zum Thema stark von diesen lautstarken Stimmen geprägt ist, offenbart der Blick in die Empirie der Sozialleistungen ein gänzlich anderes Bild. Der Kanal Unlearning Economics hat einige Fakten zusammengetragen und präsentiert damit ein Plädoyer für leistungslose staatliche Sicherungssysteme.

Was hängen blieb:

Das Video bietet eine Reihe von überzeugenden Argumenten für den Ausbau von Sozialsystemen, vor allem im Bereich Gesundheit und Bildung, und vor allem in Bezug auf Niedriglohnländer und -haushalte. Das Argument des Ökonomen Milton Friedman, dass es so etwas wie ein „free lunch“ nicht geben könne, also keine Leistung, der nicht eine „Vorleistung“ vorausgeht, wird innerhalb des Videos nachvollziehbar auseinandergenommen; durch verhältnismäßig geringe Kosten der staatlichen Sicherung und Förderung werden positive Externalitäten losgetreten, die insgesamt zu glücklicheren und gesünderen Menschen mit weniger Problemen und Kosten führen. Auch diskutiert wird die Einführung eines universellen Grundeinkommens, da sich dieses in den bisherigen, begrenzten Testläufen als überwiegend positive sozialpolitische Maßnahme herausgestellt hat.     

Gibt es unzeitgemäße Ideale und Gefühle? | Deutschlandfunk/Essay und Diskurs

Um was geht es?

Gerade aus linker Perspektive birgt die Rückbesinnung auf das Vergangene, auf dessen Lebensweisen, Traditionen und Tugenden, schnell mal die Gefahr, der nostalgischen Verklärung und einer reaktionären Denkweise bezichtigt zu werden. Im Interview mit dem Philosophen Martin Scherer geht Essay und Diskurs der Frage nach, inwiefern eingestaubte Ideale und Lebensgefühle wie Edelmut, Takt, Großherzigkeit oder Hingabe für unsere Moderne fruchtbar gemacht werden können, ohne den Populismus der Ewiggestrigen zu bedienen.

Was hängen blieb:

Ein wirklich spannendes Thema, über das ich mir in dieser Form noch nicht wirklich viele Gedanken gemacht habe. Scherer ist es für seine Arbeit wichtig, zwischen der Figur des Reaktionärs und der des Anachronisten zu unterscheiden; Ersterer ist ein verklärter Nachahmer des Vergangenen, während Letzterer versucht, das Unzeitgemäße kreativ in die Gegenwart zu holen. In der Orientierung an Tugenden, die beispielsweise historisch mit der Figur des „Gentleman“ verknüpft waren, versucht Scherer für eine Theorie und Praxis der Lebenskunst zu werben, die der heutigen Überstrapazierung des authentischen und identitätsbewussten Ichs eine Kultur der taktvollen Distanz gegenüberstellt. Dadurch sollen Gefahren für die Verwundbarkeit und Verletzlichkeit, die durch unseren Umgang miteinander heutzutage oftmals verstärkt werden, abgemildert und die Sensibilität für gegenseitige Vorsicht und Vermittlung gefördert werden.

Pionier der Sexualwissenschaft: Als die Nazis das Institut von Magnus Hirschfeld zerstörten | Tagesspiegel

Um was geht es?

Am 10.5. jährte sich zum 90. Mal die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten, die im Jahr 1933 sämtliche Werke von Autor:innen zerstörten, die in der völkischen Ideologie der Faschisten keinen Platz finden sollten. Dazu zählten vor allem jüdische Autor:innen, aber auch andere Schriftsteller:innen unliebsamer politischer Gesinnungen. Weniger bekannt ist allerdings, dass auch Texte zur frühen Forschung von Geschlecht und Sexualität den Taten der Nazis zum Opfer fielen. Diese fanden sich im Berlin der 1920er Jahre vor allem im Institut für Sexualwissenschaft, das von Magnus Hirschfeld gegründet wurde und zu den Pionieren seiner Zeit gehörte. Alice Ahlers fasst die Geschichte des Instituts für den Tagesspiegel zusammen.

Was hängen blieb:

Die historische Aufarbeitung von Hirschfeld und dem Institut für Sexualwissenschaft scheint mir in der heutigen Zeit von besonderer Relevanz zu sein. Zum einen scheint es mir sehr wichtig, diesen wenig beleuchteten Aspekt deutscher Geschichte stärker in das Kollektivbewusstsein zu transportieren, da er unterstreicht, in welcher langen Tradition queeres Selbstverständnis und Forschung zur Geschlechtlichkeit stehen. Zum anderen zeigen sich gerade mit Blick auf die heutigen 20er Jahre erschreckende Parallelen: Damals wie heute wagten sich marginalisierte Menschen in die Öffentlichkeit, die für eine progressive und enttabuisierende Geschlechterpraxis kämpften; und damals wie heute sehen wir, wie rechte Propagandisten auf alles Nicht-Normative anspringen und den geschlechtlichen Kulturkampf zum Teil ihres politischen Programms machen.

Überblick zur Sozialwahl, über erfundene Sprachen, Kulturgeschichte des Charismas

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Ein Radio-Feature zu den Hintergründen der Sozialwahl und zum Selbstverwaltungsprinzip der Versicherungen; ein Video-Essay über fiktionale aber auch praktisch orientierte erfundene Sprachen; und ein langer Text über die historischen, begrifflichen Ursprünge, politische Gegenwart und mögliche technologische Zukunft von Charisma.


Erfolgsmodell zur Selbstverwaltung in der Krise | Deutschlandfunk

Um was geht es?

Bis zum 31.5. können in Deutschland 52 Millionen Menschen an der sogenannten Sozialwahl teilnehmen: Hierbei können viele Versicherte (namentlich die der Barmer, der Techniker Krankenkasse, der Kaufmännische Krankenkasse, der hkk (Handelskrankenkasse), der DAK Gesundheit und der Deutschen Rentenversicherung Bund) Kandidierende in die Selbstverwaltung ihre Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung wählen, die jeweils paritätisch mit Vertretern der Arbeitgeber und Arbeitnehmer besetzt sind. Alle sechs Jahre findet diese umfangreiche Wahl statt, und doch existiert erstaunlich wenig öffentliches Interesse am Prozess. Woran liegt das und wie ließe sich die Sozialwahl verbessern? Ein Feature des Deutschlandfunk von Philipp Landauer über die Hintergründe.    

Was hängen blieb:

Ich bin ehrlich: Mir war die Sozialwahl bis dato nicht bekannt. Für Unwissende wie mich gibt das Feature einen guten Einblick in die organisatorischen Strukturen der gewählten Selbstverwaltung, die Kompetenzen der Interessenvertreter (beispielsweise in der Bestimmung der Höhe von Versicherungsbeiträgen und des Umfangs der Leistungen) und die Konflikte zwischen politischen Entscheidungen und der (zumindest theoretischen) Autonomie der Selbstverwaltung der Versicherungen. Probleme sieht der Autor abseits dieses Konfliktes vor allem in der Handlungsträgheit der Selbstverwaltung (die häufig in ihren Abstimmungen auf Zweidrittelmehrheiten angewiesen sind) und in der wenig attraktiven und teilweise eingeschränkten demokratischen Form der Sozialwahlen (statt einzelnen Personen oder Parteien werden Listen mit Vertretern gewählt; einigen sich die zur Wahl aufstellenden Interessensvertreter bereits im Vorfeld auf eine gemeinsame Liste, verhindert diese sogenannte „Friedenswahl“ einen tatsächlichen Wahlprozess für die Versicherten).

The Weird History of Invented Languages | Storied

Um was geht es?

Sprachen sind zutiefst kulturell verwurzelte Konstrukte; die diachrone Betrachtung von Wortschatz und Grammatik offenbart dabei häufig einen Einblick in die gelebte Geschichte selbst – den jahrhunderte- und jahrtausendlangen friedvollen sowie konfliktreichen Austausch unterschiedlichster (Sprach-)Gemeinschaften. Während natürliche Sprachen in der Regel als Reaktion auf die „alltäglichen Notwendigkeiten“ der jeweiligen Zeit entstehen, versuchen künstliche Sprachen ein von den Erschaffer:innen selbst definiertes Ziel zu erfüllen. Der Kanal Storied widmet sich in der Videoreihe “Otherworlds” dem Phänomen der erfundenen Sprachen und geht dabei auf interessante, erfolgreiche und gescheiterte Projekte ein.

Was hängen blieb:

Ein kurzweiliges Video, das sich zum einen mit Fantasiesprachen aus populären Werken wie Der Herr der Ringe, Star Trek oder Game of Thrones beschäftigt, und zum anderen Projektsprachen wie Esperanto beleuchtet. Interessant war dabei vor allem der vielen künstlichen Sprachen zugrundeliegende Traum einer unmissverständlichen Universalsprache.

The Secret History And Strange Future Of Charisma | Noema Magazine

Um was geht es?

Mit dem Phänomen der charismatischen Herrschaft hat sich bekanntermaßen der Soziologie Max Weber beschäftigt, einer der zentralen Gründerväter des Fachs. Für ihn stand Charisma nicht allein für ein individuelles Attribut, das eine Person entweder besitzt oder nicht; als soziales Phänomen definiert sich Charisma vor allem durch die Rezeption der Massen, die den charismatischen Herrscher durch ihren Glauben an ihn erst konstruieren. Autor Joe Zadeh beleuchtet im vorliegenden Text mit der Person Stefan George einen kuriosen deutschen Schriftsteller, dessen charismatische “Qualitäten” am Vorabend des Nationalsozialismus Menschen auf beiden Seiten des politischen Spektrums in seinen Bann zogen. Gleichzeitig nutzt Zadeh die Anekdoten rund um George als Ausgangspunkt für eine breitflächige kulturelle Betrachtung von Charisma, vor allem mit Blick auf technologische Entwicklungen wie generative KI.

Was hängen blieb:

Ein faszinierendes Essay, das die Wirkkraft von Charisma als zweischneidiges Schwert beschreibt, das verführerische autoritäre Potentiale besitzt, aber auch zur Beflügelung derjenigen beitragen kann, die sich eben jenen unterdrückenden Tendenzen entgegenstellen. Spannend war für mich auch die historische Herleitung des Charisma-Begriffes und dessen nicht-westliche Verwendungen, die auch für Webers Begriffsvorstellung prägend waren. Ganz im Sinne einer Aufklärung, die wieder in Mythos umschlägt, eröffnet die „Entzauberung der Welt“, wie sie Weber in der säkularisierten Moderne diagnostizierte, neue Möglichkeiten der Verführung, sei es durch die mythische Aufladung von populistischen Politikern oder aufgrund von Influencern, die ihre digitale Macht dafür nutzen, reaktionäre und anti-aufklärerische Weltbilder zu verbreiten und damit scheinbar vorhandene Bedürfnisse für „Ersatzreligionen“ und alternative metaphysische Welterklärungen befriedigen.

Arbeitswelt im Wandel – Gedanken zu vier transformativen Entwicklungen unserer Zeit

Quelle: Pexels

Der Begriff der Transformation ist ein zentrales Leitmotiv unserer Zeit. Egal ob wir über den Klimawandel und die notwendige Umgestaltung unserer Industrien und Lebensweisen reden, über das wirtschaftliche ‚Derisking‘ in Folge von Pandemie und der Ukraine-Invasion, oder über Krisenmomente der westlichen Demokratie – die Welt befindet sich im Wandel und wir sind mittendrin. Diesem Wandel unterliegt auch einer unserer wichtigsten Zugänge zur Welt; unser Bezug zur Arbeit, zum tätigen Leben. Analysen zur Arbeit und ihren mitunter prekären Verhältnissen sind aktuell populär wie eh und je. Erst kürzlich veröffentlichte beispielsweise der kritische Theoretiker Axel Honneth einen Band über den „Arbeitenden Souverän“ und die Frage nach einer zeitgemäßen Organisation von Arbeit. Ein weiterer Titel aus der jüngsten Zeit ist die Monographie Im Minus-Bereich von Jana Costas, in der die Professorin für Personal, Arbeit und Management die Lebens- und Arbeitsverhältnisse von Reinigungskräften in Deutschland untersucht hat. Die Liste ließe sich beliebig weiterführen (beispielsweise mit Julia Friedrichs eindrucksvollem Werk Working Class). Fest steht: Arbeit beschäftigt – in doppeldeutiger Hinsicht. Deswegen folgen hier nun einige angesammelte Gedanken zu vier Themenbereichen und ihrem Einfluss auf die Zukunft unserer Arbeitswelt.

Arbeitszeiten, Flexibilisierung, Work-Life-Balance und Care-Arbeit

Vor etwas über hundert Jahren wurde in Deutschland der Achtstundentag eingeführt, ab 1956 begann dann allmählich ein Durchsickern der Forderungen der 40-Stunden-Woche. Während sich in einzelnen tarifgebundenen Branchen die Arbeitszeiten seitdem stückweise weiterreduziert haben, gilt die 40-Stunden-Regel weiterhin als zentraler Orientierungsrahmen für einen Großteil der Vollzeitbeschäftigten. Kleiner historischer Exkurs: Im Jahr 1930 prognostizierte der bekannte Ökonom John Maynard Keynes, dass durch die zu erwartenden Produktivitätssteigerungen in 100 Jahren eine Wochenarbeitszeit von 15 Stunden für alle Beschäftigten ausreichen würde. Doch spätestens seit den letzten 40 Jahren ist dieses Versprechen der sinkenden Arbeitsstunden rückläufig, während gleichzeitig die Ungleichheit der Einkommen wieder zugenommen hat, wie etwa die Hans Böckler-Stiftung berichtete. Dieses nicht eingelöste Versprechen einer Übersetzung von gesteigerter Produktivität in gesellschaftlich geteilten Wohlstand hat den Glauben an den gemeinsamen Gesellschaftsvertrag ins Wanken gebracht. Deswegen sind Forderungen nach neuen Arbeitszeitmodellen, beginnend bei flexiblen Gestaltungen der Stunden bis hin zu weiteren, branchenübergreifenden Stundenreduzierungen bei vollem Lohnausgleich, das Gebot der Stunde. Befürworter dieser Forderungen verweisen beispielsweise auf bereits durchgeführte Teststudien zur Arbeitszeitreduktion und auf die beobachteten und noch zu erwartenden positiven Effekte einer solchen Politik; nicht nur würde ein reduziertes Stundenmodell bei vollem Lohnausgleich auch für einen Personalausgleich sorgen (durch Aufstockung und Anwerbung von bisher unterbeschäftigten Arbeitnehmer:innen), die Produktivität würde auch davon profitieren, dass Menschen ausgeruhter, gesünder und fokussierter ihre Arbeit leisten könnten. Daran angeknüpft ist auch die Hoffnung, eine Entlastung im Care-Sektor zu schaffen und einen Anstoß für eine gerechtere Verteilung dieser immer noch größtenteils von Frauen geleisteten Haushaltsarbeit zu bewirken. Neben faireren Gehältern in Niedriglohnbereichen gehören die Reduzierung, Flexibilisierung und gerechtere Verteilung von geleisteten Arbeitsstunden somit zu den drängendsten Themen im Kampf für eine zukunftsgerichtete Arbeitswelt.

Arbeit und die Generationenfrage: Keinen Bock auf Arbeit?

Der Einfluss des demographischen Faktors auf die Arbeitswelt wird in letzter Zeit vor allem über folgende Frage ins Spiel gebracht: Haben die jungen Menschen keinen Bock mehr auf Arbeit? Sind sie zu faul, zu wenig leistungsfähig? Diese Thesen müssen natürlich vorbehaltlos zurückgewiesen werden. An Begriffen zur Diffamierung moderner Arbeitskonflikte, auch denen junger Menschen, mangelt es wahrlich nicht: „Quiet Quitting“, ein im Kern harmloses beharren auf die Einhaltung der vertraglich vereinbarten Arbeitszeiten wird da gerne mal als Zeichen für das geringe Engagement der Gen Z angesehen, während die zeitweisen Kündigungswellen in den USA in Folge der Pandemie und der staatlichen Transferleistungen als „Great Resignment“ linguistisch in die Tradition anderer einschneidender Krisen wie die Große Depression gestellt wurden. Fakt ist: Wenn junge Menschen etwa ihre Arbeitszeiten reduzieren wollen, dann tun sie dies nicht aus einer generellen Untätigkeit, sondern aufgrund einer sehr zutreffenden Bewertung der gesellschaftlichen und arbeitsmarkttechnischen Lage, der sie begegnen. Auf den Anstieg von Burnout-Fällen und psychischen Krankheiten mit dem Bedarf nach einer ausgeglicheneren Work-Life-Balance zu reagieren, zeugt nicht von Leistungsunwillen, sondern von gesundheitlicher Weitsicht. Die steigenden Kosten, vor allem Wohnkosten, sowie die Zunahme der Vermögens- und Einkommensungleichheit (auch auf generationaler Ebene), sorgen zudem dafür, dass frühere Lebensträume wie das Einfamilienhaus mit Garten für die allermeisten in weite Ferne rücken.

Wofür sich noch abrackern, wenn Bildungsaufstiege bereits ausgereizt wurden, ein lebenslanges Arbeiten aber trotzdem kein Indikator für Sicherheit und finanzielle Stabilität mehr ist? Die Umwelt- und Klimakrise, in die sich die letzten 100-200 Jahre hineingearbeitet wurde, sät zudem weitere Zweifel: Wie soll Arbeit als Selbstzweck positiv bewertet werden, wenn ein Großteil der geleisteten Stunden aus der jüngsten Vergangenheit massive ökologische Externalitäten zur Folge hatten? Und dies ist nur ein Beispiel dafür, wie gesellschaftliche Probleme im Interesse der Kapitalakkumulation einiger Weniger systematisch ausgeblendet wurden. Dass junge Menschen sich nun mehr denn je Gedanken über die Sinnstiftung und Anerkennung ihrer Tätigkeit machen, ist hier mehr als nachvollziehbar. Nicht nur sind junge Menschen somit im Recht, Veränderungen im Arbeitsmarkt zu verlangen; die demographische Entwicklung der nächsten Jahre gibt ihnen auch Rückenwind. Während die Boomer-Jahrgänge zunehmend in Rente gehen, trifft ein Überangebot an offenen Stellen auf historisch kleine Kohorten – die Arbeitgeber der Zukunft stehen damit vor der Wahl, Beschäftigungen zu kürzen oder in den sauren Apfel zu beißen und die Bedingungen von Gen Z und Millennials ernst zu nehmen. Erste Betriebe, beispielsweise im Handwerk, sind sich dessen bereits bewusst und locken mit flexiblen Arbeitsbedingungen und Vier-Tage-Woche die dringend benötigten Fachkräfte zu sich.

Technischer Wandel, Automatisierung, Isolation

Fortschritte in der Automatisierung sind seit jeher begleitet von dystopischen Visionen der Massenarbeitslosigkeit und der Verdrängung von Arbeitsplätzen, dabei ist dieser intuitiv nachvollziehbare Effekt oftmals in der Realität um einiges komplexer als vielfach angenommen. Schließlich ist es beispielsweise nicht so, dass die Erfindung der Nähmaschine dafür gesorgt hätte, dass prinzipiell keine menschliche Arbeit mehr fürs Nähen benötigt wird; stattdessen wurde die durch moderne Nähtechnik ermöglichte Fließbandarbeit in Niedriglohnländer wie Bangladesch ausgelagert, während das produzierende Gewerbe im westlichen Inland zurückging. Menschliche Arbeit geht also durch Automatisierung nicht zwingend verloren: Sie verschiebt sich und wird im Zweifelsfall prekärer. Vieldiskutiert ist aktuell vor allem der prognostizierte Einfluss von generativer KI (ChatGPT, Midjourney, ect.) auf die Arbeitswelt. Während nun regelmäßig, vor allem von KI-Involvierten selbst, Endzeit-Szenarien gezeichnet werden, wird der tatsächliche Einfluss von kühleren Köpfen als weniger apokalyptisch eingeschätzt. Gewisse mühsame Arbeitsprozesse könnten zwar auf lange Sicht beschleunigt und ersetzt werden, die Verdrängung des Menschen aus ganzen Berufssparten scheint jedoch ein Ding in weiter Ferne zu sein. Auch hier lohnt es sich vielmehr, den Blick auf die realen Missstände zu werfen, die durch künstliche Intelligenz bereits heute erzeugt werden. Beispielsweise wird nur selten die Rolle der digitalen Plattformarbeiter:innen in den Blick genommen, die etwa auch für OpenAI elementare Vorarbeit für das Training des eigenen Lernmodells beigetragen haben. Auch selten beleuchtet werden grundsätzliche Fragen zum Thema Copyright und zur unrechtmäßigen Verwertung der Werke Dritter, die die Grundlage der meisten generativen KIs bilden. Doch da hört das Thema Digitalisierung und Arbeit noch nicht auf: So schreibt beispielsweise Simon Schaupp in seiner Studie Technopolitik von unten über die kybernetische Steuerung von Arbeiter:innen durch Arbeitgeber:innen in der modernen Arbeitswelt, beispielsweise in Jobs der Gig-Economy, etwa bei Essenslieferant:innen, aber auch in der Elektroindustrie. Technik als Mittel, um die Arbeitsprozesse der Menschen zunehmend zu disziplinieren und die Organisationsfähigkeit zwischen Arbeiter:innen zu schwächen, muss daher kritisch in den Blick genommen werden und verdient mehr mediale, politische und aktivistische Aufmerksamkeit, als KI-Schreckensszenarios, die nicht an den Problemen im Hier und Jetzt orientiert sind. Gerade der Einfluss des technischen Wandels birgt mit am stärksten ein Potential dafür, die Vereinzelung und Fragmentierung von Arbeiter:innen und ihren Interessen voranzutreiben; in räumlicher (durch Crowd- und Gigwork, aber auch durch die geplante Isolation von Arbeitenden in Logistikzentren wie jenen von Amazon) sowie in zeitlicher Hinsicht (durch exakte Vorgaben und Optimierungsmetriken, die disziplinierend wirken).

Die Frage nach dem Geld

Natürlich muss es auch noch mal um den schnöden Mammon gehen, gerade heute, wo Vermögensungleichheit ein episches Maß erreicht hat und durch immer noch hohe Inflationszahlen weiterhin Reallohnverluste festzustellen sind. Geld und Arbeit, das ist ein Wortpaar, dessen Begriffe sich auf vielfache Weise gegenseitig tangieren. Geld ist, zumindest in der kapitalistischen Wirtschaftslogik, in der wir uns befinden, der grundlegendste Arbeitsanreiz für den doppelt freien Lohnarbeiter. “Geld und Arbeit” betrifft aber nicht nur die Preisfindung auf dem Arbeitsmarkt, die urteilslos versucht, zwischen Angebot und Nachfrage zu vermitteln; Arbeit und Entlohnung betreffen auch Fragen der Anerkennung und des Respekts. Gerade mit Blick auf die oben erwähnte Care-Arbeit, sowie alle anderen Bereiche, die stärker zur Instandhaltung unserer Infrastruktur beitragen (wie etwa die Müllabfuhr oder Reinigungskräfte), als zur Erhöhung von Aktienindizes, muss die Frage gestellt werden, inwiefern ein Marktpreis den Wert darstellen kann, den diese Arbeit für uns beisteuert. Wenn Entlohnung auch Respekt widerspiegelt, ist es gleichzeitig legitim, sich etwa über Höchstlöhne Gedanken zu machen, um der Gleichheit und (zumindest relativen) Gleichwertigkeit der Arbeit jedes Einzelnen ein Zeichen zu setzen. Wenn wir über Geld reden, dann müssen wir aber auch über die Rolle des Staates nachdenken; über die Frage, wie dieser sein Monopol auf die Währung dafür nutzen könnte, um Visionen einer besseren Arbeitswelt in die Realität umzusetzen. Neu aufgeworfen wurden diese Fragen beispielsweise von Vertretern der MMT, der Modern Monetary Theory, einer Geldtheorie, die dem Staat weitaus größere finanzielle Spielräume und eine Verantwortung zur entsprechenden Ankurbelung des Arbeitsmarktes zuspricht. Viele Anhänger:innen der Theorie befürworten daher eine staatliche Jobgarantie, also Programme auf kommunaler Ebene, die Menschen ein Jobangebot machen, das zur Vollbeschäftigung beiträgt und mit dem gesetzten Preis für die Arbeit zudem private Unternehmen zu höheren Löhnen zwingt. Einen anderen Weg schlagen Befürworter:innen des Grundeinkommens ein. Die Idee der leistungslosen staatlichen Grundversorgung ist bereits populär genug, dass private Akteure sowie Wissenschaftler:innen erste beschränkte Modellversuche wagten. Der Konsens der bisherigen Ergebnisse scheint dabei grundlegend positiv zu sein. Vor allem die erlebte psychische Entlastung von Modellteilnehmern, die etwa einem Jobwechsel etwas entspannter entgegensehen konnten, ist hervorzuheben. Doch egal ob Jobgarantie oder Grundeinkommen: Dass Geld ein politisches Instrument ist, steht fest. Geldpolitik, und damit auch die Macht der Zentralbanken und Geschäftsbanken, wieder stärker in Einklang zu bringen mit dem gesellschaftlichen Gemeinwohl, muss daher als komplexer, aber nichtsdestotrotz wichtiger Teil der Arbeitskonflikte der Zukunft verstanden werden.

Attackierte Wettermoderatoren, zur Philosophie des Störenfrieds und transatlantische Datenschutzabkommen

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Eine Reportage über Angriffe in den sozialen Medien auf Wettermoderatoren und den Versuch einer Diskreditierung von Klimaberichterstattung; ein Podcast über die philosophische Begriffsbestimmung des Störenfrieds; und ein Artikel zum Thema internationaler Datenschutz, das ein neues Abkommen zwischen den USA und der EU behandelt.


Klimafakten unerwünscht: Warum Wettermoderatoren attackiert werden | NDR/ZAPP

Um was geht es?

Das heutzutage wirklich alles politisch ist, inklusive des Wetterberichts, zeigt dieser zugegebenermaßen beunruhigende Beitrag des Medienmagazins ZAPP, in dem mehrere TV-Meteorologen von ihren Erfahrungen mit Hass und Drohungen von Wissenschaftsleugnern im Netz berichten.

Was hängen blieb:

Das häufig missverstandene Verhältnis von Wetter und Klima ist eines, das regelmäßig von oben genannten Akteuren dafür missbraucht wird, um die Delegitimierung jeglicher Berichterstattung zum anthropogenen Klimawandel voranzutreiben. Neben der populistischen und unsachlichen Herangehensweise dieser Menschen und Netzwerke, stellt sich hier allerdings vor allem die Frage, inwiefern sich an der Vorstellung von Wissenschaft als ‚neutrales Feld‘, das sich an einer allgemeingültigen Wahrheitssuche orientiert, überhaupt noch festhalten lässt. Auch in Hinblick auf eine weiterhin zu gemächlich auftretende globale Klimapolitik zeigt sich, dass Überzeugung und Vertrauen, sowie eine gesellschaftlich breite, wahrhaftig differenzierte Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen ebenso zum Begriff der Wissenschaft gehören, wie die Besinnung auf Wahrheits- und Allgemeingültigkeitsansprüche.

Soziopod #064: Puer Robustus – Eine Philosophie des Störenfrieds von Dieter Thomä

Um was geht es?

Welche Dynamik steckt eigentlich hinter dem gesellschaftlichen Wandel, was führt ihn herbei – oder besser gesagt, wer? Mit dieser Frage beschäftigte sich der Philosoph Dieter Thomä in seiner subjektorientierten Begriffsbestimmung des puer robustus: Gemeint ist hiermit die Sozialfigur des Störenfrieds, der den gesellschaftlichen Konventionen diametral gegenübersteht und durch sein grenzüberschreitendes Verhalten aufzeigt, dass ein anderes Leben möglich ist – im Guten, wie im Schlechten. Nils Köbel vom Soziopod hat den 700 Seiten schweren Wälzer gelesen und ordnet zusammen mit Patrick Breitenbach die Theorie Thomäs ein.

Was hängen blieb:

Zu den spannendsten Aspekten des puer robustus zählte für mich sein je unterschiedliches Erscheinungsbild. Neben dem egoistischen Störenfried, der sich etwa im skrupellosen Finanzmarkt-Spekulanten niederschlägt, dem nomozentrischen Störenfried, der vom Willen zur Etablierung einer neuen Ordnung angetrieben wird (Thomä nennt hier beispielhaft die Figur des Wilhelm Tell), und dem exzentrischen Störenfried, der ohne ausgefertigten Plan gegen die Routinen des Alltagslebens rebelliert, gesellt sich mit dem massiven Störenfried ein vierter Typ: Diesen Typus, der in Form einer Gruppe oder Bewegung auftaucht, führt Thomä auf Max Horkheimer zurück, der mit Blick auf die faschistischen Schlägertruppen am Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung bereits auf den Begriff puer robustus zurückgriff. Neben der breiten Typologie und der systematischen, philosophiegeschichtlichen Herangehensweise Thomäs, gefiel mir vor allem die Diskussion zum Verhältnis des Störenfrieds zur Figur des Helden, sowie die Überlegungen dazu, ob es heutzutage nicht eher ein Überangebot an Störenfrieden und einen Mangel an demokratischem Diskurs gibt.

Data Privacy. Von „Sicheren Häfen“, Schutzschilden und Rahmenwerken

Um was geht es?

Mit dem ‚Data Privacy Framework‘ haben die EU und die USA kürzlich einen weiteren Anlauf für ein gemeinsames Datenschutzabkommen gestartet, nachdem zwei vorangegangene Abkommen jeweils vom Europäischen Gerichtshof gekippt wurden. Grund für das Scheitern ähnlicher Vorhaben war stets die Befürchtung, dass ein hinreichender Schutz für EU-Bürger:innen nicht gewährt sei; in Anbetracht der damaligen Snowden-Enthüllungen und der Tatsache, dass in den USA bis heute keine unabhängige Datenschutzbehörde existiert, keine unbegründeten Sorgen. Der Historiker Benedikt Neuroth ordnet das neue Abkommen ein und gibt Einblicke in die Historie des Datenschutzes in den USA und auf internationaler Ebene.

Was hängen blieb:

Das Thema Datenschutz kann, trotz seiner Relevanz für die Rechte jedes Einzelnen, ein sehr trockenes Thema sein, und abschnittsweise offenbart sich auch dieser Text als Strapaze für die eigene Konzentrationsfähigkeit. Dennoch empfand ich den Artikel und seinen Blick auf die US-Perspektive und die bestehenden internationalen Richtlinien als bereichernde Einordnung einer mir wenig bekannten Thematik. Die kurze Erwähnung der Situation rund um ByteDance und TikTok und den diesbezüglichen Datenschutzsorgen der USA offenbarte zudem eine gewisse Ironie, denkt man dabei an den weitgehend unregulierten Privatsektor im eigenen Land und die gesellschaftlichen Probleme, die durch eigene Social-Media-Plattformen in die Welt gebracht wurden. Das abschließend angerissene Konzept der ‚Data Sovereignty‘, als Beschreibung der Durchsetzung lokaler Prinzipien innerhalb des internationalen Datenverkehrs, bietet zudem einige (leider nicht weiter ausgeführte) Denkanstöße zur weiterhin bestehenden Relevanz territorialer Grenzen im vermeintlich postnationalen Zeitalter der Netzwerkgesellschaft – ein Thema, das mich persönlich vor allem deshalb interessiert, weil es am Rande auch in meiner Masterarbeit vorkommt, in der ich mich gerade mit dem Begriff der Geopolitik (insbesondere der aktuellen Weltraumpolitik) und seiner populären Darstellung in Science-Fiction Literatur beschäftige (damit wäre auch erklärt, wieso in den letzten Monaten keine neuen Ausgaben erschienen sind – mea culpa!).

Mythen der Hexenverfolgung, globale Protestbewegungen der 2010er und libertärer Radikalismus im argentinischen Wahlkampf

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Mythos der Hexenverfolgung im Mittelalter; ein längerer Text über das utopische Momentum der Graswurzelbewegungen der 2010er und die Frage, was mit diesem geschehen ist; und ein Podcast über die libertären radikalen Thesen des argentinischen Präsidentschaftskandidaten Javier Milei.


Debunking the Pervasive Myths About Medieval Witch Hunts | Kaz Rowe

Um was geht es?

Von all den populären (und mittlerweile in der Wissenschaft stark kritisierten) Bildern zum ‚düsteren Mittelalter‘ zählt die Jagd auf Hexen zweifellos zu den verbreitetsten und wirkmächtigsten. Die Idee einer massenhaften Verfolgung von Frauen, die mit unorthodoxen kulturellen Praktiken aus den patriarchalen Strukturen einer ‚voraufgeklärten‘ Zeit herausstachen und dafür im Feuer ihren Tod fanden, klingt intuitiv geradezu plausibel; zumindest, bis man sich die historische Faktenlage genauer ansieht. Der Kanal Kaz Rowe hat dies getan und ordnet dabei zugleich Verbindungen zu modernen Aneignungen des Hexen-Mythos auf sozialen Plattformen genauer ein.

Was hängen blieb:

Neben der generellen Einordnung des Hexen-Mythos anhand genauer Quellenarbeit und Rekonstruktion der populären (und fehlgeleiteten) Geschichtsschreibung zum Thema, war für mich vor allem die erwähnte Verbindung zwischen Hexerei und Ausprägungen eines radikalen Feminismus eine gänzlich neue, faszinierende, bisweilen aber auch beunruhigende (etwa in der Parallelisierung von angeblichen Massenmorden an Frauen, die heidnische Bräuche praktizierten, mit den Opfern des Holocaust). Erwähnenswert sind zudem die gelegentlichen Kommentare, dass tatsächliche Fälle von Hexenverfolgungen häufiger noch in der Zeit der Renaissance zu finden seien, woran sich auch die im Video aufgemachte These anschließen lässt, dass Geschichtsschreibung oftmals einem ‚Fortschritts-Bias‘ aufsitzt, dem die negative Abwertung der Vorzeit als Legitimation und relative Aufwertung gegenwärtiger Zustände dient.    

The mass protest decade: why did the street movements of the 2010s fail? | The Guardian

Um was geht es?

Eingeläutet durch die revolutionären Demonstrationen in Tunesien waren die 2010er-Jahre geprägt vom Glauben an die utopische Kraft der Graswurzelbewegungen. Für einen kurzen Moment schienen Machthierarchien fragil – Autokraten sowie die zentralen Institutionen des globalen Kapitals wirkten verletzlich und formbar, eine andere Welt rückte in den Rahmen des Möglichen. Doch dann verpuffte ein Großteil dieser revolutionären Energien und was folgte war vielerorts eine Rückbewegung zugunsten autoritärer, islamistischer und populistischer Mächte. Was war geschehen? Mit dieser Frage im Kopf befragte Vincent Bevins für den Guardian knapp 200 Menschen, die an den globalen Protesten beteiligt waren, im Versuch, eine Antwort zu finden.

Was hängen blieb:

Ein einigermaßen langer, multiperspektivischer Text, mit dem großen Anspruch, eine globalgültige These zum Verbleib des utopischen Potentials der Graswurzelbewegungen zu formulieren, der meiner Ansicht nach auch spannendes zur Frage beizutragen hat. So scheint über alle Bewegungen hinweg die Einsicht zu herrschen, dass ausgerechnet die ‚Horizontalität‘ der Macht, die sich durch ein nie dagewesenes Mobilisierungspotential im Zeitalter digitaler Medien entfaltete, die langfristige Übernahme von politischer Kontrolle erschwert zu haben. Die ‚Strukturlosigkeit‘ der Massen überrumpelte zwar durch ihre schiere Größe die etablierten Machtstrukturen, erzeugte dadurch aber häufig ein Vakuum, dass durch besser (‘vertikal’) organisierte Akteure mit oftmals schlechteren Absichten gefüllt wurde, statt von den revolutionären Protestlern. Ableiten lässt sich hieraus, dass die generelle Skepsis vor (hierarchisch strukturierter) politischer Repräsentation auch der kühnsten und edelsten revolutionären Bewegung womöglich eher schadet als hilft: „If the existing elites can actually be removed […] then some group must be prepared to take their place and do a better job”.

Ep. 218: Der Aufstieg des Javier Milei – wieso Argentinien einen Anarchokapitalisten wählt | Wohlstand für Alle

Um was geht es?

Ende Oktober fand in Argentinien eine hierzulande medial wenig beachtete Präsidentschaftswahl zwischen dem amtierenden Wirtschaftsminister Sergio Massa und dem Populisten Javier Milei statt, die nun am 19. November in die Stichwahl geht. Obwohl Milei trotz erfolgreicher Umfragen in der ersten Runde unterlag, droht mit der immer noch möglichen Wahl Mileis Drastisches, wirft man einen Blick auf die Thesen und Forderungen des libertären Ökonomen. Der Podcast Wohlstand für Alle widmet sich Mileis Politik und ordnet diese kritisch ein.

Was hängen blieb:

Von Populisten, aus Nord- sowie aus Südamerika, sind wir ja mittlerweile einiges gewöhnt, und dennoch wirken die libertären, anarcho-kapitalistischen Thesen Mileis beunruhigend und destruktiv. Das wirtschaftlich gebeutelte Argentinien, das in den 50er-Jahren noch zu den reichsten Ländern gehörte, hängt aktuell hochverschuldet am Tropf internationaler Geldgeber; eine Situation, die prädestiniert für explosiven politischen Defätismus scheint. Mit seinem Ziel eines schlanken und wirtschaftlich untätigen Staates wirkt Milei wie eine radikalere Version Hayeks, während seine populistische Forderung, die Zentralbank zu sprengen Bitcoiner zu Freudensprüngen verleiten dürfte. Seine autoritären, anti-progressiven Forderungen, das Abtreibungsrecht abzuschaffen und auch andere kulturelle Fortschritte rückgängig zu machen, unterstreichen die Gefahr, die von Milei ausgeht.


Zur aktuellen Situation in Israel und Palästina gibt es hier nun noch eine nicht weiter kommentierte Linksammlung mit Texten, die in meinem Feed aufgetaucht sind und mir erwähnenswert erschienen:

“Was gesagt werden muss” (Beatrice Frasl)

“The Decolonization Narrative Is Dangerous and False” (Simon Sebag Montefiore)

“Wir, die Linken? Nicht mehr” (Eva Illouz)

“Hausgemachte Probleme” (Eberhard Seidel)

“Der Antisemitismus der Progressiven” (Ulrich Gutmair)

“Das Schweigen vor dem ABER” (Navid Kermani)

“Israels Regierung hat versagt – das ist die Alternative” (Tom Würdemann)

“Israel und Palästina im deutschen Herbst” (Per Leo)

Über Utopien und die Gestaltbarkeit von Zukunft

Quelle: Pixabay

Vor einigen Wochen sah ich einen etwas älteren Bericht von Monitor über das Leben und die Sozialisierung von Kindern im Westjordanland, über ihre Stilisierung zu Märtyrer-Figuren, über den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt und über die psychische Belastung einer Lebenswelt, die von erlebter Stagnation und Machtlosigkeit geprägt ist. Die Darstellung dieser jungen Menschen, ihre Schilderungen, dass sich ihnen selbst durch gute Bildungsabschlüsse nur sehr eingeschränkte und wenig hoffnungsmachende Perspektiven auftäten, hinterließ in mir einen bleibenden Eindruck.

Dieser Text soll allerdings kein Versuch sein, die Komplexität der aktuellen politischen Lage in Gaza aufs Anekdotische zu reduzieren – viel mehr sorgte das angesprochene Video bei mir für einen Denkanstoß über das Verhältnis von politisch-subjektiven Freiheiten und der Notwendigkeit einer gestaltbaren Zukunft. Die Möglichkeit einer Zukunft, die Ausflucht bietet aus Redundanz und erlebter Gefangenheit, wird dabei zu einer zentralen Voraussetzung des Menschseins. Erst Kontingenz, also das Wissen darum, dass alles auch anders sein könnte, setzt utopische Energien frei und macht aus der neutralen Zeitkategorie Zukunft einen politischen Begriff, der einen breiten Interpretationsspielraum zulässt.

Pluralismus von Zukunftsbildern

Für einige signalisiert das Nachdenken über Zukunft etwa den Bedarf an Klimaschutz und den ökologischen Erhalt von Leben; für andere die Furcht, Schuldenberge an spätere Generationen zu vererben. Aber auch Ängste, die etwa auf eine suggerierte „Verdrängung“ der eigenen kulturellen Identität oder Nationalität abzielen, rekurrieren auf spezifische antizipierte Szenarien. Der Zukunftsbegriff eignet sich somit als Instrument für die Mobilisierung von Mehrheiten und lässt dabei jene als siegreich hervorgehen, die sich angesichts der virulentesten dystopischen Vorstellungen am geschicktesten als „Retter der Gegenwart“ inszenieren.

Manche Leute stricken sogar eine ganze Ethik um den Begriff der Zukunft, etwa die Anhänger des „Longtermism“, die aus dem Konzept des sogenannten „effektiven Altruismus“ den intuitiv einleuchtenden aber in letzter Konsequenz wahnsinnigen Gedanken ableiten, dass eine Politik der Gegenwart sich weniger an den Belangen im Hier und Jetzt orientieren sollte, sondern am Wohlergehen des (wohlgemerkt: rein theoretischen und potentiellen) zukünftigen Bevölkerungsstamms. Die Blüten, die dieses Denken treibt, spiegeln sich etwa in der Schlussfolgerung wider, dass hypothetische apokalyptische Szenarien rund um das Thema künstliche Intelligenz als bedeutsamer angesehen werden als die Beschäftigung mit der Klimakrise, die im Bild des „großen Ganzen“ der Longtermisten zu einem historischen Nebenschauplatz deklariert wird.

Der Bezug zur Zukunft, so lässt sich bis hierhin festhalten, wird also zu einem gewissen Grad immer wieder begleitet von einem Autoritätsargument: Je mehr ich mich augenscheinlich um die Zukunft Sorge, desto stärker wirkt der Wahrheitsanspruch meiner Prognosen. Aber es ist mehr als das: Je mehr ich die Zukunft als bereits gegeben und als unvermeidbare Folge aus Gegenwart und Vergangenheit begreife, je mehr meine Version der „Gang der Dinge“ also als unabwendbar und „naturwüchsig“ erscheint, desto mehr verliert Zukunft ihr angesprochenes kontingentes Potential.

Politische Interventionen und das Demokratieproblem der Schuldenbremse

Die Aufgabe von Politik könnte (oder sollte) es hingegen sein, die nur scheinbar unveränderbaren „Natureigenschaften“ des sozialen und politischen Lebens aufzufangen und auszugleichen. Das Beispiel, das diesen Text einleitete, spielte etwa schon auf die realen Folgen einer „Geburtenlotterie“ an, die sich nicht nur in der asymmetrisch einschränkenden Nationalstaatlichkeit ausdrückt, sondern auch in der Vererbung von Armut und Reichtum, die sich besonders in Staaten mit geringer Vermögensumverteilung bemerkbar macht.  

Während die suggerierte Natürlichkeit und Rechtfertigung ungleicher Verhältnisse klassisch konservative Motive sind, erfordert die Erschaffung von politischen, zukunftsorientierten Freiheiten im Sinne eines universalistischen Ideals Maßnahmen, die eigentlich ideologieübergreifende Geltungskraft entfalten müssten. Demokratie ist normalerweise qua Verfassung an Maximen der Gleichheit gebunden (etwa die Gleichheit des Stimmrechts) und verfolgt im Kern den Gedanken, dass ein Wahlvolk den politischen Vektor in Richtung Zukunft durch Prozesse der Deliberation und Mehrheitsbildung in Eigenverantwortung bestimmt. Der Versuch, der demokratischen Deliberation allmählich politische Werkzeuge dieser Gestaltungsoffenheit zu entziehen, lässt sich aktuell in Bezug auf die Debatte rund um die grundgesetzlich festgeschriebene Schuldenbremse verfolgen:

Im Grunde könnte man hier nämlich selbst neoliberale und „long-termistische“ Denkmuster heranziehen, um sich die Frage zu stellen, inwiefern es das Recht einer historisch einmaligen politischen Konstellation im Bundestag sein sollte, die fiskalischen Spielräume aller künftigen Generationen gemäß der eigenen idealen Vorstellungen einzuschränken (die Tatsache, dass die sogenannte Konjunkturkomponente, eine zentrale Variable in der Berechnung der Schuldenbremse, sich stark an wirtschaftlichen Leistungen aus der Vergangenheit und nicht umso stärker an den Kapazitäten und Bedürfnissen der Zukunft orientiert, spricht hierbei Bände).

Geld ist am Ende des Tages ein soziales Konstrukt gegenseitiger Vereinbarungen und damit ein zentrales politisches Instrument. Politik geht in Demokratien „vom Volke aus“. Die Gestaltbarkeit von Fiskalpolitik im Zeitalter eines chronischen Investitionsstaus hinter schwer zu erreichenden Zweidrittelmehrheiten zu verbarrikadieren, kann somit mindestens als politisch problematisch, wenn nicht sogar als demokratieverhindernd angesehen werden.

“Zukunft” als universalistischer Humanismus

Vielleicht zeigt gerade das oben genannte Beispiel auf, was politische Debatten und globale Konflikte häufig im Kern ausdrücken – nämlich einen Wettstreit „um Zukunft“, angeführt von Szenarien, die oftmals einseitige dystopische Perspektiven instrumentalisieren, anstatt die prinzipielle Gestaltungsfreiheit als universalistisches Ideal zu etablieren und damit einen Humanismus stark zu machen, der sogar größer sein kann als die Legitimation vermeintlich zeitloser und ewiger Wahrheiten und Zustände, die sich aus dem Verweis auf Jahrhunderte der Gewalt und Gegengewalt ergiebt.

Je permanenter und allumfassender die Verunmöglichung von individueller und politischer Zukunftsgestaltung ausfällt, desto fruchtbarer wird der Nährboden, der Menschen erst in Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit verfallen lässt, sie in die Arme von ideologischen Rattenfängern treibt, und ihnen dann im schlimmsten Fall den Rückgriff auf archaische und reaktionäre Grausamkeiten als einzig verbleibende, fatale Notwendigkeit erscheinen lässt. Erst die Erfahrung des Abstreifens von erlebten Notwendigkeiten als Entfaltung gleichmäßig verteilter Freiheitsräume ermöglicht es, an gemeinsamen Zukunftsbildern zu arbeiten, die nicht primär in der Vermeidung von Dystopien, sondern in der Konstruktion von Utopien begründet sind.

Murder Mystery-Trend in China, drohende Deregulierung im Supreme Court und die Probleme von Obdachlosigkeit

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Ein Video über einen faszinierenden Trend in China, der Live-Rollenspiel und Murder Mystery-Deduktion vereint; ein Text über eine bisher wenig beachtete Entwicklung im Supreme Court, die einschneidende Deregulierungen zur Folge haben könnte; und ein Podcast über Obdachlosigkeit, den Blick der Betroffenen auf die Gesellschaft und die Schwierigkeiten von verlässlicher Forschung in diesem Bereich.


The Murder Game Revolution That Has Gripped China | People Make Games

Um was geht es?

Während sich in westlichen Gefilden Brettspiele mit ausgefeilten Stories einer stetig wachsenden Beliebtheit erfreuen und auch Deduktionsspiele wie Krimi-Dinner oder Werwolf zum Standard-Repertoire simpler ‘Tischrollenspiele’ gehören, hat sich in China kürzlich aus eben diesen Elementen ein neuer gigantischer Trend entwickelt, der vor allem jüngere Generationen in seinen Bann zieht. Der Kanal People Make Games hat sich das Phänomen namens Jubensha genauer angesehen, spricht mit Spieler:innen vor Ort und zeigt unter anderem einige Gender-Dimensionen der Spiele auf.

Was hängen blieb:

Einblicke in Trends zu erhalten, die gänzlich unter dem eigenen Radar schweben, ist immer faszinierend, aber gerade in diesem Fall wird einem eindrücklich veranschaulicht, wie Sprachbarrieren (selbst für gut informierte Fachjournalisten) kulturelle Scheuklappen produzieren. Jubensha ist nicht einfach nur ein nettes Gesellschaftsspiel für den privaten Raum; die Genre-Vielfalt scheint gigantisch und die aufwändigsten Stücke spielen in großflächigen Umgebungen und nehmen dabei beinahe LARP-artige Züge an. Während das detektivische Nachgehen einer Fragestellung den narrativen Antrieb generiert, wird im Video vor allem ein Unterschied zu den hierzulande populären Escape Rooms klar gemacht – während bei diesen die Verteilung der Hinweise im Raum die Aufmerksamkeit der Gruppe eher zerstreut, fokussiert Jubensha die Spielenden auf sich selbst, da die verkörperten Figuren und die detaillierten Hintergrundbögen, auf denen diese basieren, den eigentlichen Schlüssel zur Lösung darstellen. Dass Jubensha vor allem als Kennenlernspiel mit Fremden stattfindet, ist zusätzlich hochgradig spannend, während das Fehlen von spezifischen Content-Warnungen – gerade im Kontext eines scheinbar häufigen Bezugs zu Themen der sexuellen Gewalt – zurecht kritisiert wird. Da Jubensha-Stoffe wohl des Öfteren auch queere und sonstige marginalisierte Perspektiven abbilden, sollte zudem auch der Ausblick auf eine zunehmende Regulierung und Zensur der Spiele durch die chinesischen Behörden im Auge behalten werden.

Why a Supreme Court decision on fishing boats could change everything | The Verge

Um was geht es?

Spätestens seit Ex-Präsident Donald Trump nicht nur etliche Bundesrichter neu einstellte, sondern auch im obersten Gerichtshof durch Neubesetzungen eine konservative Mehrheit festigte, ist die Rolle des Supreme Court innerhalb der US-Politik in aller Munde. Das Kippen von Roe v. Wade und die damit verbundene Abschaffung eines landesweiten Rechts auf Abtreibung im Jahr 2022 offenbarte mit aller Härte die zunehmende Politisierung eines obersten Gerichts, das bereit scheint, selbst etablierte Bürger:innenrechte und soziale Fortschritte zurückzudrehen. Doch das Abtreibungsurteil scheint noch nicht das Ende der Fahnenstange zu sein. Über die Gefahr einer zunehmenden Verschiebung von Kompetenzen von der Staats- zur Rechtsebene und darüber, was Gebühren in der Fischereibranche damit zu tun haben, berichtet The Verge.

Was hängen blieb:

Vielleicht ist es der Tatsache geschuldet, dass die drohende Einschränkung oder gar Abschaffung der sogenannten Chevron Doctrine wenig greifbar erscheint, dass ich erst sehr wenig über besagten Fall gelesen habe, doch das Potential für weiteres Chaos und eine zusätzliche Stärkung der Gerichte im Vergleich zur von Mehrheitsbildung geplagten gesetzgebenden Politik und den staatlichen Behörden scheint hier definitiv gegeben. Während Chevron bisher bei regulativen Unklarheiten in der Gesetzeslage auf das Expertenwissen von Einrichtungen wie der Environmental Protection Agency verweist hat, würde die Abkehr von der Doktrin die Entscheidungsgewalt zu Gunsten der weniger fachlich informierten Gerichte verschieben. Ziel scheint hier ultimativ das Vorantreiben eines letztendlich immer weniger regulierten Staates, die Entfaltung eines libertären und reaktionären Turbokapitalismus, mutmaßlich vorangetrieben etwa von den Koch-Brüdern, die ebenfalls bereits in den Anfängen der Tea Party-Bewegung involviert waren, wie Heike Buchter in einem Kommentar für ZEIT ONLINE schreibt.

Leben auf der Straße – So blicken Obdachlose auf die Gesellschaft | DLF/Systemfragen

Um was geht es?

Auch wenn die gesellschaftliche Wahrnehmung und mediale Repräsentation von non-normativen Lebensentwürfen, Erscheinungen und Schicksalen in den letzten Jahren zugenommen hat, so gibt es auf dem Weg hin zu einer wahrlich solidarischen Gesellschaft, die ihre Aufmerksamkeit auf die Probleme ihrer Mitmenschen richtet, und in der laut Bundeskanzler Scholz der Slogan „You’ll never walk alone“ gelten soll, noch einiges zu tun. Eine selten gehörte Stimme findet sich etwa in der Gruppe der Obdach- und Wohnungslosen. Der Podcast Systemfragen spricht mit Betroffenen über ihre Situation und zeigt die Schwierigkeiten in der Erforschung des Phänomens auf.    

Was hängen blieb:

Während ein Konzept wie ‚housing first‘, das etwa in Finnland weit verbreitet ist, Menschen in Wohnungsnot möglichst schnell wieder ein Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen soll, zeigt vor allem das Gespräch mit Experte Prof. Dr. Dirk Borstel, dass die eigentlichen Probleme der Menschen tiefer gehen. Möglichst hürdenlose und unbürokratische Hilfsangebote, sowie ein lebensnahes und individualisiertes Entgegenkommen bei Sozialarbeiter:innen und in der Verwaltung scheinen hier essentiell. Einleuchtend erscheint zudem die These, dass sich am Umgang mit den Wohnungslosen und den multiplen Gefahren, denen sie ausgesetzt sind, Grundsätzliches über die Belastungsfähigkeit unserer gesellschaftlichen Solidarität sagen lässt. Verpflichten wir uns wahrhaftig dazu, Menschenwürde als bedingungslos unantastbar anzusehen? Dann müssen wir den Einzelnen, seine Probleme, Bedürfnisse und Potentiale auch ernst nehmen und uns nicht mit einer Gesellschaft zufriedengeben, die den meritokratischen Ellenbogenkampf als unhinterfragte oberste Norm längst akzeptiert hat.

Einflussnahme bei der Oscar-Vergabe, Polens schwieriger Weg zurück zur Rechtsstaatlichkeit und das Phänomen des Linkskonservatismus

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Ein kurzes Video über die Hintergründe zur Oscarwahl und die Einflussnahme auf wahlberechtigte Mitglieder; ein längerer Text über den Status Quo der Demokratie in Polen und die Hürden auf dem Weg zurück zur Rechtstaatlichkeit; und ein Audio-Feature zum Phänomen Linkskonservatismus und den Wandel der klassischen linken Wählerschaft.


Why Are The Oscars Like That? | Thomas Flight

Um was geht es?

Am 11. März ist es mal wieder so weit: Die älteste weltweite Preisverleihung im Unterhaltungssektor, die Oscars, werden zum mittlerweile 96. Mal vergeben. Anlass genug für eine Empfehlung, die sich mit den weniger sichtbaren Aspekten der Zeremonie beschäftigt: Und zwar mit den wahlberechtigten Mitgliedern der Academy sowie der Frage, warum es bestimmte Filme ins engere Auswahlverfahren schaffen und andere nicht. Der Essayist Thomas Flight bemüht sich, Scheinwerferlicht ins Dunkle zu bringen.

Was hängen blieb:

Obwohl bestimmte Aspekte aus diesem Video filminteressierten Menschen sicherlich bekannt sind (etwa der überraschende Oscargewinn von Shakespeare in Love im Jahr 1999 und der Einfluss Weinsteins hinter diesem Ergebnis), fand ich vor allem den Einblick in die hochgradig zielgruppenoptimierte Filmwerbung, die sich explizit an die Wahlberechtigten der Academy richtet, sehr spannend. Auch die zweischneidige Rolle der Oscars für die Aufrechterhaltung von Filmkultur – einerseits mitunter fatal daneben, wenn es um die tatsächliche Kanonisierung des Mediums geht, aber gleichzeitig relevant für die Beschaffung von Geldern und Vertrauen in Hollywood – lädt zum Nachdenken ein.

Poland’s democratic rehabilitation | Prospect

Um was geht es?

“Today’s authoritarian populists don’t take power by abolishing democratic institutions, but by getting inside and hollowing them out, stuffing their own party soldiers into the cavity”. Diese Worte von Annette Dittert beschreiben nicht nur treffend aktuelle Pläne radikaler Konservativer in den USA, sondern auch die Vorgehensweise der polnischen PiS-Partei der letzten Jahre in ihrem Versuch, die Demokratie im Land vollständig auszuhöhlen. Nach der Hoffnung stiftenden Wahl von Ministerpräsident Donald Tusk scheint Schlimmeres vorerst gestoppt. Doch welche Hürden müssen auf dem Weg zurück zur Rechtsstaatlichkeit noch überwunden werden? Dieser Text für das Prospect Magazine klärt auf.

Was hängen blieb:

Ein sehr spannender Einblick, nicht nur in die spezifischen politischen Entwicklungen und Möglichkeiten zur Rückabwicklung in Polen, sondern auch in allgemeine politikwissenschaftliche und rechtswissenschaftliche Fragestellungen: Wenn eine Regierung demokratische Institutionen dafür nutzt, um eine anti-konstitutionelle Agenda voranzutreiben, wenn sie das Rechtssystem unterwandert und formal korrekte, aber demokratisch illegitime Systeme aufbaut, inwiefern ist es dann zulässig, die Spielregeln einer solchen konstruierten Scheindemokratie zu unterwandern, um einen Idealzustand von Demokratie wiederherzustellen? Dittert zeigt unter anderem auf, wie diese Frage gerade in der westlichen Berichterstattung über Polens neue Regierung häufig unterkomplex dargestellt wird.   

Linkskonservatismus – Rolle rückwärts in die Zukunft? | Deutschlandfunk Kultur / Zeitfragen

Um was geht es?

Die Frage nach der Relation zwischen unterschiedlichen politischen Situierungen bietet regelmäßig Raum für Debatten – etwa, wenn mal wieder das fragwürdige Konzept des Hufeisens ausgekramt wird, um eine vermeintliche Nähe zwischen linken und rechten Extrempositionen auszumachen. Aber auch der interne Konflikt zwischen sogenannten ‘ökonomischen’ und ‘kulturellen’ Linken über die Geltungshoheit der Bedeutung ‘links’ führt immer wieder zu Auseinandersetzungen, wie sich etwa im Umgang mit der kürzlich gegründeten Partei ‘Bündnis Sahra Wagenknecht – Vernunft und Gerechtigkeit’ gezeigt hat. Über die Frage, welche Assoziationen ‘links’ früher wie heute ausgelöst hat und auslöst, und ob es so etwas wie ‘Linkskonservatismus’ überhaupt gibt, berichtet das Deutschlandfunk Kultur-Format Zeitfragen.

Was hängen blieb:

Der Beitrag setzt sich vornehmlich mit dem Wandel im Wahlverhalten der Arbeiterklasse auseinander und zeigt auf, wie eine ehemals gewerkschaftlich organisierte Klientel links der Mitte sukzessiv einer Wählerschaft gewichen ist, die stattdessen immer stärker aus einem universitären Milieu rekrutiert wird. Hieran lässt sich wunderbar Michael Sandel anschließen, der in seinem Buch Vom Ende des Gemeinwohls die Spaltung der Gesellschaft auf eine unhinterfragte Legitimierung von meritokratischen Prinzipien und einen Drang hin zu immer höheren Abschlüssen zurückführt und in der US-Wählerschaft eine Spaltung zwischen akademisch und nicht-akademisch ausgebildeten Fachkräften identifiziert. Horizontale gesellschaftliche Konfliktlinien verdrängen zudem immer stärker vertikale, wie jüngst auch Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser festgestellt haben; selbst Wahlentscheidungen, die aus ökonomischer Perspektive gegen die eigenen Interessen ausfallen, werden somit zugunsten einer kulturellen Politisierung hingenommen, die sich stattdessen gegen Dinge wie geschlechtergerechte Sprache ausspricht. Gleichzeitig wird allerdings auch auf die historische Tradition eines konservativen ‘Arbeiterklasse-Autoritarismus’ hingewiesen, bei der sich linke Parteien in Deutschland bereits in den 90er-Jahren zu bedienen versuchten, und an die Wagenknecht nun ebenfalls anknüpft. Auch das Aufgreifen von ehemals linken Themen wie EU-Kritik durch einen erstarkten Rechtspopulismus wird im Beitrag als Problem für linke Parteien hervorgehoben, die sich fortan um Abgrenzung bemüht sahen. Offen bleibt am Ende die Frage, ob ein linkskonservatives Angebot, das für ökonomische Gleichheit einsteht, aber gleichzeitig eine ‘Abfederung’ kultureller Fortschritte leistet, wie es etwa eine CDU von sich behaupten würde, überhaupt ohne den starken Populismus auskommen könnte, den etwa Wagenknecht an den Tag legt.        

Eine Kiste bunt Gemischtes:

Alltag und Vernichtung – Kritik zu Jonathan Glazers The Zone of Interest

© Leonine

„Hörst du das?“, fragt Rudolf Höß während einer Szene im Film The Zone of Interest seinen Sohn, als die beiden an einem sonnigen Tag durch die anliegenden Wälder des Konzentrationslagers Auschwitz reiten. Gemeint sind von Höß nicht die Schreie, nicht die Schüsse, nicht das allgemeine Rumoren einer industriellen Tötungsmaschinerie, die unmittelbar neben dem Grundstück der arischen Bilderbuchfamilie auf Hochtouren läuft. Nein, der Kommandant des Konzentrationslagers ist lediglich neugierig, ob sein Sohn das Singen der Rohrdommel erkennt; ein Geräusch, das wiederum für den Zuschauenden inmitten einer omnipräsenten Klangkulisse des Leids kaum wahrnehmbar sein dürfte.


Zehn Jahre ist es her, seitdem Regisseur Jonathan Glazer mit Under the Skin seinen letzten Spielfilm in die Kinos brachte; einen Zeitraum, den er mit ausgiebiger Recherchearbeit und einer originalgetreuen Nachbildung des historischen Höß-Anwesens füllte, während Tontechniker Johnnie Burn für Glazer eine ausgiebige Bibliothek mit historisch akkurat kartografierten Klängen anfertigte, die entsprechend zum Ort und Zeitpunkt ihres Geschehens sowie ihrer Distanz zur aufgezeichneten Szene eingebaut wurden.

The Zone of Interest ist in vielerlei Hinsicht ein besonderer Film. Rein produktionell, aber auch als künstlerisches Werk zum schlimmsten Verbrechen der Menschheit, sowie in der außergewöhnlichen Wirkung, die er bei den Zusehenden hinterlässt. Produktionell lässt sich etwa festhalten, dass er nicht nur ein Film ist, sondern im Grunde zwei: Der eine findet im Anwesen der Höß und dessen näheren Umgebung statt und wurde aufgezeichnet von teils versteckten, teils sichtbaren Kameras, die vor Drehbeginn am Set installiert wurden und der Crew erlaubten, das Schauspiel von Sandra Hüller (Hedwig Höß), Christian Friedel (Rudolf Höß) und Co. aus der Distanz zu beobachten.

Der beiläufige Naturalismus, den der Film vermittelt, tritt damit umso klarer in den Vordergrund, Stimmen verhallen und Szenen überlagen sich mitunter im allgemeinen Getummel. Als „Big Brother im Nazi-Haus“ bezeichnete Glazer selbst seine Form der Inszenierung – familiäre Nähe trifft auf distanzierte Betrachtung, die Zuschauenden werden zu zeitweiligen Beiwohnenden des Geschehens, treten ein in eine Welt des Grauens, in der sich Vater, Mutter und Kinder längst akklimatisiert haben. Radikale Verdrängung und eine rein pragmatische Integration der Vernichtung und ihrer Überbleibsel in den eigenen Alltag werden zu den zentralen Instrumenten in der Vermeidung von kognitiven Dissonanzen.

Die Erfahrung dieser Dissonanzen zeigt sich (abseits eigener Reaktionen von Ekel und Abscheu) in der Figur der Mutter von Hedwig Höß, die ihren Besuch der Familie eines Nachts heimlich abbricht und damit zeigt, dass das Fallenlassen in eine vollständige, perfekte Illusion kein Automatismus ist. Nur einen Brief lässt die Mutter Hedwig zurück, der diese sichtlich in Rage versetzt und augenblicklich im Kamin des Hauses verbrannt wird. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, bleibt nur die endgültige Tilgung aus der Welt jedes einzelnen Hinweises zur Reflektion des eigenen Lebens.

Als allgegenwärtig und unentrinnbar erscheint der erlebte Ekel im Film durch die oben bereits erwähnte Klangkulisse von Johnnie Burn. Da sich die Bilder des Films auf das Familienleben beschränken, findet die Inszenierung des Horrors von Auschwitz rein auf der auditiven Ebene statt. Auch hier ist es die wahrgenommene Beiläufigkeit der eingestreuten Sounds, durch die ein historischer Kosmos gezeichnet wird, der über die 106 Minuten Film von The Zone of Interest hinausragt.

In einer Diskussionsrunde des Deutschlandfunks sprach der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger über das ‘Bildarchiv’ aus dokumentarischen und cineastischen Eindrücken zur Shoah, dass das erinnerungskulturell geschulte Publikum mit in den Film bringt. Die Überlegung, wie der Film wohl auf all jene wirkt, die nicht auf ein solches Bildarchiv zugreifen können, wirft viele weitere spannende Fragen auf, etwa bezüglich der Einbettung eines Films wie The Zone of Interest in didaktische Kontexte sowie zur Aussagekraft von ästhetischen Empfindungen und Affekten für eine ganzheitliche Vermittlung von Geschichte.

Die Ausblendung eines universalistischen affektiven Zugangs zur Welt, die selektive Verschließung vor unmittelbarem Leid, wird von den Hauptfiguren erkauft durch ein beinahe vollständiges Aufgehen in instrumenteller Vernunft. Hedwig sieht den Pelzmantel einer getöteten Jüdin als nichts Weiteres als ein Objekt, das für ihre eigene Anwendung Reinigung und Reparatur bedarf; Rudolf ist vom bürokratischen und arithmetischen Charakter der jüdischen Vernichtung derart eingenommen, dass er während einer ausschweifenden Party der nationalsozialistischen Schreibtischtäter an nichts Anderes denken kann als daran, welche Planung es bräuchte, um die anwesende Feiergemeinschaft mit Gas zu töten.

Doch trotz dieser manischen und perfektionierten Distanz zum martialischen Geschehen gibt es Brüche im scheinbar makellosen Alltag. Hedwig gerät durch den Weggang ihrer Mutter aus der Fassung und kompensiert ihren Moment der Schwäche mit einer Machtdemonstration gegenüber ihrem Hausmädchen, indem sie ihr mitteilt, dass auch ihre Asche im Handumdrehen über die Felder wehen könnte. Rudolf Höß wiederum erlebt nach dem Festakt einen kurzen Moment des körperlichen Ekels, der an Joshua Oppenheimers The Act of Killing erinnern lässt.

Höß Blick schweift anschließend beinahe gedankenverloren einen langen Gang entlang. In der bemerkenswerten Szene, die auf diesen Moment folgt, wird die erzählerische Raumzeit auf beeindruckende Weise gedehnt, und so wie die Soundkulisse den historischen Rahmen des Films in seiner Gänze erscheinen lässt, so wird hier die Shoah als Ereignis inszeniert, das die instrumentelle faschistische Gegenwart der Nazis übersteigt und zwischen Vergangenheit und Zukunft, Tat und Vermächtnis oszilliert – womöglich ein kurzer Moment der Kontemplation seitens Höß. Doch kaum da, wird er schon unterbrochen von der Rückbesinnung auf die Routine, die Rückkehr zur Familie, die Rückkehr nach Auschwitz. Die Arbeit ruft.

Politische Jugend in Taiwan, kommunistische Wahlerfolge in Österreich und der literarische Widerstand im Ghetto Theresienstadt von Petr Ginz

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Ein Videobeitrag über Ursprünge und moderne Ausdrücke der Politisierung junger Taiwanes:innen; ein Artikel über die jüngsten Wahlerfolge der österreichischen KPÖ und den Bedarf nach lebensnaher linker Politik; und ein ausführliches Feature über das beeindruckende Leben von Petr Ginz, der mit anderen Jugendlichen im Ghetto Theresienstadt das Magazin Vedem produzierte und damit dem Nazi-Regime trotzte.


Taiwans Jugend kämpft um Unabhängigkeit | ARTE Tracks

Um was geht es?

Wenige Konflikte bieten aktuell so viel geopolitischen Sprengstoff wie die Taiwan-Frage. Sei es das industriepolitische Säbelrasseln zwischen den USA und China, die zentrale Rolle der Halbleiterindustrie, das nach den Covid-Jahren einsetzende Derisking, ein zunehmendes Erstarken von revisionistischen Machtansprüchen, oder die schwindende Rolle der USA als ‘Ordnungshüter’ auf der globalen Ebene: Im Mittelpunkt all dieser Entwicklungen steht das sich wandelnde Selbstverständnis Chinas auf der Weltbühne und damit auch die Frage zur Zukunft Taiwans. Gerade der Krieg in der Ukraine hat die Debatten über Unabhängigkeit und Selbstverteidigung im Land neu entfacht. Arte TRACKS folgt im Zuge der kürzlich abgehaltenen Wahlen die Taiwaner:innen Freddy Lim und Lai Pin-yu, die ihr politisches Engagement mit ihren jeweiligen ungewöhnlichen Medienkarrieren verbinden und damit die Rolle der jüngeren Generationen in den Vordergrund stellen.

Was hängen blieb:

Ich bin ehrlich: Der Beitrag ist zwar nett, aber leider enttäuschend kurz und etwas zu oberflächlich. Wegen eines Details habe ich ihn dann aber doch noch mit aufgenommen: Die Erwähnung der sogenannten ‘Sunflower Movement’, von der ich bis dato noch nie gehört hatte. Diese studentisch angetriebene Jugendbewegung hatte den Protest gegen ein Handelsabkommen mit China als Ausgangspunkt und führte im April 2014 zu einer 24 Tage langen Besetzung des Parlamentsgebäudes in Taipeh. Dass dieses – für die Politisierung vieler junger Leute bedeutende – Ereignis hierzulande weniger bekannt ist, hängt eventuell auch damit zusammen, dass sich zum gleichen Zeitraum die russische Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim abspielte.

Diese schicksalshafte Linie zwischen der Ukraine und Taiwan lässt sich bis heute ziehen; unter dem Eindruck der Selbstverteidigung gegen den russischen Aggressor lässt sich auch im 160 km von Festlandchina entfernten Taiwan eine erhöhte Verteidigungsbereitschaft feststellen, während der Anteil der Bevölkerung, der sich eine rasche Vereinigung mit China wünscht, abnimmt. Anders als die von Korruption geplagte Ukraine ist Taiwan jedoch ein demokratischer Musterstaat und steht im entsprechenden Index sogar noch vor Deutschland. Im Zeitalter zunehmender Autokratien scheint es daher umso relevanter, alles politisch Mögliche zu tun, um eine (politische sowie militärische) Übernahme Taiwans zu unterbinden. Denn auch wenn militärische Planspiele der Volksrepublik die realen Schwierigkeiten einer Invasion vor Augen führen, wissen wir aus der jüngsten Geschichte, dass rationale Einschätzungen der eigenen Machbarkeit für verblendete Autokraten nicht zwingend Grundlage finaler Entscheidungen darstellen.

Die KPÖ ist das wirksamste Rezept gegen Rechtsextreme | Jacobin

Um was geht es?

Während es linke Parteien im Zuge eines europaweiten Erstarkens rechtsnationaler Bewegungen zunehmend schwer haben, gibt es eine Partei, die trotz des Signalwortes “Kommunismus” im Namen auf phänomenale Wahlerfolge in jüngster Zeit zurückblicken kann: Die österreichische KPÖ konnte nicht nur in der Gemeinderatswahl 2021 in Graz als stärkste Kraft hervorgehen, sondern nun auch in Salzburg ihr voriges Ergebnis aus 2019 versechsfachen und damit 23,1 Prozent der Stimmen gewinnen. Über die Hintergründe zum kometenartigen Aufstieg der Partei schreibt Adam Baltner für das Jacobin Magazin.

Was hängen blieb:

Eine Anwendbarkeit lokaler Taktiken in anderen Kontexten ist sicherlich nicht immer trivial, doch es fällt nicht sonderlich schwer, Ähnlichkeiten zwischen der hier beschriebenen Themensetzung der KPÖ und Problemfeldern in Deutschland zu identifizieren – bezahlbares Wohnen und der Ausbau des sozialen Wohnungsbaus ließen sich sicherlich auch hierzulande stärker zum Thema machen. Statt inner-linke Kleinkriege zu führen, scheint sich die KPÖ strikt auf ihre politischen Forderungen zu konzentrieren und greifen damit anderen Parteien sowie dem Lager der Nichtwählenden Stimmen ab. Auch wenn die KPÖ in aktuellen Umfragen zur anstehenden Nationalratswahl bei gerade einmal 3% steht, wird es interessant sein, zu beobachten, welche Rolle die Partei in Zukunft auch auf Bundesebene spielen wird.

Schreiben im Untergrund – Das Jugendmagazin „Vedem“ in Theresienstadt | Bremen Zwei / Das Feature

Um was geht es?

Während sich einige Geschichten zum Widerstand im Nationalsozialismus ins öffentliche Gedächtnis gebrannt haben und einen festen Platz in unserer Erinnerungskultur einnehmen, gibt es auch viele weniger bekannte Figuren und Bewegungen, die sich gegen die Schrecken dieser Zeit auflehnten. So etwa Petr Ginz, ein schriftstellerisches Wunderkind, das im besetzten Prag Tagebuch führte, mit 14 Jahren ins Ghetto Theresienstadt geschickt wurde und dort ein Literaturmagazin mit Gleichaltrigen gründete. In ihrer großartigen Audioreportage zeichnen Jakob Schmidt und Jannis Funk dieses beeindruckende Leben nach.

Was hängen blieb:

Die Geschichte von Petr Ginz hat mich zutiefst gerührt, wütend gemacht, verzweifeln und staunen lassen über die irren Zufälle und die generationale Tragik, die den erzählerischen Bogen dieser Reportage darstellt. Dass der Wahn der Nazis ganz zentral auch eine Auslöschung von geistigen Kosmen bedeutete, wird einem hier auf schmerzhafte Weise erneut bewusst. Hunderte Seiten schrieb der an Science-Fiction interessierte Petr bereits im jungen Alter. Seine Tagebucheinträge zeugen von einer soziologischen Beobachtungsgabe, während das ausgabenreiche Literaturmagazin Vedem als Zeugnis für einen schöpferischem Drang steht, der selbst inmitten gesellschaftlich dunkelster Zustände nicht kleinzukriegen war. Petr Ginz starb im Alter von 16 im KZ Auschwitz. Sein Humanismus jedoch, der sich etwa anhand eines Aufrufes zur geistigen Selbstorganisation an seine jugendlichen Mitgefangenen ablesen lässt, überdauert bis heute:

“Wir wurden ungerechterweise aus dem Nährboden von Arbeit, Freude und Kultur herausgerissen, aus dem unsere Jugend schöpfen sollte. Damit wird ein einziges Ziel verfolgt: Uns nicht nur körperlich, sondern auch geistig und moralisch zu vernichten. Wird ihnen das gelingen? Niemals. Der einstigen Kulturquellen beraubt, werden wir uns neue schaffen. Durch hasserfüllten Zorn aus der Mitte der Menschen gerissen, werden wir unsere Herzen nicht mit Hass und Zorn verhärten.”

Eine Kiste bunt Gemischtes:

Die „Feminist to Far-Right“-Pipeline, Bullys in Führungspositionen und der antidemokratische Bund Königin Luise der Weimarer Republik

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Ein Videobeitrag über die “Feminist to Far-Right Pipeline” und die überparteiliche und -ideologische Mobilisierung gegen trans Menschen; ein Text über eine jüngste Statistik zur Korrelation zwischen Bully-Verhalten in der Schule und beruflichen Erfolg im späteren Leben und die Frage, inwiefern sich neoliberales Konkurrenzdenken und gesellschaftliche Nullsummenspiele überwinden lassen; und ein Podcast über den Bund Königin Luise, eine nationalistische, antidemokratische und proto-faschistische Frauenorganisation der Weimarer Republik, die zu den vergessenen Wegbereiterinnen des Nationalsozialismus zählt.


The Feminist to Far-Right Pipeline | Lily Alexandre

Um was geht es?

Spätestens das jüngste politische Auftreten von Harry Potter-Autorin J.K. Rowling hat den Begriff TERF (oder in der Selbstbezeichnung: ‘gender critical’) in den diskursiven Mainstream befördert. Sogenannte ‘trans-exclusionary radical feminists’ bezeichnen einen im Kern faszinierenden Widerspruch; radikalfeministische Kritik an starren Geschlechterordnungen trifft hier auf einen reaktionären und essentialistischen Reflex im Aufeinandertreffen mit trans Menschen. In extremen Fällen scheuen ‘genderkritische’ Feministen dabei selbst die Zusammenarbeit mit rechtsorientierten Akteuren nicht, wenn es darum geht, der ‘trans-Agenda’ einen Riegel vorzuschieben. Wie kommt es, dass Frauen, die einst legitime feministische Kritik übten, von rechts vereinnahmt werden? Youtuberin Lily Alexandre nimmt sich der Frage an.

Was hängen blieb:

Was mir am Video von Lily Alexandre gefällt, ist die offene Herangehensweise und ehrliche Auseinandersetzung mit einem Phänomen, das weniger von einer starken ideologischen Homogenität geprägt ist, sondern viel mehr von der Abwesenheit von reflektierten Weltanschauungen und einer Fokussierung auf geteilte Feindbilder. Während Lily Alexandre den theoretischen Ursprüngen des ‘trans-exclusionary feminism’ eine gewisse Progressivität im Kontext ihrer Zeit attestiert, geht es ihr vor allem um die Anfälligkeit der “nuclear middle-class family” für ein verschwörungstheoretisches Denken, das Analysen von Macht und Klasse kategorisch ausblendet und stattdessen in trans Menschen einen dankbaren Sündenbock findet. Wer zudem der festen Überzeugung ist, das feministische Projekt sei bereits abgeschlossen, der sieht in allen bestehenden gesellschaftlichen Genderstrukturen ein Gut, das es bis zum Kern zu verteidigen gilt, selbst wenn dies die Gefahr eines Rückfall in traditionelle Ordnungen miteinschließt. Lily Alexandre schließt damit, dass der Faschismus selbst nicht durch seine einheitliche Ideologie eine Gefahr darstellt, sondern durch die apolitische Einstellung und Legitimierung durch diejenigen, die seine unterdrückerischen und gewaltsamen Prozesse geschehen lassen:

“The political machine of transphobia is not rooted in a shared worldview. In fact, it was born out of a call to abandon ideology in favour of a crackdown process. Members are asked to cast aside all attachments to other principles – gender equality, civil rights – because the process of trans elimination is simply more pressing.”

From the playground to politics, it’s the bullies who rule. But it doesn’t have to be this way | The Guardian

Um was geht es?

Schaut man auf Menschen wie Elon Musk, Jeff Bezos, Donald Trump oder Javier Milei – erfolgreiche Unternehmer, populistische Galionsfiguren und in vorderster Linie abgedrehte Exzentriker unserer Zeit – dann liegt es nicht sonderlich fern, sich die Frage zu stellen, welche Typen Mensch unsere gesellschaftlichen Strukturen eigentlich produzieren und an die Spitze unserer Institutionen befördern. Eine Studie des Institute for Social and Economic Research in Essex bestätigte kürzlich einen Zusammenhang zwischen aggressivem und antisozialem Verhalten und beruflichem Erfolg im späteren Leben. Sind es also tatsächlich die Bullys, die in unserer Welt den Ton angeben? Zu dieser Frage, sowie über den befreienden Gedanken, dass ein Wandel von Organisationsstrukturen in unseren Händen liegt, macht sich George Monbiot für The Guardian Gedanken.

Was hängen blieb:

Der Text war für mich in zweifacher Hinsicht interessant. Zum einen durch seine Kritik am neoliberalen Subjekt, das durch seine selbstzentrierte Insularität ein System der Ungleichheit hervorbringt, das die Orientierung an dominantem und aggressivem Verhalten erst als notwendig erscheinen lässt. Die Formel des Nullsummenspiels, die im Text des Öfteren erwähnt wird, verweist jedoch auf den Schaden, der hierbei entsteht: “A win for bullies is a loss for everyone else”. Die Idee eines Nullsummenspiels aus konkurrierendem Interesse und begrenzten Ressourcen findet dabei nicht nur im Wettkampf zwischen Individuen Anwendung, sondern beschreibt vor allem auch geopolitische Theorieansätze klassischer Art, wie sich etwa in der Einführung von Niels Werber nachlesen lässt. Dass es von der nationalstaatlich gedachten Nullsummenaufteilung der Welt meist nur wenige Schritte hin zu einem biologistischen und rassistischen Verständnis von ‘Volk und Boden’ waren, beschreibt Werber dabei ausführlich.

Zweitens musste ich bei der Vorstellung einer meritokratischen, von Bullys besetzten Ordnung an Rutger Bregmans Buch Im Grunde gut zurückdenken, in dem er die These aufstellt, dass der Mensch im Kern ein selbst-domestiziertes, prosoziales und kooperatives Wesen ist, und die Hinwendung zum Bösen oftmals durch eine Ausnutzung von Gefühlen der Kamerad- und Schicksalsgemeinschaft, sowie durch fehlgeleitete Empathie zu erklären sei. Während der Mensch jahrtausendelang auf ein regulatives System aus Schamempfindung und prosozialem Gruppenzwang vertrauen konnte und Machtfiguren in der nomadischen Zeit einfach abzulösen waren, lassen sich die politisch kontrollierten Armeen und zivilisationsumspannenden Mythen seit Beginn der Sesshaftwerdung als möglichen Ursprung von kriegerischem Handeln begreifen. Für die Frage, wem Macht heutzutage zufällt und wie sie ausgeübt wird, ist der oben bereits erwähnte Schambegriff und die körperliche Reaktion des Errötens für Bregman zentral. Denn Studien zufolge lässt festhalten, dass diese ‘anthropologischen Konstanten’ verloren zu gehen scheinen, sobald Menschen in Machtpositionen geraten:

“[People in power] are […] more impulsive, self-centred, reckless, arrogant and rude than average, they are more likely to cheat on their spouses, are less attentive to other people and less interested in others’ perspectives. They’re also more shameless, often failing to manifest that one facial phenomenon that makes human beings unique among primates. They don’t blush.”

Der nächste Abschnitt von Bregman und der Artikel von Monbiot reichen sich damit die Hand:

“Unfortunately, there are always people who are unable to feel shame, whether because they are drugged on power or are among the small minority born with sociopathological traits. Such individuals wouldn’t last long in nomadic tribes. They’d be cast out of the group and left to die alone. But in our modern sprawling organisations, sociopaths actually seem to be a few steps ahead on the career ladder. Studies show that between 4 and 8 per cent of CEOs have a diagnosable sociopathy, compared to 1 per cent among the general population. In our modern democracy, shamelessness can be positively advantageous. Politicians who aren’t hindered by shame are free to do things others wouldn’t dare. Would you call yourself your country’s most brilliant thinker, or boast about your sexual prowess? Could you get caught in a lie and then tell another without missing a beat? Most people would be consumed by shame – just as most people leave that last cookie on the plate. But the shameless couldn’t care less. And their audacious behaviour pays dividends in our modern mediacracies, because the news spotlights the abnormal and the absurd. In this type of world, it’s not the friendliest and most empathic leaders who rise to the top, but their opposites. In this world, it’s survival of the shameless.”

Der Bund Königin Luise – Frauen für den Führer | Zeitfragen. Feature/Deutschlandfunk Kultur

Um was geht es?

Die Frage, wie die Weimarer Republik in den Faschismus führen konnte, beschäftigt Historiker:innen seit Jahrzehnten. Klar ist etwa, dass paramilitärische Strukturen bestehend aus rechtskonservativen und monarchistisch gesinnten Freikorps, die beispielsweise schon für das blutige Niederschlagen der Münchner Räterepublik verantwortlich waren, durch den laschen Umgang mit ihnen zunehmend an Einfluss gewannen. Weniger bekannt ist, welche Rolle Frauenorganisationen für die Verbreitung von Nationalismus und völkischen Faschismus in der Zeit der Weimarer Republik spielten. Für das Deutschlandfunk-Format Zeitfragen berichtet Stefanie Oswalt über den Bund Königin Luise, der in den Jahren bis zur Machtergreifung Propagandaarbeit für den entstehenden Nationalsozialismus leistete.    

Was hängen blieb:

Ein nachdenklich machender Beitrag, der dem populären Vergleich von der Weimarer Republik mit unserer heutigen politischen Situation eine neue Ebene hinzufügt. Auch wenn die Gründungsgeschichte des Bundes umstritten ist, so lässt sich laut Expertin darüber nachdenken, inwiefern die historische Exkulpierung der Rolle der Frauen in Fragen der nationalsozialistischen Ideologisierung den Blick auf Schuldfragen verklärt hat. In der preußischen Königin Luise, deren Heroisierung sich nach dem Ende des ersten Weltkrieges ins nationalkonservative Lager verschob, fand der Bund eine dankbare Figur, um den Kampf für das Vaterland im Rahmen der Familie, die als “Wurzel des Staates” angesehen wurde, voranzutreiben. Der Einblick in die Satzung des Bundes offenbart zudem nicht nur dessen frühen Antisemitismus und Rassismus, sondern auch die Doppelmoral in Bezug auf das vermeintliche Ziel einer “Überbrückung der Klassenunterschiede”. Denn personell waren es vor allem Frauen aus dem Adel, die zentrale Funktionen im Bund übernahmen, während ärmere Frauen durch karitative Hilfe in den Einflussbereich der Organisation gerieten. Die Re-Organisierung des familiären Raums entlang nationalsozialistischer Wunschvorstellungen spielte sich somit zwar primär auf der geschlechtlichen Ebene ab, beinhaltete aber ganz zentral eine ökonomische und vertikale Machtdimension. Ähnlich wie im Videobeitrag zeigt sich zudem auch hier die vereinte Mobilisierungsfähigkeit bürgerlicher und rechtsextremer Kräfte, die angesichts gemeinsamer Ziele (Nationalstolz stärken, Tradition gegen liberale Kräfte bewahren, geschlechtliche Essentialisierung festigen) bereit sind, fatale über-ideologische Allianzen einzugehen.

Eine Kiste bunt Gemischtes:

Drohnenkrieg aus der ersten Person – FPV-Drohnen, Gaming-Kultur und der Wandel der Kriegsführung im 21. Jahrhundert

Quelle: Pexels

Kürzlich, auf dem Weg zurück vom Einkaufen, flog zum ersten Mal in meinem Leben eine fremde Drohne direkt über meinen Kopf. Als ich mit Taschen beladen die Gassen meines Sechstausendseelendorfes entlangschritt, nahm ich plötzlich ein entferntes Summen wahr, das allmählich näher zu kommen schien und dessen Ursprung sich mir erst erschloss, als ich wild suchend den Kopf in alle Himmelsrichtungen rotieren ließ und das handgroße Flugobjekt sachte auf dem Boden landen sah. Hätte ich mich nicht gerade in der Recherche für diesen Text befunden, dann wäre die Erinnerung an diesen Moment wahrscheinlich rasch verblasst. In Anbetracht der Gedanken jedoch, die ich bereits in die Konzeption der folgenden Zeilen gesteckt hatte, ließ mich dieser kurze Moment der Irritation in einer neuen Klarheit über die globalen Implikationen eines ‘Zeitalters der Drohne’ nachdenken: Einer Ära, die spätestens mit der Ukraine-Invasion durch Russland eine ungeahnte Beschleunigung erfahren hat.  


Die Geschichte der Drohne, beziehungsweise der Unmanned Arial Vehicles (UAV), wie unbemannte und ferngesteuerte Flugobjekte gemeinhin bezeichnet werden, reicht, je nach Perspektive, recht weit in die Vergangenheit zurück. Nach der Erfindung des Heißluftballons durch die Gebrüder Montgolfier im 18. Jahrhundert lässt sich ein erster größerer militärischer Einsatz von mit Sprengsätzen bestückten Flugobjekten auf das Jahr 1849 datieren, als die Armee des Kaisertums Österreich im italienischen Unabhängigkeitskrieg Ballonbomben gegen das aufständische Venedig einsetzte. Ein nächster prägender Eintrag für militärisch genutzte UAVs findet sich knapp 100 Jahre später, im Zweiten Weltkrieg. Lieutenant Commander Delmar Fahrney, der in den 1930ern bereits am U.S. Naval Research Laboratory mit dem Bau von funkbetriebenen Zielobjekten für Flugabwehrsysteme beschäftigt war, demonstrierte 1941 den Einsatz ferngesteuerter Flugzeuge, die Torpedos und Unterwasserbomben abwerfen konnten. Mit Kriegseintritt wurde Fahrney – dem die Begriffsschöpfung ‘Drohne’ nachgesagt wird – schließlich mit der Produktion von angriffsfähigen unbemannten Flugobjekten beauftragt, die durch die Implementierung von früher Fernsehtechnologie als Protomodelle der FPV-Drohne (First-Person-View) in die Geschichte eingingen.

In den 1970er Jahren etablierten sich allmählich kleinere, schnellere und einfacher zu steuernde Drohnen, die weiterhin vorrangig im Militär beheimatet waren. Sie wurden dabei zu Aufklärungszwecken genutzt, zur Störung von Radarsystemen, oder als Attrappen. So baute etwa Israel in den 70ern und 80ern seine Drohnenkompetenzen stark aus, und durch die Emigration von Abraham Karem, dem israelischen ‘Gründervater’ moderner UAV-Technologie, kam das entsprechende Pionierwissen auch in die USA. Aus Karems Design der Gnat 750, die dem Pentagon 1994 zur Aufklärung im Bosnienkrieg diente, sollte schließlich die berüchtigte Predator-Drohne hervorgehen, die ab 2001 zusätzlich mit Panzerabwehrraketen ausgestattet wurde. In Folge des ‘War on Terror’, der als Reaktion auf die Anschläge am 11. September von den USA ausgerufen wurde, sowie der einhergehenden Zunahme in der asymmetrischen Kriegsführung, wurde die Drohne zum zentralen Instrument, um mit gezielten Schlägen aus der Distanz Kombattanten und Anführer terroristischer Vereinigungen auszuschalten. In Folge von investigativen Berichten über heruntergespielte zivile Opferzahlen und Debatten zur völkerrechtlichen Bewertung einer solchen ‘Sicherheitspolitik’ wurde die Drohne zunehmend kritisch von einer breiteren Öffentlichkeit rezipiert. Und doch war sie nun nicht mehr aus dem Repertoire der modernen Kriegsführung wegzudenken – einer Kriegsführung, deren Anfangs- und Endpunkte immer stärker von Unschärfe geprägt sind und die dabei die Charakteristika eines ‘permanenten Ausnahmezustands’ annimmt.       

Während die USA in dieser skizzierten ‘Frühphase’ als Quasi-Monopolist im bewaffneten Drohnenkampf auftraten, öffneten sich in den letzten fünf bis zehn Jahre auch anderen Akteuren die Tore zur Technologie. So wurden bereits 2017 selbstgebastelte Drohnen zum Abwurf von Granaten durch ISIS eingesetzt und auch Aserbaidschan griff im Bergkarabachkonflikt gegen Armenien ‘erfolgreich’ auf die türkische Kampf- und Aufklärungsdrohne Bayraktar TB2, sowie auf israelische Kamikazedrohnen zurück. Und auch die Hamas nutzte bei ihrem brutalen Terroranschlag auf Israel am 7. Oktober 2023 kommerzielle Drohnen, die mit Explosionskörpern ausgestattet waren. Der mit Abstand prägendste Schauplatz für die Entwicklung des modernen Drohnenkampfs ist jedoch aktuell der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Die massive Verbreitung von Drohnen auf ukrainischem Terrain führte dabei zu einer kuriosen Reihe von ‘ersten Malen’: So wurde am 13. Oktober 2022 zum ersten Mal ein bemanntes Flugzeug in Folge eines Kampfs mit einer Drohne zerstört. Am gleichen Tag fand zudem der erste beobachtete Kampf zwischen zwei ‘verfeindeten’ DJI Mavic-Modellen statt, in dem ein ukrainisches Modell ein russisches durch Rammmanöver zum Absturz brachte. Am 9. Mai 2023 ergab sich zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein (russischer) Rekrut einer (ukrainischen) Drohne.

Während die Ukraine in der Anfangszeit der Invasion – als die russische Drohnen- und Luftabwehr noch unvorbereiteter war – vom bereits erwähnten, hochpreisigen Bayraktar-Modell Gebrauch machte, bahnte sich für sie schon bald ein entscheidender Wandel an: Weg von ursprünglich militärisch- und aufklärungs-orientierten Flugobjekten, hin zu oftmals modifizierten oder selbstgebauten, mit Kameras bestückten kommerziellen Produkten, die in ähnlicher Form auch im zivilen Bereich Verwendung finden. Während rotorbetriebene Drohnen auf dem Schlachtfeld bereits früh zum Abwerfen von Granaten genutzt wurden, zeichnete sich in den nächsten Monaten eine weitere Entwicklung ab: Der Aufstieg der FPV-Drohne.

Dreh- und Angelpunkt ist hierbei die Bedienungsperspektive: Statt den Drohnenflug über einen Bildschirm zu verfolgen, steuert der Pilot sein Gerät aus der Ich-Perspektive der Drohne, die er über eine Videobrille empfängt, und die die Sicht des Piloten vollständig umschließt. Da die Hauptverwendung der FPV-Drohne die Explosion durch Kamikaze-Einsatz ist, wird hiermit der Pilot in gewisser Weise selbst zum ‘Geschoss’. Welche Implikationen dieser Perspektivwechsel für den Gesamtkontext der Drohne als Produkt zwischen Militärobjekt und zivilem Spiel- und Werkzeug hat, soll gleich noch erörtert werden: Zuvor jedoch noch ein paar weitere Details über die derzeitigen Ausmaße der militarisierten Drohnentechnologie im Ukrainekrieg.

Der Wandel von schwerfälligeren und teuren Aufklärungsdrohnen hin zu kleinen und wendigen FPV-Modellen bot vor allem zwei Vorteile: Eine höhere Geschwindigkeit und exaktere Manövrierbarkeit (die erlaubte, selbst in Gebäude und Bunkeranlagen einzudringen), sowie ein vielfach geringerer finanzieller Aufwand pro Einheit, inmitten einer zunehmenden Knappheit von Artilleriemunition. Während beispielsweise der Preis der U.S.-amerikanischen SwitchBlade Kamikazedrohne immer noch bei mehr als 52.000 Dollar liegt, lassen sich heimisch produzierte Modelle bereits für knapp 400 Dollar herstellen. Hier hat sich in der zivilen ukrainischen Bevölkerung und unter technikerfahrenen Soldaten eine DIY-Mentalität etabliert, deren Produktionsketten allerdings stark abhängig von chinesischen Komponenten sind, und im Einkauf gleichzeitig mit russischen Akteuren in Konkurrenz tritt. Dies verleitete China 2023 dazu, offizielle Ausfuhrkontrollen für die Ukraine und Russland zu verhängen, um der Militarisierung von heimischer Drohnentechnologie entgegenzuwirken, was vor allem der ukrainischen Seite Probleme bereitet.  

Der Stellenwert der FPV-Drohne und ihre Anerkennung innerhalb der ukrainischen Streitkräfte ist dennoch ungebrochen: So wurden Anfang 2024 die Unmanned System Forces als zukünftiger Zweig der ukrainischen Armee ins Leben gerufen, während das Ministerium für Digitale Transformation im Zuge seines Army of Drones-Projektes Geld sammelt, um die Drohnen-Ambitionen des Landes zu finanzieren. Noch Ende letzten Jahres sprach Präsident Selenskyj davon, 2024 eine Million Einheiten durch die heimische Produktion bereitstellen zu wollen, und vor kurzem ließ Digitalminister Mykhailo Fedorov verlauten, dass bei entsprechender finanzieller Unterstützung aus dem Westen die Produktionskapazitäten der knapp 200 heimischen Unternehmen auf bis zu zwei Millionen Einheiten im Jahr ausgedehnt werden könne.

Die massenhafte Herstellung von FPV-Kamikazedrohnen beruhte dabei lange auf der simplen Gegenrechnung, dass selbst bei niedrigen Trefferquoten (in einem Interview mit Ukrajinska Prawda wird etwa ein Pilot mit einer Erfolgsquote von 1:5 bereits als talentiert bezeichnet) der gegnerische finanzielle Schaden bei Zielen wie Überwachungssystemen, Panzern, oder sonstigem schweren Kriegsgerät weitaus höher liegt als der eigene Aufwand. Während in der russischen Armee die eigenen Drohnenfähigkeiten bereits länger vermehrt gegen infanteristische Ziele eingesetzt werden, findet sich mittlerweile allerdings auch in der ukrainischen Kriegsführung eine Ausdehnung des Drohnenkampfes, hin zur gezielten ‘Jagd’ auf einzelne feindliche Soldaten aus der Ich-Perspektive. Auch wenn Meinungen zum langfristigen Einflusses der Drohnentechnik auf die Zukunft der Kriegsführung mitunter auseinandergehen, zeichnen sich anhand einer solchen, zunehmend atomistischen Zielsuche unmittelbare Effekte für sowohl ukrainische und russische Truppen ab. Der frühere britische Armeeoffizier Sergio Miller verglich die Drohne etwa mit dem Einsatz des Maschinengewehrs im ersten Weltkrieg, welches das Vorrücken auf feindliche Stellungen erheblich erschwerte und für Pattsituationen sorgte. Ähnliche Aussagen finden sich auch mit Blick auf die heutige Zeit, etwa wenn die sogenannte “gray zone” in der Region Donezk – der Grenzbereich zwischen den sich gegenüberstehenden Truppen – aufgrund des vollständig von Drohnen beherrschten Himmels als schier unüberwindbare “death zone” bezeichnet wird.

Der massive Einsatz von Kamikaze-Drohnen macht dabei nur einen Teil dieser Luftmacht (und Seemacht) aus. Laut Economist wird eine ukrainische Einsatzgruppe von 12 bis 16 Mann von beinahe der gleichen Anzahl an Drohnenpiloten begleitet, von denen wiederum die Hälfte für Aufklärung und sonstige Tätigkeiten zuständig sind. Die restlichen FPV-Kamikazepiloten sind somit eingebunden in einen größeren funktionalen Rahmen aus Navigation, Überwachung, Datendekodierung, Signalverstärkung, gemeinsam koordinierten Einsätzen, und den neuesten Werkzeugen der Militär-Tech-Industrie. Die Innovationen im Drohnenkrieg ähneln dabei einem Katz-und-Maus-Spiel, in dem das Ausklügeln von Kontermaßnahmen oberste Priorität einnimmt. Eine große (aber nicht alleinige) Rolle spielen hierbei etwa sogenannte Jammer, die das Signal zwischen Drohne und Piloten stören und den Bereich der sicher nutzbaren Frequenzen eingrenzen.

Eine weitere aktuelle Entwicklung in diesem russisch-ukrainischen Wettrüsten ist dabei der Einsatz von künstlicher Intelligenz und vollständig autonom fliegenden Drohnen, die auch im Falle eines Verbindungsabbruchs ihr Ziel finden sollen. Erschreckenderweise sei die Herstellung einer AI-gestützten autonomen Killerdrohne dabei weitaus weniger komplex als etwa die Entwicklung an verkehrstauglichen selbstfahrenden Autos. Beispielhaft beobachten ließ sich ein großflächiger Einsatz (teil-)autonomer Drohnensysteme Experten zufolge kürzlich bei einem großflächigen Angriff der Ukraine auf russische Ölraffinerien. Die Externalitäten, die diese Entwicklung von autonomen Kriegsgerät mit sich bringen, sind heute noch nicht absehbar, doch die Debatte über die Gefahren ist bereits im vollen Gange. Human Rights Watch warnt etwa vor einer “digitalen Dehumanisierung” durch autonome Waffensysteme, die der Einhegung durch neue Gesetze bedürfen. Laut António Guterres, Generalsekretär der UN, soll bis 2026 ein Verbot des Einsatzes von sogenannten LAWs (lethal autonomous weapons) ohne menschliche Aufsicht erreicht werden. Es bleibt abzuwarten, ob und inwiefern sich die Dynamiken, die hier losgetreten wurden, völkerrechtlich abmildern und eindämmen lassen werden.

Trotz der zunehmenden Rolle von autonomen Systemen ist es jedoch weiterhin die menschlich gesteuerte FPV-Drohne, die für mich einen zentralen Stellenwert in der Betrachtung dieses aktuellen Konflikts einnimmt. Dieser Stellenwert beschränkt sich nicht nur auf den direkten militärischen Einsatz, sondern auch auf die (digital erzeugten und online geteilten) Bilderwelten der Technologie, sowie ihre Schnittmenge mit der Ästhetik und Phänomenologie von Videospielen. Diese Überschneidungen lassen sich kurioserweise bereits anhand von Rekrutierungsschemata in diesem Krieg nachzeichnen. So gab es zumindest auf russischer Seite explizite Aufrufe zum Anwerben von Drohnenpiloten mit Videospielerfahrung, während sich auch auf Seiten der Ukraine diverse Aussagen dazu finden, dass Expertise in der Drohnensteuerung und Vorerfahrung mit Videospielen nicht selten korrelieren. Zudem scheint es im Fall der FPV-Drohnen eine Häufung von Piloten aus ursprünglich nicht-militärischen, zivilen Berufen zu geben, die etwa schon Erfahrung mit der Technologie als Kameramenschen oder Hochzeitsfotografen gesammelt haben.

Zum einen ergibt sich diese Schnittmenge durch die aus Videospielen bekannte Steuerung aus der ersten Perspektive, die regelmäßig als „immersive“ und „visceral“ bezeichnet wird. Ein Pilot mit dem Namen Olexsandr bestätigte im Gespräch mit The Guardian diese Ähnlichkeiten und unterstrich gleichzeitig, welche Rolle ein Modus der Entspannung für seine zur Routine gewordene Arbeit spielt: „It‘s fun, you know? When it’s fun, when you relax. It’s easy. When you are tense, it is not possible to work correctly”. Auch in einem Bericht der Plattform Scripp News spricht ein interviewter FPV-Pilot darüber, durch Rock- und Metal-Musik in einen für den Job notwendigen Modus der Ruhe und Entspannung zu kommen. Diese Mischung aus Adrenalin und routinierter Entspannung scheint den Erfahrungen vieler Videospieler zumindest nicht unähnlich. Hiermit stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem psychologischen Effekt, der durch das distanzierte Töten bei den Beteiligten ausgelöst wird. Zwar wurde sich in der (erschreckend spärlichen) Forschung bereits im Kontext des Drohnenkrieges der frühen 2000er und 2010er mit dieser Frage beschäftigt, doch gerade die Mischung aus hyper-immersiver Perspektive und distanzierter Steuerposition im Falle der FPV-Piloten wirft die Frage auf, bis zu welchem Grad bisherige Forschungsergebnisse an diese Entwicklungen anknüpfen können.

Zentral wird etwa in einem Text aus dem Jahr 2017 von Hijazi und Ferguson et al. mit dem Titel “Psychological Dimensions of Drone Warfare” das Konzept der ‘moral injury’ hervorgehoben. Dieses beschreibt im konkreten Fall den paradoxen moralischen Zustand von Drohnenpiloten, die aus sicherer Entfernung mit der Macht ausgestattet werden, als ‘Scharfschützen der Lüfte’ (Kollateral-)Schäden bei ahnungslosen Zielen anzurichten. Das beeinträchtigte Selbstverständnis der Drohnenpiloten im Kontext ihrer institutionellen Eingebundenheit und asymmetrischen Machtausübung wird damit zum wiederkehrenden Problempunkt. Interessanterweise verweist der gleiche Text auch auf psychologische Effekte innerhalb der Zivilbevölkerungen, die regelmäßigen Drohnenangriffen ausgesetzt sind und hebt hierbei vor allem die ständige Anspannung durch drohende Einschläge hervor, die durch die mitunter stundenlang in der Luft patrouillierenden Drohnen ausgelöst wird.

Eine Auseinandersetzungen mit dem Objekt der Drohne im Kontext von Videospielen findet sich wiederum in Playing War: Military Video Games after 9/11 von Matthew Thomas Payne, der in einem Kapitel mit Blick auf Spec Ops: The Line, das Indie-Spiel Unmanned, und Call of Duty: Black Ops 2 (dem ironischerweise in der limitierten Care Package Edition ein Quadrokopter beilag) virtuelle Darstellungen der Technologie untersucht. Die Idee einer technisch-deterministischen Dehumanisierung von Angriffszielen, sowie die Verwechslung der eigenen militärischen Perspektive mit dem Modus von Videospielen wird von Payne jedoch bereits einleitend klar zurückgewiesen. Zudem weist er mit Ian Bogost und dessen Begriff des simulation fever umgekehrt darauf hin, dass der magische Zirkel des Videospielens – “the game’s functioning as a textual machine” – stets vom Einbruch von realweltlichem Wissen bedroht ist. Spiel und Simulation sind somit, um überhaupt funktionieren zu können, zu einer gewissen Abstraktion und Ablenkung vom Alltag verdammt.

Ebenfalls hebt Payne mit einem Zitat von Peter W. Singer hervor, dass die Einführung der Drohne im Krieg insofern für eine Zäsur gesorgt hätte, da sich hierdurch zum ersten Mal nicht nur die Art des Kämpfens verändert habe, sondern zudem eine Transformation des Kämpfers selbst, des ‘Agenten’ auf dem Schlachtfeld, stattfand. Dies lässt sich auf interessante Weise verbinden mit Bemerkungen eines ehemaligen Drohnenpiloten zur Idee des ‘Kriegerethos’, aufgezeichnet in einer Doku des Guardian: Die Vorstellung eines solchen Ethos, das auch im herkömmlichen Krieg von den realen Erfahrungen im Einsatz herausgefordert wird, sei im Falle von bewaffneten Drohneneinsätzen um ein Vielfaches stärker auf die Probe gestellt. Die Distanzierung und Asymmetrie, die das Töten mit Drohnen für die U.S.-Behörden auszeichne, verwische zunehmend die Linie zwischen völkerrechtlich gerahmten Kriegshandlungen und beauftragtem Mord, so der Pilot selbst.

Mögen diese Beobachtungen zu einem früheren Zeitpunkt den Zustand militarisierter Drohnentechnik gut eingefangen haben, so lässt sich die ‘Involviertheit’ der Piloten hinter den FPV-Brillen in der Ukraine schon allein aufgrund ihrer weitaus prekäreren Lage in unmittelbarer Nähe zum militärischen Geschehen nicht mit gleichen Maßstäben beurteilen. Diese permanente Gefährdung der eigenen Position wird in einem Gespräch der Washington Post mit einem Piloten namens Stanislav treffend veranschaulicht: “When you see ten drones in the sky there’s no way to understand if it’s our drone coming back after reconnaissance in Russian-controlled territory or if it’s their drone which is coming for reconnaissance or attacking Ukrainian-controlled territory”.

Durch diese Neupositionierung des Drohnenpiloten, der aus klandestin operierenden, weit entfernten Kommandozentralen ‘zurück’ auf die Schlachtfelder des 21. Jahrhunderts verfrachtet wird und damit ebenso eine Re-Integration in etablierte kriegerische Heldenmythen erfährt (die auch die oben angesprochene ‘moral injury’ in einem neuen Licht erscheinen lässt), findet somit eine völlig neue Bewertung des Drohnenkampfs statt. Dies lässt sich auch daran feststellen, dass das mediale Teilen von verwackelten und unscharfen Drohnenoperationen aus der ersten Perspektive einen zentralen Bestandteil des mitlaufenden Propagandakrieges ausmacht. Die gezielte Auswahl von besonders abenteuerlichen (und natürlich stets erfolgreichen) Flügen trübt dabei den Blick auf komplexere Perspektiven – etwa das oben bereits erwähnten Faktum einer durchschnittlich sehr geringen Trefferquote für FPV-Einsätze.       

Die Popularisierung der Bildwelten von modernen, ursprünglich zivil angedachten FPV-Drohnen, als auch das Hineinbluten von militärischen Interessen in diesen kulturellen Raum, lässt sich dabei erstaunlich weit zurückführen. Tatsächlich gehen diese ‘Bildwelten’, und damit auch die Idee einer Kopplung von Videobrillen mit Echtzeitfeed und Quadrokoptern, zurück auf das sogenannte Drone Racing – eine underground Sportart mit australischem Ursprung im Jahr 2014, die von dort an eine rasante Entwicklung erfahren hat. In einem Beitrag aus 2015 von ArsTechnica lassen sich dabei bereits Merkmale und Stichwörter identifizieren, die auch in der heutigen Berichterstattung zum Drohnenkrieg in der Ukraine vermehrt zu finden sind, etwa der DIY-Charakter des Drohnenbaus oder die Darstellung einer immersiven Erfahrung beim Steuern des Geräts. Mit Gründung der Drone Racing League im Jahre 2015 wurde der Sport aus der Hobbyisten-Nische auf die große Bühne geholt und in einen mit zahllosen Sponsoren versehenen wettkämpferischen Rahmen mit Millionenpublikum gepackt. Um Liga-Präsidentin Rachel Jacobson zu zitieren: „We are the F1 [Formel 1] of the skies“.

Doch wo sich massenweise junge, technikbegeisterte Männer und Frauen tummeln, scheint auch das Militär nicht weit. So besteht eine enge Verbindung zwischen der Drone Racing League und der U.S. Air Force, die in der Saison 2023/24 sogar in ein erstes eigenes Team mündete. “They are future U.S. Air Force recruits and airmen, and a core reason why we continue to renew our partnership with DRL year after year”, so Brigadier General Christopher Amrhein unverblümt. Die Verbindungen zwischen der Drone Racing League, die auch mit einem Simulator auf der Spieleplattform Steam vertreten ist, dem Militär, und dem breiteren Feld der Videospiele und ihrer Communities sind dabei nicht zufällig. So hat die U.S. Army bereits die Livestreaming-Seite Twitch als Anwerbungsplattform benutzt und Kritik für eine Anzeigenkampagnen im Playstation Magazin geerntet. Eine direkte Partnerschaft zwischen dem Publisher Activision und dem Militär existiert etwa im Fall der Call of Duty Endowment, einer non-profit Organisation, die sich der Aufgabe verschrieben hat, Veteranen den Weg zurück in ein ziviles Leben zu ebnen. Auch sind militärische Zweige der USA in eSports-Teams vertreten (die Navy etwa mit einem jährlichen Anteil von 3-5% ihres Marketingbudgets), während durch Discord-Kanäle und Sponsorships von Ligen wie der DRL weiter Präsenz in den Communities der Videospieler aufgebaut wird.

Die gemeinsame Geschichte von Games und dem Militär reicht allerdings noch weiter zurück. Während schon in den 1930er Jahren Simulatoren für Trainingszwecke zum Einsatz kamen, hat vor allem das 2002 erschienene Spiel America’s Army einen notorischen Kultstatus als digitale Werbeplattform für das Militär erreicht. Entwickelt als Reaktion auf verfehlte Ausbildungsziele der Army im Jahr 1999, schaffte es das ‘Advergame’ (mutmaßlich), dass im Jahr 2006 die Zahl neuer Rekruten die Zielmarke wieder überschritt – Rekruten, von denen laut Casey Wardynski, Ideengeber und späterer Projektleiter des Titels, 40% angaben, das Spiel bereits gespielt zu haben. Laut einer Studie des MIT aus dem Jahr 2008 habe America’s Army zudem die Haltung von 16- bis 24-jährigen U.S.-Amerikaner zum Militär in positiver Weise geprägt.  

Auch wenn, wie oben bereits erwähnt, die Forschungslage einer zu voreiligen und oberflächlichen Assoziation von Videospielen und dem Töten mit Drohnen widerspricht, so gibt es doch auf unterschiedlichen Ebenen kaum negierbare Verschränkungen zwischen Militär, Technik, Unterhaltungsmedien, und dem ‘community building’ im Videospielbereich. Ebenso scheint eine Nähe zwischen den kognitiven und koordinativen Fähigkeiten, die von Videospielenden eingeübt und geschärft werden, und jenen, die FPV-Drohnenpiloten abrufen müssen, mehr als plausibel. Die aktuellen Entwicklungen im Ukraine-Krieg geben uns somit nicht nur einen Einblick in eine mögliche Zukunft der Kriegsführung – namentlich der wachsenden Implementierung und Steuerung von unbemannten und zunehmend autonomen ‘Agenten’ – sondern auch in die erwartbaren Verschränkungen von Videospielästhetik und -kompetenzen auf der einen Seite, und den militärischen Rekrutierungsbemühungen auf der anderen.

Laut Anton Frolov, einem Ausbilder der Kruk Drohnenschule in Kyiv, lernen neue Rekruten die Steuerung des Geräts schon jetzt in erster Instanz anhand von Simulatoren von der Videospielplattform Steam. Auf Steam findet sich zudem, neben besagten Simulatoren, nicht nur das wahrscheinlich erste größere Spiel mit direktem Bezug zum Ukrainekrieg – ein Titel namens Death From Above, in dem man, man ahnt es, eine Drohne steuert – sondern auch Spiele, die sehr explizit die Ästhetik der FPV-Drohnen im Ukrainekrieg annehmen, wie beispielsweise das unverblümt getitelte, und mit einer Altersangabe von 12 Jahren versehene FPV Kamikaze Drone. Die Pipeline von adrenalingeladenen Racing-Simulationen zum authentischen Drohnenkrieg im 21. Jahrhundert hat es damit endgültig ‘ins Kinderzimmer’ geschafft – auch deswegen, weil das Drohnensteuern aus der ersten Person nun offiziell Teil des Lehrplans sowohl russischer als auch ukrainischer Schulen ist, oder werden soll. Eines steht auf jeden Fall fest: Drohnen werden uns auch weiterhin begleiten und ihr gesellschaftlicher Stellenwert zunehmen; im besten Fall vorrangig in zivilen und infrastrukturellen Bereichen, im schlimmsten in Form von militarisierten, unkalkulierbaren und zunehmend von menschlicher ‘agency’ losgelösten Allzweckwaffen für Überwachung, Terror, und kriegerische Auseinandersetzungen. Ein Zurück davon gibt es nicht mehr – und gerade deswegen muss es uns wert sein, für eine Welt zu kämpfen, in der das Summen im Himmel seinen Schrecken verliert, in der zwischenstaatliche Konflikte langfristig eingehegt werden, und in der Drone Racing einfach nur ein harmloser Sport sein darf.

Großbritanniens Weg zur Armut, Lebensmittelinflation in Folge der Klimakrise und Rassismus in der Phantastik

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Ein ausführliches Video über die letzten 14 Jahre konservativer Politik in Großbritannien; ein Bericht über die Auswirkungen der Klimakrise auf die Preisentwicklung im Lebensmittelsektor; und ein Radio-Feature über die Rolle von Rassismus in Fantasy- und Science-Fiction-Erzählungen.


How Britain Became a Poor Country | Tom Nicholas

Um was geht es?

Die Briten haben gewählt und nach 14 Jahren konservativer Herrschaft erstmals wieder Labour zu einer Mehrheit verholfen. Die Erwartungen an Premierminister Keir Starmer sind nun ebenso groß wie die Probleme, die er erbt: Die Armut ist auf Rekordniveau, der Ausverkauf staatlicher Infrastruktur zeigt zunehmend seine Schattenseiten und die Perspektivlosigkeit sitzt tief. Nach vielen holprigen politischen Jahren ist es mitunter gar nicht mehr so einfach, den Weg nachzuzeichnen, der zu diesem Punkt geführt hat. Genau dieser Aufgabe verschreibt sich YouTube-Essayist Tom Nicholas, der mit Hilfe zahlreicher Statistiken und detaillierten Nachzeichnungen der politischen Abläufe die Frage beantwortet, wie genau Großbritannien eigentlich arm wurde.

Was hängen blieb:

Nicholas’ Dreiakt-Struktur – bestehend aus den staatlichen Einschnitten unter David Cameron, dem Brexit-Fiasko und der Politik rund um die Pandemie – fügt die Masse an vereinzelten Polit-Ereignissen zu einem klar verständlichen Bild mit roten Fäden zusammen. Einen davon bildet etwa der Siegeszug einer Austeritätspolitik, die mit Hilfe des Duktus, es sei kein Geld vorhanden, erst Dinge wie den endgültigen Ausverkauf der Royal Mail mit sich brachte, und dann, durch den Abbau staatlicher Leistungen, die Armutslast zunehmend auf lokale Tafeln verschoben hat. Dass dieser Ausverkauf des Wohlfahrtstaats begleitet wurde vom Slogan “We are all in this together”, erinnert auf unangenehme an die hiesigen Zugeständnisse an die Austeritätsforderungen der FDP durch die SPD und Scholz’ Versprechen “You’ll never walk alone”.

Ein weiterer interessanter roter Faden im Video ist der interne Wandel der konservativen Partei: Laut Nicholas‘ seien zum Zeitpunkt von Liz Truss’ umstrittener Steuerreform sozialliberal eingestellte Parteimitglieder beinahe vollständig von weit rechts oder libertär eingestellten Mitgliedern verdrängt worden. Abschließend zeigt sich auch in der Zahnlosigkeit des aktuellen Labour-Manifestos, wie sehr sich der Austeritätsdiskurs und die Angst vor weiteren Unruhen auf dem Anleihenmarkt auch über Parteigrenzen hinweg verfestigt hat. Ob hier in den nächsten Jahren noch der Mut gefunden werden kann, um den massiven Armutsproblemen im Land entgegenzuwirken, bleibt abzuwarten.

“After 14 years in power, more than 100 billion pounds in cuts to Public Services, one Brexit referendum, countless, corrupt covid PPE deals and a self-inflicted economic crisis, the consequences of conservative governance are plain for all to see.”

Climate change is pushing up food prices — and worrying central banks | FT

Um was geht es?

Die Nachwehen der Pandemie und die Kaskadeneffekte durch Russlands Angriffskrieg in der Ukraine haben in den letzten Jahren weltweit zu steigenden Energiepreisen und sektorenübergreifenden Preissprüngen gesorgt. Während die spezifische Zusammensetzung der Inflation aus Nachfrage-, Angebots- und Profitgründen in der VWL weiterhin ergründet wird – in der Hoffnung, daraus Präventionsangebote für die Zukunft ableiten zu können – bahnt sich in der Gestalt der Klimakrise eine weitere Hürde für das langfristige Inflationsmanagement an. Global gesehen könnte allein durch die erwarteten Temperaturerhöhungen ein Anstieg von mehr als 3 Prozent für Nahrungsmittel innerhalb des nächsten Jahrzehnts drohen. In einem ausführlichen und differenzierten Text für die Financial Times widmet sich Susannah Savage dem Thema und beleuchtet mitunter die Frage, wie die Politik in diesem Kontext reagieren sollte.

Was hängen blieb:

Der Text steckt voller interessanter globaler Betrachtungen der Verbindungen zwischen lokalen Auswirkungen der Klimakrise und den daraus resultierenden Planungsschwierigkeiten, Missernten und Preisanstiegen. Während diese Effekte ehemals als singuläre Ereignisse betrachtet wurden, gelte es nun, sie als permanente Faktoren mit einzukalkulieren. Auch innerhalb der Zentralbanken, die in vielen Ländern Lebensmittel- und Energiepreise bisher nicht in ihre Berechnung der Kerninflation inkludieren, wird zunehmend diskutiert, inwiefern die Geldpolitik mit Zinserhöhungen auf eine durch Nahrungsmittelpreise getriebene Inflationen reagieren sollte. Die global steigenden Temperaturen sorgen wiederum nicht nur dafür, dass weitere technische Hilfsmittel, etwa zur Bewässerung, von Nöten sind, sondern hat logischerweise auch einen Einfluss auf die menschlich eingesetzte Arbeitskraft, die für die Verwertung der Natur notwendig ist (ein spannendes Schema für eben solche Dynamiken zwischen Mensch und Natur in der aktuellen Zeit findet sich beispielsweise in Simon Schaupps empfehlenswerten Buch Stoffwechselpolitik).

Wichtig hervorzuheben ist zudem die Erkenntnis, dass diese Preissteigerungseffekte in Ländern des globalen Südens und für soziostrukturell schwächere Haushalte umso stärker auftreten. So besteht der Preis für Brot in Ländern mit niedrigen oder mittleren Einkommen zu bis zu 70% aus den Kosten für Weizen, während Arbeits-, Energie- und Transportkosten in Ländern mit hohen Einkommen diesen Anteil auf bis zu 10% drücken. Gleichzeitig macht der Anteil der Lebensmittelkosten für Haushalte in Entwicklungsländern bis zu 50% der Gesamtausgaben aus, was im Falle von Preisschocks eine umso stärkere individuelle Inflationsrate bedeutet. Zusätzlich seien Inflationserwartungen überdurchschnittlich stark an Lebensmittelkosten gekoppelt. Angesichts dieser neuen Konstellation von Problemen wird der Ruf nach unorthodoxen Lösungen größer: So fordert etwa die Ökonomin Isabella Weber, die schon als Ideengeberin für die hiesige Gaspreisbremse auftrat, die Rolle von großen Unternehmen und deren Marktmacht für die Inflationsentwicklungen stärker in den Blick zu nehmen. Mit Blick auf die Klimakrise schlägt Weber zusätzlich das Anlegen von Reserven für Grundnahrungsmittel an, um Preisfluktuationen ausgleichen zu können, sowie gezielte Übergewinnsteuern für relevante Sektoren.

Rassismus in Fantasy und Science Fiction | Deutschlandfunk/Feature

Um was geht es?

Simplifizierende Kontraste, etwa der Kampf “Gut gegen Böse”, bilden einen zentralen Kern vieler Fantasy und Science-Fiction-Erzählungen. In der Skizzierung fremder Nationen und Lebensformen entpuppt sich die Kategorisierung und Stereotypisierung von Gruppen als ein gängiges Mittel, um Identifizierung und Wiedererkennbarkeit innerhalb des eigenen Worldbuildings herzustellen. Immer häufiger wird nun allerdings kritisch hervorgehoben, dass eine solche Verflachung ganzer fiktiver Völker die Gefahr birgt, zum Schauplatz für realweltliche Rassismen zu werden. Christoph Spittler hat sich dem Thema für den Deutschlandfunk angenommen und berichtet von historischen Ursprüngen und aktuellen Entwicklungen zum Thema Rassismus in der Phantastik.

Was hängen blieb:

Als biologischer Determinismus wird in diesem Feature die strenge Kopplung von Charaktereigenschaften und Abstammung bezeichnet – ein weit verbreiteter Wesenszug einiger Fantasy und Science-Fiction-Geschichten, der sich gerade in Mainstream-Titeln wiederfindet. So werden im originalen Der Herr der Ringe die ent-individualisierten Orks mit dem “absoluten Bösen” in Verbindung gebracht und als Chiffre für das Wilde und kulturell Minderwertige genutzt (die Bezeichnung des Feindes als “Ork” findet sich aktuell etwa im Fall des Ukraine-Kriegs). Die Stereotype, die hier angewandt werden, sorgen für kognitive Entlastung und entspannten Eskapismus. Die Reaktionen auf den Hinweis, dass dieser Umstand potentiell auch problematische Züge in sich trägt, könnten unterschiedlicher nicht ausfallen: Während kritische Ansätze etwa im unkonventionellen Ausspielen von Klischeerollen in Dungeons & Dragons-Runden erprobt werden, sehnen sich andere nicht nur die Rückkehr zu früheren Regelsystemen, sondern auch die Verlässlichkeit einstmals etablierter Rollen zurück – in der Fiktion ebenso wie im echten Leben. Der Phantastik-Diskurs wird somit ein weiterer Schauplatz kultureller Kämpfe, zwischen reaktionärem Verlangen und Versuchen der kritischen Neuformulierung.          

Eine Kiste bunt Gemischtes:

Kindheit und Erziehung der Gen Alpha, hinter den Kulissen von Project 2025 und die Rolle nachhaltiger Banken für die sozial-ökologische Transformation

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Ein Video über die Generation Alpha und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ihrer Kindheit und Erziehung; ein Artikel über den Kopf hinter Project 2025; und ein Audio-Feature über das 50-jährige Bestehen der GLS-Bank und Nachhaltigkeit im Bankengeschäft. Viel Spaß beim Lesen und Mitgrübeln!


Are we creating a generation of self-absorbed bullies? | Ashley Embers

Um was geht es?

Die Bestimmung und die Gegenüberstellung von Generationen sorgen seit Menschengedenken für erhitzte Gemüter im gesellschaftlichen und politischen Diskurs. Beispiele wie etwa der Vorwurf an die Boomer, den Klimawandel verpennt zu haben, oder die kürzlichen europäischen Wahlerfolge der AFD unter jungen Erwachsenen beweisen dabei, dass generationale Kritik in beide Richtungen funktioniert. Zuletzt war es die angeblich arbeitsscheue Gen Z, die vielfach den Groll von Arbeitgebern der Generationen X und Y auf sich gezogen hat. Doch mit der zunehmenden Etablierung des Begriffs ‘Gen Alpha’ zur Bezeichnung der zwischen 2010 und 2024 Geborenen hat sich das Scheinwerferlicht abermals verschoben. YouTuberin Ashley Embers wirft einen Blick auf diese jüngsten Kohorten und stellt sich die Frage, inwiefern Social-Media und Influencer-Gehabe den Medienkonsum und das Sozialverhalten dieser Kinder beeinflusst.

Was hängen blieb:

Vorweg: Das verallgemeinernde Sprechen über ‘Generationenprobleme’ ist zurecht ein Minenfeld, da hier Pauschalurteile über Menschengruppen gefällt werden, die abseits der Altersdimension mitunter mehr teilt als eint (etwa in Bezug auf sozioökonomische Unterschiede). Gleichzeitig scheint es mir dennoch sinnvoll, gesellschaftliche Trends und spezifische Eigenheiten einzelner Zeitabschnitte zu identifizieren und sich über mögliche Einflüsse für die prägenden Phasen der Kindheit und frühen Jugend Gedanken zu machen. Das Video von Ashley Embers ist für mich in diesem Sinne kein abschließendes Urteil, sondern vielmehr ein Dokument seiner Zeit, das Thesen für weitere Debatten sowie kritische und empirische Auseinandersetzungen bietet.

Eine wiederkehrende These bei Embers lautet, dass die techno-sozialen Rahmenbedingungen der Gen Alpha-Kindheit nicht nur zu einer höheren Bildschirmzeit, zu selbst-isolierenden Tendenzen und zu Problemen bei der Herausbildung von Empathie führen, sondern – infolgedessen – auch zu einer Zunahme an narzisstischen Verhaltensweisen. Hierfür sei gerade die vergleichsweise starke Orientierung an Influencer-Vorbilder ausschlaggebend, sowie die Hyperfokussierung auf die öffentliche Bewertung des eigenen Ichs bei all jenen, die bereits im jungen Alter aktiver Teil der Content-Maschinerie werden. Ein zweiter großer Themenkomplex besteht bei Embers aus der Beobachtung, dass der autoritätskritische Erziehungsstil des gentle parenting drohe, in permissive parenting abzugleiten, womit die Kapitulation vor jeglichen geäußerten Wünschen und Vorgaben des Kindes gemeint ist, mit dem Ziel, Konflikte und bestimmendes Verhalten zu vermeiden.

Während die empirische Quellenlage in Embers Video etwas dürftig ausfällt, bilden die gesammelten anekdotischen Eindrücke in Videoform von Eltern und Pädagog:innen ein interessantes Panorama von persönlichen Erfahrungen mit der Gen Alpha. Im Idealfall – und wenn die Debatte zur jüngsten Generation mehr sein will, als die ‘Individualpsychologisierung’ von systemischen Ursachen – lässt sich auf Basis des Wissens zur Gen Alpha unser Verhältnis zu den Problemen von Social-Media radikal hinterfragen und mit einem politischen Impetus für sozialverträglichere Formen des digitalen Austauschs verbinden.

The Man Behind Project 2025’s Most Radical Plans | ProPublica

Um was geht es?

Auch wenn es progressiv und liberal eingestellte Menschen anders sehen mögen: Für das Team Trump war die 45. Präsidentschaft in der Geschichte der USA ein Fiasko. Verantwortlich gemacht wurden Beamte und Behördenmitarbeiter:innen, die ihr Bestes gaben, die schlimmsten Auswirkungen von Trumps‘ Regierungshandeln im Rahmen ihrer Möglichkeiten einzudämmen und aufzuhalten. Project 2025, ein von der konservativen Heritage Foundation entworfener Plan für die nächste republikanische Präsidentschaft, soll diesen Fehler nun korrigieren. Auch wenn über die schriftlichen Erzeugnisse des Projektes bereits einiges berichtet wurde, so wenig bekannt ist den meisten sicherlich Paul Dans, der Kopf hinter der Aktion. Die Investigativplattform ProPublica hat sich die Vita des unscheinbaren Mannes genauer angesehen und die Ambitionen des Projektes kritisch eingeordnet.

Was hängen blieb:

Nach Lektüre dieses Textes wirkt Paul Dans auf mich wie ein mäßig erfolgreicher Karrierist, der mit mehr Glück als Verstand in Schaltzentren der Macht gelangte, und der mit seiner radikalen Auftrittsweise während Trumps Amtszeit regelmäßig Leute aus den eigenen Reihen abschreckte. Der radikale Plan, erst massenhaft Regierungsmitarbeiter:innen zu entlassen und diese dann durch eine über mehrere Jahre aufgebaute ‘Armee’ aus ideologisch treuen Trump-Loyalisten zu ersetzen, mag zwar daran scheitern, genügend Menschen zu finden, die nicht nur wütend sondern auch kompetent genug für einen solchen Job sind, sollte aber trotz allem auf keinen Fall unterschätzt werden. Über die Rolle des Beamtenapparats im Kampf gegen eine faschistische Politik schrieb zuletzt Arne Semsrott in seinem Buch Machtübernahme: Was passiert, wenn Rechtsextremisten regieren. Während hierzulande von der Remonstrationspflicht bis zum Bummelstreik ein begrenzter Handlungsrahmen für Protest existiert (begrenzt, weil etwa der politische Streik und das Streikrecht für Beamte verboten sind), lässt sich mit Blick auf die USA diskutieren, wie politische Machtkämpfe um Institutionen zu bewerten sind, die nicht direkt Teil des demokratischen Prozesses sind (etwa der Oberste Gerichtshof oder eben politische Behörden, wie beispielsweise die Environmental Protection Agency).

Der Plan der Heritage Foundation dient damit nicht nur als Steigbügelhalter für das zunehmend antidemokratische und faschistische Politikangebot Trumps, sondern verweist viel mehr auf bestehende Unklarheiten im US-amerikanischen System: Sollte der Ausdehnung der politischen Einflussnahme auf die erweiterten Institutionen des Landes ein prinzipieller Riegel vorgeschoben werden, oder sollte man sie als fast schon radikaldemokratisches Prinzip akzeptieren und lediglich nach egalitären Prinzipien umformen? Die Frage, was für eine Art Demokratie die Vereinigten Staaten sein wollen, wird uns die nächsten Jahre wohl (leider?) noch begleiten.

Geldinstitute – Gute Bank, schlechte Bank – zwei Geldgeschichten von 1974 | Zeitfragen. Feature / Deutschlandfunk

Um was geht es?

Nur wenige Monate voneinander entfernt, finden in der deutschen Finanzwelt im Jahre 1974 zwei Ereignisse statt, die sich retrospektiv überraschend gut kontrastieren lassen: Das eine ist die Schließung der privaten Kölner Herstatt-Bank; das andere die Gründung der gemeinnützig orientierten GLS. Die Parallelisierung dieser zwei unterschiedlichen Institute erzählt vom Wandel der Finanzmarktregulierungen, vom Einfluss politischer Krisen und von der Herausbildung einer globalen Zielsetzung von Nachhaltigkeit. Ein sehr spannendes Feature von Deutschlandfunk Kultur, das zugleich der Frage nachgeht, ob das Konzept der ‘guten Bank’ funktionieren kann.

Was hängen blieb:

Während die Herstatt-Bank mit der Spekulation von Währungskursen ihr eigenes Ende provozierte, erfreut sich die GLS bis heute steigender Kundenzahlen. Auch wenn die anthroposophischen Wurzeln der Gründergeneration durchaus skeptisch gesehen werden müssen, zeigt die Arbeit der Bank, gerade auch in dieser historischen Perspektive, welche Potentiale in einer Geldschöpfung für sozial-ökologische Transformationsprozesse abseits von reiner Spekulation und Gewinnerhöhungsmaximen liegen. Der Beitrag hebt dabei hervor, wie nachhaltig und transparent agierende Banken wie die GLS innerhalb aktueller Bankenregelungen benachteiligt werden und stellt die Frage, ob sich die Energiewende auch abseits von großen Investoren mittels dezentraler Finanzierungsinitiativen durch lokale Stakeholder organisieren lässt. Projekte wie die von der GLS unterstützte Stiftung Verantwortungseigentum gehen dabei noch einen Schritt weiter und fordern die vollständige Verschiebung der Entscheidungsmacht von Investoren hin zu Arbeitnehmer:innen innerhalb von Unternehmen.

Eine Kiste bunt Gemischtes:

Creeped out but not afraid – „Weirdness“, Normalität und der US-amerikanische Wahlkampf

These guys are just weird. That’s who they are. So, it isn’t much else. Don’t give them the power. Look, are they a threat to democray? Yes. Are they going to take our rights away? Yes. Are they going to put people’s lives in danger? Yes. Are they going to endanger the planet by not dealing with climate change? Yes. They are going to do all that. But don’t lift these guys up like they’re some kind of heroes […] The fascists depend on fear. The fascists depend on us going back. But we’re not afraid of weird people. We’re a little bit creeped out, but we’re not afraid.

Wer genau war noch mal Joe Biden? Während die öffentliche Debatte rund um den US-Wahlkampf lange von geriatrisch motivierten Sorgenbekundungen und der scheinbaren Unentrinnbarkeit einer demokratischen Niederlage geprägt war, zeichnete sich in den letzten Wochen eine radikale Kehrtwende ab. Bidens Ausstieg und Kamala Harris‘ unbeabsichtigter Ritt auf einer Welle der Memifizierung und der hoffnungsvollen Vibes sorgten für einen Aufwind im demokratischen Lager, der lange nicht mehr möglich schien. Doch die humorvolle Ikonisierung der angehende Präsidentschaftskandidatin war nur ein Vorgeschmack auf das, was folgen sollte. Und so kristallisierte sich unter Demokraten schon bald ein rhetorischer Kniff, der Trump und Konsorten zur Weißglut und zu verzweifelten aber letztlich fruchtlosen Gegenangriffen treiben sollte.

Weird. Those people – they are so weird. Seltsam, merkwürdig, komisch, schräg, unheimlich; eine eindeutige Übersetzung ins Deutsche, die alle Konnotationen umfasst, fällt einigermaßen schwer. Diese “Weirdness” der aktuellen Republikanischen Partei kulminierte spätestens mit der Ernennung von J.D. Vance zum Vize-Kandidaten, der durch seinen absurden Karrierismus, frühere radikale Aussagen und massiv unpopuläre politische Positionen zur idealen Angriffsfläche für das neue Lieblingswort der Demokraten wurde. So sprach der Mann, der seit seiner Ernennung regelmäßig in Fettnäpfchen tritt, von seinem Wunsch, Abtreibungen im ganzen Land zu verbieten, bezeichnete Frauen ohne Kinder als “childless cat ladies” und erwog, Familien mit Kindern ein größeres Stimmrecht zu verleihen.

Zu all den realen Absurditäten dieses Mannes gesellten sich zudem noch ironisch verbreitete Falschmeldungen, etwa das Gerücht, dass Vance in seiner Autobiographie angeblich davon berichtete, Sex mit einer Couch gehabt zu haben. Diese These, so seltsam sie auch war, verbreitete sich gerade deswegen wie ein Lauffeuer, weil das öffentliche Image, dass sich Vance bis dato aufgebaut hatte, wie Comedian John Oliver humorvoll auf den Punkt brachte, einen solchen Vorwurf zumindest nicht unplausibel erscheinen ließ: “I’ve never seen someone with more ‚couch fucker‘ energy”.

Natürlich brauchte es nicht erst Vance, um die “Weirdness” zu erkennen, die mit dem MAGA-Kult Einzug in die Republikanische Partei erhielt. Vier medial minutiös aufbereitete Jahre Trump-Präsidentschaft und hunderte Aussagen des Ex-Präsidenten, die nicht nur zunehmend extremer sondern auch zunehmend schräger wurden, bieten dafür genug Material für Generationen von künftigen Politikwissenschaftler:innen und Historiker:innen. Jüngste Beispiele dieses Verhaltens, etwa die seltsame Obsession Trumps mit der Figur des Hannibal Lecter, wurden von der politischen Gegenseite lange Zeit nur noch stoisch zur Kenntnis genommen. Der Konsens des widerspruchlos Sagbaren schien dermaßen verschoben, dass abseits von gelegentlichen Verweisen auf die Gefahr von Trumps Demokratiefeindlichkeit und von irritiertem Kopfschütteln kein progressives Gegenmittel mehr möglich schien.

Diese über Jahre angestaute Frustration scheint nun ein Stück weit gebrochen. Ja, Trump und Konsorten sind eine reale Gefahr für die innere und äußere Sicherheit – nicht nur auf nationaler, sondern auch auf globaler Ebene. Aber sie sind auch einfach seltsame Käuze, die es nicht verdient haben, als überlebensgroße Gefahren gezeichnet zu werden. Sie sind Seltsam, nicht im Sinne einer quirligen und freigeistigen Individualität, Seltsamkeit als die wertvolle Einzigartigkeit einer jeden Schneeflocke, sondern als dringend zu hinterfragende Abweichung, die jeglichen allgemeingültigen Vorstellungen von Respekt, Anstand und negativer Freiheit zu widersprechen scheint.

Wie einige Kommentator:innen bereits anmerkten, scheinen die Demokraten damit endlich das geschafft zu haben, was der Gegenseite seit Jahren erfolgreich gelingt: Begriffe hegemonial zu besetzen und die Grenzposten des Diskurses selbst zu verschieben. Im Kern geht es hierbei um die politische Konstruktion und Vermittlung eines “common sense”, eines allgemein akzeptierten Verständnisses des “Normalen”.

Der “Weird”-Vorwurf markiert im US-Wahlkampf der Demokraten eine Unvereinbarkeit mit diesem “Normalen”, jedoch ohne dabei auf obszöne Beleidigungen zu setzen oder nationalistische und essentialistische Stereotype zu bedienen. Eine frühe Verwendung des Normalen in der Politik geht zurück auf den US-amerikanischen Wahlkampf im Jahre 1920. Angesichts des Leids, dem die Bevölkerung durch den Ersten Weltkrieg und die Spanische Grippe ausgesetzt war, warb der republikanische Kandidat Warren G. Harding für eine “return to normalcy”, die mit wirtschaftlicher Deregulierung und Isolationismus einhergehen sollte. Ein kurzzeitiges Revival feierte der Slogan als Teil der Wahlkampagne Joe Bidens, der im Jahr 2020 ein Ende der “devisiveness of the Trump years” versprach.

In scheinbarem Widerspruch dazu symbolisierte der Begriff des Normalen (nicht völlig zu Unrecht) für jüngere progressive Bewegungen all jenes, was es zu bekämpfen galt: Die Setzung eines einzigen gültigen Standards – sei es ethnisch, geschlechtlich oder sozialökonomisch – und die Diskriminierung all derer, die diesen Standards in den Augen der Setzenden nicht gerecht werden. Wie Peter Cryle und Elizabeth Stephens in ihrer Monografie Normality. A Critical Genealogy ausführen, umfasst der Begriff des Normalen stets eine doppelte Bedeutung: Zum einen die Norm als deskriptiver Wert und zum anderen die Normativität als Affirmation bestimmter kultureller Eigenschaften.

Laut Cryle und Stephen trat der Begriff “normal” erstmals im frühen 19. Jahrhundert in der vergleichenden Anatomie in Erscheinung und warf dort die Frage auf, inwiefern quantitatives Denken Einzug in das Feld der Medizin erhalten sollte. Die begriffshistorische Arbeit der Autor:innen offenbart einige interessante Erkenntnisse. Zum einen heben sie hervor, dass das Normale immer wieder Bedeutungswandel durchlaufen habe, etwa in der Verschiebung von einer Verwendung im wissenschaftlichen Kontext hin zum populären Gebrauch. Dies ist besonders relevant in Anbetracht der Tatsache, dass sich das moderne Verständnis von “normal” gerne als unveränderlich und naturalistisch inszeniert.

Gleichsam beschreiben die beiden, dass Fundamentaloppositionen oder die Verteidigung des “Abseitigen” als konträre Gegenidentität zum Normalen dessen setzende Logik oftmals erst befördere. Die Hervorhebung der angelegten Widersprüchlichkeiten und Kontingenzen in den Vorstellungen des Normalen sei für die Autor:innen daher der ergiebigere Ansatz. Prominent kritisieren Cryle und Stephen zudem, dass Kritik am Begriff sich zu häufig auf die Vorstellung einer gewaltvoll durchgesetzten Angleichung an alleingültige Standard fokussiere, und dabei ausblende, dass Normalisierung – nach Foucault – vor allem in der Messung und Kategorisierung von individuellen Abständen zu einer solchen idealtypischen Norm bestünde.

Projekte zur Erfassung des “Normalen” im 20. Jahrhundert orientierten sich in diesem Sinne den Autor:innen zufolge am Entstehen einer neuen kommerziellen Kultur der Massenproduktion, der Effizienzsteigerung und des “self-improvement”.  Dies drücke sich auch in der ursprünglich medizinischen Verwendung des Begriffs aus, bei der nicht eine Binarität zwischen dem Normalen und dem Abnormalen im Zentrum stand, sondern der wandelbare individuelle Körper, der sich in einem Zustand der Balance befindet und Ausprägungen aus einer Reihe von Variationen aufweist, die als angemessen betrachtet werden.

Eine reflexive Betrachtung des Normalen legt somit Wert auf dessen inhärente Widersprüchlichkeiten, etwa den impliziten Schluss vom “Sein” auf das “Sollen”, sowie auf die historischen Wandlungsprozesse des Begriffsverständnisses. Dass die Demokraten nun durch die Markierung “weird” Einfluss nehmen auf das populäre Verständnis von “normal”, mag im ersten Moment kontraintuitiv klingen. Bei genauerem Hinsehen offenbart sich die Strategie jedoch durchaus als vereinbar mit der oben beschriebenen komplexeren Auffassung des Begriffs: Die Aussagen von Vance und Co. werden durch den Vorwurf der “Weirdness” als Eingriffe in private Sphären und persönliche Entscheidungen bewertet, als Kontroll-Fetisch einiger weniger Menschen der politischen Elite, die den US-Amerikaner:innen Bücher, Abtreibungen und geschlechtliche Selbstbestimmung verbieten wollen. Das Normale, das hierbei mitschwingt, ist nicht ein singulärer Standard, an den sich alle zu halten haben, sondern eine Bandbreite an gelebter Alltagskultur und vielfältigen Lebensentwürfen, die eigentlich keiner Hinterfragung mehr bedürfen – es sei denn, man ist so “weird” wie Vance und Konsorten.

Dieser implizierte Fokus auf Fremdkontrolle lässt sich in Teilen auch mit dem etymologischen Ursprung von “weird” verbinden. “Wyrd”, das im Altenglischen “Schicksal” [fate] bedeutete, geht zurück auf das proto-indoeuropäische “wert”, das für “drehen” [turn] oder “wickeln” [wind] stand, und aus dem auch das Deutsche “werden” hervorging. “Urðr”, das altnordische Kognat vom altenglischen “wyrd”, ist außerdem der Name einer der drei Nornen, die in der nordischen Mythologie stellvertretend für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stehen und als weibliche Wesen in Erscheinung treten, die gelegentlich auch als Schicksalsfrauen bezeichnet werden.

Ein bekanntes Äquivalent hierzu sind die Moiren aus der griechischen Mythologie, die das Schicksal der Sterblichen und Götter entscheiden und oftmals als wollverarbeitende Frauen gezeichnet wurden, die den “Lebensfaden” ihrer Geschöpfe nach Gutdünken abwickeln, bewerten und beenden. Legendär wurde dieser Topos der prophetischen Frauengruppe schließlich durch William Shakespeares Macbeth, der von den “Weird Sisters” sein Schicksal dargelegt bekommt, das sich als selbsterfüllende Prophezeiung entpuppt.

Die moderne Wortbedeutung von “weird” als etwas Seltsames und mitunter Übernatürliches ergab sich laut dem Linguistik-YouTuber Alliterative aus der Tatsache, dass der altenglische Begriff zu Shakespeares Zeiten nur noch wenigen bekannt war und die Darstellung der Weird Sisters dem elizabethanischen Verständnis von Hexen entsprach (“Double, double toil and trouble; Fire burn and caldron bubble”). Diese Begriffsinterpretation wurde schließlich weiter vorangetrieben und mündete schließlich im literarischen Genre der “weird fiction”, welches Werke von Edgar Allan Poe und H.P. Lovecraft miteinschließt.

Die entrückte Position der Schicksalsfrauen und ihre Macht über das Leben der Menschen lässt sich Katy Waldman zufolge mit dem modernen Verständnis eines Kontrollfreaks in Einklang bringen, der im Fall eines MAGA-Republikaners in die intimen Bereiche seines Wahlvolks eingreifen möchte. Dass mit diesen Leuten “irgendwas nicht stimmt”, erkannte 2017 bereits Ex-Präsident George W. Bush, der Trumps Antrittsrede mit den Worten “That was some weird shit” kommentierte. Ein noch viel früheres Beispiel von “weird” als kritische Distanznahme zu Vorstellungen, die als nicht mehrheitstauglich markiert werden sollen, ergab sich bereits während der Präsidentschaftswahl des Jahres 1964, als Lyndon B. Johnson in einer Werbekampagne gegen seinen Kontrahenten Barry Goldwater einen republikanischen Wähler vor die Kamera treten ließ, der den Einfluss radikaler Gruppen auf seine Partei reflektiert: “I mean, when the head of the Ku Klux Klan, when all these weird groups come out in favor of the candidate of my party, either they’re not Republicans or I’m not”.    

Auch wenn die Entdeckung von “weird” als strategisches Instrument Tim Walz zugeschrieben wird, griff Harris bereits 2018 auf die Floskel zurück, als sie in einem CNN-Interview auf die Frage antwortete, was sie Trump in einer Debatte entgegnen würde, falls er, wie 2016 im Duell gegen Hillary Clinton, unnachgiebig hinter ihrem Rücken laufen würde: “Why are you being so weird?”.

Trotz der Gefahr, dass die Weird-Keule bis zur Wahl an Redundanz zugrunde geht, eignet sich das Label gewissermaßen als Einfallstor für die Verbreitung progressiver Politik. Selbst für einen Bernie Sanders, der nach eigenen Aussagen kein Fan des Begriffs ist und die Republikanische Partei stattdessen auf ökonomischer Ebene konfrontieren möchte, wäre eine Strategie denkbar, die sich sowohl auf einen “common sense” in Abgrenzung zu den (ökonomisch) kruden Ansichten der Republikaner stützt, als auch reale Verbesserung der sozialen Sicherheitsnetze anstrebt.

“Weird” und “normal” sind, wie sonst nur wenige Begriffe, mit Ambivalenzen, inneren Widersprüchen und abenteuerlichen Begriffsgeschichten gespickt. Im politischen Wettkampf werden sie gewissermaßen zu leeren Signifikanten, zu wichtigen Werkzeugen in der Konstruktion von imaginären Gemeinschaften. In der “sozialen Semantik” des Politischen bezeichnet das Normale laut Mariano Croce und Andrea Salvatore     

the social world as it is described in the here and now: the implicit, the common sense, the taken for granted, which is perceived as the unquestionable basis for everyday action and a fortiori political action. However, this facade of unquestionability is by no means a natural property of social objects. Schmitt and Bourdieu explain that it is the result of a remarkable political struggle whereby reality is ‘uttered’ in such and such a way in order that some objects and their connections with each other be ‘objectified, visible, and even official’.

Die Gegenseite als weird zu bezeichnen, behindert diese nicht nur ihrer Konstruktion solcher quasi-objektiven politischen Gemeinschaften, sondern dient im Gegenzug auch der Stärkung des eigenen Selbstvertrauens für liberale Forderungen: Statt das Normale weiterhin als den ewig unveränderlichen Gegner anzusehen und sich selbst als das politische Sammelbecken für konträre Minderheiten, ist es vielleicht an der Zeit, angesichts real erkämpfter sozialer Fortschritte der letzten Jahrzehnte die eigene Rolle in der Bestimmung des sozialen “common sense” stärker zu betonen.   

In der Anerkennung autoritärer und neurechter Politik als “weird” liegt gleichermaßen eine Warnung als auch ein Auftrag. In seinem Essay The Weird and the Eerie bezeichnete Mark Fisher “weird” als “that which does not belong”, als ein “Äußeres”, das nicht mit dem “Familiären” vereinbar ist. In Fishers Verständnis weist diese “sense of wrongness”, die von “Weird” ausgeht, darauf hin, dass man es hier mit etwas zu tun hat, das unseren etablierten Konzepten und Vorstellungen eine Neuformulierung abverlangt. Die Erfahrung dieser Erschütterung unserer Grundfesten vergleicht Fisher mit dem Lacan’schen Begriff “jouissance”, der eine Mischung aus Schmerz und Genuss beschreibt. Vielleicht eignet sich eben dieses Erleben von “jouissance” auch als Erklärung für die Beweggründe jener Wähler:innen, die trotz aller offen kommunizierter Umsturzfantasien weiterhin Menschen wie Trump und Vance die Treue halten, für die das Ende der etablierten Verhältnisse selbst zum politischen Lebensinhalt geworden ist.

Den richtigen Umgang für diese Form von Populismus zu finden, bleibt weiterhin eine zentrale Aufgabe, für die das Markieren des politischen Gegners als “weird” nur ein Anfang sein kann. Die zur Schau gestellte Selbstverständlichkeit mit der hier oppositionelle Positionen der Lächerlichkeit preisgegeben werden und im gleichen Moment eigenen Vorstellungen Aufwind verliehen wird, ist ein Trumpf der Demokraten, den diese bis November nicht aus der Hand geben sollten. Denn wer weiß, was sich in diesem Land, im Brustton der Überzeugung, den gesunden Menschenverstand auf seiner Seite zu haben, noch alles umsetzen lässt.

Die nordkoreanische Unterhaltungsindustrie, Profite in Zeiten des Desaster-Kapitalismus, Resonanztheorie des Strafens

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Ein überlanges Video-Essay über die Geschichte nordkoreanischer Unterhaltungsgüter; ein Text über Profite als Inflationstreiber und alternative Instrumente zur Bekämpfung von ökonomischen Schocks; und ein Podcast über die Resonanztheorie Hartmut Rosas als Grundlage für eine neue Legitimationstheorie des Strafrechts. Viel Spaß!


Entertainment Made By North Korea | Paper Will

Um was geht es?

Als Außenstehender betrachtet man Nordkorea stets mit einer Mischung aus Faszination und Schrecken. Nicht nur das Säbelrasseln der nordkoreanischen Führung und der faktisch andauernde Kriegszustand zwischen Nord und Süd sorgen regelmäßig für Beunruhigung, auch das Leiden der von der Welt abgeschirmten Zivilbevölkerung ist bitterer Ausdruck des ungelösten Konflikts. In diese Gemengelage aus Militarismus, Propaganda und staatlich erzeugter Paranoia stürzt sich nun YouTuber Paper Will, der mit einem fünfeinhalbstündigen Essay in beeindruckender Detailtiefe einer unheimlich spannenden Frage nachgeht: Wie sieht eigentlich die Geschichte der nordkoreanischen Unterhaltungsindustrie aus?

Was hängen blieb:

Normalerweise bin ich kein Fan von Essays dieser Länge, da mich die Fragestellung in diesem Fall allerdings besonders neugierig gemacht hat, habe ich mich an die über fünf Stunden ran gewagt – und es nicht bereut. Der Fokus des Videos liegt vor allem auf Filmen und Serien, aber auch staatliche Musikprojekte, gymnastische Großereignisse (sogenannte “mass games”) und viele weitere obskure Phänomene (etwa eine Wrestling-Veranstaltung in den 90ern mit dem Titel Collision in Korea) werden im Video beleuchtet. Die besondere Leistung von Paper Will ist es, eine Parallelgeschichte aus Unterhaltungsmedien und politischem Wandel zu erzählen, die mit der Besatzung durch Japan beginnt und bis in die Jetztzeit reicht. Die Geschichte des Landes der letzten 100 Jahre im Schnelldurchlauf auf diese Weise erzählt zu bekommen, leistet einen beeindruckenden Beitrag zum besseren Verständnis der historischen Bruchstellen, die zum heutigen Nordkorea geführt haben (etwa die Stationierung von US-Atomwaffen in Südkorea, die Kollektivierung und Zentralisierung des Bodens, der allmähliche Bruch mit der Sowjetunion und China, der Aufstieg einer brutalen Ideologie der Abschottung und Subsistenz, die Folgen von wirtschaftlichem Missmanagement, die das Wirtschaftswachstum im Vergleich zum Nachbarstaat allmählich abwürgte, die Hungersnot in den 90ern, die vorsichtigen Annäherungsversuche der südkoreanischen Sonnenscheinpolitik und die zunehmende Verschlechterung bilateraler Beziehungen in Folge des nordkoreanischen Atomwaffenprogramms).

Die Entwicklungen in der Filmindustrie lassen sich wiederum nicht getrennt vom Einfluss der Propaganda- und Zensureinrichtung Nordkoreas (PAD) verstehen. Die Werke erfüllen im Grunde fast immer einen ideologischen Zweck: sei es das Schlechtreden ausländischer Lebens- und Wirtschaftsweisen, die Ikonisierung des Staatsgründers Kim Il-Sung, das Antreiben der Arbeiterschaft zur Steigerung der Produktivität, das Unterbinden von individuellen Beziehungen abseits von der Liebe zum Staat, oder die Bewerbung von Kampagnen, die den Umzug aufs Land schmackhaft machen sollten. In Summe wirken nordkoreanische Filme meist freudlos und kalt, brutal, künstlerisch mangelhaft und repetitiv. Nur in vereinzelten Momenten scheint das starre Netz der ästhetischen und ideologischen Zensur Löcher zu bekommen und der nordkoreanischen Bevölkerung einen Blick abseits der immergleichen Dogmen zu eröffnen, etwa in Filmen des entführten südkoreanischen Regisseurs Shin Sang-ok oder im 2006 erschienenen Film The Schoolgirl’s Diary.

Diese Löcher scheinen spätestens seit der Hungersnot in den 90er-Jahren immer größer zu werden: ausländische Medien kommen trotz der Gefahr von Sanktionen vermehrt ins Land, und erzeugen einen Konkurrenzdruck für die Kulturprodukte Nordkoreas, etwa im Bereich K-Pop. Während die Filmindustrie seit 2015 quasi brach liegt, wirbt Nordkorea mittlerweile im digitalen Raum mit lokalen Influencern, die das Land als glückseliges Fleckchen Erde ohne Probleme darstellen. Diese staatlichen Inszenierungen in Kombination mit der ideologischen Starre der nordkoreanischen Unterhaltungsmedien wirft zwangsläufig eine zentrale Frage auf: Wo bleibt der Humanismus? Die Annäherungen an die Menschen und ihre Probleme, an ihre Wünsche, Träume und Sehnsüchte, ihre Leidenschaften und Zwiespälte, bleibt größtenteils eine Leerstelle. Was das Essay von Paper Will aber so sehenswert macht, ist, dass er es dennoch schafft, die vereinzelten humanistischen Zwischentöne des scheinbar perfekt moderierten Staatsapparats ausfindig zu machen und hervorzuheben, etwa im Fall des japanischen Rockmusikers Funky Sueyoshi, der aufgrund besonderer Beziehung die einzigartige Gelegenheit bekam, Kindern aus nordkoreanischen Musikschulen Rockmusik nahe zu bringen. Daher nun mein Appell an euch: Wenn ihr nicht die Zeit und Lust habt, ein fünfstündiges Videoessay zu schauen – was mehr als nachvollziehbar ist – dann klickt zumindest zum Kapitel “Curtain Call” und schaut euch diese letzten fünf Minuten mit Sueyoshi und den nordkoreanischen Kids an, die für einen kurzen Moment jegliche Grenzen und Animositäten zu sprengen scheinen.

Strafe neu denken: Jenseits von Schuld und Sühne | Deutschlandfunk / Essay und Diskurs

Um was geht es?

Die Frage, wie mit Menschen umgegangen werden soll, die gegen etablierte Rechtsnormen verstoßen, beschäftigt Gesellschaften seit jeher. So schrieb Michel Foucault in Überwachen und Strafen bekannterweise über den Wandel im Strafsystem zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert, von einer körperlich zugefügten Vergeltung hin zur Disziplinierung von wünschenswertem Verhalten. Auch heute wird wieder viel über Alternativen zu existierenden Praxen des Strafens geredet, etwa wenn zynisch vom US-amerikanischen “prison-industrial complex” die Rede ist und mit Bezug auf historische Vordenker:innen wie Angela Davis die Abschaffung von Gefängnissen diskutiert wird. Aber braucht es vielleicht auch eine grundlegend neue theoretische Basis zur Legitimation des Strafens? Und wenn ja, wie könnte diese aussehen? Dieser Frage widmet sich Frauke Rostalski, die sich für ihren unkonventionellen Ansatz bei der Resonanztheorie des Soziologen Hartmut Rosa bedient.

Was hängen blieb:

Rostalski beschreibt als vorherrschende Denkschulen zur Legitimation des Bestrafens zum einen die Perspektive der Vergeltung, beziehungsweise des Ausgleichs für begangene Taten, und zum anderen eine Perspektive der Prävention, die Erziehung und Abschreckung zum Ziel hat. Beide Ansätze seien jedoch kritikwürdig und ungenügend: Ersterer, weil die Frage im Raum steht, ob eine Reaktion als Ausgleich nicht viel eher ein zweites Übel schafft, statt das erste zu vergelten; zweiterer, weil hier die Eindämmung der gesamtgesellschaftlichen “Gefährlichkeit” und die Abschreckungswirkung durch das Bestrafen stärker wiegen als das Vertrauen, dass sich Bürger kraft ihrer Vernunft für die Einhaltung des Rechts entscheiden.

Hier kommt nun das Resonanzkonzept ins Spiel, das “den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt” stellen soll. Im Kern beschreibt Hartmut Rosa in seinem Werk eine Theorie von (gelingenden oder misslingenden) Weltbeziehungen, die Anzeichen der Entfremdung oder der Resonanz aufweisen können, wobei letzteres eine Form der Offenheit für gegenseitige Beeinflussbarkeit bezeichnet. Rostalski münzt hiermit die Straftat und die Bestrafung um zu einer Form der Kommunikation zwischen Täter und Gesellschaft, beziehungsweise Täter und Opfer. Da der Täter hierbei nun selbst ein Interesse an gelingenden Weltbeziehungen habe und gleichzeitig von der Existenz des Rechts profitiere, sei die “Antwort” der Gesellschaft in Form eines “Widerspruch” (der Strafe) im Kern begrüßenswert – denn die Alternative bedeutete, dass der “Äußerung” (Tat) des Täters keine Anerkennung geschenkt werde und ein solches “stummes” Weltverhältnis den Weg der Reue von Grund auf verschließe.

Rostalski zufolge gelte dieses Verhältnis auch bei der Uneinsichtigkeit der Täter, da diese für sich nicht beanspruchen könnten, einseitig in ein “kommunikatives Verhältnis” mit einer rechtlich verfassten Gesellschaft zu treten, die dessen Status als gleichberechtigter Bürger durch die Wiederherstellung von Resonanzbeziehungen zu bestätigen versucht. Noch interessanter ist aber, dass das Verbrechen und damit der Kommunikationsakt des Täters nicht entkoppelt vom Opfer zu denken ist, welches erst durch die Bestrafung – die Ausdruck davon ist, mit dem erlittenen Leid nicht allein zu sein – in gleicher Weise wieder in eine Resonanzbeziehung gelangt.

Ich finde Rosas Resonanztheorie, trotz der berechtigten vorhandenen Kritik, durchaus faszinierend und halte den grundlegenden Gedanken von Rostalski, Tat und Bestrafung, Täter und Opfer stärker aus der Perspektive misslingender und gelingender Weltbeziehungen zu betrachten für nicht uninteressant. Trotz dieser spannenden Perspektive auf ein alternatives Legitimationskonzept bleibt für mich allerdings die Frage offen, welche Praxis des Bestrafens sich aus dieser ergeben soll. Wie weitreichend darf die “Antwort” zur Wiederherstellung von Resonanz ausfallen? Sind Gefängnisse weiterhin in Ordnung, oder braucht es andere Modelle, die dem kommunikativen Ansatz stärker Rechnung tragen? Fragen, die das Strafrecht sicherlich weiterhin beschäftigen werden.

Disaster Capitalism Revisited | The Ideas Letter

Um was geht es?

Inmitten von Pandemie, Lieferkettenengpässen, Inflation und Krieg etablierte sich in jüngster Zeit der Begriff Polykrise zur Beschreibung eines Zeitalters, in dem das krisenhafte Ereignis nicht mehr die hervorzuhebende Ausnahme von der Regel definiert, sondern vielmehr Teil eines Grundzustands unterschiedlicher, sich oftmals gegenseitig beeinflussender Verwerfungen geworden ist. Dass der politökonomische Umgang mit diesen Verwerfungen und ihren Auswirkungen für Märkte und Preisentwicklungen einen Bedarf für neue Werkzeuge und eine stärkere Fokussierung auf heterodoxe Theorieansätze miteinschließt, ist vielen Expert:innen mittlerweile bewusst. Eine solche ist auch Isabella Weber, die sich hierzulande vor allem dadurch einen Namen machte, dass sie gemeinsam mit Sebastian Dullien die Idee eines Gaspreisdeckels in die deutsche Inflationsdebatte einbrachte. Die Volkswirtschaftlerin mit China-Fokus beschäftigte sich in ihren neusten Arbeiten vor allem mit der Frage, inwiefern Marktmacht und unsichere Krisenbedingungen inflationstreibende Profitmargen zur Folge haben können. Mit dem Überbegriff “Disaster Capitalism” untersucht sie in folgendem Newsletter im Speziellen die Lage im globalen Gütertransport zur See.  

Was hängen blieb:

Für einen Sozialwissenschaftler erscheint die wirtschaftswissenschaftliche Fokussierung auf eine neoklassische “Einheitslehre”, die wenig Vielfalt in alternativen Theorien und Instrumenten bietet, immer einigermaßen absurd. Die abwertenden Reaktionen von etablierten Stimmen aus dem Fach, die häufig auf Webers Arbeiten zu Preiskontrollen und “sellers‘ inflation” folgten, veranschaulichen dabei die Engstirnigkeit, die oftmals im Fach vorherrscht. Thematisch reiht sich auch dieser Text zu den genannten kontroversen Themen: Laut Weber ist die vielversprochene “Resilienz” der Wirtschaft und ihrer Lieferketten nicht umfassend zu denken ohne eine Betrachtung der Marktmacht einzelner zentraler Akteure, etwa im Bereich der Frachtschiffe.

Zwei Grundannahmen lassen sich aus dem Text als Grundlage für die Notwendigkeit von Preiskontrollen und Übergewinnbesteuerung in Zeiten der Krise extrahieren. Zum einen die Erkenntnis, dass die Möglichkeit, Profite zu erzielen für die Aufrechterhaltung marktwirtschaftlicher Verhältnisse elementar ist. Zum anderen, dass die massiven Preisanstiege in solchen Zeiten jeglichen marktwirtschaftlichen Informationswert für die Gesamtwirtschaft verlieren: Knappheiten im Angebot können trotz weiter steigender Preisen nicht zeitnah ausgeglichen werden, Nutznießer der Rekordgewinne haben keinen Anreiz, ihr Geschäftsmodell gegen zukünftige Krisen zu wappnen und Endverbraucher zahlen horrende Preise für oftmals notwendige Güter. Um individuelle und gesellschaftliche ökonomische Interessen also gleichermaßen zu bewahren, seien beide Instrumente unumgänglich.

Webers Fokus auf Frachtschiffe hebt das skizzierte Problem in besonderer Weise hervor. Lediglich acht Reedereien seien mittlerweile für mehr als 80% des globalen kommerziellen Schiffverkehrs zuständig. Die zeitweisen Engpässe, die sich durch die Pandemie und den Krieg in der Ukraine ergaben, sorgten bei diesen Reedereien für Rekordprofite. Durch das Aufkommen neuer Krisenherde (Gazakrieg, Angriffe der Houthi im Roten Meer, Dürren im Panamakanal) ließen sich diese Profite auch trotz steigender Inflation weiter durchsetzen. Anhand eigener Aussagen der Reederei Maersk lässt sich zudem festhalten, dass in solchen konzentrierten Marktsituationen eine Rationierung stattfindet, um langjährige Kunden zu privilegieren.

Als zentrale Erkenntnis für Entscheidungsträger:innen ergibt sich für Weber, dass die Bekämpfung einer Inflation, die sich aus solchen Krisen ergibt, mit dem herkömmlichen Mittel der Zinserhöhung nicht effektiv machbar ist:

“Water is not flowing back into the drought-ridden Panama canal in response to price signals. Wars don’t stop because freight rates shoot up.”

Preiskontrollen und Steuern auf “windfall profits” ermöglichen es, pragmatisch auf Schocks zu reagieren, in denen Märkte versagen, statt sich ins ideologische Schneckenhaus des Dogmatismus zu verkriechen. Auch wenn weitere Forschung zur profitgetriebenen Inflation sicher noch aussteht, lässt sich festhalten, dass die Marktkonzentration in zentralen Dreh- und Angelpunkten unserer gesellschaftlichen Infrastruktur seinen Teil zur krisenhaften Dynamik beisteuert. Auch die vermutete Monopolstellung großer Internetkonzerne steht zunehmend im Fokus von gerichtlichen Auseinandersetzungen. Neben Webers Vorschlägen zur Krisenbewältigung bedarf es somit auch das selbstbewusste Auftreten der Kartellbehörden, um unsere gemeinsame Zukunft nicht nur gemäß wirtschaftlicher, sondern auch gemäß demokratischer Standards zu gestalten. 

Eine Kiste bunt Gemischtes:

Protest und Propaganda in Russland, Ideengeschichte des Generationen-Begriffs und die chinesische Filmindustrie

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Ein Video über eine russische Perspektive auf die Schwierigkeiten, zivilgesellschaftlichen Protest zu organisieren; ein Text über den ideengeschichtlichen Wandel des Generationen-Begriffs; und ein Podcast über Vergangenheit und Gegenwart der chinesischen Filmindustrie. Viel Spaß!


Russia: War, Truth And Protest In A Pool of Noise (a Russian’s perspective) | bazazilio

Um was geht es?

Seit Beginn der russischen Invasion der Ukraine im Februar 2022 wird nicht nur ununterbrochen über den Sinn und Unsinn von Waffenlieferungen und Verhandlungen diskutiert, sondern auch immer wieder die Rolle der russischen Politik und Zivilgesellschaft hervorgehoben. Welche Gründe gibt es für die scheinbare Widerstandslosigkeit der Bevölkerung, in welchem Verhältnis befinden sich autokratische Sehnsüchte und demokratische Reformbemühungen im Land? Welche “Schuld” trägt die Gesellschaft als solche für den in die Tat umgesetzten Revanchismus ihrer obersten Führer? Die russischstämmige YouTuberin bazazilio wirft einen reflektierten Blick auf den Vorwurf der “untätigen Zivilgesellschaft”, den Zustand oppositioneller Kräfte vor und nach Invasionsbeginn, die staatliche Propaganda und die zentralen Bedingungen für starke Protestbewegungen.  

Was hängen blieb:

Das Video ist zwar schon ein paar Monate alt, aber in seiner Analyse sicherlich weiterhin zutreffend und gedankenanregend. bazazilio beschreibt nachempfindbar, wie der Invasionsbeginn ihre Hoffnungen auf die oppositionellen Kräfte im Land erschütterte. Den Protesten der letzten Jahre wurde laut ihr zwar schon immer mit staatlicher Repression begegnet, die Katz-und-Maus-Jagd zwischen Behörden und Demonstranten spielte sich jedoch meist in einem kalkulier- und absehbaren Rahmen ab. Dies änderte sich mit dem 24. Februar 2022. Den plötzlichen Einbruch einer bitteren Realität bringt bazazilio treffend auf den Punkt: “When you live in a fake democracy, you only have an illusion of rights”.

Ein zentraler Aspekt des Essays ist die Erkenntnis, dass dezentral organisierter Protest allein nicht ausreicht. Auch wenn das 21. Jahrhundert durch neue Kommunikationsmittel beispielslose Massenbewegungen zu verzeichnen hatte, braucht es für einen nachhaltigen erfolgreichen politischen Wandel zentrale Anlaufstellen, die Protestpotentiale bündeln und strategisch organisieren. Nachdem das Team rund um Alexei Nawalny ein Jahr vor Beginn der Invasion die Arbeit in Russland einstellen musste, ergab sich hier eine Leerstelle, die trotz verstreuter aktivistischer Aktionen im Land (Brandstiftung, Schienenzerstörung, Anti-Kriegs-Botschaften im Stadtbild) nicht ausgefüllt werden konnte.

Besonders spannend sind jedoch bazazilios Überlegungen zur russischen Propaganda. Statt dem Publikum orwellianische Botschaften à la “Krieg ist Frieden” zu verkaufen, wird Meinungspluralität in TV-Debatten vorgegaukelt und eine Situation der informativen Unklarheit erzeugt:

They don’t need to hide the truth, they just need to drown the truth in noise […] Confusion is the new form of censorship

Social-Media entwickelt sich in den Händen des Staates zu einer gelenkten Meinungsmaschine, die durch bewusst gestreute Kommentare eine gesellschaftliche Zustimmung zum Krieg vorgaukelt, die Kriegsgegnern das hoffnungslose Gefühl vermitteln soll, in der Minderheit zu sein – ein sich selbst befeuernder Prozess mit entpolitisierenden Folgen. Statt in blindem Selbsthass zu verzweifeln und dem russischen Volk eine “Untertanenmentalität” vorzuwerfen, orientiert sich bazazilio für Gegenstrategien am populären Buch Why Civil Resistance Works von Erica Chenoweth und Maria J. Stephan, bei dem an erster Stelle die harte Überzeugungsarbeit von Hoffnungslosen, propagandistisch Verklärten und Systemanhängern steht (“loyalty shifts”). Verabschieden sollte man sich schließlich vom hinderlichen Gedanken, dass all dies einfach sei.

Die Frage, inwiefern in zunehmend technologisierten Autokratien umfangreiche Gegenwehr leistbar ist, beschäftigt mich schon länger. Während Entwicklungen wie im Arabischen Frühling oder in Ländern wie Hong Kong, Belarus oder Russland die Aussicht auf demokratische Verhältnisse in weite Ferne rücken ließen, zeigte etwa die chinesische Aufmüpfigkeit zu Zeiten der Corona-Maßnahmen, dass die Unterdrückung einer Bevölkerung trotz totalitärer Apparate womöglich nicht unendlich ausgedehnt werden kann, und auch der jüngste Regierungssturz in Bangladeschs beweist, dass sich Dinge oft schneller ändern können als absehbar. Dennoch bleibt die Frage offen, wie die technischen und organisatorischen Mittel der Zeit und der basisdemokratische Kosmopolitismus, den das digitale Zeitalter versprach, gegen die Autokraten aller Welt stark gemacht werden können.

Letzte Generation. Die Rückkehr des “Problems der Generationen” | Geschichte der Gegenwart

Um was geht es?

Der Begriff der Generationen bezeichnet im politischen Diskurs weitaus mehr als nur einen demographischen Sachverhalt: Zugespitzt als “Generationenkonflikt” prägte er vor allem die Klimadebatte der letzten Jahre und gipfelte hierzulande schließlich in der aktivistischen Selbstbeschreibung der Letzten Generation, die seit 2022 mit öffentlichwirksamen Mitteln vor irreversiblen Kipppunkten warnt und für die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels kämpft.

Während im Feld der Klimapolitik “die junge Generation” somit als progressive Opposition gegen die Versäumnisse ihrer Eltern und Großeltern gehandelt wurde, sorgte die demographische Aufschlüsselung kürzlicher Wahlergebnisse fast schon für ein diametrales entgegengesetztes Bild. Die Sache mit den Generationen scheint komplexer zu sein, als man denken mag, und die politisch-aktivistische Besinnung auf den Begriff somit ebenso. Diesem Gedanken verschreibt sich auch Carlotta Voß, die in ihrem Text für Geschichte der Gegenwart einen ideengeschichtlichen Abriss vornimmt und die emanzipatorischen sowie anti-liberalen Tendenzen von Generationsbezügen herausarbeitet. 

Was hängen blieb:

Voß beschreibt konkret die Entwicklungsgeschichte des generationalen Denkens im deutschsprachigen Raum seit Ende des 19. Jahrhundert und zeigt dabei auf, wie sich die “Generation” in die politischen, sowie geschichts- und moralphilosophischen Diskurse der jeweiligen Zeit eingeschrieben haben. Mit Bezug auf Reinhart Koselleck sieht die Autorin dabei vorrangig die in der Neuzeit aufkommende kulturelle Reflexion von “Verzeitlichung” als Grundlage für Erzählungen des gesellschaftlichen und historischen Wandels, die generationale Bezüge herstellen.

Die daraus entstehenden positivistischen sowie romantisch-historischen Aneignungen des Begriffes und die zunehmende Systematisierung dessen zeichnet Voß detailliert nach – von der Jugend als Identitätsstifterin für aufkommende Clubs Ende des 19. Jahrhundert, Ortega y Gassets Vorstellung der Generation als Kollektivsubjekt der Geschichte, Karl Mannheims soziologischer Beschreibung von Generationenzusammenhängen und -einheiten, bis hin zum Generations-Begriff als therapeutische Selbstdistanz und moralische Abgrenzung für die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg. Immer im Mittelpunkt stand dabei die Idee, Sinnstiftung in der säkularisierten Moderne in der Lebenskraft und im Fortschrittsoptimismus der Jugend zu finden, die sich in einem agonalen Verhältnis zu den bestehenden Verhältnissen befand.

Die Veröffentlichung des ersten Berichts des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums und die Bezugnahme auf “Generationengerechtigkeit” sorgte schließlich für einen erneuten Wandel der Vorstellungen von Zeitlichkeit und Geschichte. Statt den Generationsbegriff primär als Ansprache für politische Akteure zu nutzen, wurden hierbei die akkumulierten Folgen des politischen Handelns von Alterskohorten herangezogen, um ein Fürsorgeverhältnis herzustellen, das die Möglichkeiten der Nachhaltigkeit für künftige Generationen in den Mittelpunkt stellt. Auch wenn im Fall der Letzten Generation der Begriff nun wieder als politische Ansprache gebraucht werde, so Voß, stünde hierbei eine Gerechtigkeitstheorie im Vordergrund, die von “intergenerationalen […] Schuldbeziehungen und einem apokalyptischen Horizont” geprägt sei:    

Die Generation im Anthropozän weiß sich immer als potentiell “Letzte Generation”. Sie ist im Selbstverständnis nicht mehr Zukunftsträgerin und Zukunft ist für sie nicht mehr das Weite, Offene politischer Gestaltung – sondern eine verlängerte Gegenwart des Überlebens, die gegen die Handlungsentscheidungen der Vergangenheit verteidigt werden muss.

Voß‘ Mahnung, bei der politischen Nutzung des Generationen-Begriffs eine ideengeschichtliche Reflexion nicht zu vergessen, enthält viele spannende und politstrategische Punkte, die etwa dabei helfen könnten, vermeintliche politische Widersprüchlichkeiten in jungen Generationen besser zu verstehen. Als zentral erweist sich zudem das Verhältnis von agonalen Dynamiken (Generationenkonflikte als Emanzipationstreiber) und Fürsorgeverhältnissen (im Sinne eines “Kümmerns” um zukünftige Generationen), vor allem mit Blick auf das veränderte Zeitverständnis im Anthropozän. Selten war die Zukunftsgestaltbarkeit als Möglichkeit einer Abkehr von ausgetretenen Pfaden notwendiger als heute; und doch stellt sich die Frage, ob die Rhetorik des Alarmismus und eine Identitätsstiftung durch Apokalyptik (trotz all des wissenschaftlich fundierten Anlasses zur Sorge) nicht zur Zukunftsverengung beitragen und die politisch-aktivistischen Potentiale von Generationalität in eine Art Sackgasse manövriert. Es wird sich noch herausstellen müssen, ob und inwiefern sich der generationengerechte Anspruch auf “Gegenwartsinstandhaltung” (auch mit Blick auf die “Bewahrung der liberalen Demokratie”) mit dem politischen Wunsch nach Abgrenzungen und Neuanfängen verknüpfen lässt.

Folge 43: Die chinesische Filmindustrie | China ungeschminkt

Um was geht es?

Die chinesische Filmindustrie boomt. Nicht nur für Hollywood-Produktionen, die in der wachsenden Konsumgesellschaft des Landes einen wichtigen Absatzmarkt sehen, sondern auch für heimische Werke, die zunehmend mit dem Bombast westlicher Produktionen schritthalten. Doch wie sehen die Ursprünge des Films in China aus, und welchen Probleme begegnen aus- und inländische Filmemacher:innen heutzutage beim Versuch, sich künstlerisch auszudrücken? Der Podcast China ungeschminkt wirft einen Blick auf Geschichte und Gegenwart des Mediums in China.  

Was hängen blieb:

Der Podcast bietet eine kurzweilige historische Übersicht über einige der wichtigsten Stationen der chinesischen Filmgeschichte, etwa den ersten Boom im Shanghai der 1920er-Jahre, den Einfluss der japanischen Besatzung ab 1937, die planwirtschaftliche Integration unter Mao ab 1949, die Zensur in der Kulturrevolution und das kreative Aufblühen im Kino der sogenannten 5. Generation zur Zeit der Reform- und Öffnungspolitik, welches sogar Kritik an der Mao-Zeit in allegorischer Form ermöglichte. Auf die zunehmende Öffnung des heimischen Filmmarkts für internationale Werke ab Mitte der 1990er-Jahre folgte jedoch mit dem sogenannten “Changsha-Treffen” zwischen Vertretern der chinesischen Filmindustrie und dem Ministerium für Radio, Film und Fernsehen eine Zunahme der staatlichen Repression und die Forderung, Patriotismus und sozialistische Werte stärker zu betonen.

Trotz dieser zunehmend schwierigen Bedingungen wuchsen Umsätze und Kino-Infrastruktur auf rasante Weise an, und auch der chinesische Filmgeschmack präferierte immer häufiger heimische statt ausländische Filme. Große Produktionen wie der Film Founding of a Republic oder die Serie Im Namen des Volkes lassen dabei die Grenzen zwischen Unterhaltung und Propaganda zunehmend verschwimmen. Die Kehrseite dieser Entwicklung drückt sich etwa in den Schicksalen von Regisseuren wie Wang Xiaoshuai aus, der mit seinem Film Above The Dust, der von Nachkommen eines Großgrundbesitzers in der Zeit der Landreform der 1950er-Jahre erzählt, Dutzende Zensuranweisungen befolgen musste, und der sich mit seiner Vorführung zur diesjährigen Berlinale den chinesischen Zensoren widersetzte.

Für mich stellt sich damit fundamental die Frage, welche Reaktion in der aktuellen Situation unter jungen chinesischen Filmemacher:innen vorherrschend ist: Sich den Zensurbedingungen unterzuordnen, oder den Versuch zu unternehmen, eine eigene Semantik zu entwickeln, um zumindest in allegorischer und metaphorischer Form den eigenen Ansprüchen an Kunst nachzukommen. Die Analyse einer solchen, auf genuin chinesischen Erfahrungen und kulturellen Deutungsmuster basierenden Semantik könnte ungemein ertragreich sein und dem Klischeebild eines rein propagandistischen Produktions- und Konsumptionsapparates in China entgegenwirken.

Eine Kiste bunt Gemischtes:

Prekäre Zukunft, entzauberter Fortschritt: Wie die (Spät-)Moderne mit ihren Verlusten umgeht

Die moderne Gesellschaft hat in Zukunft realistischerweise nicht immer mehr Überfluss und Freiheit zu gewinnen, sondern viel an Erreichtem und Erkämpften zu verlieren. Für sie wäre es in vieler Hinsicht ein Erfolg, das erreichte Niveau einigermaßen zu halten.

Was Andreas Reckwitz seinem gesellschaftspolitisch interessierten Publikum auf den letzten Seiten von Verlust – Ein Grundproblem der Moderne anzubieten hat, ist milde gesagt ernüchternd. Auf über 400 Seiten arbeitet sich der renommierte Praxissoziologe in seinem neusten Mammutwerk an den blinden Flecken der modernen Gesellschaft und ihrer Fortschrittsgläubigkeit ab. Eben diese, zunehmend unbearbeiteten gesellschaftlichen Kehrseiten von Rationalität, Technologie und moderner Staatspolitik beschreibt Reckwitz mit dem Begriff des Verlusts. Die (Spät-)Moderne, so die große These im Buch, eskaliere diese Verluste nicht nur zunehmend quantitativ und qualitativ, sie scheitere auch aus systeminhärenten Gründen daran, sich der eigentlichen Verlustproblematik überhaupt bewusst zu werden.

Diese Problematik beschreibt Reckwitz ausschweifend, mitunter ausufernd, vor allem in der Darlegung seiner Systematik und der Auflistung etlicher Sonderfälle der Verlustproduktion und -bearbeitung (erst allgemein mit Blick auf die Moderne, dann spezifisch für die Spätmoderne – was mitunter gewisse Redundanzen erzeugt). Zentral beschreibt Reckwitz drei Dimensionen des Verlustgeschehens: Zeitlichkeit, Narrativität und Affektivität. Verluste sind hierbei (1) Produkte sozialer Prozesse der Wiederholung und des Neubeginns, Mediationen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; (2) vermittelt durch erzählende Diskurse und Praktiken; (3) verankert in emotionalen Bindungen zwischen den Subjekten, die Verluste empfinden, und den Tatsachen oder Objekten, die die Ursache für den Verlust darstellen.

Wichtig zu verstehen ist dabei, dass aus der Perspektive von Reckwitz‘ Praxistheorie die soziale Welt aus der Verschränkung von Akteuren und Strukturen besteht, aus wiederholten Interaktionen und Beziehungen. Verlust existiert dadurch nicht primär in Form einer objektiven Feststellung, sondern als subjektive Empfindung (dies werde ich am Ende des Textes nochmals aufgreifen). Verluste sind nun für Reckwitz solche verlorengegangenen Praktiken – und damit Bindungen – die für ein Subjekt in besonderer Weise als identitätsstiftend angesehen wurden und deren Verschwinden damit eine außerordentliche negative Reaktion hervorrufen. Die Härte von Verlusten drückt sich zudem dadurch aus, dass diese als unverfügbar wahrgenommen werden und der aktiven Steuerung und Kontrolle entzogen sind.

Eine besondere Relevanz gewinnt der Verlustbegriff für Reckwitz nun durch die Fortschrittsorientierung, die ihm zufolge mit der Moderne Fahrt aufnimmt. Da die Zukunft laut diesem wirkmächtigen Versprechen immer rosiger werden soll, ohne den bereits gewonnenen Zugewinn dabei wieder zu verlieren, sei die moderne Gesellschaft ganz besonders von Krisen des Fortschrittsnarrativs in Gestalt des Verlusts bedroht. Der Erwartungshorizont der Zukunft, die nun als andersartig, offen und überlegen angesehen wird, entkoppelt sich vom Erfahrungsraum der Vergangenheit, die in Abgrenzung zur Vormodernen als negativ bewertet wird. Durch die Hegemonie von Fortschrittserzählungen und ihren Versprechungen (Freiheit und Überfluss) werden Verlusterfahrungen damit zunehmend schwieriger zu vermitteln.

Die Verlustbearbeitung der Moderne, die sich für Reckwitz aus dieser Dynamik ergibt, wird als eine zutiefst paradoxe beschrieben. Auf der einen Seite werden Verlusterfahrungen reduziert, auf der anderen Seite aber auch gesteigert; sie werden unsichtbar gemacht, aber gleichzeitig auch intensiviert. Zwar ist es prinzipiell das Ziel der Moderne, durch die Mittel von Technik / Wissenschaft, Ökonomie und staatlicher Politik Verluste natürlicher und sozialer Art zu reduzieren, jedoch sorgt sie durch strukturelle und kulturelle Faktoren selbst wieder für eine Potenzierung von erlebten Verlusten. Als strukturell bezeichnet Reckwitz etwa das Regime der Obsoleszenz, in dem das Neue und Austauschbare vorherrscht, oder die Vermarktlichung des Sozialen, was Vergleiche zwischen Subjekten und ihren Erfolgen sowie Misserfolgen bestärkt; als kulturelle Faktoren gelten dagegen etwa die Expansion des Fortschrittsnarrativs (von kognitiven zu normativen Erwartungshaltungen, sowie in Form einer Verschiebung vom gesellschaftlichen Ganzen auf das einzelne Subjekt), als auch eine intensivierte emotionale Empfindsamkeit, die sich in persönlichen Beziehungen und in der generellen Ästhetisierung des sozialen Lebens ausdrückt.

Ähnliche Widersprüchlichkeiten beschreibt Reckwitz auch in Bezug auf die Invisibilisierung und Artikulierung von Verlusten in der Moderne. Unsichtbar gemacht werden Verluste auf zweierlei Weise: Entweder in der Form einer narrativen Relativierung, in der Verluste etwa als illegitim, als temporär, oder als Preis für den Fortschritt umgedeutet werden; oder ihre gesellschaftliche Artikulation wird durch eine Verschiebung ins Private, durch die Stigmatisierung von Verlierern, oder durch die Erosion nichtmoderner (kosmologischer, tragischer, heroischer) Verlustnarrative gehemmt. Dennoch artikuliert werden Verlusterfahrungen Reckwitz zufolge schließlich auf ganz unterschiedliche Weise, etwa durch das in der Kunst verarbeitete Sujet der Nostalgie, in der Ökonomisierung des Sozialen in Form der Risikokalkulation, in der Therapeutisierung oder in politischen Formen des “Verlustschutzes” (Konservatismus, Versicherungswesen, Anerkennung und Restitutionen von politischen Opfern).

Na, glüht euch schon der Kopf? Wundern würde es mich nicht, denn die Systematik der Verlustbearbeitung in der Moderne, die Reckwitz vorlegt, verstrickt sich leider zu oft in einer Auflistung singulärer Fälle und Phänomene, die den methodologischen Rahmen mitunter als schwammig und inkonsistent erscheinen lassen. Zwar entwickelt Reckwitz im Laufe des Buchs ein ganzes Vokabular zur Klassifizierung von verschiedenen Verlustformen, das etliche Affix- und Präfixkonstruktionen rund um den Begriff miteinschließt, zur besseren Übersicht trägt dies allerdings nicht wirklich bei – auch deswegen, weil so manche Erkenntnis als verklausulierte Binse daherkommt. Beispiel gefällig?

Die Gegenwart ist die Zukunft der Vergangenheit, daher kann man im Vergleich zu Letzterer auf ihrer Höherwertigkeit bestehen. Erst die jeweilige Gegenwart ist wirklich modern, und die vergangenen Technologien oder kulturellen Gewohnheiten selbst der letzten Generation erscheinen ihr bereits als veraltet.

Klingt komplex, ist aber recht banal. Kommen wir jedoch zurück zum eigentlichen Argument des Buches. Nachdem Reckwitz die Moderne in Hinsicht auf ihre Verlustbearbeitung ausschweifend beschrieben hat, widmet er sich schließlich der Spätmoderne ab den 1970er-Jahren, die für den Soziologen in qualitativer sowie in quantitativer Hinsicht eine Eskalation der Verlustdynamik darstellt. Kurz führt Reckwitz durch einige der geschichtlichen Rahmenbedingungen, die den gesellschaftlichen Wandel hervorriefen:

Da wäre die zunehmende Globalisierung und der Abbau von nationalstaatlichen Regulierungen, der Ölschock von 1973, ein Vertrauensverlust in die keynesianische Wirtschaftspolitik, steigende Arbeitslosenzahlen sowie Staatschulden, als auch der Wandel hin zur postindustriellen Gesellschaft mit wachsendem Dienstleistungsanteil, was zunehmend heterogene Klassenverhältnisse hervorbringt. Das Zeitregime, das in der industriellen Moderne seit den 1920ern noch ein vorrangig positives war, wandelt ist nun in ein grundlegend skeptisches. Fortschritt erscheint nun nicht mehr als alternativlos, sondern als eine (schwindende) Möglichkeit unter anderen. Der Präsentismus, die Hyperfokussierung auf die Gegenwart, nimmt zu – in positiver (Erlebniskultur) wie in negativer (Doomscrolling) Hinsicht.

Die Zukunft wird währenddes immer häufiger dem Sujet der Katastrophe untergeordnet, entweder in dystopischen fiktionalen Erzählungen, in wissenschaftlichen Szenarien, oder in der Normalisierung von Unfällen und systemischem Versagen. Wo früher noch zukunftsgewandte nationalstaatliche Planung tonangebend war, drängt nun ein Präventionsregime in den Vordergrund, dass die bereits antizipierten Verluste lediglich abfedern soll. Zentral für die Spätmoderne ist für Reckwitz zudem die Subjektivierung des Fortschrittsnarrativs: während eine Verbesserung gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse immer unwahrscheinlicher scheint, verlagert sich die Hoffnung auf eine bessere Zukunft auf die Vervollkommnung und Verbesserung des eigenen privaten Lebens. Dieses Auseinanderdriften von persönlichen und gesellschaftlichen Erwartungen deckt sich tatsächlich mit so manchem Studienergebnis der letzten Jahre. Während sich positive Emotionen wie Freude, Neugier, Faszination und Hoffnung damit bei den Subjekten sammeln, bleiben für die kollektive Ebene nur negative Affekte wie Angst, Trauer oder Wut.

Verantwortlich für die Eskalation des Verlustgeschehens in der Spätmoderne sieht Reckwitz spezifische zeitaktuelle “Verlustschübe”, die allesamt Ergebnis des oben bereits angesprochenen Strukturwandels sind. Dazu der Autor selbst:

Die liberale Postindustrialisierung bringt eben nicht nur die Gewinner der Wissensgesellschaft, der Meritokratie und der liberalen Kultur hervor, sondern auch die Verlierer der Deindustrialisierung, der Vermarktlichung und der kulturellen Liberalisierung. Der Zuwachs des Massenkonsums auf globaler Eben führt eben nicht nur zu einer Steigerung des Lebensstandards in der Weltgesellschaft, sondern heizt auch den Klimawandel an. Die Dominanz der (neo)liberalen Politik mit ihren Vorzügen, was Handel, Konsum und Diversität angeht, bewirkt in Teilen der Bevölkerung einen Vertrauensverlust in die Demokratie, der anschließend zum Aufstieg von Populismus und zu einer politischen Polarisierung führt, die wiederum in demokratische Regressionen mündet. Die kritische Geschichtskultur und die Verbreitung des Ideals der Menschenrechte machen die kollektiven Traumata der Vergangenheit erst sichtbar. Die psychologisierte Selbstverwirklichungskultur steigert nicht nur individuelle Entfaltungschancen, sondern sensibilisiert auch für subjektive Verletzungen und erhöht das Risiko von Erwartungsenttäuschungen. Die für die postindustrielle Wohlstandsgesellschaft typische Kombination aus hoher medizinischer Leistungsfähigkeit und niedriger Geburtenrate hat schließlich eine fragile alternder Gesellschaft zur Folge.

Gerade in Bezug auf die Subjektivierung des Fortschrittsnarrativs bietet die Spätmoderne Potential für allerlei Spannungen. Neben dem Subjekt, das Verluste erleidet, und dem Objekt, das die Grundlage für den Verlust darstellt, gesellt sich seit in der Moderne eine dritte Instanz in Gestalt des Schuldigen oder Gewinners hinzu. So bildet die Deutungshoheit über die Legitimität von Verlusten und Opfern einen weiteren elementaren Bestandteil der Spätmoderne, ebenso wie die Diskrepanz zwischen denjenigen, die sich erfolgreich gegen die genannten Verlustschübe abschirmen können, und jenen, denen dies nicht vergönnt ist. All dies mündet für Reckwitz in einen spezifisch spätmodernen Umgang mit Verlusten, der beispielsweise die Praktiken einer Cultural Heritage-Kultur, der Restorative Justice, der Resilienz, des Verzichts und neuer Trauerkulturen miteinschließt. Auch die Akzeptanz des Verlustes als nachhaltigen Identitätsanker, etwa im Zuge von Trauerarbeit, meint Reckwitz in der Spätmoderne zu erkennen.

Und damit sind wir endlich bei der Frage angekommen, die mir selbst beim Lesen die ganze Zeit unter den Nägeln brannte: Welchen Ausweg sieht Reckwitz für die von ihm beschriebenen Misere? Der Antwort widmet er sich auf wenigen abschließenden Seiten. Hier beschreibt er drei mögliche Entwicklungspfade für die Moderne: Die Weiterführung ihrer klassischen Ideale (mit der Spätmoderne als bald vergessene Zwischenphase) den Zusammenbruch, sowie die Reparatur. Für Reckwitz bietet nur die Reparatur der Moderne die Möglichkeit einer Überwindung der Kernproblematik und damit des Widerspruchs zwischen Fortschrittsorientierung und unvermeidlichen Verlusten. Und wie lässt sich diese Reparatur herstellen?

Die zentrale Einsicht in diesem Szenario ist, dass eine Moderne, die anstrebt sämtliche Verluste aus der Welt zu schaffen, sich immer schon in einer Sackgasse befand. Verluste von sich abzuspalten, konnte nie gelingen – und zukünftig gilt dies umso weniger. Die nötige Revision besteht entsprechend darin, ein Bewusstsein für Verluste nicht als Makel der nostalgischen Rückwärtsgewandtheit oder des Defaitismus zu begreifen.

Richtig gelesen: Notwendig sei für Reckwitz lediglich das Eingeständnis, dass Verluste eben zum Leben dazugehören, dass man auf Unvermeidliches eben eingestellt sein müsse. Mehr noch, die progressive Orientierung am Neubeginn sei ihm zufolge gar infantil:

Die Moderne war von Anfang an von einem mitreißenden Ideal der Jugendlichkeit geprägt, das sich aus ihrer Orientierung am Neubeginn und an der Zukunft speiste. Nach 250 Jahren wird es Zeit, dass sie erwachsen wir und lernt, klug mit den Verlusten umzugehen.

Auch die “goldene” industrielle Phase zwischen Weltkriegsende und Beginn der Spätmoderne, die Reckwitz regelmäßig als Trente Glorieuses bezeichnet, fuße lediglich auf einer historisch einmaligen Phase, in der ein demographischer Boom, das Ausblenden von ökologischen und sozialen Folgen und kurzfristig befriedete politische Verhältnisse für ein einzigartiges Wirtschaftswachstum in Westeuropa und Nordamerika gesorgt hätten. Sind wir also alle gezwungen, in den sauren Apfel der Erkenntnis zu beißen, den Gürtel wieder enger zu schnallen, Hoffnung auf bessere Verhältnisse fahren zu lassen?

Indem Reckwitz den Verlustbegriff zum soziologischen Tatbestand erklärt und in einen untrennbaren Widerspruch zur Idee des Fortschritts stellt, immunisiert er sich auf gewisse Weise selbst gegen Kritik. Zwar stimmt es etwa, dass die Unvermeidlichkeit des körperlichen Verfalls in einer Gesellschaft mit wachsender Lebenserwartung und medizinischem Fortschritt neue Konflikte hervorbringt, oder dass Errungenschaften wie eine demokratische Verfassung neue Verlustängste zur Folge haben. Dennoch überzeugt mich die Schlussfolgerung nicht, dass die größte Dringlichkeit für die Analyse und Bewältigung der gesellschaftlichen Probleme der Spätmoderne vorrangig darin bestünde, die Unüberwindbarkeit gewisser Verluste in Form eines tugendhaften Akts zu akzeptieren.

Trotz aller berechtigter Kritik am Fortschritt (Adorno und Horkheimer lassen grüßen) sollte das politische Ziel einer besseren Gesellschaft nicht als infantiler und fehlgeleiteter Wunsch abgetan werden. Statt globale Entwicklungen wie die Hegemonie einer neoliberalen Wirtschaftspolitik oder sich zuspitzende Klassenkonflikte als lineare, sich der politischen Kontrolle entziehenden und kontingenzfreien Ereignisse zu betrachten, sollte die Frage doch viel eher lauten, wie sich gesellschaftliche Probleme wieder erfolgreich in den Modus der Politik überführen lassen. Schließlich offenbart die zunehmende Verlagerung von sozialen und ökologischen Externalitäten ins Private, wie Reckwitz es selbst beschreibt, einen umfassenden Prozess der Entpolitisierung, was bereits von anderen politischen Theoretikern als fundamentales Problem der Gegenwart erfasst wurde.

Auch die inhaltlich unbestimmte Form des Verlustbegriffs sorgt für einige Probleme. Qualitativ ist der Verlust eines Arbeitsplatzes damit nicht unterscheidbar von der nachhaltigen Zerstörung der klimatischen Lebensbedingungen für den Menschen als solchen. Den Klimawandel damit auch nur als einen Verlust unter vielen zu sehen, dem es mit Resilienz und Bewusstsein für das schon bald schon Verlorengegangene zu begegnen gilt, scheint mindestens verfehlt, wenn nicht gar fahrlässig.

Nur teilweise überzeugend wirkt durch die konsequente Abstraktion schließlich auch der von Reckwitz beschriebene Zusammenhang zwischen den Leistungsanforderungen, die eine westliche Mittelklasse zu erfüllen habe, und der daraus resultierenden Teilhabe am Fortschrittsversprechen, sowie der Umkehrschluss, dass bei anhaltenden Verlusten die Logik der fortschrittsgetriebenen Lebensführung auf der Kippe stünde. Konkreter in den Problemen des Hier und Jetzt verankert findet sich ein ähnliches Argument in Simon Schaupps aktuellem Buch Stoffwechselpolitik, in dem er detailliert einen historisch gewachsenen fossilen Klassenkompromiss beschreibt, dessen Aufbrechen beim Übergang in ein postfossiles Zeitalter diverse, nur schwer zu bewältigende Verwerfungen mit sich bringt.

Für den Praxissoziologen Reckwitz ist der zentrale analytische Bezugspunkt seines Buches ein “vulnerables Subjekt, das ohne narrative, emotional imprägnierte Identität nicht existenzfähig und durch den Verlust […] geschädigt ist”. Freiheit und Überfluss, die Versprechungen des Fortschritts “bieten keine passenden Antworten für eine solche beschädigte Identität”, so Reckwitz. Ich wage, zu widersprechen.

Es stimmt: Existenzielle Bestandteile des Lebens wie der Tod werden auch in Zukunft Teil der conditio humana sein. Aber gleichzeitig gibt es noch viel zu tun, viel zu erreichen, um unsere eigenen, häufig zwar in Worten gegossenen, aber noch nicht in Taten umgesetzten Ideale zur Verwirklichung zu bringen. In einer Welt, in der die Schere zwischen Arm und Reich zunehmend auseinandergeht, in der ein Großteil der klimaschädlichen Produktion und Konsumtion von einer Handvoll Menschen in mächtigen und privilegierten Positionen ausgeht, in der demokratische Praktiken in quantitativer und qualitativer Hinsicht weltweit ausbaufähig sind, gibt es keinerlei Grund, den gesellschaftlichen Kampf für eine andere, für eine bessere Welt, als überholte Perspektive abzustempeln.

Leben und Sterben der Postmoderne, die Spätphase der römischen / amerikanischen Republik und fehlendes Wissen über Superreiche

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Diese Woche in der Grübelkiste: Eine neue Ausgabe nach monatelanger Abstinenz! Ich entschuldige mich für die viel zu lange Abwesenheit privater Natur und hoffe sehr, nun wieder regelmäßig zum Schreiben zu kommen! Ein kurzer Werbeblock in eigener Sache, bevor es regulär weitergeht: Ich bin vor einiger Zeit unter die Podcaster gegangen. Alle zwei bis drei Wochen spreche ich gemeinsam mit meiner Partnerin bei Im Blätterwald – Der Literaturpodcast über Literatur jedweder Art. In den bisherigen Folgen unterhielten wir uns etwa über Bertolt Brechts Herr Puntila und sein Knecht Matti, über Menschenwerk von Han Kang, über den Webmanhwa Omniscient Reader’s Viewpoint und zuletzt über den ersten Band der SF-Reihe The Murderbot Diaries von Martha Wells. Hört gerne mal rein!

Nun aber ohne weitere Umschweife zu den Inhalten, um die es heute gehen soll: Wir beginnen mit einem Video des YouTubers Tom Nicholas über die Postmoderne als politisches Schlagwort und den Wandel des postmodernen Politikstils unter der Regierung von Donald Trump; anschließend geht es um einen Text von Oliver Weber, in dem er die Faszination von Personen aus dem MAGA-Dunstkreis wie Elon Musk für die politischen Umbrüche und Figuren der Spätphase der römischen Republik beleuchtet; und abschließend gibt es noch einen Podcast von Deutschlandfunk über die umfangreichen statistischen Leerstellen zu den deutschen Vermögen. Viel Spaß beim Lesen!


Postmodernism is DEAD. This is Who Killed It. | Tom Nicholas

Um was geht es?

Mit Steffen Mau gesprochen könnte man „postmodern“ womöglich als „Triggerwort“ bezeichnen. Der Begriff, der eigentlich kulturwissenschaftlichen und philosophischen Ursprungs ist, war (ähnlich wie „Kulturmarxismus“) lange Zeit ein beliebtes Schlagwort im Dunstkreis der Alt-Right und liberalkonservativer Denker wie etwa Jordan Peterson, ehe er gegen Ende der 2010er-Jahre zunehmend von neuartigen Feindbezeichnungen wie „woke“ abgelöst wurde. Der Aufstieg rechtspopulistischer Kräfte wird von diesen daher gerne als Gegenbewegung gesehen, als Abkehr von Kämpfen um linguistische Sprachregelungen, sozial konstruierte Geschlechterordnungen und political correctness. Gleichzeitig wird der Postmodernismus-Begriff auch von links benutzt, etwa um den schwindenden Konsens zu objektiven Tatsachen im politischen Diskurs zu beschreiben. Tom Nicholas widmet sich in seinem Video der Begriffsgeschichte des Terminus und arbeitet dabei das komplexe Zusammenspiel von modernen und postmodernen Eigenschaften heraus, das unsere heutige Politik prägt.

Was hängen blieb:

Der Vorwurf der „Anti-Postmodernen“, der sich vorrangig gegen die Linke ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts richtet, beinhaltet laut Nicholas die redundante Verkürzung von gesellschaftlichen Fragen auf Machtdynamiken, sowie den Wandel weg von der Beschreibung „realer“ Probleme (etwa diskriminierende Gesetze und Praktiken) hin zu sprach- und repräsentationstheoretischen Überlegungen (etwa dem Wunsch, kulturellen Einfluss zu üben auf die gesellschaftlich geteilten Stereotypen und Bilder). Gleichsam zeichnet sich die Postmoderne durch ihren Einsatz von Ironie und Skepsis aus, sowie ihre Abkehr von den großen Erzählungen der zurückliegenden Zeit der Moderne.

Die Vorstellung, dass die Ideen eines solchen postmodernen kulturellen Umbruchs allein durch die schwer zugänglichen Bücher einer akademischen Elite in die Welt getragen wurden, hält Nicholas für abwegig. Vielmehr hätte es nach der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine große Enttäuschung über die vielen, oftmals in Manifesten festgehaltenen Welterklärungen gegeben, nachdem die Menschen diese reihenweise an der Realität scheitern oder in politische Extreme abdriften sahen:

As the second half of the 20th century proceeded, trust in all kinds of authority shattered.

Dieser Vertrauensverlust in die etablierten Autoritäten, der den Weg zu einer Postmodernen „structure of feeling“ (Raymond Williams) in der Gesellschaft ebnete, war Nicholas zufolge politisch indifferent. Resultat hiervon waren eine generelle Skepsis Ideologien gegenüber und das Aufleben einer Form der politischen Kommunikation, die sich häufig auf Metadiskussionen versteifte (Sprache und Sprechpositionen, Repräsentationen von Kompetenz statt Visionen und Inhalte).

This was the era of The West Wing and The Thick of It and Veep, in which being a good politician was no longer about conveying a meaningful vision to your country and winning people over to that vision, but about wearing the right clothes and having the right body language.

Auch in jüngster Zeit lässt sich ein Verweis auf die im Zitat angesprochene Tendenz wiederfinden, und zwar in der rigiden Durchsetzung der Kleiderordnung durch die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, die den Eindruck erweckt, als sei ein unpassendes Äußeres scheinbar ein größerer Störfaktor für einen funktionierenden Bundestag als 151 dauerpöbelnde Fraktionsmitglieder einer rechtspopulistischen Partei.

Die MAGA-Politik stellt Nicholas zufolge in der Zuschaustellung ihrer emotionalen Ehrlichkeit und ideologischen Treue einen klaren Bruch mit den postmodernen „Zeichenspielen“ und der Skepsis vor Autoritäten und ihren Erzählungen dar, doch auch hier liegt ein breiterer gesellschaftlicher Trend zugrunde – etwa die Erkenntnis, dass die postmoderne Haltung zwar zynische Bemerkungen zur Weltlage erlaubt, aber keine Vorstellungen einer besseren Welt ermöglicht.

Die politische Stagnation der letzten Jahrzehnte beruht nach Nicholas nicht zuletzt darauf, dass große transformative Projekte aus Angst, sich den Ideologievorwurf einzuhandeln, vermieden wurden. Rechtspopulisten wie Trump haben dieses gesellschaftliche Bedürfnis nach einer neuen Erzählung erkannt und bieten nun ein Programm, das den Ideologieglauben des Modernismus mit weiterhin vorhandenen postmodernen Eigenschaften verknüpft. So erklärt sich dann auch, dass der MAGA-Politikstil zum einen linguistische Debatten über die Benennung des Golfs von Mexiko führt oder den Trump-Coin präsentiert, im gleichen Atemzug aber mit seiner Zoll- und Abschiebungspolitik den aufrichtigen Glauben in ihren eigenen nativistischen Kult vorantreiben.

Um diesen neuen politischen Zeitgeist, das Pendeln zwischen aufmerksamkeitsheischendem Showprogramm und überholt anmutender Realpolitik, zu beschreiben, bedient sich Nicholas für seine Zwecke beim Begriff “Metamodernismus” der Wissenschaftler Timotheus Vermeulen und Robin van den Akker:

Trumpism is fascism re-invented for a metamodern era, constantly swinging back and forth between mimemetic irony and genuine belief in a far-right ideological conception of the world.

Progressive und liberale Parteien des Establishments stehen nun vor der Wahl: Entweder sie behalten einen Kurs bei, der die möglichst störungsfreie Verwaltung des Status Quo im Modus aalglatter ideologischer Unangreifbarkeit weiter fortführt; oder sie erkennen, dass die Probleme von heute im Politikmodus von gestern nicht gelöst werden können und es wieder Mut zum Anpacken der großen gesellschaftlichen Fragestellungen benötigt.

Die Spätphase der amerikanischen Republik | Politik&Ökonomie

Um was geht es?

Wie oft denkt die MAGA-Bewegung eigentlich an das römische Reich? Häufiger als man vielleicht denken würde, wie sich dem Text “Die Spätphase der amerikanischen Republik” von Oliver Weber entnehmen lässt. Für das Magazin Politik&Ökonomie beleuchtet der Politikwissenschaftler, welche Bezüge zur antiken Republik bereits den Gründervätern der Vereinigten Staaten vorschwebten, und wie die Rom-Rezeption unter den Trumpisten einen grundlegenden Wandel erfahren hat.

Was hängen blieb:

Obwohl Anspielungen zur römischen Politik laut Weber seit jeher im Verfassungstext der USA sowie in ihren Monumenten und Symbolen zu finden seien, war die Intention hinter diesen Entlehnungen stets eine völlig andere, als es bei den heutigen Trump-Loyalisten: Ziel der Gründerväter war es, den Beweis anzutreten, dass freies Regieren nicht dazu verdammt sei, in Tyrannei oder Anarchie abzugleiten; vielmehr ließe sich durch die Fundamente von Vernunft und Erfahrung eine Republik gründen, die den Machtinteressen der Massen sowie singulärer Führungspersonen standhält. Mit dem Einmarsch der MAGA-Bewegung in die oberste Riege der US-Politik sei dieser Selbstanspruch nun prekär geworden; der Verwaltungsapparat wird mit Loyalisten besetzt, es wird über Dekrete regiert, die Legislative bleibt zahnlos, die Gerichte sind hochgradig politisiert. Auch denkt der Präsident selbst laut über die Ausdehnung der eigenen Amtszeit nach – ein klarer Verfassungsbruch mit Ankündigung.

In der Begründung dieses „autoritären Durchgreifens“ von Seiten der Rechtspopulisten zeigt sich laut Weber eine neue Form des Rom-Vergleichs: Während die Figuren der Gründerzeit in ihren Verweisen vor allem die Langlebigkeit und Stabilität der römischen Republik im Sinn hatten, orientieren sich Trump-nahe Akteure wie Elon Musk, Michael Anton, oder Curtis Yarvin spezifisch an ihrer Spätphase. Weber identifiziert hier auch einen Unterschied zu früheren politischen Vergleichen mit dem drohenden Untergang des spätantiken Rom, wie sie etwa beim ehemaligen Chefstrategen des Weißen Hauses, Steve Bannon, oder den sogenannten “Postliberalen” zu finden seien. Im Zentrum der aktuellen Rom-Vergleiche stünden dagegen die häufigen Verfassungskrisen und Bürgerkriegsepisoden des letzten Jahrhunderts vor Christus. Beispielhaft ist hier etwa Elon Musk, der sich wiederholt positiv auf den römischen Diktator Sulla bezieht, der mit seinen Legionen mehrfach in Rom einmarschierte und sich ohne Amtszeitbegrenzung zur “Regelung innerer Staatsangelegenheiten” zum Diktator ernannte.

Ähnliche Vorstellungen finden sich bei den beiden anderen oben bereits angesprochenen Personen, Michael Anton und Curtis Yarvin. Ersterer (aktuell Director of Policy Planning im Außenministerium) skizzierte in seinen Texten die Idee eines “amerikanischen Cäsars”, der – legitimiert durch die Notwendigkeit eines akuten Notstandes – als monarchisch-tyrannischer Herrscher die Ordnung übernehmen solle. Auch Curtis Yarvin, Vordenker der Dark Enlightenment-Bewegung, legte eine vergleichbare Theorie des amerikanischen Cäsarentums vor, die den Weg von der Demokratie zurück zur Monarchie ebnen soll. Gestützt werden solche Forderungen nach einem cäsarischen Herrscher, der für die Gründerväter undenkbar gewesen wäre, von der Vorstellung, den Pfad einer konstitutionellen Republik bereits verlassen zu haben, wie es etwa der Vizepräsidenten J.D. Vance vor wenigen Jahren anmerkte, als er für grundlegende Veränderungen des “administrative state” warb, um das Volk wieder an die Macht zu bringen.

Im Denken dieser Menschen befindet man sich also längst im Kampf gegen den Feind im Inneren, in einer Art Bürgerkrieg, die den Verfassungsbruch als notwendiges Mittel zur Wiederherstellung der Ordnung erscheinen lässt. Interessanterweise verweist Weber abschließend in seinem Text auf tatsächliche Parallelen der US-Politik der letzten Jahrzehnte und der Spätphase der römischen Republik, etwa die schwelenden sozialen Krisen, für die keine der Parteien wirkliche Lösungen parat hätten. Heute wie damals gab es ein breit vorhandenes gesellschaftliches Problembewusstsein, gleichzeitig aber auch Schwierigkeiten, den großen Umfang dessen, was sich ändern müsse, anzupacken. Was bleibt, ist ein ständiger Antagonismus und eine Politik der Schuldverschiebung, die permanente Mobilisierung gegen den “wahren Feind” und das gleichzeitige Eingeständnis von politischer Alternativlosigkeit:

Man weiß nicht, was genau, warum genau schiefläuft, man weiß nur, dass etwas schiefläuft und wer die Schuld dafür trägt. An diesen Paradoxien ging auch das römische Vorbild zugrunde. Nicht ausgeschlossen, dass die Vereinigten Staaten längst denselben Weg eingeschlagen haben.

Angesichts dieser gefährlichen Tendenzen einer Rückbesinnung auf diktatorisches Durchregieren sollte vielleicht gerade heute das Kontrastprogramm dazu angeboten werden; die Ausdehnung politischer Teilhabe und Mitbestimmung, sowie die Umverteilung von Wohlstand, Sicherheit, und Macht.

Faire Gesellschaft – Warum wir mehr über reiche Menschen wissen sollten | Deutschlandfunk / Systemfragen

Um was geht es?

Einer Studie zur deutschen Vermögensverteilung zufolge hält das reichste Prozent im Land gut 35% der Gesamtvermögen. Gleichzeitig ist die Vermögenssteuer, die im Nachkriegsdeutschland über Jahrzehnte erhoben wurde, seit 1996 ausgesetzt. Fakt ist: Wir wissen erschreckend wenig über die Familien der Superreichen unseres Landes, wie sich etwa in Julia Friedrichs Buch Crazy Rich aus dem letzten Jahr nachlesen lässt. Dieser Zustand bringt allerlei politische Probleme mit – ganz abseits von der zugrundeliegenden Frage der Gerechtigkeit. Der Podcast Systemfragen wirft gemeinsam mit Markus Grabka vom DIW Berlin einen Blick auf die aktuelle Lage.

Was hängen blieb:

Wer als Sozialhilfeempfänger auf staatliche Transferzahlungen angewiesen ist, wird finanziell durchleuchtet; wer dagegen Vermögen im hohen Millionen- oder Milliardenbereich besitzt, profitiert von zahlreichen Privilegien, angefangen bei den Family Offices, die als möglichst steuerschonende Vermögensverwalter agieren, bis hin zu Sonderregelungen wie der Verschonungsbedarfsprüfung, die das Erbschafts- und Schenkungsrecht für besonders große Vermögen quasi aushebelt. Während es zur Zeit der Erhebung der Vermögenssteuer noch eine verhältnismäßig gute Datengrundlage zu den Reichen im Land gab, beklagt Grabka, dass seit 1998 von offizieller Seite nur noch die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamtes existiere, die jedoch Haushaltseinkommen über etwa 15.000 Euro ausschließe.

Öffentliche Daten, wie sie etwa in Managermagazinen, in der World’s Billionaires List von Forbes oder im Bloomberg Billionaires Index zu finden seien, wären zudem häufig ungenau, auch wegen der starken Streuung von hohen Vermögen. Lokal gebundene Vermögen, die etwa für Steuereinnahmen und Arbeitsplätze sorgten, sind laut Grabka zudem stets mit Macht und der Gefahr einer politischen Bevorzugung durch die Politik verbunden – auch deswegen bedarf es mehr Vermögenstransparenz. Auch sei es bei deutschen Aktienunternehmen nicht vollständig möglich herauszufinden, ob Anteilseigner inländisch oder ausländisch verortet sind, etwa wenn ein Fond hinter diesen stecke. Des weiteren stellt Grabka die oben bereits erwähnte Studie und die Datensammler dahinter im Detail vor, ehe er seinen eigenen, kontraintuitiv erscheinenden Vorschlag einer Wiedereinführung der Vermögenssteuer vorstellt: Eine Vermögenssteuer von 0% mit dem primären Ziel, Daten zu erheben, da aktuell diskutierte Konzepte der Wiedereinführung (beispielsweise 1% ab einem Nettovermögen von etwa 2 Millionen Euro) nur einen vernachlässigungswerten Effekt auf die Entwicklung der Vermögensungleichheit hätten.

Hier ließe sich mit mehr Ahnung und Kompetenz vom Thema (womit ich leider nicht dienen kann) sicher umfangreich über die Sinnhaftigkeit eines solchen zurückhaltenden Vorschlages diskutieren. Ebenfalls scheint es mir sinnvoll, das Ziel einer weniger ungleichen Vermögensverteilung nicht an einem einzigen Steuertyp auszurichten, sondern beispielsweise auch das Erbschafts- und Schenkungsrecht in etwaige Reformmodelle miteinzubeziehen.

Eine Kiste bunt Gemischtes:

Über die Figur des Doppelgängers, Zerstörung und Vertreibung in Gaza und zelluläre Landwirtschaft

Newsletter-Ausgabe↑ Inhaltsverzeichnis

Hey du, unverhoffter Neuankömmling, der sich trotz allzu langer Abstinenz meinerseits auf diesen Newsletter verirrt hat! Und auch ihr Alteingesessenen, die ihr diesen Newsletter in längst vergessenen Zeiten abonniert habt: Das trifft sich ja gut, dass ihr gerade jetzt hier seid, denn mit neuer Energie ausgestattet, wage ich nun einen erneuten Versuch, dieses Format zumindest in monatlicher Regelmäßigkeit wiederzubeleben. Ein weiteres Projekt steht zudem in den Startlöchern (also eigentlich noch nicht wirklich, aber ich bilde mir ein, mit dieser Ankündigung meinen Schweinehund überwinden zu können, damit es alsbald losgehen kann): Auf dem jetzt noch nackten YouTube-Kanal „BewegtBildBuddelei“ sollen demnächst kleinere Video-Essays erscheinen zu diversen kulturellen Phänomenen aus aller Welt – folgt gerne rein, wenn euch das anspricht.

Nun soll es aber erstmal weitergehen mit Empfehlungen: Diesmal mit einem Text über die Struktur der Zerstörung und Vertreibung in Gaza, einem Video über das gruselige Phänomen des Doppelgängers, und einem Podcast über die Potentiale von künstlich hergestelltem Fleisch. Viel Spaß beim Durchstöbern!


What’s So Scary About Doppelgängers? | Sarah Davis Baker

Um was geht es?

Ein Doppelgänger ist mehr ein „Lookalike“, er ist ein anderes Ich, ein dunkles Spiegelbild, ein abgetrennter und unterdrückter Teil unserer Person. So lautet die Ausgangsthese der Essayistin Sarah Davis Baker, die in ihrem Video „What’s so Scary About Doppelgängers?“ einen anregenden Beitrag zum Phänomen produziert hat, der nicht nur kulturhistorisch elegant mit Anekdoten und Poesie angereichert ist, sondern auch spannende Analysen zu Jordan Peels Us, David Lynchs Twin Peaks und zum Videospiel No, I’m not a Human liefert.

Was hängen blieb:

Spannend fand ich die Anekdote zu Mary Shelleys Ehemann Percy B. Shelley, die mir trotz Anglistikstudium nicht bekannt waren (Schande über mein Haupt!). Als roter Faden zieht sich durch alle Einzelanalysen des Essays die Anerkennung des Doppelgängers als „Abjekt“, um einen Begriff zu nennen, der zuletzt auch von der Philosophin Eva von Redecker für ihre Faschismustheorie einer “liquidierenden Phantombesitzverteidigung” aufgegriffen wurde: In Us ist es die verdrängte Kehrseite von Wohlstand und Bürgertum, die in Gestalt der Unterdrückten und Ausgebeuteten dieser Welt auftaucht, und die, frei nach dem Brecht’schen Motto: „Wärst du nicht Reich, wär ich nicht Arm“, beide Figuren entgegenstellt.

Auch in Twin Peaks existiert eine Welt im Schatten und in der Nacht, in allem, was sich jenseits der trügerischen Wohlfühlkulisse abspielt, entfesselt durch die vor der Öffentlichkeit versteckten zweiten Ichs, die eines Tages gewaltvoll in die Realität zurückschlagen. Diese Form der Abspaltung und Selbstentfremdung kann so weit gehen, dass man sich vollständig in einer „Spiegelwelt“ verliert, wie von der Autorin Naomi Klein am Beispiel der neuen Rechten dargelegt, die ihre Konfrontation mit dem „Andern“, sei es im eigenen Selbst oder in der Außenwelt, zunehmend feindlich in einer parallelen Medienöffentlichkeit austragen.

Auch in der frühen Frankfurter Schule und deren sozialpsychologischen Untersuchungen spielte die „pathische Projektion“ eine große Rolle, bei der eigene Triebe, Ängste und Wünsche unterdrückt und als äußere Bedrohungen konstruiert werden, die in dieser abgespalteten Form schließlich bekämpft werden (der „Ausländer“, der „Sozialschmarotzer“, der „Jude“). In der Analyse all dieser Phänomene unter dem Gesichtspunkt des „Doppelgängers“ steckt also meiner Ansicht nach eine Menge Potential, um die sozialen und psychischn Prozesse hinter dem globalen Rechtsruck näher zu beleuchten und greifbar zu machen.

Gaza – Techniken des Genozids | Le Monde diplomatique

Um was geht es?

Es ist still geworden um Gaza, vor allem im deutschen Nachrichtenbetrieb. Während eine finale juristische Beurteilung von Israels Reaktion auf den Terroranschlag vom 7. Oktober noch aussteht, breitet sich die staatlich gestützte Siedlergewalt in den palästinensischen Gebieten weiter aus, und auch im Südlibanon fanden infolge kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Israel und der Hisbollah weitreichende Vertreibungen statt. Für Le Monde diplomatique beschreibt Eyal Weizman die Politik Israels als eine Architektur der Verschlechterung und Verunmöglichung von Lebensbedingungen genozidalen Ausmaßes (Übersetzung eines Textes aus der London Review of Books) .

Was hängen blieb:

Weizman bezieht sich für seine Analyse auf den polnisch-jüdischen Juristen Raphael Lemkin, der 1947 einen Gesetzesentwurf zur Bestrafung von Völkermord für die UNO ausarbeitete und zudem den Begriff Genozid prägte. Lemkin identifiziert Weizman zufolge Ursprünge von genozidalem Handeln bereits in kolonialen Methoden einer langsamen und indirekten Auslöschung, etwa in der Aneignung der besten Bodenflächen durch europäische Siedler. Dass in der 1948 verabschiedeten Genozidkonvention die damals von Lemkin geforderte Anerkennung eines „kulturellen Genozids“ (die Zerstörung von religiösen Stätten, Bibliotheken, Kulturdenkmäler, ect.) aufgrund des damaligen Widerstands einiger europäischer Mächte und der USA nicht vorkommt, hebt Weizman zudem kritisch hervor.

Die Ausarbeitung Lemkins sei stark beeinflusst von modernistischen Architekturbewegungen ihrer Zeit, die die Lebensbedingungen der Menschen maßgeblich von der gebauten Umwelt beeinflusst sahen. Die Bauhaus-Architekt*innen, die sich zunächst der Verbesserung eben dieser Lebensbedingungen verschrieben, wurden schließlich durch das Naziregime mit der Standardisierung der deutschen Bauindustrie beauftragt, einzelne Absolventen sogar mit dem Entwurf der Konzentrationslager.

Die planvolles „Zerstörung essenzieller Grundlagen des Lebens einer Bevölkerungsgruppe […] mit dem Ziel, die Gruppe zu vernichten“, wie Lemkin den Genozid beschrieb, versucht Weizman nun anhand der Transformation Gazas nachzuzeichnen. Er beschreibt, wie durch Bomben und Planierraupen nicht nur Infrastruktur, sondern auch frühere Besitzrechte und amtliche Papiere zerstört wurden, wie immer wieder „humanitäre Zonen“ ausgerufen wurden, die dennoch unter Beschuss standen, und wie die Absicht der Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung Richtung Ägypten in einem Dokument des israelischen Geheimdienstministeriums festgehalten wurde, das dem Magazin +972 zugespielt wurde.

Seit des Waffenstillstands am 10. Oktober 2025 ist der Gazastreifen in zwei Zonen geteilt, von denen Israel einen Anteil von über 50% kontrolliert. Eine Fläche, die der israelische Generalstabschef als „neue Grenze“ zum Gazastreifen bezeichnete. Diese „israelische Hälfte“ beinhalte nun auch vollständig einen der letzten fruchtbaren Landstriche, die Gaza vormals mit Getreide versorgten. Weizman schreibt zur Frage der Versorgung: „Indem Israel kontrolliert, wie viele Hilfsgüter nach Gaza gelangen – zu Beginn der Angriffe auf Iran im März vorübergehend gar keine –, diktiert es die Lebensbedingungen“.

Wenig Hoffnung machen auch die herumgeisternden Pläne zum Wiederaufbau und die daran beteiligten Akteure (darunter der argentinische ultralibertäre Präsident Javier Milei, der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan sowie Netanjahu selbst). Trumps Riviera-Vision, die zuletzt von Jared Kushner in Davos unter dem Namen „Sunrise“ vorgestellt wurde, beabsichtigt den Bau von Luxuswohnungen (die wohl kaum für die hiesige Bevölkerung gedacht sind), und die Implementierung von hochtechnisierten Überwachungsmöglichkeiten, etwa in der digitalen Bezahlung oder durch umzäunte, durch biometrische Sensoren ausgestattete Flüchtlingscamps (Emirati Compound) für die Palästinenser.

Ein Wiederaufbau als Rekonstruktion vergangener sozialer und kultureller Strukturen scheint damit ausgeschlossen, die Möglichkeit auf eine Mitbestimmung der einfachen Bevölkerung hochgradig unwahrscheinlich und die Gefahr für eine Kontinuität der Vertreibungspolitik signifikant. Für die völkerrechtliche Bewertung vor dem Internationalen Gerichtshof scheint mir die weitere Entwicklung in Gaza daher von anhaltender Relevanz zu sein und das Damoklesschwert einer potenziellen Verurteilung Israels einer der wenigen Hoffnungsfunken für die Abmilderung der israelischen Großraumpolitik in dieser eher hoffnungslosen Zeit.

Fleisch essen ohne Tierleid: Zellkultur auf dem Bauernhof | Synapsen – ein Wissenschaftspodcast

Um was geht es?

Obwohl der Fleischkonsum in Deutschland seit den 1980ern stark rückläufig ist (von 100 kg pro Person in 1987 zu 54,9 kg pro Person im Jahr 2025), hat sich die globale Nachfrage nach Fleischprodukten seit den 1960ern vervierfacht. Abseits der moralischen Dimension ist dies vor allem für die weltweite CO2-Bilanz ein anhaltendes Problem. Alternativen zur Hoffnung auf Verhaltensänderungen im Konsum der Menschen könnten bald auch neueste Entwicklungen im Bereich der sogenannten „zellulären Landwirtschaft“ sein – auch wenn der Weg in eine solche Zukunft noch ein weiter ist. Der Wissenschaftspodcast Synapsen nimmt sich dem Thema an und präsentiert jüngste Ergebnisse aus Forschung und Praxis.

Was hängen blieb:

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich hatte das Thema „künstliches Fleisch“, seitdem ich vor mehreren Jahren zum ersten Mal darauf gestoßen bin, ein wenig aus den Augen verloren. Umso dankbarer bin ich für diesen ausführlichen Bericht, der nicht nur die Wissenschaft hinter dem künstlichen Wachstum tierischer Zellen verständlich macht, sondern auch einen multiperspektivischen Blick auf die aktuellen Problemfelder und „Stakeholder“ dieser Entwicklung wirft.

Da wären zum einen erste landwirtschaftliche Projekte in den Niederlanden (RespectFarms), die im Bioreaktor die ausdifferenzierten Zellen aus dem Labor (also Stammzellen, denen ein Entwicklungsziel auf dem Weg gegeben wurde) mithilfe von “Wachstumsfaktoren” (u.a. Proteine, Zucker, Salze, Fette, Vitamine) zur Zellteilung anregen. Der Prozess ist kompliziert und noch nicht skalierbar, jedoch könnte gerade ein dezentraler Ausbau von vielen kleinen Reaktoren die Krisenanfälligkeit einer solchen Industrie stärken und sogar eines Tages die Produktion von Fleischprodukten direkt in Restaurants oder sogar zuhause ermöglichen.

Der große Vorteil der zellulären Landwirtschaft: Kein Tier müsste für die Entnahme der Gewebeproben sterben, gleichzeitig ließe sich rein rechnerisch ein Äquivalent von „10 Kühen“ aus einer einzelnen Zelle gewinnen. Leider sieht die Energiebilanz aktuell noch nicht so rosig aus; die Herstellung der Wachstumsfaktoren unterliegt aktuell einem penibel hohen Standard, der CO2-Abdruck steigt dadurch signifikant. In der Senkung dieser Produktionskosten läge aktuell laut Forschungskonsens das größte, bisher unerschlossene Potential. Schwierig sei zudem auch noch die rechtliche Situation: In der EU gibt es bisher noch kein für den menschlichen Verzehr zugelassenes Produkt, aktuelle Projekte in diesem Bereich werden lediglich durch Ausnahmeregelungen ermöglicht, der bürokratische Weg hin zur Genehmigung ist kompliziert und zäh.

Besonders interessant war für mich eine kurze Diskussion darüber, ob das künstlich hergestellte, tierschonende, klimafreundlichere und vor allem geschmacksidentische Fleisch als „sozialer Klebstoff“ herhalten könnte, der Konfliktsituationen zwischen unterschiedlichen Ernährungsstilen entschärft und Fleisch als kulturellen und traditionalen Faktor aufrechterhält. Ich kann mir vorstellen, dass das ganze Thema, vor allem unter vegan lebenden Menschen, sehr kritisch behandelt wird, auch weil weiterhin ein invasiver, wenn auch nicht-lethaler, Eingriff in das Tier erforderlich ist. Dennoch glaube ich, dass eine massenhafte Etablierung einer Alternative zur heutigen Massentierhaltung und -schlachtung mit Blick auf die oben genannten Zahlen durch zelluläre Landwirtschaft deutlich einfacher herzustellen ist als durch das Hoffen auf eine globale vegane Revolution.

Eine Kiste bunt Gemischtes:

Ende des Archivs · zurück zum Inhaltsverzeichnis

↑ Inhalt