Das Citizen Kane der Videospiele? Animal Crossing: New Horizons durch die Twitter-Brille

Ein Beben war vor kurzem im Land der Videospielenthusiasten zu vernehmen. Die konzentrischen Kreise, die der dafür verantwortliche, geradezu meteoritenartige Einschlag nach sich zog, waren noch bis in die tiefsten Regionen der spielenden Bevölkerung wahrzunehmen. Doch anders, als es so ein Donnerschlag jenseits jeglichen Ausmaßes sonst so an sich hat, brachte dieser nicht Verwüstung, sondern Harmonie, Glückseligkeit, Entspannung und… Irritation. Und zwar für jene, die wie ich nicht zum Kreis der Eingeweihten gehören, verdutzt am Rande stehen, und zu verstehen versuchen, was da eigentlich gerade vor sich geht.

Heilstätte in stürmischen Zeiten

Die Rede ist natürlich von Animal Crossing. New Horizons. Aber es könnten genauso gut die alten Horizonte sein, so geringfügig erstrecken sich die meinigen, wenn es um Nintendos knuffige Videospielreihe geht, die sich in Zeiten globaler Pandemien allmählich als wahre Heilstätte für die dauergestresste Seele entpuppt hat. Selten balancierte ein Spielerelease dermaßen riskant auf dem Drahtseil der höheren Gewalt, nur um dann mit Dreifachsalto und Pirouette sicher am anderen Ende anzukommen und sämtliche Lobhudeleien und Rekorde einzuheimsen. Ein Spielerelease, den ich selbst kaum auf dem Schirm hatte und bei dem ich nicht im Traum daran gedacht hätte, dass er das Internet in so kurzer Zeit so wirkungsvoll an sich reißen wird.

Als argloser Twitter-Nutzer fiel mir der schleichende Einfluss von New Horizons erst dann auf, als nach und nach die Eindrücke etlicher anderer Profile in meine Timeline eintrudelten und diese schleichend in Geiselhaft nahmen. Allerdings in eine der Marke Kuscheldecke, warmer Tee und Wohlfühlatmosphäre. Ein Schleier der Knuffigkeit umgarnte meinen Twitter-Feed, und nur langsam formte sich für mich ein verständliches Bild von all den Eindrücken, die schon bald maschinengewehrartig auf mich einprasselten. Doch ich bin an ihnen gereift. Dutzende Bilder und Videos über irreparable Nachbarschaftsverhältnisse und ausgebuddelte Dinosaurierknochen später, bin ich endlich an einem Punkt, an dem ich euch feierlich die wahrscheinlich allumfassendste und wahrheitsgetreuste Kritik zu Animal Crossing: New Horizons präsentieren kann. Es folgt: Eine Review durch die Twitter-Brille…

Vertrauen Sie mir, ich bin Experte

In Animal Crossing: New Horizons schlüpft ihr in die Rolle eines kleinen, selbstdesignten Figürchens, dessen Erscheinung irgendwo zwischen Funko Pop-Figur und Serienkiller einzuordnen ist. Mit dieser startet ihr in eurem kleinen Inselhaus, irgendwo im Nirgendwo. Niemand weiß mit Sicherheit, wie es zu dieser Ausgangslage kam. Vielleicht hat eure Spielfigur in einer dieser Auswandershows mitgemacht, oder ist wie in Lost mit einem Flugzeug abgestürzt und versucht nun, das Beste draus zu machen. Auf jeden Fall seid ihr nicht allein. Der hinterlistige Turbokapitalist Tim Cook Tom Nook nötigt euch dazu, allmählich die Schulden abzubezahlen, die ihr bei ihm habt. Mit seinen halbgeöffneten Triefaugen macht er dem Schmierenblick von Mafioso Don Corleone Konkurrenz, strahlt dabei aber vergleichsweise wenig familiäre Nächstenliebe aus.

Doch die aufgezwungene Schuldentilgung ist nicht der einzige Sinn im Leben eurer Spielfigur, im Gegenteil. Die Insel stellt euch eine weite Bandbreite an Aktivitäten zu Verfügung, deren Vervollständigungen nur darauf warten, medial geteilt zu werden. Außerdem bleibt Waschbär Nook nicht der einzige Mitbewohner, mit dem ihr aufregenden Smalltalk führen dürft. So gesellen sich auch schon bald andere ausgewanderte und flugzeugabgestürzte Seelen zu eurem trauten Inselheim. Als SpielerIn müsst ihr nun natürlich entscheiden, wen ihr davon doof findet und wen nicht. Die Devise: Premiumnachbarn werden vollgequatscht, der Rest ignoriert. Wer süß musizieren kann, bekommt zudem Bonuspunkte im internen Nachbarschaftsranking.

The Rübenpreis is too damn high

Wer keine Lust mehr auf seine eigenen Nachbarn hat, der kann sich zumindest temporär neue holen, indem er oder sie die Insel für Freunde und Bekannte öffnet. Die drei wesentlichen Kernspielmechaniken hierbei sind, sich mit Klumpatsch zu beschenken, sich gegenseitig neidisch machen und zusammen süß auszusehen. Außerdem spielt in diesem Fall auch noch der Rübenpreis eine große Rolle. HOLY SHIT DER RÜBENPREIS. Er ist immer entweder viel zu hoch oder erschreckend niedrig. Sinnbildlich stehend für globale Ölpreise und schwankende Dollarkurse ist es in der Welt von Animal Crossing scheinbar die Rübe, die die Welt regiert. Diese erkauft ihr euch natürlich mit Sternis (womit auch sonst). Aber Sternis sind eben keine Rüben, von daher können diese natürlich nur die zweite Geige in der komplexen Ökonomie von Animal Crossing spielen. Würde Marx heute leben, er hätte über den Wert der Rübe geschrieben, und wie sich Inselbewohner zunehmend von diesem entfremdet sehen.

Aber kommen wir doch noch mal auf Sternis zu sprechen. Es bleibt ein Rätsel, was sie sind und woher sie kommen, aber möglicherweise fallen sie gelegentlich auch vom Himmel. Passen würde es ja, denn eine weitere Lieblingsbeschäftigung eines jeden Animal Crossing-Fans ist es, verträumt in den Nachthimmel zu starren und auf die Ankunft seltener Sternschnuppen zu hoffen. Den Hans-guck-in-die-Luft verkörpert ihr allerdings auch Tagsüber, und zwar immer dann, wenn an Ballons befestigte Geschenke über eure Insel hinwegschweben und auf weiteren, bestmöglich im Luxussektor anzusiedelnden Kladderadatsch hoffen lassen. An diesem Punkt kann man bereits festhalten: Animal Crossing sollte eigentlich gar nicht „New Horizons“ als Untertitel tragen, sondern sich lieber als „Messie-Simulator 2020“ bezeichnen. All den Kram den ihr euch ertauscht, sammelt, findet oder kauft müsst ihr nämlich natürlich auch irgendwo hinpacken.

Also fangt ihr an, eure Bude so richtig aufzumotzen. Der Kreativität werden dabei keine Grenzen gesetzt. So bleibt euch stets die Wahl, ob ihr bei der Gestaltung eurer Innenausrichtung mehr die Serienkiller-Seite oder die der Staub setzenden Funko Figur eurer Spielfigur ausleben wollt (im Ernst, schaut euch doch einfach mal diese Augen an). Wer zudem keine Lust auf den Standardkram hat, der kann ganz einfach per Baukasten und Pinselwerkzeug seine individuelle Mode gestalten, eigene Möbel anfertigen, oder einfach nur seine Lieblingsmemes auf Leinwänden verewigen. Fashion Souls-Connaisseure schlagen zu, alle andere gestalten Probe.

Noch Fragen?

Was bleibt sonst noch zu sagen bei einem so phänomenal holistischen Spiel wie Animal Crossing: New Horizons? Vielleicht eine letzte Warnung: Trotz der knuffigen Optik solltet ihr stets auf der Hut sein – nicht nur vor Nooks Geldgier, sondern auch vor der tyrannischen Fauna, die sich euch brutalst in den Weg stellen wird. Krabbelspinnen und Wespenschwärme werden mit aller Kraft versuchen, das zu verteidigen, was ihr ihnen in eurem anthropozänen Wahn gewaltsam zu entreißen versucht. Zum Ende gibt es allerdings auch noch eine positive Nachricht zu verkünden: Die österliche Schreckensherrschaft in der Animal Crossing-Welt ist nun endlich vorbei: Kein abgefuckter Silent Hill 3-cosplayender Gruselhase mehr und auch keine nervigen Ostereier, die eure Insel noch mehr zumüllen, als ihr es selbst schon 24 Stunden am Tag mit eurem exponentiell wachsenden Berg an Interieur, Krimskrams und Modelinien schafft. Ganz ehrlich, bitte sucht euch deswegen Hilfe Leute. Das ist nicht normal.

 

Ach ja, und wer die interne Spielzeit vorstellt ist ja mal sowas von ************

 


Und hier zum Schluss noch ein Video, in dem der Persona 5-Soundtrack in Animal Crossing nachgespielt wird. Hat zwar wenig mit diesem Text zu tun, aber es ist nun mal der Persona 5-Soundtrack.

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