Mary and the Witch’s Flower (2017): Kritik – Mary Potter, Ghibli-Charme, Plot-Probleme und mehr

4. August, Mannheim im Rosengarten, irgendwann gegen Nachmittag. Die brütende Hitze, die sich auf dem Gelände Deutschlands größter Anime- und Mangaveranstaltung zu diesem Zeitpunkt, angetrieben durch die schwitzenden Körper hunderter Messebesucher und etlicher Cosplayer mittlerweile zu einem Spitzenwert hochgeschaukelt hat, durchdringt auch noch die letzten Luftreserven, während eine schier nicht enden wollende Schlange Neugieriger darauf wartet, in einem schlicht bestuhlten Raum den ersten Film des neuen Produktionsstudios Ponoc anschauen zu dürfen.

Studio Ponoc betritt die Bühne

Das japanische Animationsstudio Ponoc, gegründet vom ehemaligen Ghibli-Produzenten Yoshiaki Nishimura im Jahr 2015, entstand aus einer kurzzeitlichen Phase der Verunsicherung zwischen 2013 und 2014, in der viel über die Zukunft Ghiblis diskutiert wurde und Mitbegründer sowie Branchenveteran Hayao Miyazaki seinen Ausstieg ankündigte, welchen er jedoch im Februar 2017 wieder rückgängig machte. Mit dem Langfilm „Mary and the Witch’s Flower“, der unter der Regie von Hiromasa Yonebayashi entstand (The Secret World of Arrietty, When Marnie Was There), und der bereits im Juli letzten Jahres in Japan anlief, wagte das frisch gebackene Studio schließlich selbst den Sprung in den hart umkämpften Animationsmarkt. Doch kann das Erstlingsprojekt mit seinen geistigen Vorfahren mithalten, oder gelingt es vielleicht sogar, das Fundament für eine eigene, von Ghibli losgelöste Identität zu legen?

Der Film, der auf einer Geschichte der britischen Autorin Mary Steward basiert (The Little Broomstick), handelt von Mary Smith, einem kleinen, rothaarigen Mädchen, das aufs Land zu ihrer Großtante zieht. Gefangen in trister Langeweile versucht die leider ungeschickte Mary eben dieser zu entrinnen, indem sie sich im Haushalt nützlich macht, jedoch mit wenig Erfolg. Als sie, gefrustet von ihrer eigenen Schusseligkeit, schließlich auf den Kurierjungen Peter, dessen Kater Gib und Tib, sowie eine mysteriöse, im Wald verborgene Blume stößt, wird sie in Folge dessen in einen Strudel von Ereignissen geworfen, der sie zum einen an eine geheime Magieschule und zum anderen inmitten eines Jahre alten Konflikts entführt.

Eine Augenweide mit Plot-Problemen

Visuell muss sich „Mary and the Witch’s Flower“ auf keinen Fall hinter Ghibli verstecken, im Gegenteil. Die bekannten, handgezeichneten Hintergründe, die liebevoll gestalteten Figuren, die effektreiche, kreative Darstellung fremder, fiktiver Welten – all das agiert auf einem professionellem Niveau und lässt das Erstlingswerk von Ponoc als Vorzeigestück klassischer Anime-Produktionen erstrahlen. Die heimlichen Stars sind dabei sowohl die beiden Kater als auch Marys Flugbesen, die alleine durch ihre nonverbale Darstellung eine starke Personifizierung erfahren und dabei fast schon menschlichere Regungen zeigen, als die beiden Hauptfiguren. Womit wir leider schon an dem Teil der Kritik angekommen sind, an dem das Scheinwerferlicht auf all das geworfen werden muss, was mir an „Mary and the Witch’s Flower“ eher weniger gefallen hat.

© Studio Ponoc

Während die Filme Ghiblis meist unter dem Dogma laufen, Kinder genauso wie Erwachsene unterhalten und intellektuell fordern zu wollen, scheint „Mary and the Witch’s Flower“ viel eher auf ein deutlich jüngeres Zielpublikum zugeschnitten zu sein. Einiges wirkt simplifiziert, die Figuren bleiben größtenteils flach, und die Charakterentwicklung hält sich ebenfalls sehr im Rahmen. Die größte Kritik muss sich jedoch zum einen der Plot als Ganzes, als auch die ambivalente Weltgestaltung anhören. Leider verpasst diese das Potenzial, heimatliche Gefühle für seine fiktive Kulisse empfinden oder sich gar in sie fallen zu lassen.

Wir erleben mit Mary zusammen einen Schnelldurchlauf durch die Räumlichkeiten und Eigenheiten der stark an Harry Potter erinnernden Magie-Universität, der sich unsere Protagonistin anschließen soll, und verlassen die Tour genauso gehetzt wie Mary selbst. In Momenten wie diesen, stellt sich „Mary and the Witch’s Flower“ leider regelmäßig selbst ein Bein, indem sie die Gravität und Ausmaße ihres eigenen Szenarios beschränken und durch ihre Inszenierungstechniken eine permanente Distanz zwischen Zuschauer und fiktiver Welt aufrechterhalten. Selbst die nächtlichen Ausflüge in „When Marnie Was There“ wirken dabei auf ihre Art magischer, als der durch die Rennbahn gejagte Plot von „Mary and the Witch’s Flower“.

Der Zusammenschnitt, der uns bei der Einführung der magischen Welt präsentiert wird, ist zwar einwandfrei animiert und zeugt von kreativer Vielfalt, jedoch wird das hier aufgebaute Potenzial stets nur angerissen, nie völlig ausgereizt, und damit die Chance verpasst, eine Interaktion zwischen Welt und Figuren zu schaffen, wie es beispielsweise „Spirited Away“ mit Bravour gelingt.
Hinzu kommt, dass die männliche Hauptrolle in Form des Jungen Peter (wenn man hier überhaupt von „Haupt“ sprechen kann) profil- und eigenschaftslos daher kommt und dadurch jegliches Gefühl für Emotionalität zwischen unseren menschlichen Figuren bereits im Keim erstickt wird. Das Lob an die nichtmenschlichen Figuren kurz zuvor in diesem Text kam also nicht von irgendwoher, tatsächlich war es die Vermenschlichung der beiden Kater, die mich im Film noch am meisten berühren konnte.

© Studio Ponoc

Ghibli’sche Knuffigkeit, inhaltlich simpel

In Folge dessen und aufgrund des ständigen Gefühls von gehetztem Geschichtenerzählen, mangelt es dem Plot von „Mary and the Witch’s Flower“ vor allem an einem nachfühlbaren Spannungsbogen. Während sich die erste Hälfte des Films noch etwas mehr Zeit für Welt und Figuren zu lassen scheint, wirkt vor allem das hastig zu Ende gebrachte Finale weniger beeindruckend und berührend als erhofft.

Das zentrale Thema des Films, das Hinausgehen über die menschlichen Grenzen, das durch künstliche Hilfsmittel unterstützte Übersteigen der eigenen Leistungen, eine beinahe transhumanistische und an den Übermenschen erinnernde Vision, die von den Direktoren der Universität befürwortetes wird, ist zwar im Kern interessant, bleibt jedoch ebenfalls auf einer stark beschleunigten, simplifizierten und kindlichen Darstellungsebene. Wie an vielen Stellen in „Mary and the Witch’s Flower“ lassen sich hier vor allem die visuellen Aspekte hervorheben, während erzählerisch noch Luft nach oben ist und die finale Lösung, die der Film anbietet, erzählerisch einfach und emotional unterdurchschnittlich schlank ausfällt.

Trotz all der Kritikpunkte empfand ich den Filmbesuch von „Mary and the Witch’s Flower“ (abgesehen vom teils nervtötenden Messepublikum) nicht als vergeudete Zeit. Wer sich am unverkennbaren Stil ghibli-ähnlicher Filme nicht satt sehen kann und auf der Suche nach einem etwas seichteren, 103-minütigen Abenteuerfilm ist, kann hier durchaus seinen Spaß haben. Jedoch sollten die eigenen Erwartungen ein gesundes Mittelmaß nicht übersteigen, falls ihr in „Mary and the Witch’s Flower“ Hoffnungen für eine Animationsfilm-Offenbarung gesteckt habt (vor allem inhaltlicher und erzählerischer Natur), besteht die einigermaßen große Chance, enttäuscht zu werden. „Mary and the Witch’s Flower“ ist vor allem drei Dinge: Süß, simpel und überraschend schnell wieder vorbei. Hätte man von einem Erstlingswerk ehemaliger Ghibli-Veterane Größeres erwarten sollen? Vielleicht. Doch sollte man Ponoc nicht alleine aufgrund ihres bisher einzigen Werks richten, sondern im Gegenteil, gespannt abwarten, welche Lernpunkte das Team nun mit in ihre Nachfolgeprojekte nehmen wird. Die Zukunft des Studios, sowie der Entwicklungen im Bereich handgezeichneter Animations-Großprojekte wie „Mary and the Witch’s Flower“ bleibt also weiter spannend.

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