Warum Wordle der beste Spam seit Jahren ist

Menschen, die auf Twitter aktiv sind, werden nicht drumherum gekommen sein. Ein neuer viraler Hit, der auf den Namen Wordle hört, hat sich auf der Plattform breit gemacht: Jeden Tag aufs Neue werden graue, grüne und gelbe Kästchen zusammen mit undurchschaubaren Zahlenkombinationen gepostet, dazu gelegentlich noch ein Kommentar, der für Uneingeweihte genauso wenig Sinn ergibt, wie alles andere an diesen Nachrichten.

Das ebenso simple wie geniale Konzept dahinter: Jeden Tag gibt es ein neues fünf Buchstaben langes Wort, das es in maximal sechs Versuchen zu erraten gilt. Gelb angezeigte Buchstaben kommen im Wort vor, aber an einer anderen Stelle, grün angezeigte sind exakt richtig erraten. That’s it, komplexer wird es nicht mehr. Zumindest auf der mechanischen Ebene, denn seine wahre Strahlkraft entfaltet Wordle erst durch seine soziale Komponente.

Die Sharing-Option als fest integrierter Bestandteil des Spiels erlaubt es, das anonymisierte farbige Kästchenresultat der eigenen Grübelei nach Gusto an Freunde zu schicken oder auf sozialen Plattformen zu posten. Mit den Ergebnissen der anderen in Kontakt zu kommen, erfüllt damit zweierlei Funktionen: Zum einen können sie als abstrakte Hilfestellung dienen, sofern man selbst gerade noch am tagesaktuellen Wort verzweifelt, zum anderen schaffen sie aber auch einen kompetitiven Anreiz, indem sie den Wunsch wecken, im Idealfall weniger Tipps zu benötigen, als andere Spieler:innen.

Als waschechtes virales Phänomen hat Wordle natürlich schon alle Phasen durchlaufen, die es als solches auszeichnen: Menschen sind genervt von der Omnipräsenz farbiger Blöcke auf ihrer Timeline, es gibt Memes, die sich über diese neue Kultur des kommentarlosen Kästchen-Postens lustig machen, und das Netzfeuilleton ist ebenfalls bereits der Erfolgsgeschichte von Wordle und dessen Schöpfer Josh Wardle (keine Pointe) auf der Spur.

Ich kann die Nörgler irgendwie verstehen. Dann aber wiederum doch nicht. Ja, Wordle-Kästchen sind Spam. Gleichzeitig sind sie jedoch der beste Spam seit langer Zeit. Ich nehme jedes Wordle-Posting lieber als den endlosen kommunikativen Modus der pandemischen Dauerbeschallung, dem wir alle seit zwei Jahren ausgeliefert sind, und der sich jetzt im Umbruch auf eine endemische Phase mit unerwarteter Vitalität wieder zurückmeldet. Ich liebe es, dieses erfrischend simple und verspielte Element in meiner Timeline zu sehen, das Menschen wieder auf neue Art verbindet und zum Austausch einlädt. Ich liebe es, die viertelstündige Grübelei mit Wordle als Mini-Tagesroutine in meinen Alltag integrieren zu können.

Die eigenen Wordle-Ergebnisse auf der Timeline zu teilen, strahlt im Internet des Jahres 2022 etwas seltsam Unschuldiges aus. Viel mehr fühlt man sich an das Netz der frühen 2000er erinnert als an den bissigen Zynismus, der heutzutage oftmals anzutreffen ist. Das soll aber keine „Früher war alles besser“-Jammerei sein, und auch kein Appell dafür, in rein eskapistische „Good Vibes Only“-Parallelwelten zu flüchten. Zwischen kritischem Zynismus und dem Mut zum Mondänen, zum Kitsch ohne doppelten Boden, liegt ein breites Feld. Für letzteres braucht es oftmals ein bisschen Mut. Falls ihr also zu jenen gehört, die seit Tagen unbeirrt ihre Wordle-Kästchen im Internet teilen: Danke für den positiven Konter-Spam, der dem allgemeinen Gefühl von Repetition zumindest ein verspieltes Element hinzufügt und der dem reinen, unironischen Spaß am gemeinsamen Grübeln eine Bühne bietet.

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