Der völlig subjektive Assassins Creed-5-Punkte-Plan für frischen Wind im Franchise

„Ich möchte, dass es sich wie das beste Assassins Creed anfühlt, das es jemals gab“. Mit Ernst und Inbrunst in der Stimme richtete der glücklich dreinschauende Entwickler von Ubisoft diese Worte an die lauschende Menge im Internet, als am 12. Mai in einem exklusiven Livestream der neue Teil der Assassins Creed Reihe, Syndicate, enthüllt wurde. Auch wenn das beinahe 20-Minuten lange Video nur einen kurzen Überblick über das nächste, jährlich erscheinende Meuchelmörder-Update verschaffen sollte, bestand meine Reaktion zum Gezeigten aus abwechselnden Kopfschütteln und ermüdeten Schnaufen. Während die Begeisterung vieler Spieler seit einiger Zeit mit jedem Teil sinkt, programmiert sich Ubisoft scheinbar munter weiter an immer ähnlicher wirkenden Spielen, bei denen Innovation nurnoch aus dem Implementieren neuer Gadgets für den jeweiligen Haupthelden zu bestehen scheint. Ich habe mir zum Causa Ubisoft mal ein paar Gedanken gemacht und 5 subjektive Punkte herausgesucht, an denen meiner Meinung nach gearbeitet werden sollte.

1. Weg von der Ubisoft-Formel

Problem:
Watch Dogs, Far Cry und natürlich Assassins Creed. Sie alle teilen das gleiche Spielsystem, die gleiche Gestaltung einer Open World und gleiche Mechaniken. Die Ubisoft-Formel definiert sich vorzugsweise durch das kontinuierliche Freischalten von Gebieten auf der Karte, in dem man entweder Türme besteigt oder Außenposten einnimmt. Die Hülle dieses monotonen Spielablaufs mag zwar jedes Mal ein wenig anders aussehen, im Kern ist das Ganze allerdings recht ähnlich. All das macht die offenen Welten momentaner Ubisoft-Spiele extrem austauschbar und beliebig, da zumindest ich dabei das Gefühl habe, jedes Mal das Gleiche Spiel vor mir zu haben. Auch Syndictate scheint sich der Erfolgsformel von Ubisoft zu bedienen, was für alle, die keine Hardcore Fans des Entwicklers und dem Spielprinzip allmählich müde sind, ein starker Dämpfer ist.

Lösung:
Ein neuer Ansatz. Ob man letztendlich auf eine offene Welt verzichtet oder sie spielerisch neu präsentiert ist dabei eigentlich egal. Ich würde ja gerne sagen, dass beispielsweise das Erklimmen von Wachtürmen ein essentieller Bestandteil der Serie ist und zum Wiedererkennungswert der Spiele beiträgt, aber da genau dieses Element in allen anderen AAA-Ubisoft-Spielen auch zu finden ist, tu ich mich mittlerweile schwer, dieses Argument ernst zu nehmen.

2. Keine Welt als Selbstzweck

Problem:
Dieser Punkt ist mehr eine Befürchtung für weitere, kommende Teile, als eine Kritik, die sich ausschließlich auf Syndicate bezieht. Aber seit Unity habe ich ein wenig die Angst, dass für Ubisoft das Setting und dadurch die zeitliche Epoche, in der die Spiele ihrer Assassinen-Serie angesiedelt sind, einen höheren Stellenwert hat als die Präsentation einer interessanten, im Assassinen-und-Templer-Kuddelmuddel stattfindende Story. Der Gedanke kam mir, nachdem ich mit ansah, wie viel Zeit in der Präsentation von Syndicate für die Exposition der damaligen Welt und Gesellschaft des viktorianischen Londons verbracht wurde. Mich beschleicht ein wenig das Gefühl, dass man sich zunehmend darauf verlässt, bereits durch ein maximal interessantes Setting zu punkten, in das man dann mehr schlecht als recht eine Geschichte packt, die einigermaßen auf die Welt und den Assassinen-Kult zugeschnitten ist.

Lösung:
Sich weiterhin um gut geschriebene Charaktere und eine interessante Geschichte bemühen, als sich darauf zu verlassen, dass das Setting die Leute schon dazu bringen wird, das eigene Produkt zu kaufen.

3. Keine mit 100 Symbolen gefüllte Minimap

Problem:
Hier sind wir wieder bei einem sehr subjektiven Thema, das mich allerdings gerne mal zur Weißglut treibt. Die Rede ist von einem Trend, der sich beinahe seuchenartig seit mehreren Jahren seinen Weg durch die gesamte Videospielkultur frisst: Komplettierungsaufgaben. Sammle X von X Flaggen, mach hier noch eine Kiste auf, finde dort noch 499 weitere Sehenswürdigkeiten.
Da Bilder ja gerne mal mehr als 1000 Wörter sagen, zeige ich euch hier das Exemplar, das sich dem geneigten Spieler offenbarte, wenn er in Assassins Creed Unity seine Karte geöffnet hat:

Wer von euch findet das denn tatsächlich super? Ich für meinen Teil habe das Gefühl, förmlich erschlagen zu werden von all diesen, meistens belanglosen, virtuellen Zeitverschwendern und Stimmungstötern.

Lösung:
Weniger ist mehr. Lieber 10 richtig gelungene Nebenquests, als 5000 uninteressante Sammelgegenstände.

4. Eine Übergeordnete Story (aka: Was zur Hölle geht in der Gegenwart ab?)

Problem:
Da ich über Teile, die diesen Punkt betreffen bereits etwas geschrieben habe, werde ich mich hier versuchen kurz zu halten. Ehrlich gesagt bin ich ein wenig erstaunt darüber, dass es so wenige Stimmen gibt, die diesen Aspekt anprangern. Vom ersten bis zum dritten Teil der Serie war im Grunde der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte die Figur von Desmond Miles. In der Welt von Assassins Creed sind die Ausflüge in vergangene Epochen schließlich nur eine Simulation, die mit Hilfe des ehemaligen Barkeepers herbeigerufen worden. Mit dem Ende von Assassins Creed 3 endete diese Geschichte um Desmond und seinem, im Verborgenen handelnden Team plötzlich, allerdings nicht ohne noch einen ordentlichen Cliffhanger zu präsentieren. Seitdem herrscht allerdings eine seltsame Art von Ruhe um die Ereignisse in der Gegenwart. In Teil 4 wurde durch die abstruse Darstellung von Fiesling-Firma Abstergo als Software- und Spielehersteller die ganze Lore ins lächerliche gezogen und in Unity kam meines Wissens nach die gegenwärtige Geschichte nicht mit einem Wort vor. Durch das Fehlen dieses roten Fadens, fehlt mir zumindest ein Grund, um auch Spieleübergreifend mitzufiebern und in ein großes Ganzes involviert zu sein.

Lösung:
Entweder die Geschehnisse der Gegenwart wieder aufgreifen, oder eine neue, der Serie übergeordnete Story präsentieren, aber auf keinen Fall alles in einem merkwürdigen Zwischenzustand verharren lassen lassen, wie es momentan der Fall ist.

5. Ein klarer Antagonist und eine vernünftige Etablierung von Assassinen und Templern

Problem:
Eigentlich spricht dieser Punkt ein Problem an, das sich wie ein roter Faden durch die gesamte Serie zieht. Während es Ubisoft immer gelungen ist die Assassinenbanden sowie Haupt- und Nebencharatere interessant zu gestalten, fiel die Gegenseite immer ein wenig schwach aus. Ein klarer Antagonist mit nachvollziehbaren Intentionen würde sicher für frischen Wind in den Segeln von Assassins Creed sorgen. Und wo wir schon bei Intentionen sind: Der ständige Konflikt zwischen Templern und Assassinen wurde zwar stets stark in den Mittelpunkt der vielzähligen Titel gerückt, in seinen Ursprüngen und tiefer gehenden Absichten allerdings nie wirklich gelungen erklärt. Man könnte behaupten, dass es dafür mittlerweile auch zu spät ist, aber eine klare Auseinandersetzung mit den zwei unterschiedlichen Parteien in kommenden Teilen wäre der Serie sicher zuträglich.

Lösung:
Ein Antagonist auf Augenhöhe und eine konkretere Auseinandersetzung mit dem Konflikt zwischen Templern und Assassinen.

Extraplatz: Kein weiteres Unity-Micropayment-Fiasko, keine durch Companionapps oder Assassins Creed Initiaties öffenbaren Truhen

Problem:
Ich schätze, das erklärt sich von selbst und ich hoffe, dass Ubisoft bei Syndicate nicht zu ähnlichen Microtransaktionen zurückgreift, wie es bei Unity der Fall war. Einen schönen Artikel zur Tatsache, dass es „nur“ circa 40$ im Spiel auszugeben gab, allerdings ein kaufbares Paket für 100$ existierte, wurde auf Kotaku veröffentlicht. Auch die vielzähligen Kisten die in Unity an allen Ecken verteilt waren und sich entweder nur durch das Onlineangebot Assassins Creed Initiaties (das zum Start des Spiel für lange Zeit nicht erreichbar war) oder durch eine Companionapp (für die man vorzugsweise auch noch Geld ausgeben durfte) öffnen ließen, waren dem Spielspaß ein Stein im Weg.

Lösung: 
Komplett weglassen, diesen Kram.

2 Kommentare

  1. Sehr schöner Artikel!
    Endlich spricht mir mal jemand aus dem Herzen! Ich finde es klasse, dass wir ein Zeitalter im Internet erreicht haben, wo die Menschen wie du und ich (obwohl ich in letzter Zeit weniger -> siehe letzten Blogpost ^^") ihre Meinung schriftlich ins Netz setzen und damit (hoffentlich) eine breite Anhängerschaft erreichen. In erster Linie geht's darum ein Bewusstsein zu erwecken und Leute zu aktivieren, die merken, dass sie damit nicht alleine sind und auch das Thema in den Alltag tragen.
    Ubisoft MUSS es irgendwann einmal raffen, dass sich sämtliche ihrer Spiele gleich anfühlen und es auf Langzeit nicht so weiter geht.
    Mir gehen teilweise die "LEGO"-Spiele auch schon tierisch auf den Keks – da ist das Gameplayset KOMPLETT dasselbe – jedes einzelne Mal. Herausforderungslos, gleicher Quatschhumor (der seit der Absenz von reinem Slapstick noch gleichgültiger wurde), vorhersehbarer Wechsel von "Acton" und "Rätsel"… und dazu noch die Levels, die man nur immer im zweiten Durchgang zu 100% abschließen kann.

    Aber anscheinend findet sich immer und immer wieder eine Menge an Leuten, die das übelst geil finden. Und damit Ubisoft bestätigen. Mit "Black Flag" bzw. dem dortigen "Abstergo" haben sie sich übrigens selbst auf die Schippe genommen als sie ingame in einem der frei-hackbaren Dokumente eine "Marktforschungsanalyse" über die bisherigen Abenteuer preisgaben. Aber genau das betreibt Ubisoft mit dem bisherigen Vorgehen doch haargenau: Da gibt's übertrieben sinnlos und nervige Warenwirtschaftssysteme in Teil 3 – und daraufhin fehlen sie im übernächsten wieder. In Teil 3 wurden auch Bootsfahrten eingebaut – und dann in Teil 4 zur Hauptattraktion konvertiert (die mieseste Designentscheidung, die ich in meinem ganzen Leben erlebt habe – spiel ich jetzt "Pirates!" oder "Assassin's Creed"?). In Teil 5 kommen dann generische Mordaufklärungsmissionen mit ihren hingerotzten Texttafelchen – nach 2x Ausprobieren wurden die von meiner Gelangweiltheit sofort wieder begraben.
    Es ist einfach ein Trauerspiel, was da passiert. Ich leih mir diese Spiele grundsätzlich nur aus und spiele sie 1x durch. Gekauft werden sie nur, wenn sie in irgendeinem Wegwerfbundle auftauchen – ansonsten ist's mir zu schade.

    Die Story um Desmond ist wahrlich begraben und die Tatsache darüber totgeschwiegen worden. Hier war aber auch so ein wenig die Luft raus – die Spannungsmomente fehlten und oft genug verplappert man sich in geschichtlichem Gedöns, das mich als Junge, der Geschichte in der Schule gehasst hat, völlig kalt und sorgt nur dafür, dass mein Kopf schneller die Tischkante vor Müdigkeit erreicht als dass die Entwickler so etwas wirklich vorgehabt haben.

    Ich sag' dir eins: The Witcher 3 kann denen mal vorgelegt werden. Kein Sammelbullshit wie in Dragon Age Inquisition, keine Sidequests vom Schlage "äähh, keine Ahnung – hier, geh ma was sammeln" oder "hilf meiner Oma über die Straße". Da steckt Herzensblut drin – in jeder digitalen Faser des einmaligen Erlebnisses. Und das wurde seit The Witcher 1 immer besser.

    Bei AC dümpeln die Geschichten nur so vor sich hin. Teil 3 war mal interessant, weil es einen verständlichen, klar umrissenen, nicht geschichtsschweren persönlichen Konflikt zwischen Vater und Sohn gab. Sehr gut. Oder die erste Geschichte in Unity mit dem Kampf auf der Kathedrale gegen Bellec fand' ich nett – der Rest nur ein größtenteiliges Blabla, von dem ich jetzt schon wieder alles vergessen hab. Es bedarf einer Änderung. Und in jedem deiner Punkte kann ich dir beipflichten.

    Danke für diesen Artikel!

  2. Danke für den ausführlichen Kommentar! Was du über den neuen Witcher-Teil sagst, kann ich zu 100% unterschreiben. Mich hat schon lange kein Spiel mehr so sehr in seinen Bann gezogen wie Wild Hunt. Fantastisches Questdesign, eine lebhafte, wunderschön designte Spielwelt und tolles Gameplay. Man merkt einfach, wie du auch schon gesagt hast, dass extrem viel Herzblut drin steckt. Dieses Spiel hat eine spürbare Seele. Und das hatte der dritte Dragon Age Teil in meinen Augen nicht.

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