Her Story – Die Geschichte eines Meisterwerks


Über 40 Jahre Heimvideospiele haben die Vielfalt der interaktiven Pixel- und Polygonwelten zu einem beachtenswerten Level reifen lassen. Zahlreiche Genre wurden aus dem Boden gestampft, künstlerische sowie atmosphärische Momente geschaffen und auch das technische Korsett in das die kreativen Köpfe „hinter dem Joypad“ ihre Ideen verbauen hat eine rasante Entwicklung hinter sich und bietet mittlerweile beinahe fotorealistische Grafiken. Bei all dem Wandel den das Medium mittlerweile hinter sich hat, bekommt man gerade in heutigen Tagen oft das Gefühl, dass man irgendwie alles schon einmal gesehen hat. Gleiche Spielprinzipe und schier endlos fortgesetzte Serien lassen einen manchmal die Frage aufstellen, inwiefern neue kreative Ansätze in einer Zeit von marktwirtschaftlicher Durchstrukturierung und auf Focus-Gruppen zugeschnittene Produkte überhaupt noch möglich sind. Der Schrei nach Neuen, aus alten Formeln ausbrechenden Inhalten war in der Videospiellandschaft noch nie so groß wie heutzutage.

MURDER

Das von Sam Barlow entwickelte Spiel „Her Story“ schlägt genau in diese, von vielen Spielern geforderten Kerbe und zeigt wie man es sonst selten sieht, was Videospiele alles sein können. Und dabei arbeitet das Spiel mit extrem minimalistischen Mitteln. Ihr wisst nicht wer ihr seid, ihr wisst nicht um was es geht. Alles was ihr seht, ist die Desktoberfläche eines Windows-PCs aus dem Jahre 1995, auf dem das Video-Archivsystem eines Polizeireviers geöffnet wurde. Vier Verhör-Videos einer jungen Frau werden angezeigt, während in einem Suchfeld oberhalb der Filme dick und fett das Wort „MURDER“ prangt. Keine Bildschirmeinblendung die einem die Interaktionsmöglichkeiten erklärt, kein Missionsziel, das rechts oben im Bild blinkend die nächste zu bewältigende Aufgabe anzeigt. Also klicken wir uns durch die vier angezeigten Videos womit die Faszination von „Her Story“ ihren Anfang findet.

Was uns nun im zwei- bis vierstündigem Abenteuer erwartet, ist eine Geschichte, die vor allem eines macht: Dem Spieler vor dem Bildschirm mitdenken und -knobeln lassen. Der besagte Mordfall, von dem uns die Frau im Verhörraum anfänglich noch erzählt hat ist schon bald nur eines von vielen Puzzleteilen, die sich der Spieler nach für nach selbst erschließt, denn auch hier gilt: Das Spiel gibt keinerlei Hilfsmittel oder Stützen vor. Die Dame deren Videosequenzen im Stil der 90er Jahre Full-Motion-Video-Optik gedreht sind und die offenbar den Namen Hannah trägt, fängt almählich an ihre Sichtweise der Geschichte zu erzählen. Der Kniff dabei: Die Videoschnipsel sind nicht in der chronologischen Reihenfolge. Namen und Stichworte über die wir uns noch einmal genauer bei Hannah erkundigen wollen, können wir in das Suchfeld eingeben. Da der gesamte eingesprochene Text transkribiert wurde, müssen wir nur hoffen, dass die Befragte den Begriff unserer Wahl innerhalb eines der Videos erwähnt. Fällt beispielsweise der Name „Simon“, geben wir diesen geschwind ein und zack, bekommen wir eine Handvoll neuer Filme, die unser Sichtfeld auf das große Ganze Stück für Stück erweitert.

Was sich vor dem Bildschirm abspielt

Schnell wird der Spieler mit wichtig klingenden Informationen und Begriffen nur so zugeworfen, sodass er ohne viel nachzudenken das macht, was ein echter Detektiv in dieser Situation wahrscheinlich ebenfalls tun würde: Den nächstbesten Stift sowie Block schnappen und sich die verschiedensten Stichpunkte machen, zum Beispiel über die verschiedenen Charakteren, deren Beziehungen zueinander, oder auch Wörter, nach denen man das Archiv im Laufe des Spiels noch filtern möchtet. Der Fakt, dass dieser kleine aber feine Effekt ab irgendeinem Punkt bei so ziemlich jedem Spieler eintritt, macht „Her Story“ eigentlich schon fast alleine zu einem verdammten Kunstwerk von Spiel.

Je tiefer man in den dunklen Story-Abgrund, der sich einem nach und nach erschließt hinabsteigt, desto vielschichtiger wird das anfangs noch relativ simpel wirkende Mörderdrama, das dann schließlich nach circa zwei Stunden Spielzeit und einem abschließenden, phänomenalen Twist in die Credits überleitet und den Spieler, höchstwahrscheinlich immernoch grübelnd, zurücklässt.
„Her Story“ mag vielleicht eines dieser Spiele sein, die Kritiker gerne mal aufgrund ihrer mangelnden Interaktionsmöglichkeiten abweisend mit den Worten „mehr Film als Spiel“ bewerten. Vielleicht ist es das auch. Auf Wikipedia wird das Abenteuer zumindest als „Interaktiver Film“ bezeichnet. Abseits jeglicher Genreeinteilungen, ist „Her Story“ aber vor allem eins: Einzigartig. Was ihr hier für gerade einmal 6€ erleben könnt ist eine fantastisch geschrieben und geschauspielerte, nonlinieare Erzählung, die sich nicht wie gewohnt passiv abspielt, sondern die den Spieler dazu auffordert, seinen Kopf und sein logisches, didaktisches Denkvermögen zu benutzen, um sich dann, mit jeder neu entdeckten Videodatei ein Stück mehr wie ein waschechter Detektiv zu fühlen.

Chapeau, Mr. Barlow. Und danke, für dieses einzigartige, spielgewordene Stück Innovation.

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